100 Jahre Tegeler Sechserbrücke und Hafen

Sechserbrücke
Es war schon erstaunlich, wieviel Menschen – nicht nur aus Tegel – am 1.11.2008 den Weg zur Sechserbrücke und zum Hafen fanden, um sich die Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen der Brücke und des Hafens nicht entgehen zu lassen.  Pausenlos bewegten sich auf der Brücke wieder alte Drehkreuze zur Erhebung von „Brückengeld“. Kein Besucher murrte darüber, denn schließlich gab es für den Obolus eine nachgedruckte alte Quittung, und der Erlös dient einem guten Zweck. Am Hafen waren eine Festbühne und viele Marktstände aufgebaut. Im Hafenbecken bildeten zahlreiche historische und moderne Boote einen Korso. Bei Einbruch der Dunkelheit spiegelten die mit Lampions geschmückten Boote herrlich im Wasser. Das Fest endete mit einem kleinen Feuerwerk.

Doch halt! Leider ist die Schilderung ein Scherz, der eigentlich nur am 1. April zulässig ist. Nur an diesem Tag hätte eine „Zeitungsente“ im Tegeler Hafenbecken schwimmen dürfen. Es wurde nicht gefeiert, als am 31.10. die Tegeler Hafenbrücke, wohl überwiegend nur als Sechserbrücke bekannt, und der Hafen auf ihr 100-jähriges Bestehen zurückblicken konnten. Aus diesem Grund soll mit Hilfe eines Artikels an das Jubiläum erinnert werden, wobei der Verfasser dieser Zeilen nun bemüht ist, sich an die bekannten historischen Gegebenheiten zu halten.
Zunächst ein kleiner Rückblick in die stürmische Entwicklung, die die Gemeinde Tegel im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert nahm. So erhielt der Ort 1874 ein erstes Amtshaus, eine Pferdestraßenbahn und ein Telefonnetz wurden eingerichtet (1881), eine Krankenkasse gegründet (1884), eine Eisenbahnlinie nach Kremmen (1893) und ein eigenes Gaswerk (1896) eingeweiht. 1898 folgte die Errichtung eines Gemeinde-Wasser- und -Klärwerks. Die Einwohnerzahl verdoppelte sich fast innerhalb von 5 Jahren von 7487 im Okt. 1901 auf 14432.
Da verwunderte es nicht, dass Tegels Gemeindevertreter unter ihrem Bürgermeister Weigert in einer vertraulichen Sitzung am 31.5.1907 beschlossen, zwischen Schloßstr. und Tegeler See einen Gemeindehafen anzulegen. Auf dem bisherigen Wiesengebiet sollten künftig Schiffe mit 600 Tonnen Ladung anlegen können. Bisher stand (seit 1886) nur ein zwischen Eiswerkkanal und Mühlenfließ-Mündung gelegenes Bohlwerk (auch Bollwerk genannt) zur Verfügung. Kreisbaurat Mirau hatte für das Projekt einen Kostenanschlag erstellt, der für die Gemeinde Tegel Ausgaben von 550 000 Mark für den Hafen vorsah. Hinzu kamen aber noch 1,5 Mio. Mark für Arealerwerb und den Bau einer Industriebahn. Zur Planung gehörte auch eine Geradelegung des Fließes in einer Länge von 160 m.

Am 2.7.1907 beschlossen die Gemeindevertreter noch einen zusätzlichen Arealerwerb von der Schloßstr. bis zur Wittenauer Gemeindegrenze. Hierbei war an eine Möglichkeit für einen weiterführenden schiffbaren Kanal bis nach Wittenau gedacht, aber auch an weitere Bebauungen. Später entstand hier zwar nie der gedachte Kanal (nur der Nordgraben), wohl aber z. B. die Humboldt-Oberrealschule. Die Erwerbssumme für das Areal lag bei 3 Mio. Mark, die Quadratrute damit bei 88 Mark.

