Im Herbst 1983 fanden sich etwa 25 Tegeler Einwohner und Einwohnerinnen unter dem Dach der Volkshochschule zusammen, um sich in Kursen dem Thema „Bürger erforschen ihren Ortsteil“ zu widmen. Nach vier Jahren präsentierten sie in einer Ausstellung sowie einem Ausstellungskatalog die Ergebnisse ihrer Recherchen zur Geschichte Tegels, während zeitgleich Berlin eine 750-Jahr-Feier beging. Ein Teilnehmer des „Ortsgeschichtlichen Arbeitskreises Tegel“ war Kurt Kersten. Er verfasste 1985 einen Artikel über die einstige Verkehrslage in Tegel, der hier nachfolgend ohne jegliche Änderungen zu lesen ist. Es wurde lediglich eine Abbildung hinzugefügt.

Fischers Restaurant „Lindengarten“ in der Berliner Straße

Seit alters her führte die Poststraße nach Neuruppin und Hamburg von Berlin aus am Dorf Tegel vorbei. Der damals „Neue Krug“, heute „Alter Fritz“, war genauso eine Ausspanne, wie wir sie zum Beispiel im Osthavelland in Ziegenkrug im Krämer fanden. Die Post benutzte die gleiche Ausfallstraße, wie wir sie eigentlich noch heute kennen. Von Berlin ging die Provinzialstraße durch die Scharnweberstraße, Seidelstraße, bis sie am Feldwebelhäuschen am Schießplatz Tegel, heute Flughafen Tegel, die Gemarkung Tegel erreichte.
Die Zeit der Postkutschen ist lange vorbei. Die Pferdebahn nach Tegel gehört der Vergangenheit an. Das Auto hat aber in den 1920er-Jahren die Pferdefuhrwerke noch nicht vollends verdrängt. Ich erinnere mich an die Situation damals, also vor 50 – 60 Jahren. Die Elektrische, wie damals die Straßenbahn genannt wurde, verbindet die Stadt Berlin mit der Vorstadt Tegel. Die Linien 25, 26, 27, 31, 41 und bis Tegelort bzw. Heiligensee 28 und 128 waren neben der S-Bahn für die Tegeler die Verbindung zur Stadt. Von dort bis zur Seestraße wurde in aller Regel die U-Bahn benutzt. Dann dauerte es noch etwa 20 Minuten, um mit der Straßenbahn die Gemarkung von Tegel zu erreichen. Hatte man erst Reinickendorf-West im Rücken, so sah man über die Siedlung Gartenfreunde hinweg die Silhouette des Gaswerkes mit den zwei riesigen Gasbehältern zur Rechten und links die strengen Bauten des Gefängnisses, von zwei Türmen der Gefängniskirche gekrönt. Für Schaffner mit echt Berliner Herz begann oft eine typische Ansage. „Heilanstalt aus hölzernen Löffel“ war identisch mit Gefängnis Tegel. Der nächste Halt wurde mit „Stinkfabrik“ als Gaswerk-typisch angekündigt. Zwei weitere Stationenund der Ausruf „Knochenmühle“ repräsentierte das Borsigwerk.
Nun nur noch zwei Stationen und die Bahnen nach Tegel hatten beim Restaurant „Rasum“, heute „Leiser-Haus“, ihre Endstation erreicht und quietschten in die Hauptstraße, heute Alt-Tegel, hinein. Die genannten Linien waren nicht nur die tägliche, lebenswichtige Verbindung der Tegeler mit der Reichshauptstadt, nein, sie waren auch zum Wochenende die hauptsächliche Verbindung vieler tausender Berliner, um in Tegel neue Kräfte für die oft harte Arbeitswoche zu tanken. In Tegel konnten die Familien Kaffee kochen.
Es ist noch früh am Morgen. Ich stehe an der südlichen Grenze der Gemarkung Tegel und wundere mich über die vielen „Heuwagen“, die in Richtung Berlin fahren. Bald erfahre ich, dass nicht Heu, sondern Kacheln der eigentliche Grund der Transporte sind. Nur 17 km von Tegel entfernt liegt Velten/Mark. Dieser Ort ist als die Heimat des Kachelofens in die Geschichte eingegangen. Von dort fahren die Leiterwagen in der Nacht nach Berlin los, um morgens ihre Fracht zu entladen und gleich anschließend gemächlich die Rückfahrt anzutreten. Jeder Kutscher, jedes Gespann hatte irgendwo eine Raststätte.
Ich erinnere mich, viele Fuhrwerke, die mittags am kleinen „Starkasten“, heute U-Bahnhof Holzhauser Straße, oder am „Lindengarten“, gegenüber Egellsstaße bei Fischer, heute Berliner Straße 65 Ecke Wittestraße, Halt machten. Eine Erfrischung für den Kutscher und einen Beutel Hafer für die lieben Pferde gaben die Kraft für die Heimfahrt. Die Pferde kannten ihren Halt und fanden ihren Weg. Oft übermannte die Müdigkeit die Kutscher und ließ sie selig schlummern. Die Pferde hielten vor ihrem Halt an und die Kutscher wachten auf.
Früh vor Geschäftsöffnung trabten vom Großmarkt aus Berlin kommend die Fleischer und Gemüsehändler, damals Grünkramhändler, mit leichten Kutschwagen Richtung Tegel.
Auf den Straßenbahnschienen konnten die Wagen glatt dahinrollen und kamen auf größere Geschwindigkeiten, als es sonst auf dem Kopfsteinpflaster möglich war. Zur selben Stunde rollten erst Pferdewagen, etwas später Elektroautos von Bolle nach Tegel. Frische Milch, Sahne etc. wurde von den „Bimmel-Bolle-Jungens“ ausgerufen. Der Bolle-Junge saß mit dem Kutscher bzw. Fahrer vorn auf dem Bock. Als Schuljungens versuchten wir die hinteren Plätze zu ergattern. Speziell am Mittag bei der Heimfahrt gelang es oft, bei Bolle mitzufahren. Erwähnt sei hier noch, dass die Regel eingehalten wurde, dass die Jungen mit dem weitesten Schulweg den Vorzug vor allen anderen genossen.
Pferdefuhrwerke aus dem Osthavelland, Vehlefanz, Marwitz und Kremmen erreichten Tegel von Norden her, um die Bewohner mit frischem Landbrot oder im Herbst auch mit Einkellerungskartoffeln zu versorgen. Zu all diesen vielen Wagen gesellten sich mehr und mehr Autos und Motorräder.
Erwähnenswert soll bei diesem Rückblick noch der jeweilige Himmelfahrtstag, Vatertag, betrachtet werden. Ganze Wagenkolonnen von Kremsern brachten die Väter zum Ziel ihrer Sehnsucht und abends zurück zum nicht immer fröhlichen Abschluss des Vatertages. Die öffentlichen Verkehrsmittel der BVG beförderten damals den Fahrgast von zum Beispiel „Alter Fritz“ bis zum Gaswerk oder von Tegel, Endstation, bis zum Eichborndamm für ganze 10 Pfennige.

Wer den Namen Borsig liest, der denkt sicher zunächst an den einstigen Lokomotivbau. In der Zeit um 1923 war das Werk für eine Jahresproduktion von 600 Lokomotiven in 42 Lokomotivständen eingerichtet. Zuvor wurde 1918 die 10000. und 1922 die 11000. Lokomotive fertiggestellt. Doch wir wollen uns hier weder mit der Lokomotivmontage noch mit den weiteren Borsig-Produkten beschäftigten, die von vollständigen Anlagen für die chemische Industrie bis zum Haushaltsstaubsauger reichten. Vielmehr wird hier über die Werkschule berichtet, die das Unternehmen bis zur Ausbombung des Gebäudes im Jahre 1943 unterhielt.

Die Volksschule und spätere Werkschule in der Schöneberger Straße 30 im Jahre 1911

Bekanntlich bestand vor rund 100 Jahren (wie ja auch heute noch) für Jugendliche unter 18 Jahren von der Schulentlassung an eine Pflicht zu einem Besuch einer von der Stadt Berlin oder der Handelskammer eingerichteten Berufsschule. Diese Schulpflicht dauerte normal sechs Schulhalbjahre. Sie ruhte jedoch, solange der Schulpflichtige eine von der Schulaufsichtsbehörde als Ersatz der Berufsschule anerkannte Schule besuchte. Ein solcher Ersatz waren in Berliner Werkschulen von Großbetrieben wie Siemens, AEG und Borsig. Siemens hatte zum Beispiel seit 1906 eine Werkschule, die Firma Borsig seit 1.4.1919. Während der erste Standort der Borsigschen Werkschule nicht bekannt ist, wurde sie (wohl 1923) in die Schöneberger Straße 30 verlegt. Während es eine Schöneberger Straße auf dem einstigen Borsiggelände längst nicht mehr gibt, trägt die damals durchgehende Straße heute die Namen Medebacher Weg und Sterkrader Straße. In der Schöneberger Straße 30 wurde bereits 1909 in einem neu erbauten Gebäude eine Volksschule eingerichtet, zuletzt war hier bis 1923 mit 12 Klassen das Lyzeum Tegel beheimatet.
In der Folgezeit diente der Gebäudekomplex der Firma Borsig für die Ausbildung von Lehrlingen, Praktikanten und Gehilfen als Werkschule. An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass Gewerbebetriebe mit eigener staatlich anerkannter Werkschule für ihre jugendlichen Arbeiter grundsätzlich Schulbeiträge zu entrichten hatten, wenn die Zahl der die Werkschule besuchenden Jugendlichen unter 10 % der beschäftigten Arbeiter betrug. Bei Borsig waren um 1923 etwa 5500 Arbeiter und 1300 „Beamte“ beschäftigt, mithin mussten bei zusammen 450 Schülern (die ja nicht alle unter 18 Jahre alt waren) Schulbeiträge entrichtet werden. Auf weitere Einzelheiten hierzu wird verzichtet.

Borsigs Werkschule hatte anfangs 5 hauptamtliche und 16 nebenamtliche Lehrkräfte beschäftigt. Vorhanden waren 4 Klassenräume, 1 Physikklasse mit Lehrmittelraum, 1 Vortragssaal mit Kino, Epidiaskop und Projektionsapparat, 1 Raum für Eignungsprüfungen, 2 Büroräume, 2 Lehrmittelzimmer, 1 Lehrerzimmer und 1 Turnhalle.

Ein Schuljahr umfasste 40 Unterrichtswochen, in jeder Woche wurden 11 – 12 Stunden Unterricht erteilt. Eine Klasse bestand aus 20 – 30 Schülern. Der Unterricht orientierte sich stark an der praktischen Tätigkeit. Bürgerkunde, Deutsch, Fachkunde, Naturlehre, gewerbliches Rechnen, Mathematik, Fachzeichnen und Turnen waren die Unterrichtsfächer, die sich zusammen dem Lehrplan der Berufsschulen anpassten. Einzig Arbeitsburschen hatten weder Fachkunde noch Naturlehre, Mathematik und Fachzeichnen. Dem Turnen wurde in der Werkschule im Vergleich zur Berufsschule offensichtlich ein höherer Stellenwert eingeräumt, wie wir nachfolgend noch sehen werden.

Die Werkschule besaß eine ausgezeichnete Lehrmittelsammlung, zahlreiche Maschinenteile und Werkzeuge für das Fachzeichnen, je eine mathematische und technologische Sammlung, Karten für den Bürger- und fachkundlichen Unterricht sowie eine Sammlung von Prüfapparaten. Die Lehrlingsausbildung endete natürlich mit einer schriftlichen und mündlichen Prüfung. Wiesen Lehrlinge irgendwelche Lücken auf, so konnten sie diese nach Schluss der Lehrzeit in der Schule ausfüllen. War hingegen ein Lehrling besonders tüchtig, dann ermöglichte ihm ein Fond den Besuch einer höheren Fachschule.

