Aus dem Leben eines Tegeler Polizisten

Nennen wir ihn Walter Lehmann, jenen Polizisten, aus dessen Leben dieser Rückblick berichtet. Der Mann wohnte mit seiner Familie viele Jahre in Tegel und arbeitete hier auch, bis er später in anderen Ortsteilen von Reinickendorf tätig war. Sein Leben währte von der Kaiserzeit der 1890er Jahren bis in die 1950er Nachkriegsjahre. Es war eine ereignisreiche Zeitspanne. Erinnert sei nur an die beiden Weltkriege, die Inflation, Hitlers Machtergreifung, den Zusammenbruch des Staates, die Viermächteteilung Berlins und die Blockade West-Berlins.
Im Jahre 1893 hatte Berlin 1.692.172 Einwohner, wobei in dieser Zahl 23.484 Personen enthalten waren, die dem Militär angehörten. In demselben Jahr wurden 25.352 Jungen und 24.371 Mädchen, mithin täglich etwa 140 Babys geboren. Zwei Jahre später erblickte irgendwo im Häusermeer der Kaiserstadt Berlin auch der kleine Walter Lehmann das Licht der Welt. Vom 6. – 14. Lebensjahr besuchte das Kind eine Volksschule, um dann 1909 aus der I. Klasse, wie damals noch üblich, entlassen zu werden. Es folgte bis 1912 eine Lehre in Eberswalde, die Lehmann mit Erfolg als Handlungsgehilfe in einem Kolonialwaren- und Delikatessengeschäft abschloss. Im genannten Ort wie auch in Angermünde arbeitete Lehmann dann bis 1914 im erlernten Beruf.

