Alexander von Humboldts Plan von einer Zuckerrohr-Plantage in Tegel

Wer sich in der Geschichte des Tegeler Gutes ein wenig auskennt, der wird bei der Erwähnung einer Plantage stets an die dortige Maulbeerbaumzucht denken. Die einstige königliche Domäne „Schlößchen und kleines Vorwerk Tegel“ ging am 23.1.1752 durch Erbpachtverschreibung an den Kammerdiener des Prinzen Ferdinand, Christian Ludwig Möhring über mit der ausdrücklichen Verpflichtung, 10.000 Maulbeerbäume anzupflanzen und die Plantagen natürlich auch zu unterhalten. Die Blätter dieser Bäume dienten den Seidenraupen als Futter, während aus deren Kokons Seidenfäden und nachfolgend Seidenstoffe gewonnen wurden. Schlechter Boden, Wildfraß und zu kleine Anbauflächen machten es Möhring und späteren Besitzern des Gutes unmöglich, den Kontrakt hinsichtlich der Maulbeerbäume zu erfüllen. Auch eine Minderung der Zahl der Bäume auf zuletzt nur noch 1.000 änderte nichts daran, dass der Kostenaufwand stets den Nutzen überstieg. Wilhelm von Humboldt, der nach dem Tod seiner Mutter und der Erbteilung mit seinem Bruder Alexander alleiniger Eigentümer des Gutes wurde, gelang schließlich 1803 durch Zahlung einer Ablösungssumme von 500 Talern eine Aufhebung der Verbindlichkeiten hinsichtlich des Unterhalts der Maulbeerbaum-Plantagen.

zuckerrohr tegelWeniger bekannt ist die Tatsache, dass auf dem Tegeler Gut auch der Versuch unternommen wurde, eine Zuckerrohr-Plantage anzulegen. Dies hätte dazu führen können, dass vor den Toren Berlins ein ganz neuer Industriezweig entstanden wäre. Doch dazu kam es nicht, wie nachfolgend etwas genauer geschildert wird.

Vor der Entdeckung und Gewinnung von Zucker aus Zuckerrüben war Rohrzucker ein kostspieliges Luxusgut für reichere Leute. Er wurde zumeist aus Westindien importiert. Sollte es nicht möglich sein, ihn auch in Deutschland herzustellen? Zu den Personen, die sich hierüber Gedanken machten, zählte nicht zuletzt Alexander von Humboldt. Er „widmete dem Zucker vorzügliche Aufmerksamkeit“ auf seinen Reisen, hieß es in einer Aufzeichnung. Bei einer großen Reise in die „amerikanischen Tropen“ hatte er „einen tiefen Eindruck“ von riesigen Zuckerrohrplantagen und auch von den enormen Einnahmen der dortigen Pflanzer erfahren. Wieder nach Tegel zurückgekehrt, bestellte von Humboldt eine Ladung junger Zuckerrohrpflanzen und zudem Samen. Auf dem Gut, dass im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts ja noch ihm zusammen mit seinem Bruder Wilhelm gehörte, richtete er eine regelrechte Plantage ein, deren Ernte dann einer neuen Zuckerfabrikation zugeführt werden sollte.

Doch das Vorhaben sollte sich schnell als eine Fehlinvestition erweisen, so sehr sich Alexander von Humboldt auch anstrengte und mit Sachverstand die Pflege betrieb. Die Schuldigen standen schnell fest. Es waren Hasen, die zu damaligen Zeiten in weitaus größerer Anzahl als heute in den Wäldern um Berlin herum lebten. Während das zur Familie der Süßgräser gehörende Gewächs anfangs prächtig gedieh, fanden Meister Lampe und seine zahlreichen Nachkommenschaften Gefallen an den süßen Trieben. Der Naturforscher, der ja auch kein Jäger war, verzweifelte schließlich an seinem Vorhaben.