Lehrlinge bei Borsig im Jahre 1924

Kommen wir nun zum bereits erwähnten Turnunterricht. Für Berufsschulen regelte 1925 ein Ortsgesetz, dass „in mindestens 1 Stunde wöchentlich die körperliche Ausbildung – Turnen, Wandern, Schwimmen, Rudern, Gartenbau usw. – gepflegt wird.“

„Aus der Erkenntnis heraus, daß zur Ausübung eines praktischen Berufes ein Mensch erforderlich ist, der gesundheitlich vollkommen auf der Höhe ist, um sein fachliches Können voll zur Auswirkung zu bringen, hat die Werksleitung der Firma A. Borsig neben der beruflichen Ausbildung ihrer Lehrlinge seit vielen Jahren ihre ganz besondere Aufmerksamkeit auf die körperliche Ertüchtigung gerichtet.“ So der einleitende Satz des Artikels „Leibesübungen in der Werkschule A. Borsig, Berlin-Tegel“ in einem Buch aus dem Jahre 1927. Hieraus sind auch die weiter folgenden Informationen entnommen.

Ein hauptamtlich angestellter Turn- und Sportlehrer erteilte wöchentlich zwei Pflichtturnstunden. Eine Befreiung konnte nur durch ein ärztliches Attest erfolgen. Für den Turn- und Sportbetrieb gab es auf dem Schulgrundstück eine Turnhalle mit vorbildlicher Ausstattung und im Schulgebäude selbst einen Gymnastik- und Boxraum mit modernsten Geräten. Auf dem Schulhof boten sich kleinere Spiele an und auf einem dem Werk gegenüberliegenden Spielplatz Rasenspiele. Ein städtischer, neu angelegter Sportplatz stand für Leichtathletik zur Verfügung. Der nahe Tegeler See ließ einen geordneten Schwimmbetrieb zu. Der Wald lockte im Herbst zum Waldlauf und im Winter zum Rodeln, wobei natürlich Schlitten vorhanden waren. Im Erdgeschoss der Schule, durch einen gedeckten Gang von der Turnhalle erreichbar, lag das Schülerbad. 30 Duschen lieferten warmes und kaltes Wasser. Die Duschen mussten am Ende jeder Turnstunde benutzt werden.
Schon zu Beginn der Lehre wurden von jedem Lehrling Größe und Gewicht ermittelt, um dann in regelmäßigen Abständen die körperliche Entwicklung zu verfolgen. Jede Turnstunde begann mit einem Turnerlied, anfangs einem Liederbuch entnommen, bis der Text auswendig bekannt war. Es folgten Haltungs- und Atmungsübungen als Freiübungen oder aber Übungen am Gerät. Zu jeder Stunde gehörte zudem ein fröhliches Spiel. Das abschließende Duschen wurde bereits erwähnt.

Von Anfang Mai bis Mitte Juli standen leichtathletische Übungen im Vordergrund, so insbesondere der Lauf mit langsamer Steigerung, aber auch Wurf- und Sprungübungen. „Kampf dem nassen Tod!“ war ein Motto der Schule, jeder musste Schwimmen lernen. Lag der Anteil der Schwimmer 1924 bei 59,6 %, so erhöhte er sich 1925 bereits auf 83,75 %. Wurden im Sommer Faust- und Schlagballspiele bevorzugt, so wurden im Herbst ruhige Waldläufe sowie Hand- und Fußballspiele bevorzugt. Jeder Junge wurde dabei auch mal zum Amt des Schiedsrichters herangezogen. Damit wurden objektive Urteile geweckt. Fiel der erste Schnee, ging es mit den Rodelschlitten in den Tegeler Wald. Der Apolloberg in Schulzendorf lockte mit seiner Höhe von 65 m zu „sausenden Fahrten“.

Bei ungünstiger Witterung gehörten zum Hallenturnen Gymnastik, Seilspringen, Geräteturnen, Ringen usw. Beliebt waren auch Schwimmabende im Hallenbad. Damit noch nicht genug. Mit Wettspielen der verschiedensten Ballspielarten wurden die Kräfte der Jungen untereinander gemessen. Bei allgemeinen Wettkämpfen erzielten die Borsigschen Werkschüler eine große Anzahl an ersten und zweiten Preisen. So nahmen sie zum Beispiel am 29.6.1927 im Plötzensee an einem Schwimmfest für die Werkschüler der Berliner Großindustrie sowie am 26.1.1930 an Schwimmwettkämpfen im Stadtbad Wedding, Gerichtsstraße, teil. Veranstalter war hier der Lehrlingssportverband Groß-Berlin, die Turn- und Sportgemeinschaft der Berliner Werkschulen.
Im Turnbetrieb in der Werkschule durfte der Turnboden nur in kurzer Turnhose, Hemd und Turnschuhen betreten werden. Die Kleidungsstücke beschaffte die Firma Borsig und gab sie dann zum Selbstkostenpreis ab. In kleinen Beträgen wurde die Gesamtsumme später wöchentlich vom Lohn einbehalten. Die Schüler trugen bei Wettkämpfen gern die mit besonderem Abzeichen und den Anfangsbuchstaben der Schule versehenen Kleidungsstücke. Alle Schüler waren übrigens bei einer privaten Gesellschaft gegen Unfälle bei Ausübung des Sports versichert.
Als Folge des Turnunterrichts waren die Werkschüler bestrebt, im Laufe der Lehrzeit das damalige Reichsjugendabzeichen zu erwerben. Jugendliche, die über 18 Jahre alt waren, konnten sich auch für die Prüfung zum Deutschen Turn- und Sportabzeichen vorbereiten. Blicken wir abschließend noch in das Jahr 1938. Die Werkberufsschule Rheinmetall Borsig, wie sie nun hieß, hatte 22 Klassen mit 560 Schülern und eine Handelsschule 2 Klassen mit 42 Schülern. Gewerbeoberlehrer Reich leitete die Schule. Die Namen von Rinno und Rabe sind als weitere Gewerbeoberlehrer und der von Groß als Handelsoberlehrer überliefert.

Die Schule wurde, wie eingangs erwähnt, 1943 durch Bombentreffer zerstört. Nach dem Krieg wurde eine neue Werkschule nicht mehr gegründet.

Auf dem Infanterie-Schießplatz bei Tegel wurde bekanntlich über einen langen Zeitraum hinweg an mehreren Schießständen scharf geschossen. Hier befanden sich aber auch ein Laboratorium nebst Pulvermagazin und ein Militär-Versuchsamt, die als Institute der Heeresverwaltung zum Artillerie-Depot in der Kruppstraße gehörten. Zudem wurde eine Kaserne für das Luftschiffer-Bataillon errichtet, die 1.697.000 Mark kostete und ab 1.10.1901 bezogen wurde. Eher ungewöhnlich und vielleicht nicht so geläufig ist die Tatsache, dass auf dem Areal eine zum Königlichen Preußischen Meteorologischen Institut gehörende Einrichtung ansässig war. In dem neu gegründeten Observatorium wurden durch wissenschaftliche Ballonfahrten Kenntnisse und Erscheinungen in der Atmosphäre gesammelt. Der Standort wurde aber bereits nach 5 Jahren am 31.3.1905 aufgegeben und nach Lindenberg bei Beeskow verlegt. Auf die Anfangszeit der Tätigkeit des Aeronautischen Observatoriums in Tegel geht der nachfolgende Beitrag näher ein.

Auf Antrag des Meteorologischen Instituts wurden im Staatshaushalts-Etat des Jahres 1899 einmalig 50.000 Mark für die „Einrichtung eines fortlaufenden Dienstes zur Erforschung der höheren Atmosphärenschichten mittels Drachen und Drachenballons“ eingestellt. Die laufenden Ausgaben sollten dann aus dem erhöhten Etat des Meteorologischen Instituts bestritten werden. Schon zuvor begannen im September 1898 Verhandlungen mit dem Militärfiskus mit dem Ziel einer pachtweisen Überlassung einer Parzelle, die am Schutzrayon des Tegeler Schießplatzes lag. Am 19.1.1899 berichtete dann eine Berliner Zeitung:

Eine Drachenballonstation wird am Tegeler Forst errichtet werden. Es soll dort ein leichtes Wohngebäude und eine Ballonhalle errichtet werden. Die Station soll einem ständigen Mitarbeiter des meteorologischen Instituts unterstellt werden, welchem ein Secretär beigegeben wird. Die benachbarte Militair-Luftschifferabtheilung hat sich bereit erklärt, die Station dauernd zu unterstützen.

Dr. Richard Aßmann

Dr. Richard Aßmann Geh. Regierungsrat und Professor, 1845 – 1918

Als Leiter des vorgesehenen Aeronautischen Observatoriums war der Geheime Regierungsrat Professor Dr. Richard Aßmann vorgesehen. Ihm standen als wissenschaftliche Beamte der ständige Mitarbeiter Arthur Berson sowie der Assistent Hermann Elias zur Seite. Aßmann und Berson fuhren im Juni 1899 zu einem vorbereitenden Studium nach Trappes, einem etwa 30 km südwestlich von Paris gelegenen Ort. Hier befand sich auf einer weiten waldarmen Hochebene ein Observatorium mit einem Flächenraum von 3-4 Hektar. Das Gelände am Tegeler Schießplatz lag hingegen nur 8 km vom Mittelpunkt Berlins, dem Spittelmarkt, entfernt. Zudem wurde es im Osten, Süden und Südwesten vom großen Waldkomplex der Jungfernheide umrahmt. Hier standen 20-25 m hohe Kiefern. Nur im Westen – hier lag der eigentliche Schießplatz – befand sich der Wald erst in 3-4 km Entfernung, im Nordwesten war es 1 km, Richtung Norden und Nordosten 400-600 m und im Osten und Süden nur gar 150-300 m. Die Verhandlungen über eine pachtweise Überlassung einer Parzelle am Rande des Tegeler Schießplatzes hatten ja, wie oben berichtet, bereits im September 1898 begonnen. Für Aßmann war es beim Studium der Verhältnisse in Trappes daher eindeutig, dass das Tegeler Areal ungünstig lag, eine Änderung des Standortes aber nicht mehr möglich war. Immerhin konnte die ursprünglich überlassene Fläche von 200 m Länge und 50 m Breite noch durch ein nachträgliches Ersuchen „in letzter Stunde“ um weitere 50 m Breite verdoppelt werden.

Areal des Observatoriums

Areal des Observatoriums bis 1905 am heutigen Kurt-Schumacher-Damm. Plan 1907

Im Frühjahr 1899 wurde ein umfangreicher Komplex der Jungfernheide durch Abholzung „dienstbar“ gemacht, nachfolgend im November 1899 der südöstliche Teil des Tegeler Schießplatzes für Zwecke der staatlichen Luftschifffahrtsversuche. Am 12.11.1899 berichtete eine Zeitung bereits von einem auf dem Ballonplatz befindlichen großen hölzernen Ballonhaus und einem im Rohbau nahezu vollendeten Beamtengebäude. Der Bau eines hohen Aussichtsturmes wurde in Angriff genommen. Die umfangreiche Anlage sollte im Frühjahr 1900 fertig sein. Am 1.4.1900 erfolgte wohl die offizielle Inbetriebnahme der Wetterstation, wenngleich die Berliner Tageszeitungen darüber nicht berichteten. Erst am 25.5.1900 erfuhren die Leser der „Volkszeitung“:

Die Neuanlage der aeronautischen Abtheilung des königlichen meteorologischen Instituts am Tegeler Schießplatz ist jetzt fertig, so daß demnächst mit den regelmäßigen Versuchen begonnen werden wird. Die Abtheilung wird vom Professor Dr. Aßmann geleitet, dem als Assistent Dr. Berson zur Seite steht, der durch seine vielen Ballonfahrten vom Friedenauer Sportplatz aus bekannt geworden ist.

Etwas ausführlicher war dies auch am Folgetag in der „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ zu lesen, während das Berliner Volksblatt „Vorwärts“ das Thema erst am 20.6.1900 aufgriff.