Noch vor Ausbruch des 1. Weltkrieges (2.8.1914) meldete sich Lehmann beim Militär zu einem freiwilligen Eintritt. Hierfür benötigte er eine Erlaubnis des Zivilvorsitzenden der Ersatz-Kommission des Aushebungsbezirks Angermünde, die ihm am 11.5.1914 für einen freiwilligen Diensteintritt für 2 – 4 Jahre erteilt wurde. Vom September 1914 bis Dezember 1918 diente er bei der Matrosenartillerie in Kiel und beim Marinekorps in Flandern. Vom 1.3. – 8.5.1919 gehörte Lehmann kurze Zeit der Streifabteilung der Brigade Reinhard an, um dann am 6.6.1919 als Unterwachtmeister zur neu gegründeten Sicherheitswehr zu wechseln. Aus dieser entstand die Sicherheitspolizei, deren Angehörige grüne Uniformen trugen. Der Sicherheitspolizei folgte in Berlin die Schutzpolizei. Lehmann wurde am 1.9.1920 zum Wachtmeister beförderte. Er verrichtete seinen Dienst bei der 1. Hundertschaft der Polizei-Abteilung Tegel. Durch Bestallungs-Urkunde v. 20.6.1921 erfolgte eine Ernennung zum etatmäßigen Polizei-Wachtmeister der Schutzpolizei in Berlin, nachdem Lehmann seine Befähigung nachgewiesen und Proben seiner „Geeignetheit“ abgelegt hatte. Am 1.4.1923 erfolgte eine Beförderung zum etatmäßigen Polizei-Oberwachtmeister.
Im Oktober und November 1923 besuchte der Oberwachtmeister einen abgekürzten Beförderungslehrgang, den er mit dem Gesamturteil „gut“ abschloss. Dabei wurde er sogar von der mündlichen Prüfung befreit.
Vom Mai 1924 – März 1926 besuchte Oberwachtmeister Lehmann beim Kommando der staatlichen Schutzpolizei in Berlin einen Unterrichtskurs für Zivildienst-Anwärter, dessen Prüfung er bestand.
Während dieser Zeit heiratete Lehmann im Jahre 1925. Seine Frau Anna kam aus Schlesien. Das Ehepaar wohnte in Neu-Heiligensee. 1927 stellte sich Nachwuchs ein.
Am 1.4.1928 wurde Walter Lehmann erneut befördert. Nun war er Hauptwachtmeister und unkündbar angestellt. Interessant sind auch Angaben über das Diensteinkommen. So hatte der Polizist bis 31.3.1928 ein ruhegehaltsfähiges Diensteinkommen von jährlich 2946 RM. Hiervon hätten ihm ab 1.4.1928 im Falle einer Entlassung im 1. Jahr 6/8 als Übergangsgebührnisse, im 2. Jahr 5/8 und im 3. Jahr 4/8 zugestanden. Doch diese Beträge ruhten natürlich, weil er ja weiter beschäftigt wurde.
Zu Beginn der 1930er Jahre zog die Familie Lehmann von Neu-Heiligensee nach Neu-Tegel. Hier hatte zu dieser Zeit die „Roland“, Gemeinnützige Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft, in einem ganzen Komplex Wohnbauten errichtet. Vermutlich war für die Familie nun ein Lebensabschnitt erreicht, mit dem sie zufrieden war. Während seiner Zugehörigkeit zur Schutzpolizei war Walter Lehmann bis 1925 im Revier-Einzeldienst und seitdem im Revier-Abschnitts- und Kommandobürodienst tätig. Am 20.4.1941 erfolgte eine Beförderung zum Meister. Zwischenzeitlich hatte bekanntlich am 1.9.1939 der zweite Weltkrieg begonnen. Lehmann arbeitete nun in der Abteilung Luftschutz. Ab 21.6.1944 war er Revierleutnant. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass Lehmann zu keinem Zeitpunkt Mitglied der NSDAP oder einer ihrer zahlreichen Gliederungen war.
Für den 1945 fast 50-jährigen Walter Lehmann war es besonders tragisch, dass er als Angehöriger der Schutzpolizei noch kurz vor der Kapitulation des Deutschen Reiches, die am 8.5.1945 erfolgte, ab 20.4.1945 unter dem Oberbefehl der Wehrmacht zur Verteidigung Berlins eingesetzt wurde. Der Verband, dem Lehmann angehörte, wurde versprengt. Im Bereich Schiffbauerdamm und Friedrich-Karl-Ufer (Lessing-Theater) sollte die Weidendammer Brücke verteidigt werden. Hier geriet der Polizist am 2.5.1945 in sowjetische Gefangenschaft. Ab 2.10.1945 war er in einem Lager in Posen, es folgte dann ein Lageraufenthalt in Estland. Die Kriegsgefangenschaft währte über vier Jahre.
Während dieser Zeit hatte Lehmanns Ehefrau Anna kein Einkommen. Nur durch Verkauf von Möbelstücken, Bekleidung und Hausrat bestritt sie ihren Lebensunterhalt. Vielleicht war auch ein kleiner Garten vorhanden, denn am 11.9.1949 schrieb Walter Lehmann in einem Brief aus der Kriegsgefangenschaft u. a.: Die Erdbeeren kannst Du ja einwecken. Eine Handvoll lohnt sich ja schon. Kurze Zeit nach Absendung der Kriegsgefangenenpost wurde Lehmann am 30.9.1949 entlassen und traf am 5.10. abgemagert und krank in Berlin ein.
Lehmann wollte nach der Rückkehr wieder bei der Schutz- oder Verwaltungspolizei arbeiten. Doch zunächst wurde er nicht eingestellt. Vielmehr musste er sich arbeitslos melden und Arbeitslosenunterstützung bzw. -fürsorge beantragen. Erst später, ab 1.12.1950, wurde er wieder bei der Polizei eingestellt, und zwar im Angestelltenverhältnis bei der Wachpolizei des Französischen Sektors von Berlin. Vorerst galt eine Probezeit von 3 Monaten und eine Verlängerung im Falle der Bewährung. Lehmann war verpflichtet, in einem der westlichen Sektoren Berlins zu wohnen und seinen gesamten Haushalt dort zu führen. Die Ehefrau und Kinder durften nicht im sowjetisch besetzten Sektor Berlins oder in der sowjetisch besetzten Zone wohnhaft sein. Doch die Familie Lehmann wohnte ja ohnehin weiter in Neu-Tegel. Das Netto-Einkommen betrug zu dieser Zeit 236 DM. Davon mussten fast ein Drittel für Miete, Strom und Gas sowie fast die Hälfte für Lebensmittel ausgegeben werden. Da verwundert es nicht, dass größere unvorhergesehene Ausgaben für finanzielle Probleme sorgten. Gerade bei Heimkehrern aus der Kriegsgefangenschaft waren das oft Zahnbehandlungskosten, weil während der Internierung keine angemessene Versorgung erfolgte.
Lehmann schied am 30.11.1952 aus dem Dienst der Wachpolizei aus, weil er von der Schutzpolizei übernommen wurde. (Schwarze) Uniformstücke, Dienstausweis und den Polizei-Fahrtausweis musste er zurückgeben. Interessant ist auch, dass damals im behelfsmäßigen Personalausweis der Bewohners West-Berlins noch eine Berufsangabe stand. Lehmann wurde daher beim Ausscheiden als Wachpolizist aufgefordert, die Berufsangabe auf seinem Wohnrevier berichtigen zu lassen.
Ab 1.12.1952 galt für Walter Lehmann das Landesbeamtengesetz vom gleichen Jahr. Nach Artikel 131 des Grundgesetzes hatte er einen Anspruch, wieder nach seinem Rechtsstand vom 8.5.1945 beschäftigt zu werden. Lehmann wurde dadurch Polizei-Obermeister.
Ende gut, alles gut? So könnte man meinen, denn Lehmann hatte ja nun beruflich das erreicht, was er 1945 durch den unseligen Krieg aufgeben musste. Doch es kam anders. Die in der Kriegsgefangenschaft aufgetretene Krankheit nahm so zu, dass seine Polizeidienst-Untauglichkeit festgestellt wurde. Lehmann wurde mit Ablauf des 30.6.1953 aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand versetzt. Als Ruhegehalt standen ihm 75 % der ruhegehaltsfähigen Dienstbezüge zu. Monatlich waren das rund 380 DM, die versteuert werden mussten. Zudem musste Lehmann bei der damaligen Krankenversicherungsanstalt Berlin (KVAB) eine freiwillige Mitgliedschaft beantragen.
Der Polizei-Obermeister im Ruhestand verstarb 1957 im Alter von 62 Jahren. Wann die Witwe Anna Lehmann starb, ist nicht bekannt.
Abschließend noch eine willkürlich erstellte Tabelle mit Preisen aus den 1950er Jahren:

Die genannten Preise werden aussagekräftiger, wenn man bedenkt, dass das Netto-Einkommen von Walter Lehmann zu Beginn der 1950er Jahre bei 236 DM lag. Von der Vergütung im Ruhestand (380 DM brutto) bestritt dann das Ehepaar seinen Lebensunterhalt.

Gerhard Völzmann

Der Name Waldhaus erinnert vielleicht spontan an eine im Grünen gelegene Ausflugsgaststätte. Auch in Tegel gab es über Jahrzehnte ein Waldhaus, bei dem es sich jedoch um eine Privat-Heil- und Pflegeanstalt für nerven- und gemütskranke Frauen handelte. Dieser kleine heimatkundliche Beitrag beschäftigt sich mit der Chronik der Einrichtung.

Unser Rückblick führt uns in die Zeit um 1890. Ein Fräulein Anna Thiede hatte in Westend, Spandauer Berg 2, die zuvor Aschteonloff´sche Privat-Irrenanstalt, so die damalige Bezeichnung, übernommen. Sie leitete ihren neuen Besitz als Vorsteherin. Doch schon bald reiften Pläne, nach Tegel zu gehen. Sie erwarb ein Grundstück in der Bernauer Straße, die zu dieser Zeit bis auf das Städtische Wasserwerk mit seinem Beamtenwohnhaus und dem Restaurant zum Waldkater von Bernhard Korla noch unbebaut war. Amtsvorsteher Ludwig Brunow hatte im März 1894 eine Baugenehmigung für die Errichtung eines zweistöckigen Gebäudes an der Ecke zur Spandauer Straße (heutige Neheimer Straße) erteilt. Im Zusammenhang mit dem Neubau schien die Wasserversorgung des Neubaus ein Problem zu werden. Die Gemeinde Tegel besaß nämlich zu dieser Zeit noch kein Wasserwerk. Doch ganz in der Nähe befand sich ja das Wasserwerk der Stadt Berlin. Es belieferte aber über eine Druckrohrleitung nach Westend von dort aus nur die Bewohner Berlins mit Trinkwasser. Anna Thiede richtete am 24.6.1894 ein Ersuchen an das Kuratorium der städtischen Wasserwerke, ihre künftige konzessionierte Krankenanstalt mit Trinkwasser des diesseitig gelegenen Wasserhebewerks zu versorgen. Die Stadtverordnetenversammlung beschloss nach dem Antrag des Magistrats am 20.12. d. J. die Lieferung von Wasser nach dem für Berlin geltenden Tarif. Die Rohrleitung vom Grundstück des Wasserwerks bis zu ihrem Neubau musste Thiede auf eigene Kosten verlegen lassen und zudem eine Kaution zur Sicherung der Wasserlieferung stellen. Aus der späteren Zeitspanne v. 1.4.1898 – 31.3.1899 ist bekannt, dass das Waldhaus, wie die Vorsteherin ihre Heilanstalt nannte, 1060 m3 Wasser verbrauchte.