Zum Teil zeitgleich geschah noch etwas anderes. Auf dem Gut in Kaulsdorf, ebenfalls nahe von Berlin, stellte der Chemiker Franz Karl Achard (1753 – 1821) nämlich im Stillen Versuche an, eine möglichst zuckerhaltige Rübe zu züchten. Hierzu ist zu bemerken, dass die Runkelrübe bisher nur als Schweinefutter Verwendung fand. Achard war zuvor ein Schüler von Andreas Sigmund Marggraf (1709 – 1782), der schon 1747 den Zuckergehalt der Runkelrübe entdeckt hatte. Über diese wissenschaftliche Feststellung hinaus geschah aber nichts. Insofern griff Achard „nur“ das auf, was ja Marggraf bereits erkannte. Er ging die praktische Seite der Züchtung einer zuckerhaltigeren Rübe an. Nach anfänglichen Misserfolgen und vielen Schwierigkeiten stellten sich die Versuche in Kaulsdorf, später Französisch Buchholz und Cunern, schließlich als Erfolg dar. Dadurch stand in der Umgebung von Berlin, auf den Versuchsfeldern von Kaulsdorf, praktisch die Wiege der deutschen Zuckerindustrie. Eine Gedenktafel in Kaulsdorf erinnert an Achard, Chemiker und Mitglied der Akademie der Wissenschaften, der durch seine Versuche die späteren Grundlagen der fabrikmäßigen Herstellung von Zucker schuf.

In diesem Zusammenhang ist zu bemerken, dass bis 1788 in Berlin und der Kurmark die Zuckersiederei der Firma Splittgerber (später Gebrüder Schickler) ein Monopol besaß. Der Große Kurfürst hatte nämlich die Gründung der ersten Zuckersiederei in Berlin mit viel Kapital unterstützt und zudem auf fremden Zucker 1 Groschen Steuer pro Pfund eingeführt. Friedrich Wilhelm II hob das Monopol auf. Neue Fabriken entstanden, so 1792 die von Rönnenkamp. Später entstand hieraus ein Aktien-Unternehmen, übrigens das erste in Berlin! Gegen dieses Unternehmen protestierten sowohl die Splittgerberschen Erben wie auch ein Fabrikant namens Jordan. Die erstgenannten Erben beriefen sich darauf, dass sie „auf dringendes Verlangen des Kurfürsten“ mit „ungeheurem“ Aufwand und viel „Wagung ihres ganzen Glückes“ die Raffinerie eingerichtet hatten. Jordan sah die Gefahr eines neuen Monopols durch eine kapitalstarke Aktiengesellschaft aufziehen. Tatsächlich ging der König auf die Bedenken ein und verbot die Übernahme der Rönnenkampschen Fabrik durch eine Aktiengesellschaft. Diese bezog sich wiederum auf ihre am 22.10.1793 erhaltene Konzession und drohte mit gerichtlichen Auseinandersetzungen. 1798 gab der König endlich unter einschränkenden Bedingungen nach. Er legte fest, dass es nur 320 Aktien á 250 Taler geben durfte. Nur Mitglieder der Kaufmannschaft der Material-Handlung durften sie erwerben. Die Fabrikation durfte auch nicht stärker werden, als sie einst von Schickler betrieben wurde. Das Aktien-Unternehmen trug den Namen Berlinische Zuckersiederei-Compagnie. Es wurde 1859 aufgelöst, nachdem es zuletzt mit einer „Unterbilanz“ von 16.000 Talern gearbeitet hatte. In den rund 67 Jahren des Firmen-Bestehens brachten die Aktien immerhin eine durchschnittliche Dividende von 19 Prozent. Selbst bei der Liquidation wurden noch 1.200 Taler pro Aktie ausgezahlt. Die Fabrik in der Holzmarktstraße 12 – 14 erwarben die Herren Schulze und Kahlbaum für 90.000 Taler.

Soweit unsere Betrachtungen über die Gewinnung von Zucker aus Runkelrüben, über die Alexander von Humboldts Plan einer Zuckerrohr-Plantage in Tegel in Vergessenheit geriet.

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