Sehen wir uns nun die einzelnen Objekte des Areals näher an. Zuvor ist jedoch festzustellen, dass Aßmann ab Herbst 1899 Vorexperimente auf dem Gelände durchführte. Sein Plan von einer „fahrbaren“ Kabelwinde ließ sich jedoch nicht verwirklichen. Eine Feldbahn, dem Aufstieg und dem Einholen von Drachen dienend, sollte auf einem Gleis von 400 m Länge Richtung Osten zur Grenze des Schießplatzes und ein zweites von 300 m Länge nach Norden zur Mitte des Platzes führen. Die Mehrkosten hierfür hätten bei 3500 Mark gelegen. Doch das General-Kommando des Gardekorps, dem der Schießplatz unterstellt war, verweigerte die Feldbahn „grundsätzlich“.

So wurde stattdessen aus starken Balken ein 27 m hoher Turm errichtet. Er hatte eine Grundfläche von 5 m Seitenlänge. In 10 Stockwerken verjüngte er sich bis zur obersten Plattform mit einer durchbrochenen Brüstung in 25 m Höhe auf 2,5 m. Der untere Teil des Turmes war mit gespundeten Brettern verschlagen. Eine leidlich gangbare steile Treppe führte an den Seiten nach oben. Vier Eckstützen, 8,5 m weit ausgreifend, ruhten auf starken und tiefen Steinfundamenten. Unter der Achse des Turmes befand sich in 12 m Höhe über dem Erdboden im Turm ein „Windenzimmer“ mit einer stark befestigten Decke. Das Zimmer, auch als „Windenhaus“ bezeichnet, war achteckig und 3,5 m im Durchmesser. Der Turm kostete damals insgesamt 7500 Mark.

Im Januar 1900 wurde auf dem Gelände, für das jährlich eine Pacht von 115 Mark und 16 Pfennigen zu entrichten war, das einzige in fester Bauweise errichtete zweigeschossige Dienstgebäude fertiggestellt. Neben Büroräumen enthielt es Dienstwohnungen für einen Ballonwärter und zwei Gehilfen. Im Souterrain standen in einem Raum eine 7 PS Dampfmaschine (aus der Fabrik des verstorbenen Otto Lilienthal), die ohne Gefahr auch bis auf 8 – 9 PS beansprucht werden konnte, und eine damit angetriebene Dynamomaschine.

Diesem Haus gegenüber lag eine Ballonhalle, die man eher als Schuppen bezeichnen konnte. Der „mit thunlichster Sparsamkeit“ aus rohen gestülpten Brettern errichtete Raum von 16 m Länge, 10 m Breite und 8 m Höhe diente zum Unterbringen von Ballons, Drachen und anderen Utensilien. Zwei Schiebetore hatten fast die volle Breite der Giebelwand Richtung Ballonplatz. Die Halle war „im allgemeinen, trotz ihres unschönen Aussehens und einer schweren Stürmen vielleicht nicht ganz gewachsenen Sicherheit, zweckentsprechend gebaut“. Immerhin: Als am 20.4.1903 ein am Observatorium gemessener Windstoß eine Geschwindigkeit von 31 m/s erreichte, nahm die Halle keinen Schaden.

Das Auflassen und Einholen der nach ihren Erfindern Hargrave bzw. Eddy benannten Drachen geschah vom Turm aus. Ein Hargrave-Drachen mittlerer Größe bestand aus einem kastenartigen, mit Baumwollstoff bespanntem Gestell. Es war etwa je 1,5 m hoch und breit sowie ca. 0,5 m tief und führte auch die Bezeichnung „Kasten-Drachen“. Ein Eddy-Drachen wurde auch „Malayischer schwanzloser Drachen“ genannt und erinnerte mit seiner dreieckigen Form an das damalige Kinderspielzeug. Als Kabel diente anfangs Tiegelgussstahldraht mit einem Durchmesser von 0,7 mm, einer Reißfestigkeit von 90 kg und einem Gewicht von 3,7 kg pro 1000 m. Instrumente für die meteorologischen Messungen hingen am Kabel etwas unterhalb der Drachen-Befestigungen. Ein Drachenballon, mit Wasserstoff gefüllt, hatte eine Länge von 10 m. Das Kabel hatte hier einen Durchmesser von 1,3 mm, eine Festigkeit von 300 kg und ein Gewicht von 10 kg pro 1000 m.

Wurde ein Drachen aufgelassen, so begab sich ein Gehilfe in eine Entfernung von 50 – 100 m vom Turm, den Drachen bei gespanntem Kabel in der Hand. Bei entsprechend starker Brise ließ er dann den Drachen aufwärts schießen. Ein Beamter im Windenzimmer beobachtete den Vorgang genau. Entweder musste er bei starkem Zug die Bremse der von einem Elektromotor betriebenen Winde lösen, damit Draht abrollen konnte, oder bei einer Flaute mit einer Handkurbel Draht wieder aufrollen. Wohl noch schwieriger war das Einholen. Bis zu 10000 m Draht mussten ganz präzise aufgerollt werden. Die Kabelwinde wog allein 20 Zentner, sie kostete rund 4000 Mark.

Von einer eingehenden Beschreibung des Auflassens und des Einholens von Drachen und Ballons wird hier abgesehen.

Nach den wohl am 11.4.1900 offiziell begonnenen meteorologischen Messungen geschah schon am 26.7. d. J. ein Unfall, der die von Aßmann bereits bei der Planung des Observatoriums gesehene ungünstige Lage der Einrichtung bestätigte. Ab 15 Uhr wurden in Tegel fünf Drachen, in bestimmten Abständen an demselben Draht befestigt, zum Aufstieg gebracht. Um 18.51 Uhr – es waren über 7100 m Draht abgelassen – gab es eine starke Erschütterung. Der Draht war gerissen und fiel in großen Ringen vom Turm herab.

Dies führte dazu, dass auf dem Gelände einer Laubenkolonie zwischen Schweden- und Exerzierstraße ein 13 Jahre alter Junge auf einen am Boden schleppenden Drachen-Draht trat. Der Draht wickelte sich um den linken Unterschenkel des Knaben und durchbrannte das Fleisch in 5 cm Breite bis auf den Knochen. Zwei Männer durchschnitten den Draht, befreiten damit den Jungen und erlitten selbst Brandwunden an den Händen. Ein Drachenteil wurde dann zur Erde gezogen, ein weiterer flog weiter Richtung Schönhauser Allee. Später zeigte sich, dass der 4. und 3. Drachen, 3000 m Draht nachschleppend, noch 140 km südöstlich von Berlin bis hinter Forst/Lausitz in der Luft blieben. Weiterer Schaden entstand dadurch nicht. Für die bei dem Jungen wie auch bei den beiden Männern festgestellten „Brandwunden“ wurde ermittelt, dass sie nicht durch einen „elektrischen Schlag“ einer Straßenbahn-Oberleitung entstanden. Trotzdem ließ die Große Berliner Straßenbahn-Gesellschaft Straßenbahnlinien, die sich bis 800 m dem Observatorium näherten, mit seitlichen, zur Erde ableitenden Schutzdrähten versehen. Ein die Starkstromleitung berührender Drachendraht wäre nun sofort durchgebrannt und stromlos zur Erde gefallen. Übrigens wurde die Straßenbahn nach Tegel gerade erst am 13.7.1900 auf elektrischen Betrieb umgestellt.

Im Juli 1901 erhielt das Observatorium vom Kaiser einen großen, wertvollen Ballon überwiesen, den dieser vom Architekten Enders aus Potsdam als Geschenk erhalten hatte. Der in Hannover erbaute Ballon mit dem Namen „Preussen“ war mit einem Fassungsvermögen von 8400 cbm Wasserstoff der größte, der jemals aus gummierter Baumwolle angefertigt wurde. Mit ihm sollten die Grenzen menschlicher Leistungsfähigkeit unter extremer Luftverdünnung erprobt werden. Für die Kosten zur Bestreitung dieses Experiments durch die Aeronauten Berson und Dr. Süring hatte der Kaiser 10000 Mark aus dem Dispositionsfond hergegeben.

Die Höhenfahrt war für den 31.7.1901 vorgesehen. Die Luftschifferabteilung füllte den Ballon, der sich dann um 10.50 Uhr in die Luft erhob. Die Astronauten waren mit Renntierpelzen, Thermophore für das Warmhalten von Händen, Füßen und heißen Tee, vier Sauerstoffflaschen á 1 cbm und den üblichen Messinstrumenten ausgerüstet. Während auf dem Erdboden eine Temperatur von +30 Grad herrschte, waren es für Berson und Süring dann in 10300 m Höhe -40 Grad.

Als Süring in Ohnmacht zu fallen drohte, zog Berson zweimal das Ventil und brachte den Ballon damit zum Abstieg. Schließlich waren beide Männer 30 – 45 Minuten in schwerer Ohnmacht. In circa 6000 m Höhe erwachten Süring und Berson wieder etwa gleichzeitig. Sie landeten um 18.30 Uhr bei Briesen unweit Cottbus ohne nachteilige gesundheitliche Folgen, wie sich später zeigte. Zwei neu angeschaffte Ballons des Deutschen Vereins für Luftschiffahrt erhielten ihnen zu Ehren ihre Namen.

Im Mai 1902 berichtete Aßmann Kongressteilnehmern über den Einsatz von Gummiballons (sog. Ballons-sondes). Wenn sie in großen Höhen von bis zu 20000 m zerplatzten, glitten Registrierapparate an sich in diesem Moment öffnenden Fallschirmen zur Erde nieder. Registrierungen erfolgten zunächst durch eine Feder auf gerußtem Papier, später der besseren Lesbarkeit wegen auf Lackmuspapier. Für das Auffinden und Melden eines Apparats gab es eine Belohnung von 5 – 20 Mark.

Im Herbst 1902 zeigten sich Probleme zwischen den Aeronauten und den Luftschiffern, die ab 1.10.1901 angrenzend eine eigene Kasernenanlage besaßen. So kam es zum Beispiel zu Ballonkollisionen. Daraufhin kündigte die Heeresverwaltung dem Observatorium wegen künftiger Eigennutzung des Geländes durch das Militär zum 1.4.1903. Wenn auch die Kündigung am 4.2.1903 zurückgenommen wurde, so war dies doch der Beginn von Überlegungen für einen neuen Standort des Observatoriums, die dann ja auch 1905 durch einen Umzug nach Lindenberg abgeschlossen wurden.

Wir bleiben mit unseren Betrachtungen jedoch noch weiter in Tegel. Im Mai 1903 schlug ein Blitz in einen Drachen ein. Ein 7 qm großer Hargrave-Drachen befand sich mit etwa 3000 m Draht in 2050 m Höhe. Ein kräftiger Regenschauer setzte ein, vom Draht war etwa die Hälfte eingeholt. Plötzlich war ein heller Blitz, ein kurzer, scharfer, betäubender Knall, gefolgt von einem lange rollenden Donner. Der Drachen war vom Blitz getroffen. Statt des Drahtes war eine lange rostgelbe Rauchsäule zu sehen, darüber der abstürzende Drachen. Er wurde stark beschädigt in Wilhelmsruh aufgefunden, der Registrierapparat blieb fast unversehrt. Der Haltedraht des Drachens war durch eine 100 m vor dem Turm befindliche Rolle gut geerdet, weil ein verbundenes Eisenrohr bis in das Grundwasser reichte. Allerdings brannten im Observatorium alle Drähte und Sicherungen durch, die weniger als 5 Ampere leiten konnten. Auch die Haustelefonanlage nahm Schaden.

In der Zeitspanne vom 1.10.1902 – 31.12.1903 war es dem Institut bei jeder Witterung durch tägliche Aufstiege von Ballons, Drachen und Drachenballons möglich, eine Übersicht der Lufttemperatur in den verschiedenen Höhen über Berlin zusammenzustellen. Es war die zu dieser Zeit wohl erste und einzige Aufstellung dieser Art, die zudem noch am selben Tag veröffentlicht wurde. Temperaturvoraussagen selbst auf mehrere Tage hinaus, heute für uns selbstverständlich, wurden damals nicht mehr für unmöglich gehalten.