Der Tegeler Hafen entstand recht zügig, wobei viele Arbeiter mit ihren Schippen Erdreich in  Kipploren füllten, die von kleinen Dampflokomotiven auf einem Schienengewirr mit Weichen gezogen wurden. Zusätzlich waren an Land und auch auf Schiffen Bagger eingesetzt. Dampframmen vervollständigten den Technikeinsatz. Frachtkähne mit frisch gewaschenen Wäschestücken auf der Leine zeigten, dass in der Bauphase hier auch ganze Familien lebten. Der Hafen, den es noch näher zu beschreiben gilt, konnte am 31.10.1908 feierlich eingeweiht werden.
Zeitgleich mit dem Hafenbau wurde eine Hafenbrücke errichtet. Sie sollte die bisherige Möglichkeit der Überquerung des Fließes durch Übersetzung in einem kleinen Boot und zuletzt durch Nutzung einer kleinen hölzernen Brücke ersetzen. Boots- und später auch Holzbrückennutzung haben bereits 5 Pf. (also einen Sechser) gekostet . Kiesslings Wanderbuch für die Mark Brandenburg aus dem Jahre 1903 schrieb zwar: Überfahrt nach dem Schlosspark beim Strandschloß 10 Pf. Die Betragsangabe war aber sicher ein Irrtum.
Wie es heißt, soll damit Paul Siebert, Fischermeister aus Tegel, einen Nebenerwerb betrieben haben. An anderer Stelle wird erwähnt, dass durch die Benutzung der alten Sechserbrücke die Bodengesellschaft am Tegeler Hafen Jahreseinnahmen von 15 000 Mark verzeichnen konnte. Vielleicht war ja auch Siebert bei der Gesellschaft angestellt.
Über die Bauausführung der neuen Brücke, nun die Hafeneinfahrt und das Fließ überspannend, ist wenig bekannt. Ein Blick in die Denkmalliste Berlin sagt aus:
„Tegeler Hafen, Hafenbrücke, Fußgängerbrücke, 1908-09 von Steffens & Nölle, Brückenkopf-Torbauten, 1921, von Hornig.“ Die Kosten für den Bau der Brücke und den laufenden Betrieb derselben teilten sich die Gemeinde und die Gutsverwaltung Schloß Tegel in einem neu gegründeten Brückenverband. Die zunächst veranschlagten Baukosten von 100 000 Mark wurden nach Fertigstellung um einige zehntausend Mark überschritten.

Mit der gleichzeitigen Hafen- und Brückeneinweihung am 31.10.1908 wurde die zuletzt (wieder) mit einem Boot betriebene Übersetzung über das Fließ eingestellt. „Für den Übergang über die Brücke wird eine Gebühr von 6 Pfennigen erhoben“, schrieb noch im Okt. 1908 eine Berliner Tageszeitung. Tatsächlich waren 5 Pf. zu zahlen oder, wie der Berliner sagt, ein Sechser. Dies ist überliefert aus jener Zeit, als der Groschen noch 12 Pf. hatte. Bei Beginn der Brückengelderhebung waren die Brückenkopf-Torbauten noch nicht fertig. Wohl fast alle Nutzer der Brücke zahlten das Geld ganz gern, weil damit ein großer Umweg erspart blieb. Gelegentlich wurde aus Schabernack auch ein 50 Mark-Schein vorgelegt. Für den Einnehmer war dies aber kaum ein Problem, kamen doch gerade an Sonntagen viele Silber- und Goldmünzen zusammen, die sich bei einem Verkauf von bis zu 28 000 Karten auf Einnahmen von 1400 Mark summierten. Jährlich verblieben der Gemeinde und der Schlossverwaltung Überschüsse von etwa 7000 Mark.

Wo viel Geld eingenommen wurde, war auch die Versuchung zu einem gewaltsamen Griff in die Kasse nicht immer fern. Doch die Brückengeldeinnehmer waren mit Schlag- und sogar Schusswaffen ausgestattet. Bei Radaugruppen verschaffte sich der herbeigerufene „lange Hielscher“, ein in Tegel bekannter Gendarm, schnell Respekt. Als auf der anderen Brückenseite die Wasserschutzpolizei eine Wache einrichtete, hörten die Belästigungen ganz auf. Das Brückengeld musste rund um die Uhr, also auch nachts entrichtet werden, bis Bürgermeister Stritte kurz vor dem ersten Weltkrieg 1914 den Nachtdienst der Einnehmer abschaffte. Die nächtlichen Einnahmen waren ohnehin gering. Übrigens gab es für die Nutzung der Brücke auch Jahreskarten. Leider ist weder auf der Vorder- noch auf der Rückseite dieser Karten aufgedruckt, was sie kosteten. Durch die beginnende Inflation wurde die Brückengeldeinnahme im Februar 1922 eingestellt. Einer der Brückengeldeinnehmer war in der Zeitspanne 1912-1922 der Tegeler Gemeindeangestellte Carl Neumann, dem wir anlässlich seines 80. Geburtstages Angaben in der Nord-Berliner Tagespost v. Febr. 1939 verdanken.