Sehen wir uns nun die Gebäude und das Grundstück an. Im Keller des Haupthauses befanden sich eine Waschküche und Vorratsräume, im Erdgeschoss die Thiede´sche Wohnung sowie Patienten-Aufenthaltszimmer. Im Obergeschoss lagen (vergitterte!) Patientenzimmer, ein Speisesaal, je ein Lazarett-, Wäsche- und Isolieraum sowie ein Badezimmer. Das ausgebaute Dachgeschoss verfügte über Patientenräume, zwei Zimmer für Wärterinnen und einige, die als Reserve dienten.

Ein Stallgebäude konnte ein Pferd, eine Kuh, Schweine und Hühner aufnehmen. Ferner war eine Leichenhalle vorhanden.

Lageplan aus dem Jahre 1908

 

Das Grundstück hatte hinter den genannten Gebäuden einen Garten für die Patientinnen, während davor, also an der Bernauer Straße gelegen, ein Garten für leichter Erkrankte, ein Garten für Privat-Patientinnen(!) und vor dem Stallgebäude ein Gemüsegarten angelegt waren.

1902 wandte sich Anna Thiede an den Berliner Magistrat, um einen Grundstückstausch vorzuschlagen. Es handelte sich um eine 52 m² große Parzelle ihres Grundstücks, die mit zwei Spitzen in das Grundstück der im Entstehen begriffenen neuen Städt. Gasanstalt hineinragte. Umgekehrt besaß der Magistrat ein gleich großes Terrain in der Form eines dreieckigen, an der Bernauer und Spandauer Straße gelegenen Zipfels. Die Stadtverordnetenversammlung war im Januar 1903 mit dem Tausch einverstanden. Beide Seiten übernahmen die Hälfte der Kosten und Gebühren.

Für die Jahre ab 1904 stehen – mit Unterbrechungen – Statistiken über das Waldhaus zur Verfügung.

Jahr Ort und Name der Anstalt Eingerichtete Plätze Verpflegte Gestorbene
1904 Tegel. Thiede, Irrenanstalt 50 50 2
1905 Tegel. Thiede, Irrenanstalt 50 50 4
1907 Tegel, Sanatorium Waldhaus 50 59 1
1908 Tegel, Sanatorium Waldhaus 64 81 5
1909 Tegel, Sanatorium Waldhaus 64 99 14
1910 Tegel, Sanatorium Waldhaus 64 104 7

Danach überstieg zumindest ab 1907 die Zahl der (nur für Frauen!) eingerichteten Plätze die der Verpflegten. Offenbar wurden Patientinnen auch ambulant betreut. Auffällig ist die hohe Zahl der 1909 Verstorbenen.

1907 ließ Frl. Thiede noch einen dreigeschossigen Erweiterungsbau mit Patientinnen-Zimmern errichten. Im gleichen Jahr übernahm der jüdische Dr. med. Paul Cohn, genannt Horn, als Besitzer und leitender Arzt das Waldhaus als Privat-Heil- und Pflegeanstalt für nerven- und gemütskranke Damen. Unter Amt Tegel Nr. 28 war die Einrichtung telefonisch zu erreichen.

Die folgende weitere Tabelle beinhaltet auch Angaben, für die keine Erklärungen möglich sind. So ist nicht bekannt, warum von 1910 zu 1911 die Zahl der eingerichteten Plätze um 50 reduziert wurde. Auffällig ist zudem die für 1917 genannte Zahl von 19 verstorbenen Patientinnen.

Jahr Ort und Name der Anstalt Eingerichtete Plätze Verpflegte Verpflegungstage Gestorbene
1911 Tegel. Sanatorium Waldhaus 14 27 3410 2
1914 Tegel. Sanatorium Waldhaus 18 32 4861 ?
1915 Tegel, Sanat. „Waldhaus“, Irrenanstalt 18 33 7217 2
1916 Tegel, Sanatorium Waldhaus 23 45 7183 5
1917 Tegel, Sanatorium Waldhaus 64 69 16491 19

Im Waldhaus wie in anderen vergleichbaren Häusern kam es gelegentlich vor, dass Patientinnen die Einrichtung eigenmächtig verließen. So berichtete eine Berliner Zeitung am 10.12.1916:

Die geisteskranke Frau Martha H. aus Neukölln, die seit Sonntag früh dem Sanatorium Waldhaus in Tegel entwichen ist, irrt anscheinend noch immer in den Straßen Groß-Berlins umher. . . . Der Ehemann bittet, die Kranke schonend anzuhalten und sie dem nächsten Polizeibureau zu übergeben.

