Alexander von Humboldts kurioser Buchkauf

Alexander von Humboldt

Die kleine Episode aus dem Leben Alexander von Humboldts (1769-1859), über die hier zu berichten ist, wurde bereits vor fast 140 Jahren mit dem Hinweis auf Informationen „von höchst glaubwürdiger Seite“ aufgeschrieben. Alexander von Humboldt wurde bekanntlich am 14.9.1769 in der Berliner Jägerstraße 22 geboren. Von 1842 bis zu seinem Tode wohnte der Freiherr, Königliche Kammerherr, wirkliche Geheime Rath, Mitglied des Staatsraths und der Academie der Wissenschaften (so der Eintrag im Adressbuch) in den Wintermonaten in der Oranienburger Straße 67 (im Sommer weilte er zumeist in Tegel). An einem rauen Oktober-Nachmittag in den 1840-er Jahren war von Humboldt, vom Spittelmarkt in Berlins Mitte kommend, auf dem Nachhauseweg. Am Mühlendamm passierte er „das Reich der alten Kleider“. Hier gab es viele Trödler und Kleiderhändler, die geschäftstüchtig Passanten ansprachen, so auch vielleicht wegen seines unscheinbaren Äußeren Alexander von Humboldt. „Papachen, wie steht´s mit ´nem Winterrock?“ – „Kommen sie rein! Det reene Eisentuch“, rief ein anderer. „Ein schöner mottenfreier Pelz, erst einen Winter getragen, passt wie angegossen“, versuchte ein dritter Händler den alten Mann zu überzeugen. Ein weiterer Geschäftsmann, besonders eifrig, hielt von Humboldt am Rock fest. Beredt wollte er ihm eine grüne Samtweste verkaufen. Der so Angesprochene schüttelte den Kopf und wollte eigentlich weitergehen. Doch da fiel sein Blick auf einen Kramstapel im Schaufenster. Zuunterst lagen zwei lange, mit Perlmutt ausgelegte Reiterpistolen, die sich bei näherer Betrachtung als altertümlich und kunstvoll herausstellten. Von Humboldt wollte sie für seine Waffensammlung erwerben und fragte nach dem Preis. „Was werden sie geben für diese schönen Pistölchen?“, so die Gegenfrage des Händlers. „Sagen wir 10 Thaler.“ Der Trödler überlegte. „Will ich mal ausnahmsweise nichts dran verdienen. Neun Thaler haben sie mir selbst gekostet; Reparaturkosten und Zinsen dazu gerechnet, macht´s gerade zehn Thaler.“ Man war sich einig. Von Humboldt legte zwei Friedrichsdor1 auf den Ladentisch, erhielt noch Restgeld und die inzwischen in Papier eingewickelten Pistolen und verließ den Laden. Über die Spandauer Straße und den Hackeschen Markt ging er nun in Richtung Oranienburger Straße.

Unterwegs fiel sein Blick zufällig auf das zum „Emballieren“ verwendete Papier. Er machte dabei eine interessante Entdeckung. Es war ein Blatt aus einem alten „Kräuterbuch“. Diese wurden in Form von großen Folianten von Ärzten und Naturforschern im Mittelalter herausgegeben. Solche „Kräuterbücher“ hatten insofern einen großen Wert, als sie über den damaligen Stand der botanischen Wissenschaft hinsichtlich Anwendung der Pflanzen im Haushalt der Menschen, in der Technik, Medizin usw. Aussagen vermittelten. Für den Naturforscher und Gelehrten stand es fest, ein solches Buch vor dem Untergang zu bewahren. Eiligst kehrte von Humboldt um. Doch am Mühlendamm sah ein Laden wie der andere aus. Wie sollte er nur den richtigen wieder ausfindig machen? Stets war ein „Nein“ die Antwort, wenn von Humboldt fragte, ob er dort die Pistolen gekauft hatte. Eigentlich war das auch zu erwarten. Man hielt ihn für einen beim Kauf Reingefallenen, der den Erwerb wieder rückgängig machen wollte. Schon aus „Korpsgeist“ heraus wollte kein Trödler einen zutreffenden Namen nennen. Schließlich kam der Naturforscher auf eine listige Lösung, indem er zu den zunächst Umstehenden sagte: „Schade, daß ich den Mann nicht finden kann, ich wollte ihm nur einen Thaler zurückbringen, den ich vorhin zuviel herausbekommen habe.“ – „Kommen Se ´rein, hier bei mir haben Se gekauft,“ erscholl es nun von allen Seiten. Aus allen Läden stürzten Händler heraus, vielleicht zwanzig Hände zerrten an seinem Rock, ein Höllenlärm entstand. Von Humboldt sah sich in Bedrängnis und hob die beiden zuvor gekauften Pistolen drohend in die Luft. Das half; im Nu stob die Trödler-Schar auseinander. Nur einer blieb stehen, lächelte und meinte: „Sind se doch nicht geladen, Papachen! Stecken Se doch die Donnerbüchsen in und geben Se mir meinen Thaler!“ Damit war also der richtige Verkäufer gefunden.

Zusammen gingen sie in das dunkle Gewölbe des Händlers. Hier verlangte von Humboldt das Buch zu sehen, aus dem das Blatt als Packpapier herausgerissen wurde. Bei näherer Betrachtung war dies ein in Schweinsleder gebundenen Foliant, dem am Ende nur wenige Blätter fehlten. Der Trödler hatte das Buch mit anderem Kram zusammen auf einer Auktion gekauft. Es gehörte zu den seltensten seiner Art. Nach dem Preis für das Werk gefragt, überlegte der Händler lange. Dann nahm er eine Hose mit eingesetztem Boden aus dem Regal und antwortete: „Geben sie mir vier Thaler und die schöne Hose kriegen sie mit dazu. Mit der können sie noch Sonntags Staat machen!“ Das Geschäft kam so zustande, allerdings verzichtete der Gelehrte auf die Zugabe.

Wenn Alexander von Humboldt später im Freundeskreis seine Büchersammlung zeigte, dann erwähnte er stets den kuriosen Buchkauf und schloss mit den Worten: „Am meisten hat mich die Bemerkung amüsiert: Mit der können Sie noch Sonntags Staat machen.“

Gerhard Völzmann

1 Preuß. Goldmünze; ein Friedrichsdor = 5 Taler.

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