Einen Rekord im Drachenaufstieg auf deutschem Boden verzeichnete das Aeronautische Observatorium am 25.3.1904. Es wurde eine Höhe von 5080 m erreicht, wobei der Haltedraht eine Länge von 12300 m besaß. Das konnte nur erreicht werden, indem gleichzeitig sechs Drachen mit einer Bespannung von zusammen 28 qm zu einem „Drachenpark“ aufstiegen. Jeder dem Drachen an der Spitze folgende Hilfsdrachen trug das Halteseil des nächst höheren „Fahrzeugs“. Leider riss beim Einholen der Drachen der Draht kurz über dem Erdboden. Die Drachenkette setzte sich dem Wind folgend wieder in Bewegung, den Haltedraht nachschleppend. Der unterste Drachen verfing sich in einer Baumkrone nahe Tegel. Die verbliebenen fünf Drachen gingen erneut in die Höhe und trieben Richtung Velten und Kremmener Luch. Von einer Lokomotive der Kremmener Bahn wurde nachschleifender Draht zerrissen, Draht verfing sich auch in der Windmühle von Beetz, Pferde eines herrschaftlichen Gespanns verwickelten sich im Draht. Endlich verankerten sich die Drachen am Nordwestrand des Luchs. Ausgesandte „Drachenjäger“ bargen die nach einer Strecke von 45 km völlig unbeschädigten Drachen. Tausende Meter wertvoller Stahldraht blieben im Tegeler Forst und dem Luch unentdeckt zurück.

Die nachstehende Aufstellung listet aus Platzgründen aus dem Jahre 1904 (nur) jene Drachen- und Drachenballonaufstiege auf, die das Observatorium von Januar bis Juni vornahm.

Januar

Februar

März

April

Mai

Juni

Drachen

Anzahl der Tage

21

23

19

22

16

17

Mittlere Höhe

2184

2178

2363

2628

2497

2603

Größte Höhe

3210

3400

5080

3520

3600

4100

Drachen-

ballon

Anzahl der Tage

10

6

12

8

15

13

Mittlere Höhe

1055

1397

1295

1274

1416

1395

Dienstgebäude

Das einstige Dienstgebäude zu späterer Zeit (1908)

Der Staatshaushalt sah bereits für das Jahr 1904 für die Errichtung eines neuen Observatoriums einen Betrag von 458100 Mark vor. Der Fiskus hatte bei Lindenberg im Kreis Storkow-Beeskow ein Gelände erworben, auf dem von Mitte Juni 1904 bis Ende Mai 1905 die Anstalt, aus sechs Gebäuden bestehend, errichtet wurde. Ursprünglich war als Baubeginn der 1.4. vorgesehen, doch durch die späte Verabschiedung des Etats trat eine Verzögerung ein. In Tegel drohten 1905 weitere Unfälle und zudem eine Übernahme des Geländes und der Baulichkeiten durch das Militär zum 1.4. Beides waren Gründe, den Umzug von Tegel nach Lindenberg nicht zu verschieben. So zogen die Angestellten des Observatoriums, die ihre Wohnungen ja zum 31.3. gekündigt hatten, zum neuen Standort, obwohl die dortigen Häuser noch nicht fertig waren.

Einige Beamte blieben aber noch in Tegel und setzten mit primitiven Mitteln die Wettererhebungen fort, bis das neue Observatorium den Dienst aufnahm. Dadurch trat keine Unterbrechung der seit Oktober 1902 lückenlos geführten Beobachtungsreihe ein.

Am 16.10.1905 wurde das Observatorium in Lindenberg in Gegenwart Kaiser Wilhelms II. und weiterer Persönlichkeiten eingeweiht. Der 1952 gegründete Deutsche Wetterdienst nutzt noch heute das nach Richard Aßmann benannte Meteorologische Observatorium im Ortsteil Lindenberg der Gemeinde Tauche im Landkreis Oder-Spree.

Gerhard Völzmann

Nennen wir ihn Walter Lehmann, jenen Polizisten, aus dessen Leben dieser Rückblick berichtet. Der Mann wohnte mit seiner Familie viele Jahre in Tegel und arbeitete hier auch, bis er später in anderen Ortsteilen von Reinickendorf tätig war. Sein Leben währte von der Kaiserzeit der 1890er Jahren bis in die 1950er Nachkriegsjahre. Es war eine ereignisreiche Zeitspanne. Erinnert sei nur an die beiden Weltkriege, die Inflation, Hitlers Machtergreifung, den Zusammenbruch des Staates, die Viermächteteilung Berlins und die Blockade West-Berlins.
Im Jahre 1893 hatte Berlin 1.692.172 Einwohner, wobei in dieser Zahl 23.484 Personen enthalten waren, die dem Militär angehörten. In demselben Jahr wurden 25.352 Jungen und 24.371 Mädchen, mithin täglich etwa 140 Babys geboren. Zwei Jahre später erblickte irgendwo im Häusermeer der Kaiserstadt Berlin auch der kleine Walter Lehmann das Licht der Welt. Vom 6. – 14. Lebensjahr besuchte das Kind eine Volksschule, um dann 1909 aus der I. Klasse, wie damals noch üblich, entlassen zu werden. Es folgte bis 1912 eine Lehre in Eberswalde, die Lehmann mit Erfolg als Handlungsgehilfe in einem Kolonialwaren- und Delikatessengeschäft abschloss. Im genannten Ort wie auch in Angermünde arbeitete Lehmann dann bis 1914 im erlernten Beruf.

Noch vor Ausbruch des 1. Weltkrieges (2.8.1914) meldete sich Lehmann beim Militär zu einem freiwilligen Eintritt. Hierfür benötigte er eine Erlaubnis des Zivilvorsitzenden der Ersatz-Kommission des Aushebungsbezirks Angermünde, die ihm am 11.5.1914 für einen freiwilligen Diensteintritt für 2 – 4 Jahre erteilt wurde. Vom September 1914 bis Dezember 1918 diente er bei der Matrosenartillerie in Kiel und beim Marinekorps in Flandern. Vom 1.3. – 8.5.1919 gehörte Lehmann kurze Zeit der Streifabteilung der Brigade Reinhard an, um dann am 6.6.1919 als Unterwachtmeister zur neu gegründeten Sicherheitswehr zu wechseln. Aus dieser entstand die Sicherheitspolizei, deren Angehörige grüne Uniformen trugen. Der Sicherheitspolizei folgte in Berlin die Schutzpolizei. Lehmann wurde am 1.9.1920 zum Wachtmeister beförderte. Er verrichtete seinen Dienst bei der 1. Hundertschaft der Polizei-Abteilung Tegel. Durch Bestallungs-Urkunde v. 20.6.1921 erfolgte eine Ernennung zum etatmäßigen Polizei-Wachtmeister der Schutzpolizei in Berlin, nachdem Lehmann seine Befähigung nachgewiesen und Proben seiner „Geeignetheit“ abgelegt hatte. Am 1.4.1923 erfolgte eine Beförderung zum etatmäßigen Polizei-Oberwachtmeister.
Im Oktober und November 1923 besuchte der Oberwachtmeister einen abgekürzten Beförderungslehrgang, den er mit dem Gesamturteil „gut“ abschloss. Dabei wurde er sogar von der mündlichen Prüfung befreit.
Vom Mai 1924 – März 1926 besuchte Oberwachtmeister Lehmann beim Kommando der staatlichen Schutzpolizei in Berlin einen Unterrichtskurs für Zivildienst-Anwärter, dessen Prüfung er bestand.
Während dieser Zeit heiratete Lehmann im Jahre 1925. Seine Frau Anna kam aus Schlesien. Das Ehepaar wohnte in Neu-Heiligensee. 1927 stellte sich Nachwuchs ein.
Am 1.4.1928 wurde Walter Lehmann erneut befördert. Nun war er Hauptwachtmeister und unkündbar angestellt. Interessant sind auch Angaben über das Diensteinkommen. So hatte der Polizist bis 31.3.1928 ein ruhegehaltsfähiges Diensteinkommen von jährlich 2946 RM. Hiervon hätten ihm ab 1.4.1928 im Falle einer Entlassung im 1. Jahr 6/8 als Übergangsgebührnisse, im 2. Jahr 5/8 und im 3. Jahr 4/8 zugestanden. Doch diese Beträge ruhten natürlich, weil er ja weiter beschäftigt wurde.
Zu Beginn der 1930er Jahre zog die Familie Lehmann von Neu-Heiligensee nach Neu-Tegel. Hier hatte zu dieser Zeit die „Roland“, Gemeinnützige Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft, in einem ganzen Komplex Wohnbauten errichtet. Vermutlich war für die Familie nun ein Lebensabschnitt erreicht, mit dem sie zufrieden war. Während seiner Zugehörigkeit zur Schutzpolizei war Walter Lehmann bis 1925 im Revier-Einzeldienst und seitdem im Revier-Abschnitts- und Kommandobürodienst tätig. Am 20.4.1941 erfolgte eine Beförderung zum Meister. Zwischenzeitlich hatte bekanntlich am 1.9.1939 der zweite Weltkrieg begonnen. Lehmann arbeitete nun in der Abteilung Luftschutz. Ab 21.6.1944 war er Revierleutnant. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass Lehmann zu keinem Zeitpunkt Mitglied der NSDAP oder einer ihrer zahlreichen Gliederungen war.
Für den 1945 fast 50-jährigen Walter Lehmann war es besonders tragisch, dass er als Angehöriger der Schutzpolizei noch kurz vor der Kapitulation des Deutschen Reiches, die am 8.5.1945 erfolgte, ab 20.4.1945 unter dem Oberbefehl der Wehrmacht zur Verteidigung Berlins eingesetzt wurde. Der Verband, dem Lehmann angehörte, wurde versprengt. Im Bereich Schiffbauerdamm und Friedrich-Karl-Ufer (Lessing-Theater) sollte die Weidendammer Brücke verteidigt werden. Hier geriet der Polizist am 2.5.1945 in sowjetische Gefangenschaft. Ab 2.10.1945 war er in einem Lager in Posen, es folgte dann ein Lageraufenthalt in Estland. Die Kriegsgefangenschaft währte über vier Jahre.
Während dieser Zeit hatte Lehmanns Ehefrau Anna kein Einkommen. Nur durch Verkauf von Möbelstücken, Bekleidung und Hausrat bestritt sie ihren Lebensunterhalt. Vielleicht war auch ein kleiner Garten vorhanden, denn am 11.9.1949 schrieb Walter Lehmann in einem Brief aus der Kriegsgefangenschaft u. a.: Die Erdbeeren kannst Du ja einwecken. Eine Handvoll lohnt sich ja schon. Kurze Zeit nach Absendung der Kriegsgefangenenpost wurde Lehmann am 30.9.1949 entlassen und traf am 5.10. abgemagert und krank in Berlin ein.
Lehmann wollte nach der Rückkehr wieder bei der Schutz- oder Verwaltungspolizei arbeiten. Doch zunächst wurde er nicht eingestellt. Vielmehr musste er sich arbeitslos melden und Arbeitslosenunterstützung bzw. -fürsorge beantragen. Erst später, ab 1.12.1950, wurde er wieder bei der Polizei eingestellt, und zwar im Angestelltenverhältnis bei der Wachpolizei des Französischen Sektors von Berlin. Vorerst galt eine Probezeit von 3 Monaten und eine Verlängerung im Falle der Bewährung. Lehmann war verpflichtet, in einem der westlichen Sektoren Berlins zu wohnen und seinen gesamten Haushalt dort zu führen. Die Ehefrau und Kinder durften nicht im sowjetisch besetzten Sektor Berlins oder in der sowjetisch besetzten Zone wohnhaft sein. Doch die Familie Lehmann wohnte ja ohnehin weiter in Neu-Tegel. Das Netto-Einkommen betrug zu dieser Zeit 236 DM. Davon mussten fast ein Drittel für Miete, Strom und Gas sowie fast die Hälfte für Lebensmittel ausgegeben werden. Da verwundert es nicht, dass größere unvorhergesehene Ausgaben für finanzielle Probleme sorgten. Gerade bei Heimkehrern aus der Kriegsgefangenschaft waren das oft Zahnbehandlungskosten, weil während der Internierung keine angemessene Versorgung erfolgte.
Lehmann schied am 30.11.1952 aus dem Dienst der Wachpolizei aus, weil er von der Schutzpolizei übernommen wurde. (Schwarze) Uniformstücke, Dienstausweis und den Polizei-Fahrtausweis musste er zurückgeben. Interessant ist auch, dass damals im behelfsmäßigen Personalausweis der Bewohners West-Berlins noch eine Berufsangabe stand. Lehmann wurde daher beim Ausscheiden als Wachpolizist aufgefordert, die Berufsangabe auf seinem Wohnrevier berichtigen zu lassen.
Ab 1.12.1952 galt für Walter Lehmann das Landesbeamtengesetz vom gleichen Jahr. Nach Artikel 131 des Grundgesetzes hatte er einen Anspruch, wieder nach seinem Rechtsstand vom 8.5.1945 beschäftigt zu werden. Lehmann wurde dadurch Polizei-Obermeister.
Ende gut, alles gut? So könnte man meinen, denn Lehmann hatte ja nun beruflich das erreicht, was er 1945 durch den unseligen Krieg aufgeben musste. Doch es kam anders. Die in der Kriegsgefangenschaft aufgetretene Krankheit nahm so zu, dass seine Polizeidienst-Untauglichkeit festgestellt wurde. Lehmann wurde mit Ablauf des 30.6.1953 aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand versetzt. Als Ruhegehalt standen ihm 75 % der ruhegehaltsfähigen Dienstbezüge zu. Monatlich waren das rund 380 DM, die versteuert werden mussten. Zudem musste Lehmann bei der damaligen Krankenversicherungsanstalt Berlin (KVAB) eine freiwillige Mitgliedschaft beantragen.
Der Polizei-Obermeister im Ruhestand verstarb 1957 im Alter von 62 Jahren. Wann die Witwe Anna Lehmann starb, ist nicht bekannt.
Abschließend noch eine willkürlich erstellte Tabelle mit Preisen aus den 1950er Jahren:

Die genannten Preise werden aussagekräftiger, wenn man bedenkt, dass das Netto-Einkommen von Walter Lehmann zu Beginn der 1950er Jahre bei 236 DM lag. Von der Vergütung im Ruhestand (380 DM brutto) bestritt dann das Ehepaar seinen Lebensunterhalt.

Gerhard Völzmann

Der Name Waldhaus erinnert vielleicht spontan an eine im Grünen gelegene Ausflugsgaststätte. Auch in Tegel gab es über Jahrzehnte ein Waldhaus, bei dem es sich jedoch um eine Privat-Heil- und Pflegeanstalt für nerven- und gemütskranke Frauen handelte. Dieser kleine heimatkundliche Beitrag beschäftigt sich mit der Chronik der Einrichtung.
Unser Rückblick führt uns in die Zeit um 1890. Ein Fräulein Anna Thiede hatte in Westend, Spandauer Berg 2, die zuvor Aschteonloff´sche Privat-Irrenanstalt, so die damalige Bezeichnung, übernommen. Sie leitete ihren neuen Besitz als Vorsteherin. Doch schon bald reiften Pläne, nach Tegel zu gehen. Sie erwarb ein Grundstück in der Bernauer Straße, die zu dieser Zeit bis auf das Städtische Wasserwerk mit seinem Beamtenwohnhaus und dem Restaurant zum Waldkater von Bernhard Korla noch unbebaut war. Amtsvorsteher Ludwig Brunow hatte im März 1894 eine Baugenehmigung für die Errichtung eines zweistöckigen Gebäudes an der Ecke zur Spandauer Straße (heutige Neheimer Straße) erteilt. Im Zusammenhang mit dem Neubau schien die Wasserversorgung des Neubaus ein Problem zu werden. Die Gemeinde Tegel besaß nämlich zu dieser Zeit noch kein Wasserwerk. Doch ganz in der Nähe befand sich ja das Wasserwerk der Stadt Berlin. Es belieferte aber über eine Druckrohrleitung nach Westend von dort aus nur die Bewohner Berlins mit Trinkwasser. Anna Thiede richtete am 24.6.1894 ein Ersuchen an das Kuratorium der städtischen Wasserwerke, ihre künftige konzessionierte Krankenanstalt mit Trinkwasser des diesseitig gelegenen Wasserhebewerks zu versorgen. Die Stadtverordnetenversammlung beschloss nach dem Antrag des Magistrats am 20.12. d. J. die Lieferung von Wasser nach dem für Berlin geltenden Tarif. Die Rohrleitung vom Grundstück des Wasserwerks bis zu ihrem Neubau musste Thiede auf eigene Kosten verlegen lassen und zudem eine Kaution zur Sicherung der Wasserlieferung stellen. Aus der späteren Zeitspanne v. 1.4.1898 – 31.3.1899 ist bekannt, dass das Waldhaus, wie die Vorsteherin ihre Heilanstalt nannte, 1060 m3 Wasser verbrauchte.

Sehen wir uns nun die Gebäude und das Grundstück an. Im Keller des Haupthauses befanden sich eine Waschküche und Vorratsräume, im Erdgeschoss die Thiede´sche Wohnung sowie Patienten-Aufenthaltszimmer. Im Obergeschoss lagen (vergitterte!) Patientenzimmer, ein Speisesaal, je ein Lazarett-, Wäsche- und Isolieraum sowie ein Badezimmer. Das ausgebaute Dachgeschoss verfügte über Patientenräume, zwei Zimmer für Wärterinnen und einige, die als Reserve dienten.
Ein Stallgebäude konnte ein Pferd, eine Kuh, Schweine und Hühner aufnehmen. Ferner war eine Leichenhalle vorhanden.
Das Grundstück hatte hinter den genannten Gebäuden einen Garten für die Patientinnen, während davor, also an der Bernauer Straße gelegen, ein Garten für leichter Erkrankte, ein Garten für Privat-Patientinnen(!) und vor dem Stallgebäude ein Gemüsegarten angelegt waren.

Lageplan aus dem Jahre 1908

1902 wandte sich Anna Thiede an den Berliner Magistrat, um einen Grundstückstausch vorzuschlagen. Es handelte sich um eine 52 m² große Parzelle ihres Grundstücks, die mit zwei Spitzen in das Grundstück der im Entstehen begriffenen neuen Städt. Gasanstalt hineinragte. Umgekehrt besaß der Magistrat ein gleich großes Terrain in der Form eines dreieckigen, an der Bernauer und Spandauer Straße gelegenen Zipfels. Die Stadtverordnetenversammlung war im Januar 1903 mit dem Tausch einverstanden. Beide Seiten übernahmen die Hälfte der Kosten und Gebühren.
Für die Jahre ab 1904 stehen – mit Unterbrechungen – Statistiken über das Waldhaus zur Verfügung.

Jahr Ort und Name der Anstalt Eingerichtete Plätze Verpflegte Gestorbene
1904 Tegel. Thiede, Irrenanstalt 50 50 2
1905 Tegel. Thiede, Irrenanstalt 50 50 4
1907 Tegel, Sanatorium Waldhaus 50 59 1
1908 Tegel, Sanatorium Waldhaus 64 81 5
1909 Tegel, Sanatorium Waldhaus 64 99 14
1910 Tegel, Sanatorium Waldhaus 64 104 7

Danach überstieg zumindest ab 1907 die Zahl der (nur für Frauen!) eingerichteten Plätze die der Verpflegten. Offenbar wurden Patientinnen auch ambulant betreut. Auffällig ist die hohe Zahl der 1909 Verstorbenen.

1907 ließ Frl. Thiede noch einen dreigeschossigen Erweiterungsbau mit Patientinnen-Zimmern errichten. Im gleichen Jahr begann der jüdische Dr. med. Paul Cohn, genannt Horn, am 1.4. eine Tätigkeit als Nervenarzt in der Tegeler Einrichtung. Am 7.11.1907 wurde er Besitzer und leitender Arzt der Privat-Heil- und Pflegeanstalt für nerven- und gemütskranke Damen. Unter Amt Tegel Nr. 28 war das Waldhaus telefonisch zu erreichen.

Die Berliner Adressbücher sagen aus, dass der Arzt unter dem Namen Dr. Paul Cohn, in Berlin N, Elsasser Straße 84 wohnhaft, ab 1903 als Nervenarzt bzw. Spezialarzt für nervöse und Stimmungsleiden in Charlottenburg praktizierte. Die Praxisstandorte wechselten mehrfach. So befanden sich die Praxis

1903 Savignyplatz 6, 1904 Kantstraße 25, 1905-1909 Savignyplatz 3,
1910-1912 Lietzenseeufer 1, 1913-1914 Trendelenburgstraße 17 und
1915-1916 Kantstraße 76.

Die Sprechzeiten lagen anfangs nur bei 1-2 Stunden an den Nachmittagen, zuletzt bei den Uhrzeiten 10 ½ – 11 ½ und 16 – 17 sowie sonntags 12 – 13. Wie bereits erwähnt, benutzte der Arzt hier bis 1916 den Namen Cohn, während er im Waldhaus ab 1907 den Namen Horn trug.

Kehren wir in unseren Betrachtungen damit zur Tegeler Einrichtung zurück.

Die folgende weitere Tabelle beinhaltet Angaben, für die keine Erklärungen möglich sind. So ist nicht bekannt, warum von 1910 zu 1911 die Zahl der eingerichteten Plätze um 50 reduziert wurde. Auffällig ist zudem die für 1917 genannte Zahl von 19 verstorbenen Patientinnen.

Jahr Ort und Name der Anstalt Eingerichtete Plätze Verpflegte Verpflegungstage Gestorbene
1911 Tegel. Sanatorium Waldhaus 14 27 3410 2
1914 Tegel. Sanatorium Waldhaus 18 32 4861 ?
1915 Tegel, Sanat. „Waldhaus“, Irrenanstalt 18 33 7217 2
1916 Tegel, Sanatorium Waldhaus 23 45 7183 5
1917 Tegel, Sanatorium Waldhaus 64 69 16491 19

Im Waldhaus wie in anderen vergleichbaren Häusern kam es gelegentlich vor, dass Patientinnen die Einrichtung eigenmächtig verließen. So berichtete eine Berliner Zeitung am 10.12.1916:
Die geisteskranke Frau Martha H. aus Neukölln, die seit Sonntag früh dem Sanatorium Waldhaus in Tegel entwichen ist, irrt anscheinend noch immer in den Straßen Groß-Berlins umher. . . . Der Ehemann bittet, die Kranke schonend anzuhalten und sie dem nächsten Polizeibureau zu übergeben.

Die abgebildete Kleinanzeige vom Dezember 1917 sagt aus, dass das Waldhaus zu dieser Zeit nicht voll belegt war. Die Wortwahl „freiwillige Pensionäre“ bedeutete möglicherweise auch, dass jetzt nicht nur Frauen aufgenommen wurden.

Zumindest kurzfristig praktizierte Dr. Horn noch 1920 als Arzt für nervöse und seelische Leiden zusätzlich in seiner „Sprechstunde Berlin, Bayreuther Straße 43“ täglich außer montags und donnerstags in der Zeit von 17.30 bis 19 Uhr.

Dr. Horn wird bis zur Ausgabe 1938 der Adressbücher als Eigentümer des Waldhauses aufgeführt. Er verstarb 1937 oder 1938. In einer am 25.4.1938 vom Oberbürgermeister Dr. Lippert gefertigten „Vorlage an die Ratsherren über den Erwerb des im Ortsteil Tegel, Bernauer Straße 128 bis 130, Ecke Eisenhammerweg, belegenen Sanatoriums Waldhaus“ wurde über das genannte Grundstücks in Größe von 10346 m² berichtet. Von den Hornschen Erben war es zu einem Preis von 130000 RM nach Maßgabe der urkundlichen Vertragsangebote v. 14.12.1937, 21.2.1938 und 28.3.1938 zum Kauf vorgesehen. Die Erwerbskosten erhöhten sich noch um 7500 RM durch Nebenkosten und Grunderwerbssteuer.

