Zehn Führungen durch die Geschichte Tegels
– mit Meinhard Schröder

Veranstaltet von der Arge Geschichtsforum Tegel

Anlässlich der 700-Jahr-Feier Tegels soll mit den zehn Führungen durch die Geschichte unseres Ortsteils insbesondere neuen Einwohnerinnen und Einwohnern ein Einblick in ihre Wohnumgebung gegeben werden. Aber selbst Alteingesessene können oft noch viel Neues erfahren.

Dorf Tegel: Die Reihe beginnt mit der Gründung des Dorfes und erläutert, wie Tegel über Jahrhunderte von der Landwirtschaft geprägt war. Das schloss eine wechselvolle, oft verheerende Geschichte nicht aus, seien es drastische Erhöhungen von Abgaben und Dienstverpflichtungen, seien es Verheerungen durch Kriege. Erst die allmähliche Aufhebung der Feudalordnung in Preußen erleichterte die Lage der Bauern. Als sie schließlich Grund und Boden für Schießplatz, Wasserwerk, Strafanstalt, Gaswerk und Wohnbebauung verkaufen konnten, ging es steil aufwärts. Aber das war dann schon das Ende der Landwirtschaft und des Dorfes als Produktions- und Lebensgemeinschaft.

Fließ, Forst und Mühle: Von Beginn an bildete das Fließ die Grenze der Dorfgemarkung gegenüber der Gemeinde Heiligensee. Die Wassermühle gehörte wohl schon immer zum Dorf, während das Waldgebiet nordwestlich des Tegeler Sees als zu Heiligensee gehörig behandelt wurde. Erst mit der Ausgliederung eines Vorwerks, beziehungsweise kleinen Gutes bei der Mühle entstand ein neuer Akteur zwischen Heiligensee und Tegel, der zudem noch die Mühle erhielt – eine wichtige Einnahmequelle für das nicht mit Leibeigenen ausgestattete kleine Gut. Die Kurfürsten und später die Könige nutzten ihren Wald als Jagdrevier.

Der Schlossbezirk: Mit der Zuordnung der Mühle zum Gut Schlösschen Tegel etablierte sich auch ein gewisser Gegensatz des Gutes zum Dorf, der sich auch in wiederkehrenden Streits über Fischfangrechte und über Zahlungen des Schlosses für die Dorfschule zeigte. – Der Humboldtvater brachte das Gut wirtschaftlich voran; aber richtig aufwärts ging es im Schlossbezirk – ähnlich wie im Dorf – erst mit dem Verkauf von Grundstücken und der Bebauung von Parzellen mit Villen, sowie der Errichtung von großen luxuriösen Einrichtungen wie dem Restaurant Kaiserpavillon und dem KurhausTegel, beide nach zähen Auseinandersetzungen mit dem Bezirk um 1976 abgerissen.

Der Spuk in Tegel: Unter dem abergläubischen König Friedrich Wilhelm II. konnten ansonsten in die Defensive gedrängte aufgeklärte Menschen bei der Aufklärung des Spuks in Tegel einen wichtigen Punktsieg erringen. Allerdings gönnte Johann Wolfgang von Goethe seinem Erzfeind Friedrich Nicolai diesen Erfolg nicht und verfälschte das Geschehen in seinem Faust, in dem er Nicolai unter Bezug auf den Spuk in Tegel der Lächerlichkeit preisgab: „Wir sind so klug, und dennoch spukt`s in Tegel.“

Infrastruktur für Berlin: Schon früh lagerte Berlin seine flächenfressenden Infrastruktureinrichtungen ins Umland aus, zumal dort die Grundstückspreise niedrig waren, beginnend 1828 mit dem Schießplatz in der Jungfernheide, für den die Tegeler Bauern gegen Entschädigung auf Hüterechte verzichten mussten. Auch der Verkauf von Grund und Boden für ein städtisches Wasserwerk wurde für die Bauern ein gutes Geschäft. An der Fernstraße nach Hamburg und an der Kremmener Bahn verkehrsgünstig gelegen, errichtete Berlin hier die Königliche Strafanstalt. Für den Bau des damals größten Gaswerks des Kontinents erwies sich vor allem die Nähe zum Tegeler See als entscheidend: Auf dem Wasserwerk brachten Schiffe den Rohstoff Kohle heran.