Blicken wir nun wieder zum Hafen. Bei seiner Einweihung hatte er eine Länge von 560 m, war an der Einfahrt 38 m und am Ende 62 m breit. Durch 2,70 m Wassertiefe konnte er von 600 t-Kähnen befahren werden. Die gesamte Hafenanlage betrug 8,3 ha, die Wasserfläche 2,8 ha und die Landfläche 5,5 ha. Die Kailänge lag bei 1100 lfd. m. Bis zu 16 große Kähne konnten einreihig anlegen. Im Winter war er Quartier für etwa 30 große Kähne. Die Nordseite des Hafens war zur Nutzung durch den Kreis Niederbarnim vorgesehen, die Südseite für die Gemeinde Tegel. Vier fahrbare elektrische, mit Greifern versehene Vollportalkräne dienten dem Be- und Entladen von Gütern. Während drei Kräne 5 t Tragfähigkeit hatten, lag diese beim vierten Kran bei 2 t. Sie hatten volle Arbeit zu leisten, als im April 1911 42 000 t Ladung von 162 Schiffen zu löschen war.

Hafenmeister Böhm hatte 1914 ein Jahreseinkommen von 2487 Mark. Im gleichen Jahr erwartete die Gemeinde vom Brückenverband 7950 Mark Gewinnanteil und an Kran- und Lagergeld je 3000 Mark Einnahmen, während der Haushaltsplan für den Bau eines Hafen-Verwaltungsgebäudes Ausgaben von 125 000 Mark vorsah.

Mit dem Hafen- und Brückenprojekt war der Bau einer Industriebahn Tegel-Friedrichsfelde (Magerviehhof) verknüpft. Bereits am 4.5.1906 hatten Tegels Gemeindevertreter einstimmig beschlossen, den Plan der Kreisverwaltung durch unentgeltliche Landhergabe zu unterstützen. Am 12.9.1906 wurde für den Bau und Betrieb der nebenbahnähnlichen Kleinbahn eine Genehmigungsurkunde erteilt. Im Frühjahr 1907 begann der Bau der Bahnlinie. Schon am 16.12.1907 konnte die Teilstrecke Friedrichsfelde-Blankenburg eröffnet werden. Die restliche Strecke bis nach Tegel war am 24.10.1908 fertig und zusammen mit dem Hafen und der Brücke am 31.10. unter Teilnahme vieler Prominenz eingeweiht worden. Der Hafen hatte auf seinem Gelände auch 2 Lokomotivenschuppen für 1 bzw. 3 Dampfloks sowie eine 18 m lange Gleiswaage, die nicht für Fuhrwerke nutzbar war. Die Hafengleise wurden während des ersten Weltkrieges auch durch Lazarettzüge genutzt, die Verwundete zu den Hilfslazaretts am Tegeler See brachten. Hierbei handelte es sich um die einstigen großen Ausflugslokale.
Am 1.7.1925 ging die Industriebahn in das Eigentum der Niederbarnimer Eisenbahn AG über.

1936 erfolgte für zwei Monate eine Sperrung der Sechserbrücke. Störende Schranken, noch aus der Zeit der Brückengelderhebung stammend, wurden entfernt. Während dieser Arbeiten war ein Fährverkehr eingerichtet. Durch den Zweiten Weltkrieg blieb die Brücke nicht vor Schäden bewahrt. Unter anderem  mussten der Bohlenbelag und der nördliche Treppenbereich erneuert werden.
Der Hafenbetrieb endete 1970. 1981 wurde der Tegeler Hafen mit dem Hafen der Humboldt-Mühle durch einen Stichkanal verbunden. Der 165 m lange, 14 m breite und 3 m tiefe Kanal kostete 2,4 Mio. DM. Nun mussten die der Mühle Getreide anliefernden Kähnen nicht mehr das Fließ benutzen.

1985 war Baubeginn für das „Projekt Tegeler Hafen“, ein Demonstrationsschwerpunkt der Internationalen Bauausstellung (IBA) 1987. Es würde zu weit führen, hier auf das Projekt näher einzugehen. In diesem Zusammenhang sei nur erwähnt, dass durch ein fast 11 000 m2 großes und 60 cm tiefes Flachwasserbecken der Bereich des Tegeler Hafens erweitert wurde. Eine Flutung des Beckens (Baukosten rund 21 Mio. DM), fand am 1.6.1987 statt.

Über die Sechserbrücke bleibt abschließend zu berichtet, dass sie 1988 für 1,2 Mio. DM umfassend saniert wurde. Die alten Bohlen wurden durch 8 cm starke Kiefernbohlen erneuert, die gesamte Eisenkonstruktion wurde durch Sandstrahl gereinigt und anschließend mit einem roten Farbanstrich versehen. In den genannten Kosten waren auch die für die Fähre „Odin 2“ enthalten, die vom Mai-Oktober als Ersatz für die gesperrte Brücke diente.
Gerhard Völzmann
Mitglied des Förderkreises für Bildung, Kultur
und internationale Beziehungen Reinickendorf e.V.

Drucken

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.