Der nicht mehr wirtschaftliche Betrieb, so die Angabe in der Vorlage, wurde von dem inzwischen verstorbenen jüdischen Nervenarzt der Stadt zum Kauf angeboten. Der Preis von 130000 RM einschließlich Inventar wurde als niedrig bezeichnet. Grund und Boden, die Baulichkeiten und die Einrichtung hatten nach Feststellung der Bezirksverwaltung einen Gesamtwert von 200000 RM. Die Gebäude mit etwa 40 Räumen, die Stallungen und eine Garage wurden als im guten Zustand befindlich angesehen. Eine Liegewiese, ein Wirtschaftsgarten und Parkanlagen wurden mit erwähnt. Das Landes-Wohlfahrts- und Jugendamt schlug eine weitere Nutzung als Altersheim vor. Notwendige Umbauten wurden mit nur 7500 RM Kostenaufwand beziffert, eine erste Einrichtung mit 11500 RM. Die Stadt sollte die Auflassung schulden- und lastenfrei bis zum 1.8.1938 übernehmen. Dazu war aber eine Verlegung der Kranken auf Kosten der Verkäufer bis zum genannten Tag erforderlich. 1000 RM konnte die Stadt für die Erfüllung dieser Verpflichtung bis zur Schlüsselübergabe vom Kaufpreis einbehalten.

Zu dieser Zeit waren im Sanatorium ein Mann und 11 Frauen beschäftigt. Der Stadt blieb es überlassen, diese Kräfte evtl. zu übernehmen.

Es ist davon auszugehen, dass das Waldhaus so unter den geschilderten Bedingungen verkauft wurde. Bei der Differenz zwischen dem Verkaufspreis von 130000 RM und dem Schätzwert von 200000 RM dürfte eine Rolle gespielt haben, dass hier jüdisches Eigentum verkauft bzw. gekauft wurde.

Nachfolgend wurde die Baulichkeit als Altersheim genutzt. Im Kriege beschädigt, erfolgte nach einer Instandsetzung eine Einrichtung als Kinderheim. Dann war das Haus bis zum Abriss im Jahre 1970 erneut eine Unterkunft für alte Menschen. Heute stehen an dieser Stelle auf einem erweiterten Gelände Wohnhochhäuser.

Mehr über die Geschichte Tegels einschließlich der des Waldhauses kann dem kürzlich vom Förderkreis für Bildung, Kultur und internationale Beziehungen herausgegebenen zwei Bänden „Tegel“ aus der Reihe „Chronik des Bezirkes Reinickendorf“ von Klaus Schlickeiser entnommen werden.

Gerhard Völzmann

 

Es gibt sie noch, die Krippenspiele, die während der Gottesdienste am Heiligen Abend aufgeführt werden. Gerade Kindern wird hier die Weihnachtsgeschichte, die bekanntlich von der Geburt Jesu handelt, gut veranschaulicht. Vielleicht erinnern Sie sich ja noch an den Heiligen Abend des Vorjahres, als in der Kirche gleich der erste Gottesdienst mit einem Krippenspiel zum Mitmachen begann. Von den Krippenspielen unterscheiden sich übrigens Weihnachtsspiele dadurch, dass hier weitere biblische Szenen gezeigt werden. Weihnachtsspiele haben eine lange Tradition. So wurden geistliche Schauspiele bereits im Mittelalter zur Weihnachtszeit in ganz Deutschland veranstaltet. Doch im Laufe der Zeit arteten sie aus. Besonders für die Jugend wurden die Spiele Anlass und Vorwand für unnütze Streiche, die mit der kirchlichen Umgebung, in der sie dann stattfanden, im schlimmen Widerspruch standen. Auch in Berlin war das so. Als Folge wurde 1574 eine Verordnung erlassen, nach der der Rat der Stadt angewiesen wurde

die bösen Buben, so in der Christnacht in den Kirchen
alle Büberey verüben, durch die Stadt-Diener herausjagen
oder in die Thürme setzen zu lassen, damit
Zucht in den Kirchen zu erhalten und die Gottfürchtigen
an ihre christlichen Gebete nicht mögen gehindert
noch geärgert werden.

Weihnachtsspiele wurden auch am kurfürstlichen Hof aufgeführt. Junge Prinzen und Prinzessinnen des kurfürstlichen Hauses boten zusammen mit Kindern adliger Familien des Landes 1589 eine „kurze Comedie von der Geburt des Herrn Christi“ dar, die der Musikus Georg Pondo verfasst hatte. Aus dem Jahre 1611 ist überliefert, dass von den Söhnen und Töchtern der kurfürstlichen Familie zu Weihnachten ein „Kinder-Katechismus“ aufgeführt wurde. Er hatte in Fragen und Antworten die Geburt Christi nach der Lehre der Heiligen Schrift zum Gegenstand.

Doch dann nahmen wieder Mummenschanz und Narrenpossen zum Christfest so überhand, dass der Große Kurfürst dem Treiben am 17.12.1686 mit einem nachdrücklichen Verbot belegte. Es hieß hierin:

Nachdem viele Prediger und andere vielfältig geklagt,
daß gegen die Weihnachts-Feste mit dem sogenannten
heiligen Christ viel sehr ärgerliche Dinge vorkommen,
sogar Comedien und Possenspiele dabei gemacht
und getrieben werden: Se. Churfl . Durchl. Unser
gnädigster Herr aber solche Aergernis durchaus
abgeschaffet wissen wollen. Als befehlen Namens
Deroselben Wir Euch solche Aergernis gäntzlich abzuschaffen,
und darüber ernstlich zu halten.

Die Wirkung dieser Worte hielt aber wohl nicht lange an, denn schon am 18.12.1711 mahnte König Friedrich I. in Preußen die Berliner zu weihnachtlichem Ernst mit folgenden Zeilen:

Weil mit denen Lichter-Cronen
auf den Christabend viel Gaukeley
Kinderspiel und Tumult
getrieben wird: als befehlen wir
Euch hiermit nicht allein solche
Christ- und Lichterkronen gäntzlich
abzuschaffen. Sondern
auch die Christ-Messen nicht des Abends, sondern
des Nachmittags um 8 Uhr zu halten.

Den Übermut der Berliner konnte aber auch diese Verordnung auf Dauer nicht zügeln. So wundert es nicht, dass vor dem Weihnachtsfest von 1739 König Friedrich Wilhelm I. noch am 23.12. ein Edikt erließ, nach dem die „Christabend-Ahlefanzereien“ 1, besonders das öffentliche Tragen von Masken und die Verkleidung als Knecht Ruprecht und Engel Gabriel auf das strengste untersagt wurde.

Aus den geistlichen Schauspielen mit ihrem Ursprung im Mittelalter entwickelte sich im gewissen Sinne das Theater, das wir heute kennen. Weltliche Schauspiele entstanden. Damit gerieten auch die Berliner Weihnachtsspiele in Vergessenheit. Teils kamen als Weihnachtsspiele in den Theatern Berlins zu Beginn des 20. Jahrhunderts dramatisierte Märchen für die Kinderwelt zur Aufführung.

Gerhard Völzmann

Es gab einmal eine Kneipe in Tegel, die alle kannten, obwohl kaum jemand hinging. Ja, Eltern verboten ihren Heranwachsenden, erst recht den Mädchen, diese Kneipe aufzusuchen: die „Kajüte“. Die Kajüte war übel beleumdet und stand unter Beobachtung der Kripo. Warum?

Hier trafen sich gewisse junge Leute gleichen Lebensstils, durchschnittlich einhundert, Mädels waren auch dabei, meist am Wochenende, aber auch schon am Donnerstag. Manchmal – es war wohl 1957 – starteten donnerstags bis zu 100 Motorräder von der „Kajüte“ aus zu ihrer Fahrt durch die Stadt, zur „Bierschwemme“ in Schöneberg oder zum „Ri fi fi “, zu Kneipen ähnlichen Rufs wie die „Kajüte“ in Tegel. Für die Polizei stellte ein solcher Aufmarsch von Halbstarken, wie man sie damals nannte, eine echte Herausforderung dar, sie sah darin auch eine Verkehrsgefährdung.

Wen man heute alteingesessene Tegeler fragt, bekommt man immer die gleiche Antwort: „Klar kenn ich die Kajüte.“ Nachfrage: „Und – haben Sie dort verkehrt?“ – „Nein, natürlich nicht. Das durfte ich nicht. Eltern munkelten sogar von Prostitution.“

War die „Kajüte“ wirklich so schlimm und gefährlich? Die, die sie aufsuchten, wollten tanzen, wild tanzen; dort gab es Rock `n` Roll aus der Juke-Box. Also war die „Kajüte“ ein wenig Teil derrebellischen Jugendkultur. Aber nicht nur das. Hier trafen sich auch die Schlachtergesellen aus Tegel und aus Spandau. Man maß gelegentlich seine Kräfte. Die einen trainierten im Spandauer Box-Club, die anderen im Borsigwalder namens BC Concordia.

Die Spandauer Schlachtergesellen sollen besonders kräftig gewesen sein. Wer den Kürzeren zog und unterlag, wurde gelegentlich ins Wasser geworfen.

Und wo fand man die „Kajüte“? Sie war eine Kellerkneipe im „Tusculum“, einem großen renommierten Ausflugslokal, 1910 an Stelle eines einfacheren Vorgängerbaus errichtet – ungefähr dort, wo heute die Seeterrassen stehen. Im „Tusculum“ musste man in anständiger Kleidung erscheinen, die „Kajüte“ hingegen zählte zu den Kutscherkneipen, in denen nach altem Brauch auch die Kutscher mit aufgekrempelten Hemdsärmeln ihr Bier bekamen und sich mit anderen Kutschern trafen. Kellerkneipe – das verströmte schon ein wenig Atmosphäre von Verruchtheit. Hinzu kam, dass das Tusculum im Krieg teilweise zerstört worden war. Nur in der „Kajüte“ konnte der Betrieb aufrechterhalten werden. Kellerkneipe in einer Ruine – das schuf noch mehr Atmosphäre.

Der Besitzer einer Leichtmetallgießerei, Ingenieur Walter Koch, hatte große Pläne: Mit sozialem Wohnungsbau ließ sich Geld verdienen, es gab immer noch zu wenig Wohnungen in Berlin-West, obwohl doch nach Chruschtschow-Ultimatum und Mauerbau viele Betuchte die Stadt verließen, weil sie nicht daran glaubten, dass der Westen West-Berlin gegen „die Russen“ verteidigen würde. Also Wohnungsbau am Tegeler See. Dazu mussten die Ruine des Tusculum und das „Strandschloss“ abgerissen werden. Und die „Kajüte“ mit. So ging ein Stück Tegeler Untergrund verloren. Anstelle des Tusculums ließ Walter Koch das Gebäude für die beiden Großrestaurants „Seeterrassen“ und „Palais am See“ errichten, dichter ran ans Wasser für den schönen Ausblick. Als Architekten engagierte Koch den gebürtigen Tegeler Heinz Schudnagies, geboren in Alt-Tegel 12. Schudnagies durfte den Wohnkomplex aus Neptun und Nixe, die „Seeterrassen“ plus „Palais am See“ und später noch das „Hotel garni“, wie das „Hotel am Tegeler See“ damals hieß, direkt gegenüber den „Seeterrassen“, entwerfen – und noch manchen anderen Bau in Tegel. Die „Seeterrassen“ erhielten im Keller auch eine Kegelbahn. Diese Kegelbahn gibt es heute immer noch – in Räumen neben der „Hafenbar“. Die Hafenbar ist in gewisser Weise die Nachfolgerin der „Kajüte“. Auch wenn es heute dort gesitteter zugeht, zu Rock `n` Roll-Musik wird nach über 60 Jahren wieder getanzt.