Borsig kommt: Für Borsigs Ansiedlung waren beide Verkehrsverbindungen entscheidend, der Wasserweg und die Eisenbahn. Die Großindustrie brachte einen brachialen Strukturwandel nach Tegel. Die Borsigs stellten ein modernes Werk auf die „grüne Wiese“ und entwickelten es ständig weiter – nicht nur zum zeitweise weltweit zweitgrößten Lokomotivproduzenten. Der Erste Weltkrieg bescherte Borsig einen gewaltigen Boom, und selbst nach der Niederlage verdienten die Borsig noch an den Reparationen – bis sie ihr Werk finanziell in den Abgrund steuerten.

Ausflugsboom am Tegeler See: Schon früh zog es Betuchte in die Naturidylle am Tegeler See, in den Wald und zum Humboldt-Schloss. Ausflüge mit dem Dampfer bildeten dann die nächste Attraktion. Mit der Entwicklung der Verkehrsmittel (Pferdebahn, Straßenbahn) konnten sich auch die Ärmeren einen Ausflug „ins Jriene“, eine Landpartie leisten. Biergärten mit hunderten von Sitzplätzen, Ausflugsdampfer und Vergnügungslokale am See- und am Havelufer bedienten den Trend „Mit Kind und Kegel auf nach Tegel!“

Neu-Tegel und der Tile-Brügge-Weg: Mit der Expansion des Borsigwerks stieg der Bedarf an Wohnungen: Östlich der Bahngleise plante die Gemeinde ein ganz neues Stadtquartier. Als erstes Gebäude errichtete sie mitten in Kornfeldern das Gymnasium, eine Bildungsburg. Aber richtig bebaut wurde Neu-Tegel hier erst in der Weimarer Republik – mit Wohnungen als Alternative zur Mietskaserne in den Innenstadtbezirken: drei- bis viergeschossig mit Licht, Luft und Sonne. Im Tile-Brügge-Weg zeigen solide Häuser in Blockbauweise, aber mit großen Innenhöfen, dass es schon in der Kaiserzeit gute Wohnarchitektur gab. In Nr. 97 fand das letzte Treffen der Widerstandsgruppe Mannhart statt.

Die Baugenossenschaft Freie Scholle: Als Bau-, Produktions- und Konsumgenossenschaft geplant, vergaß die Freie Scholle nie, Wohnraum für Ärmere zu schaffen, selbst wenn es nicht die ganz Armen waren. Häuser aus fünf Bauepochen machen den äußeren Reiz der Siedlung aus, der innere drückt sich in einem besonderen Zusammenhalt der BewohnerInnen bis heute aus, der sich auch im Widerstand gegen den Nationalsozialismus zeigte.

Die IBA-Häuser am Tegeler Hafen: Trotz U-Bahn-Anschluss 1958 verlor Tegel zu Mauerzeiten mit dem Niedergang Borsigs und der Schließung seines Hafens seine Funktion als wichtiges Zentrum im Nordwesten Berlins. Um so wichtiger war die Umgestaltung des Hafengeländes im Zuge der Internationalen Bauausstellung 1985/87 mit postmodernen Bauten; Stararchitekten durften sich austoben und schlugen ein Kultur- und Freizeitzentrum vor, das Tegel zum Zentrum des Bezirks gemacht hätte. Verwirklicht wurde allerdings nur die traumhafte Humboldt-Bibliothek.

Termine und Treffpunkte:

24.04.: Am Ursprung: Der alte Dorfkern – Treff: Alt-Tegel, hinter der Kirche

08.05.: Fließ, Forst und Mühle – Treff: Eingang zum Medical Park, An der Mühle 2

22.05.: Der Schlossbezirk: Gegenpol zum Dorf – Treff: Gabrielenstr./Zufahrt zum Schloss

05.06.: Ein berühmter Spuk – Von Tegel in den „Faust“ – Treff: Alt-Tegel 43, Seniorenfreizeitstätte

19.06.: Schießplatz, Wasserwerk, Gaswerk, Gefängnis – Infrastruktur für Berlin – Treff: Bernauer Str./Seidelstr.

03.07.: Borsig kommt! Die Reste des Werks – Treff: U-Bahnhof Borsigwerke, am Borsigtor

14.08.: Ausflugsboom am Tegeler See – Treff: Wilkestr. 1-5, Hafenbar

28.08.: Neu-Tegel und der Tile-Brügge-Weg – Treff: Eschachstraße/Tile-Brügge-Weg, Humboldt-Gymnasium

02.10.: Eine frühe Genossenschaft: Die Freie Scholle/Gast: J. Hochschild – Treff: Waidmannsluster Damm 77, Landhaus Tomasa

16.10.: Postmoderne in Tegel – Die IBA 1984-87 – Treff: Humboldt-Bibliothek, Karolinenstr. 19

Jeweils Sonntag, 14 Uhr – Eintritt frei – Info: 437 45 207

Detaillierte Informationen: Hier klicken

QR-Code zur Humboldt-Parcours-App | Copyright: BA Reinickendorf

Humboldt-Parcours in Tegel – Ein Ausflug in Reinickendorf!