Die abgebildete Kleinanzeige vom Dezember 1917 sagt aus, dass das Waldhaus zu dieser Zeit nicht voll belegt war. Die Wortwahl „freiwillige Pensionäre“ bedeutete möglicherweise auch, dass jetzt nicht nur Frauen aufgenommen wurden.

Zumindest kurzfristig (1920) praktizierte Dr. Horn als Arzt für nervöse und seelische Leiden zusätzlich in seiner „Sprechstunde Berlin, Bayreuther Straße 43“ täglich außer montags und donnerstags in der Zeit von 17.30 bis 19 Uhr.

Dr. Horn wird bis zur Ausgabe 1938 der Adressbücher als Eigentümer des Waldhauses aufgeführt. Er verstarb 1937 oder 1938. In einer am 25.4.1938 vom Oberbürgermeister Dr. Lippert gefertigten „Vorlage an die Ratsherren über den Erwerb des im Ortsteil Tegel, Bernauer Straße 128 bis 130, Ecke Eisenhammerweg, belegenen Sanatoriums Waldhaus“ wurde über das genannte Grundstücks in Größe von 10346 m² berichtet. Von den Hornschen Erben war es zu einem Preis von 130000 RM nach Maßgabe der urkundlichen Vertragsangebote v. 14.12.1937, 21.2.1938 und 28.3.1938 zum Kauf vorgesehen. Die Erwerbskosten erhöhten sich noch um 7500 RM durch Nebenkosten und Grunderwerbssteuer.

Der nicht mehr wirtschaftliche Betrieb, so die Angabe in der Vorlage, wurde von dem inzwischen verstorbenen jüdischen Nervenarzt der Stadt zum Kauf angeboten. Der Preis von 130000 RM einschließlich Inventar wurde als niedrig bezeichnet. Grund und Boden, die Baulichkeiten und die Einrichtung hatten nach Feststellung der Bezirksverwaltung einen Gesamtwert von 200000 RM. Die Gebäude mit etwa 40 Räumen, die Stallungen und eine Garage wurden als im guten Zustand befindlich angesehen. Eine Liegewiese, ein Wirtschaftsgarten und Parkanlagen wurden mit erwähnt. Das Landes-Wohlfahrts- und Jugendamt schlug eine weitere Nutzung als Altersheim vor. Notwendige Umbauten wurden mit nur 7500 RM Kostenaufwand beziffert, eine erste Einrichtung mit 11500 RM. Die Stadt sollte die Auflassung schulden- und lastenfrei bis zum 1.8.1938 übernehmen. Dazu war aber eine Verlegung der Kranken auf Kosten der Verkäufer bis zum genannten Tag erforderlich. 1000 RM konnte die Stadt für die Erfüllung dieser Verpflichtung bis zur Schlüsselübergabe vom Kaufpreis einbehalten.

Zu dieser Zeit waren im Sanatorium ein Mann und 11 Frauen beschäftigt. Der Stadt blieb es überlassen, diese Kräfte evtl. zu übernehmen.

Es ist davon auszugehen, dass das Waldhaus so unter den geschilderten Bedingungen verkauft wurde. Bei der Differenz zwischen dem Verkaufspreis von 130000 RM und dem Schätzwert von 200000 RM dürfte eine Rolle gespielt haben, dass hier jüdisches Eigentum verkauft bzw. gekauft wurde.

Nachfolgend wurde die Baulichkeit als Altersheim genutzt. Im Kriege beschädigt, erfolgte nach einer Instandsetzung eine Einrichtung als Kinderheim. Dann war das Haus bis zum Abriss im Jahre 1970 erneut eine Unterkunft für alte Menschen. Heute stehen an dieser Stelle auf einem erweiterten Gelände Wohnhochhäuser.

Mehr über die Geschichte Tegels einschließlich der des Waldhauses kann dem kürzlich vom Förderkreis für Bildung, Kultur und internationale Beziehungen herausgegebenen zwei Bänden „Tegel“ aus der Reihe „Chronik des Bezirkes Reinickendorf“ von Klaus Schlickeiser entnommen werden.