Meinhard Schröder

In Kreisen, die Alexander von Humboldt nahe standen, kursierte Ende Januar 1859 eine eigentümliche Anekdote. Der Naturforscher und Gelehrte besaß seit Jahren einen „kohlschwarzen“ Papageien, den er vom Großvater der Prinzessin von Preußen geschenkt bekommen hatte. Von Humboldt liebte ihn sehr. Am 27.1.1859, als von Humboldt von einem Diner nach Hause kam, saß der Vogel traurig auf seiner Käfigstange. Der Gelehrte trat auf ihn zu mit der Frage: „Nun, Jakob, wer von uns beiden wird wohl zuerst sterben?“ – „Exzellenz“, so der anwesende Kammerdiener, „sprechen Sie doch zu einem Vogel nicht von so ernsten Sachen!“ Von Humboldt wandte sich ab und nahm ein Buch zur Hand. Eine halbe Stunde später drehte sich der Papagei plötzlich um, sah nach seinem Herrn – und fiel tot von der Stange.

Alexander von Humboldt

Ob Alexander von Humboldt zu dieser Zeit bereits etwas von seinem eigenen nahen Lebensende wusste oder ahnte? Alexander Freiherr von Humboldt, am 14.9.1769 in Berlin geboren, lebte in den letzten Jahrzehnten fast zurückgezogen bald in der Berliner Oranienburger Straße 67, bald auf dem Familiengut in Tegel. Betreut wurde er von seinem langjährigen Diener und Reisebegleiter Seyffert. Der größte Gelehrte der Neuzeit verstarb nach kurzer Krankheit am 6.5.1859 um 16 Uhr im neunzigsten Lebensjahr in Berlin. Das Leichenbegängnis fand vier Tage später statt. Die Oranienburger Straße war am 10.5. „für das große Publikum“ abgesperrt. Die meisten Häuser der Straße trugen Trauerfahnen. Das Trauergefolge warf einen letzten Blick auf den Verstorbenen, der in einem einfachen Eichensarg ruhte. Das Arbeitszimmer Humboldts, in dem der Sarg stand, war mit Fächerpalmen und blühenden exotischen Gewächsen geschmückt. Nach 8 Uhr wurde der Sarg auf den mit 6 Pferden bespannten Trauerwagen gehoben, der Zug setzte sich in Bewegung. Eröffnet wurde dieser von den Dienern des Verstorbenen und der Familie Humboldt. Es folgten etwa 600 Studierende der Friedrich-Wilhelms-Universität, ein Musikkorps und die Berliner Geistlichkeit, unter ihnen der Generalsuperintendent Hoffmann. Die zahlreichen Orden von Humboldts wurden auf samt-roten Kissen getragen. Der Sarg war mit Palmenzweigen, Lorbeerkränzen und einem Kranz aus weißen Azalienblüten geschmückt. Die Leidtragenden, die nun dem Sarg folgten, können hier nicht alle aufgeführt werden. Mit General-Feldmarschall von Wrangel, Fürst von Radziwill, Graf v. d. Groeben, den Mitgliedern beider Häuser des Landtages, den höheren Staatsbeamten, den Mitgliedern der Akademie der Wissenschaften und Oberbürgermeister Krausnick werden hier nur wenige Personen bzw. Personengruppen genannt. Die lange Reihe der nachfolgenden Equipagen eröffneten die mit acht Pferden bespannten Galawagen des Königs und der Königin.

Vor dem Friedrichs-Gymnasium in der Friedrichstraße standen alle Schüler. Als sich der Zug näherte, stimmten sie „Jesus meine Zuversicht“ und „Es ist bestimmt in Gottes Rat“ an. Kopf an Kopf drängten sich die Menschen, alle Fenster der Häuser waren dicht besetzt. Unter den Linden, an der Universität vorbei, ging der Trauerzug dem Dom zu. Vom Haupteingang aus wurde der Sarg zum Altar getragen und dort auf einer Estrade niedergesetzt. Zu beiden Seiten wurden Ordenskissen niedergelegt. Der Raum am Altar war reich mit Palmen und blühenden Gewächsen geschmückt, auf vier mächtigen Kandelabern brannten zahlreiche Wachskerzen. Dem Sarg zunächst nahmen die Leidtragenden und die königlichen Prinzen Platz, während die Prinzessinnen, Friedrich Wilhelm, Karl, Friedrich Karl und Friedrich von Hessen der Feier in der königlichen Loge beiwohnten. Die Trauerrede hielt Generalsuperintendent Hoffmann. In kurzen Zügen versuchte er, ein Bild Alexander von Humboldts darzustellen. Die großartige Milde und Humanität, die allumfassende Liebe, die Herzensgüte und die zartsinnige Harmonie von Humboldts betonte er, aber auch die Zurückhaltung des Verstorbenen, wenn es galt, die Resultate seines Wissens und Erkennens mit den Resultaten der Offenbarung und des kirchlichen Glaubens zusammenzustellen, zu vergleichen und in Einklang zu bringen. Mit je einem von der Gemeinde und dem Domchor gesungenen Lied endete die Trauerfeier.

Auch am Abend, als in einem kleinen Zug der Verstorbene nach seiner letzten Ruhestätte in Tegel überführt wurde, säumten zahlreiche Berliner die Straßenränder, um von Humboldt mit entblößtem Haupt ihre Ehre zu erweisen. Doch dann kam es zu unglaublichen Vorfällen. Im Verlauf des Weges, den der Leichenwagen nahm, kam immer mehr eine „bestialische Horde“ an Menschen hinzu. „Damals fehlte nur wenig, daß sich der Pöbel der Leiche des großen Todten bemächtigte, um sie zum Entsetzen der Welt auf den Markt zu schleudern. Frauenzimmer, mit aufgelöstem Haar, barfüßig, bemächtigten sich damals des Leichenwagens, machten sich auf demselben breit und sangen die gemeinsten Straßenlieder.“ Dieser Exzess währte bis über die sogenannte Weichbildgrenze Berlins hinaus, die sich zu dieser Zeit Chausseestraße Ecke Liesenstraße befand. Die Polizei rührte sich nicht, ließ den Pöbel gewähren. Die Presse war übrigens rücksichtsvoll genug, indem sie der empörenden Greuelszenen in ihrer Berichterstattung nicht gedachte. Erst wenig später, als es vor dem Grundstein des Schillerdenkmals zu einem Pöbelexzess kam, wurde auch über die Geschehnisse anlässlich der Überführung Alexander von Humboldts nach Tegel berichtet.

Am 11.5. erfolgte die Beerdigung Alexander von Humboldts. Der General der Kavallerie, von Hedemann, führte als Haupt der Familie die Trauerfeier an. „Ministerin“ von Bülow, Fürst von Radziwill sowie eine zahlreiche Menge an bedeutenden Personen, Gelehrten, Künstlern und Privatleuten, die in inniger Teilnahme an dem Verstorbenen gebunden waren, hatten sich am Tegeler Schloss eingefunden. Auch viele Hauptstädter sowie die ganze Gemeinde von Tegel waren anwesend. Drei Geistliche, Superintendent Hoffmann, der auch für Tegel zuständige Pfarrer Horn aus Dalldorf wie Pfarrer Schulz aus Heiligensee waren zugegen. Der mit vielen Blumen geschmückte Sarg stand auf einem Katafalk im unteren Hallenraum des Schlosses.

Nach 10 Uhr wurde der Sarg von Männern der Gemeinde auf den Leichenwagen gehoben, der Trauerzug setzte sich in Bewegung. Die Kinder des Dorfes Tegel mit ihrem Lehrer Born führten ihn an. Sie trugen Palmen in den Händen. Das Musikkorps spielte den Choral „Alle Menschen müssen sterben“. Es folgte die Dienerschaft der Verstorbenen. Nun schlossen sich die leidtragende Familie, die bereits weiter oben genannten Persönlichkeiten sowie viele Gemeindemitglieder aus Dalldorf, Heiligensee und Schulzendorf an. Der Weg vom Schloss bis zu jener Stelle, wo der Fußweg zur Begräbnisstelle abzweigt, Lindenallee genannt, lag im ersten Frühlingsgrün. Vom genannten Abzweig an trugen andere Männer der Gemeinde den Sarg zu der Säule mit der Statue der Hoffnung von Thorwaldsen, an der sich die Gräber der Familie befinden. Der Gruft gegenüber sangen die Tegeler Kinder noch einmal den bereits oben genannten Choral. Generalsuperintendent Hoffmann hielt die Trauerrede am Grab, für dessen Ausschmückung am Tag zuvor aus den königlichen Gärten in Potsdam viele hohe Topfgewächse in Körben und eine große Menge an Lorbeer- und Palmenzweigen nach Tegel geschafft wurden. Sodann nahmen die Angehörigen Abschied, gefolgt von all den weiteren Trauergästen. Die Feier schloss mit dem Choral „Jesus meine Zuversicht“, gespielt und gesungen vom Musikkorps und den Kindern aus Tegel. „Ein tiefer Eindruck in allen Gemütern war unverkennbar“, so eine Zeitung zur damaligen Zeit.

Gerhard Völzmann

Der helle Klang seiner tiefen Stimme dringt bis zur Berliner Straße vor, man hört ihn und seine Gitarre von weitem: Elijohn singt, in der Fußgängerzone Gorkistraße, Elijohn Kariuki, 59 Jahre alt, aus Kenia. Und schon von weitem kramen Leute in ihren Portemonnaies, um Kleingeld griffbereit zu haben, wenn sie an der Quelle des Gesangs vorbeikommen. Wem das Herz aufgeht, der öffnet auch den Geldbeutel.

Manchmal sind es ältere Leute, die nicht unbedingt ein fröhliches Gesicht zur Schau tragen, die sich aber plötzlich bücken und ihren Obolus entrichten. Oder junge Frauen, denen der Gesang ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Oder kleinere Kinder, denen die Eltern eine Münze in die Hand gedrückt haben. Etwas schüchtern legen diese Kinder das Geldstück in die grüne Plüschschale auf den Rücken des Spendenhundes, der wie für Karneval ausstaffiert erscheint: mit rosa Bekleidung.

Wenn das Geld im Kasten klingt, … nein hier geht es nicht um Ablass, aber ein wenig springt die Seele doch in den Himmel, wenn Elijohn singt – ob nun gespendet wird oder nicht. Für jede Spende bedankt er sich, er unterbricht den Text seines Liedes und singt zur Melodie auf der Gitarre „Danke für kleine Spende“.

Elijohn spricht kein perfektes Deutsch, er bemüht sich um Verständigung, mit wenigen Worten oder auch ohne Worte. Trotzdem unterhält er sich gern. Und von allen Menschen, die ich mit ihm fotografierte, erhielt ich die Erlaubnis, das Foto von ihnen mit Elijohn zu veröffentlichen.

Wenn Babys vorbeigefahren werden oder kleine Kinder vorbeigehen, sucht er Blickkontakt mit ihnen. Und sie spüren es: Das ist ein Mensch, dem die Freude in den Augen leuchtet. Ja, Elijohn muss ein begnadeter Mensch sein. Aus seiner Religiosität macht er kein Hehl. Er singt Gospels wie “When the Saints go marching in” oder “He got the whole world in his hands”. Dann wird sein Gesichtsausdruck auch schon einmal ernst.

Aber er missioniert nicht, er verbreitet Lebensfreude. „Ein bisschen gute Laune“, ruft er uns zu und „Hakuna Matata“. Das ist Suaheli und bedeutet so viel wie „Alles in Ordnung“ oder „Kein Problem“. Und dann singt er eben, neben anderen, auch dieses afrikanische Lied „Hakuna Matata“, bei uns durch den Disney-Film „König der Löwen“ bekanntgeworden.

In der Weihnachtszeit verkleidete Elijohn sich als Weihnachtsmann, kaum erkannte man ihn an seinem Äußeren, aber natürlich: Seine Stimme ist unverkennbar. Nein, nicht als Missionar ist er unterwegs; oder doch – als Missionar der guten Laune. Gern singt er auch Country-Songs, wohl am liebsten „Country roads, take me home“.