Aktuell sind die Möglichkeiten zu einer abwechslungsreichen Freizeitgestaltung aufgrund der Pandemie noch eingeschränkt. Ein Spaziergang auf dem Humboldt-Parcours bietet hier eine interessante Möglichkeit, den Bezirk Reinickendorf neu zu entdecken.

Vielen ist sicher bekannt, dass die Humboldt-Brüder in Tegel aufgewachsen sind und den ersten Lebensabschnitt hier im Schloss Tegel verbracht haben. Um ihre Nordberliner Spuren vor Ort erfahrbar zu machen, wurde als Projekt des Tourismusvereins Berlin-Reinickendorf e.V. der Humboldt-Parcours entwickelt.

„Der Humboldt-Parcours bietet interessierten Reinickendorferinnen und Reinickendorfern sowie Gästen einen erlebnisreichen Ausflug voller Bezirksgeschichte. Die Humboldt-App führt sie vorbei an den Stationen des Lebens der Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt in Tegel und bietet dabei spannende und unterhaltsame Informationen zu den einzelnen Punkten im Leben dieser Persönlichkeiten,“ so Uwe Brockhausen (SPD), Bezirksstadtrat für Wirtschaft, Gesundheit, Integration und Soziales.

Der Parcours wurde als Rundweg mit acht Stationen konzipiert und beginnet bei der zurzeit pandemiebedingt leider geschlossenen Touristinfo in Alt-Tegel (Fußgängerzone Alt-Tegel Ecke Treskowstraße). Die App „Humboldt-Parcours“ ist im Apple App Store und bei Google Play verfügbar (https://humboldt.deutsche-stadtmarketing.de/) und kann auch als Sprachversion genutzt werden.

Als besonderes Highlight, insbesondere für Kinder und Jugendliche, wurde zusätzlich die Schüler-App „Humboldt-Rallye“ entwickelt. Die Gäste werden mit vielseitigen Rätseln und Aufgaben unterhaltsam über den Humboldt-Parcours geführt.

Quelle: Bezirksamt Reinickendorf

TEGEL – Geschichte eines Reinickendorfer Ortsteils
Band 1 + Band 2

Beide Bücher kosten im Paket (Band 1 und 2) zusammen 30.- €

Erhältlich in der
Goldschmiede Denner
Brunowstraße 51
Tel. 030 – 4335011

K. Schlickeisers neues Tegel-Buch

Besprechung

Es ist ein großes Verdienst des Förderkreises für Bildung, Kultur und internationale Beziehungen Reinickendorf e. V., für die Chronik des Bezirks Reinickendorf auf der Ebene der Ortsteile zu sorgen. Nun liegt ein entsprechender Band auch für Tegel vor – großformatig und schwergewichtig, vor allem aber wie immer umfangreich, materialreich und akribisch recherchiert von Klaus Schlickeiser. Wer sich mit Tegels Geschichte intensiver beschäftigen möchte, wird in Zukunft auf dieses Buch zurückgreifen können, ja müssen.

Den letzten Versuch gleichen Anspruchs vollendete August Wietholz vor knapp 100 Jahren mit seinem Werk „Geschichte des Dorfes und Schlosses Tegel“. Auch Klaus Schlickeiser stützt sich auf diese Vorarbeit von August Wietholz. Die mittelalterlichen Quellen musste er nicht noch einmal abdrucken. Und auf die deutschnationale Hetze des August Wietholz können wir heute getrost verzichten. Vor 14 Jahren hatte Klaus Schlickeiser seine „Spaziergänge in Tegel“ veröffentlicht. Sie waren für alle unentbehrlich, die sich historisch in Tegel orientieren wollten.

Band 1

Die größte Stärke des neuen Tegel-Buches ist die Materialfülle, was einzelne Viertel, Straßen und Häuser angeht. Wer macht sich schon die Mühe, Bauakten, Grundbücher und Archive zu durchstöbern und systematisch auszuwerten?

Klaus Schlickeiser hat auch das vorhandene Material zu den bislang gemiedenen Themen Arbeiterbewegung, jüdisches Leben und Verfolgung von Juden, Nationalsozialismus und Widerstand, sowie die Rolle der nationalsozialistischen Deutschen Christen in Tegel zusammengetragen. Allein der Zeit des Nationalsozialismus hat er 25 von 83 Seiten des geschichtlichen Überblicks gewidmet, der unmittelbaren Nachkriegszeit noch einmal 13 Seiten.

Den Kern des Buches bildet das erste Kapitel „Die Vergangenheit Tegels im Überblick“, das leider im Jahr 1948 endet. Jedoch sind den großen Zeitabschnitten und der neueren Zeit kurze Abschnitte angefügt, die summarisch einzelne wichtige Ereignisse ergänzen.

Es folgen die Darstellung der drei ältesten Straßen Tegels – ein wichtiger Beitrag für das Verständnis der Entwicklung Tegels vom Dorf zur Vorortgemeinde Berlins – und die Darstellung der verschiedenen Teile Tegels, darunter Tegel-Süd, Neu-Tegel und der Bereich südlich des alten Dorfkerns. Hier kann Klaus Schlickeiser seine Stärke voll ausspielen: die genaue Kenntnis der Architekten einzelner Gebäude, der Eigentümer in ihrer Abfolge und der baulichen Veränderungen über Jahrzehnte hinweg.

Die nächsten Kapitel lehnen sich in ihrer Gliederung an August Wietholz an: Gut und Schloss Tegel, Kirchen, Schulen, Verwaltungseinrichtungen und Soziales. Auch hier ist vieles zu finden, was bislang kaum bekannt oder verfügbar war.

Band 2

Der zweite Band trägt noch stärker den Charakter eines unentbehrlichen Nachschlagewerkes, einer detaillierten Materialsammlung zu den Themen wie öffentliche Infrastruktur, Gewässer, Wälder, Grünflächen, Gewerbe samt Industrie und Einzelhandel, Dienstleistungen, Gaststätten, Denkmäler, Vereinswesen, Verkehr, Veranstaltungen und schließlich Persönlichkeiten in Tegel. Mitglieder der „Narrengilde Berlin e. V.“ und des „Deutschen Amateur-Radio-Club e. V.“ werden sich freuen, dass ihre Vereine Erwähnung finden – wie viele andere.

Immer wieder stößt man bei der Lektüre auf Begriffe wie „einstige Schule“ oder „ehemalige Straße“. Klaus Schlickeiser hebt heute nicht mehr sichtbare Orte und Gebäude ins Bewusstsein; so vervollständigt er das Bild vergangener Zeiten in Tegel. Wer weiß denn noch, wo früher der Packereigraben floss, der Königsweg seinen weiteren Verlauf nahm oder Dr. Emil Jacobsen, genannt Dr. Havelmüller oder Hunold Müller von der Havel, sein erstes Sommerhaus in Tegel errichtet hatte? Klaus Schlickeiser markiert auf einer alten Karte deren Standort. Auch die oft komplizierte Änderung von Wegführungen zeichnet er anschaulich nach, zum Beispiel bei den heutigen Straßen Karolinenstraße, Waidmannsluster Damm, Wilhelm-Blume-Allee, Schlossstraße.

Fast 1.000 Abbildungen

Verdient gemacht haben sich Autor und Herausgeber auch durch die sorgfältige Auswahl der fast 1.000 Abbildungen: Diese verleihen dem Werk auch dort Anschaulichkeit, wo es sich ein wenig spröde oder trocken liest. Besonders die zahlreichen Fotos im Krieg zerbombter Häuser beeindrucken. Sie stammen überwiegend von Otto Bitter (1893-1975). Klaus Schlickeiser erhielt sie ohne konkrete Angaben; er konnte zu fast allen Bitter-Fotos Straße und Hausnummer ermitteln.

Man mag es für einen Nachteil halten, wenn ein so wichtiges Buch ohne Internet-Recherche entstanden ist (siehe Literaturverzeichnis). Umso mehr lässt das Ergebnis Leserinnen und Leser staunen.

Für die zweite Auflage wäre ein Stichwortverzeichnis wünschenswert, da es die Arbeit mit dem Werk erleichtert.

Klaus Schlickeiser hat sich mit seinem enzyklopädischen Wissen und seinen Büchern nun auch in die Geschichte Tegels eingeschrieben.

Klaus Schlickeiser: Tegel – Geschichte von den Anfängen bis ins 21. Jahrhundert, Band 1 und 2. Hg.: Förderkreis für Bildung, Kultur und internationale Beziehungen Reinickendorf e. V., Berlin 2019 – ISBN 978-3-927611-40-5. Preis: 30,00 Euro. Format DIN A 4, 307 bzw. 338 Seiten. Erhältlich im Buchhandel und in der Goldschmiede Denner.

Autor: Meinhard Schröder