Lachen musste ich, als ich ihn eines Tages „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht“ singen hörte – auf Deutsch! Wer es ihm wohl verraten hat, dass er damit mein Herz höher schlagen lässt? Da bleibe ich wieder stehen und singe lauthals mit. Er nimmt es mir nicht übel, die Spenden landen trotzdem auf seinem Hund, nicht in meiner Tasche.

Natürlich gehen manche Menschen, in Gedanken an ihren Einkauf oder in ein Gespräch vertieft, achtlos vorbei und merken nicht, was ihnen entgeht.

Dabei ist es so leicht, bei Elijohn ein bisschen Frohsinn aufzutanken, der einen in den Tag hineinträgt.

Meinhard Schröder

Die Tegeler Reederei Paul Bauer

Wenn von Schiffen die Rede ist, denkt man sofort an die großen Ozeanliner oder an große Segelschiffe. Wenn dann die Rede auf Tegel kommt, fällt einem vielleicht der MOBY DICK oder der HAVELSTERN ein. Weniger bekannt sind die vielen kleinen Reedereien, für die der Tegeler See in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen ein wahres Paradies war. Einer der bekanntesten dieser Betriebe war die Reederei Paul Bauer. Alle Schiffe dieser Reederei waren klein, zusammen kamen die fünf Schiffe auf 415 Fahrgäste. Soviel kann ein MOBY DICK bequem alleine transportieren. Bis Anfang der 1960iger war der Tegeler See das Mekka der kleineren Fahrgastschiffe. Die großen der Stern und Kreisschiffahrt und der Reederei Winkler kamen erst zu dieser Zeit auf den See.

Die Reederei Paul Bauer mit ihren ONKEL PAUL 1 bis 5 genannten kleinen Booten war auch ein echter Tegeler Betrieb. Keins ihrer Schiffe war über zwanzig Meter lang, trotzdem war Bauers Reederei fast allen Tegelern bekannt. Mit Bauers Schiffen konnten auch für den kleinen Geldbeutel Dampferfahrten gemacht werden. Nicht die Große Rundfahrt (Tegel- Wannsee) stand auf dem Programm, sondern es ging von Tegel zum Strandbad, oder zum Forsthaus Tegel.

Die Reederei Bauer existierte seit 1930. Wie es sich für einen typischen Berliner gehört, stammte Paul Bauer natürlich nicht aus Berlin. Geboren wurde er 1896 in Potsdam. Als Sohn einer in Fürstenwalde/Spree ansässigen Schifferfamilie kam er frühzeitig mit der Schifffahrt in Berührung. Der Betrieb des Vaters war mit einem hölzernen Kahn mit dem Transport von Kies beschäftigt. Meist fuhr er für die Rauensche Ziegelei in Fürstenwalde. Daneben wurde auch Abraum gefahren und Formlehm für die Gießerei nach Tegel zu den Borsigwerken gebracht. Noch nicht zwanzig Jahre alt, erwarb Paul Bauer einen eigenen Kahn, mit dem er dieselben Strecken wie sein Vater befuhr. Bis in die zwanziger Jahre hinein führte Bauer dieses recht mühselige, unstete Schifferleben.

Nach seiner Heirat 1924 und dem Rückgang der Kahntransporte musste er sich neue Gedanken für sein weiteres Leben machen. Die Kenntnisse der Situation in Tegel, einem für den Ausflugsverkehr wie geschaffenen Gebiet, ließen ihn mit seiner Familie nach Tegel ziehen und mit einem 1930 vom Rhein gekauften Fahrgastschiff einen Ausflugsverkehr eröffnen. Dieses Boot, das den Namen ONKEL PAUL bekam, war für 91 Personen zugelassen.In Königswinter 1914 auf der bekannten Schiffswerft Jean Stauf erbaut, war es zunächst in Mainz in Fahrt. Von der Französischen Besatzungsmacht requiriert, fuhr es als Kontrollboot für die alliierte Kontrollkommission bei Königswinter. 1929 kam es nach Köln, wo Paul Bauer es erwarb und per Bahn nach Berlin Tegel brachte.

Bis 1934 erweiterte sich der Betrieb um zwei weitere Boote. Aus Ückermünde konnte Bauer ein zweites Schiff erwerben, das er ONKEL PAUL II nannte. Nun bekam auch das erste Schiff eine Nummer hinter dem Namen, es hieß nun ONKEL PAUL I. Das dritte Boot, logischerweise ONKEL PAUL III benannt, war ein altes Tegeler Boot. Als OSTENDE war es bei Carl Pieper in Fahrt und brachte Badegäste auf die Insel Hasselwerder zum dortigen Strandbad. Wie hieraus zu sehen ist, muss sich Bauers kleiner Betrieb gut entwickelt haben. Trotz der Konkurrenz auf dem See, setzte sich seine Idee eines Ausflugsbetriebes, mit dem von seinen Schiffen Badegäste und Ausflügler zu den Tegeler Strandbädern und Gaststätten gebracht wurden, recht gut durch. Die vier Stationen, die Bauer anlief, Strandbad Tegel, Tegelort, Jörsfelde und Saatwinkel, kollidierten wenig mit denen der anderen Reedereien. Seine Abfahrtstelle, etwas abseits unter der Tegeler Hafenbrücke, erwies sich in dieser Hinsicht auch als günstig. Bauers Reederei, „Motorboote Onkel Paul“ entwickelte sich zu einem äußerst beliebten und zuverlässigen Betrieb.

So kam es, dass schon 1935 die Reederei mit zwei weiteren Booten erweitert werden konnte, die dann neben den Namen ONKEL PAUL die Nummern IV und V bekamen. Diese beiden Boote kamen vom Straussee bei Strausberg. Zu dieser Zeit wechselte Bauer seine Abfahrtstelle auch an das Seeufer zwischen dem Bootshafen und der Sechserbrücke. Nun konnte er an Sonn- und Feiertagen alle 25 Minuten (!) eine Abfahrt ab Tegel anbieten. Bis 1963 existierte die Reederei Paul Bauer in Tegel, er starb 1966.

Das ONKEL PAUL IV erwarb Günter Taube, ONKEL PAUL I wurde 1963 abgebrochen, ONKEL PAUL II überstand den Krieg nicht, es wurde von den Wehrmacht in Russland und Polen eingesetzt und ist dort verschollen. ONKEL PAUL V wurde 1962 zum Sportboot. Lediglich ONKEL PAUL VI hatte in Berlin noch eine längere Zeit vor sich, zuerst als ONKEL PAUL (ohne Nummer), dann als Verkaufsboot PRÄPELBOOT I. Neben Linienfahrten standen natürlich auch Rund- und Kaffeefahrten auf dem Programm. Ihre Strecke, ab Tegel ging es nach Tegelort, angefahren wurde neben Strandbad Tegel auch der Badestrand Forsthaus, war besonders für Kinder attraktiv. Die kleinen Preise und der urige Käptn, der immer mit den Kinder seinen „Ärger“ hatte, wollten die doch das Schiff zum schaukeln bringen, sorgten für gute Stimmung. Mit ein paar strengen Worten kehrte aber schnell wieder Ruhe ein. Das wusste auch Paul Bauer und freute sich jedes Mal auf die Kinder.

MS Baden-Baden

Auf eine lange Geschichte blickt die heute nicht mehr existierende Reederei Lahe aus Saatwinkel zurück, als Reederei auf dem Tegeler See aber erst seit kurz vor dem zweiten Weltkrieg. Als Fährbetreiber begannen Teile de Familie Lahe auf dem Tegeler See. Mit dem Bau eines Fährbootes wurde 1903 der Betrieb der Werft gegründet. Neben Yachten wurden auch kleine Fahrgastschiffe gebaut. So wurde auch die Tegeler Reederei Bigalke Kunde bei Lahe. Durch diesen Kunden kam die Werft dann zu ihrem ersten Fahrgastschiff – quasi wie die Jungfrau zum Kinde.

Als die Reederei Bigalke 1930 einen Neubau, der den Namen BUSSARD bekam, bauen ließ, dachte noch niemand bei den Lahes daran, dass dieses Schiff, der Grundstock für die eigene Flotte werden sollte. Als kurz vor dem Krieg für den BUSSARD ein Umbau vorgesehen war, und Bigalke nicht die Baukosten abzahlen konnte, ging das Schiff an die Bauwerft zurück und bildete den Grundstock des Reedereibetriebes von Erich Lahe (Sen.). Das nun umgebaute Fahrgastschiff, mit einer erhöhten Back und einem Sonnendeck, wurde weiter als BUSSARD eingesetzt. Somit wurde kurz vor dem 2. Weltkrieg die Reederei Lahe gegründet. Erfahrung mit dem Reedereibetrieb hatte die Familie Lahe schon gesammelt, neben dem Fährbetrieb des Onkels gab es schon in den späten dreißiger Jahren vereinzelt Versuche ein Fahrgastschiff einzusetzen bzw. zu vermieten. Eine richtige Reederei gab es aber nicht. Als Werftbetrieb war es für Erich Lahe sen. leicht an neue Schiffe zu kommen.

Recht schnell wurde der Betrieb vergrößert, schon 1949 zählten 5 Schiffe zur Flotte. Da mit der Reederei Bigalke ein Konkurrent ausschied konnte Lahe deren Platz einnehmen. Das Hauptbetätigungsfeld der Reederei wurde naturgemäß der Tegeler See. Anlegestellen gab es aber auch am Landwehrkanal und anderswo. Das Reedereiprogramm bestand aus Liniefahrten auf Tegeler See und Oberhavel, Sonderfahrten nach Berlin und Schiffsvermietungen.

Der BUSSARD konnte 1969/70 umgebaut werden, hierbei wurde das Schiff größer und war nicht mehr zu erkennen. Als BADEN- BADEN kam es wieder in Fahrt. Bis 1990 wurde es von Erich Lahe betrieben. Als letztes kleineres Rundfahrtschiff auf dem See. Nach Aufgabe der Reederei Lahe 1992 wurde die BADEN- BADEN an die Reederei Bethke verkauft und zuerst noch weiter als BADEN-BADEN betrieben. Die etwas trostlose Entwicklung am See bewirkte, dass das Schiff nicht mehr gewinnbringend eingesetzt werden konnte, ein Verkauf 2002 bot sich als Lösung an.

Als LATERNA war es nun kein Fahrgastschiff mehr, sondern wurde als schwimmende Discothek und Gaststätte von seinen neuen, türkischen Eignern an der Fennbrücke festgemacht. Bei Gelegenheit sollte es zwar als Partyschiff auch Fahrten machen, aber dazu kam es nicht. Auch das Restaurant lief nicht wie erwartet.

2003 am Steg gesunken, wurde es zwar von der Feuerwehr geborgen, aber als Restaurant war es nicht mehr brauchbar. Der Zustand des Schiffes verschlechterte sich zusehends.

2005 wurde es wieder von der Reederei Bethke erworben, zu neuem Leben erweckt und umgestaltet, der Einsatz erwies sich aber wieder als nicht erfolgreich. So charterte die Reederei Unger das Schiff und gestaltete es im „Piratenlook“ um. Als FREIBEUTER sollten von Tegel aus Fahrten in die Berliner City unternommen werden. Die paar Fahrten die man machen konnte, erwiesen sich aber auch nicht als gewinnbringend. Durch den Verkauf des FREIBEUTERS 2011 an eine Handelsagentur aus Mittenwalde, die bestimmt besondere Pläne hatte, konnte sich Unger vom wenig Einnahmen bringenden Schiff befreien.

Zum Hafen Königswusterhausen verbracht, wartete das Schiff nun auf neue Beschäftigung, die aber nicht kam. Stattdessen liegt das Schiff heute noch verrostend als Wrack im Hafen. Von der S-Bahn, kurz vor erreichen von KW ist es kurz zu sehen. Für die Anrainer ist das 2018 abgesoffene Schiff ein Ärgernis. Nach aufwändiger Bergung liegt es weiterhin im Hafen von Königswusterhausen. So endet vorerst die Geschichte eines der bekanntesten Tegeler See Schiffe äußerst unrühmlich als Ärgernis.