Gerhard Völzmann

Es gibt sie noch, die Krippenspiele, die während der Gottesdienste am Heiligen Abend aufgeführt werden. Gerade Kindern wird hier die Weihnachtsgeschichte, die bekanntlich von der Geburt Jesu handelt, gut veranschaulicht. Vielleicht erinnern Sie sich ja noch an den Heiligen Abend des Vorjahres, als in der Kirche gleich der erste Gottesdienst mit einem Krippenspiel zum Mitmachen begann. Von den Krippenspielen unterscheiden sich übrigens Weihnachtsspiele dadurch, dass hier weitere biblische Szenen gezeigt werden. Weihnachtsspiele haben eine lange Tradition. So wurden geistliche Schauspiele bereits im Mittelalter zur Weihnachtszeit in ganz Deutschland veranstaltet. Doch im Laufe der Zeit arteten sie aus. Besonders für die Jugend wurden die Spiele Anlass und Vorwand für unnütze Streiche, die mit der kirchlichen Umgebung, in der sie dann stattfanden, im schlimmen Widerspruch standen. Auch in Berlin war das so. Als Folge wurde 1574 eine Verordnung erlassen, nach der der Rat der Stadt angewiesen wurde

die bösen Buben, so in der Christnacht in den Kirchen
alle Büberey verüben, durch die Stadt-Diener herausjagen
oder in die Thürme setzen zu lassen, damit
Zucht in den Kirchen zu erhalten und die Gottfürchtigen
an ihre christlichen Gebete nicht mögen gehindert
noch geärgert werden.

Weihnachtsspiele wurden auch am kurfürstlichen Hof aufgeführt. Junge Prinzen und Prinzessinnen des kurfürstlichen Hauses boten zusammen mit Kindern adliger Familien des Landes 1589 eine „kurze Comedie von der Geburt des Herrn Christi“ dar, die der Musikus Georg Pondo verfasst hatte. Aus dem Jahre 1611 ist überliefert, dass von den Söhnen und Töchtern der kurfürstlichen Familie zu Weihnachten ein „Kinder-Katechismus“ aufgeführt wurde. Er hatte in Fragen und Antworten die Geburt Christi nach der Lehre der Heiligen Schrift zum Gegenstand.

Doch dann nahmen wieder Mummenschanz und Narrenpossen zum Christfest so überhand, dass der Große Kurfürst dem Treiben am 17.12.1686 mit einem nachdrücklichen Verbot belegte. Es hieß hierin:

Nachdem viele Prediger und andere vielfältig geklagt,
daß gegen die Weihnachts-Feste mit dem sogenannten
heiligen Christ viel sehr ärgerliche Dinge vorkommen,
sogar Comedien und Possenspiele dabei gemacht
und getrieben werden: Se. Churfl . Durchl. Unser
gnädigster Herr aber solche Aergernis durchaus
abgeschaffet wissen wollen. Als befehlen Namens
Deroselben Wir Euch solche Aergernis gäntzlich abzuschaffen,
und darüber ernstlich zu halten.

Die Wirkung dieser Worte hielt aber wohl nicht lange an, denn schon am 18.12.1711 mahnte König Friedrich I. in Preußen die Berliner zu weihnachtlichem Ernst mit folgenden Zeilen:

Weil mit denen Lichter-Cronen
auf den Christabend viel Gaukeley
Kinderspiel und Tumult
getrieben wird: als befehlen wir
Euch hiermit nicht allein solche
Christ- und Lichterkronen gäntzlich
abzuschaffen. Sondern
auch die Christ-Messen nicht des Abends, sondern
des Nachmittags um 8 Uhr zu halten.

Den Übermut der Berliner konnte aber auch diese Verordnung auf Dauer nicht zügeln. So wundert es nicht, dass vor dem Weihnachtsfest von 1739 König Friedrich Wilhelm I. noch am 23.12. ein Edikt erließ, nach dem die „Christabend-Ahlefanzereien“ 1, besonders das öffentliche Tragen von Masken und die Verkleidung als Knecht Ruprecht und Engel Gabriel auf das strengste untersagt wurde.

Aus den geistlichen Schauspielen mit ihrem Ursprung im Mittelalter entwickelte sich im gewissen Sinne das Theater, das wir heute kennen. Weltliche Schauspiele entstanden. Damit gerieten auch die Berliner Weihnachtsspiele in Vergessenheit. Teils kamen als Weihnachtsspiele in den Theatern Berlins zu Beginn des 20. Jahrhunderts dramatisierte Märchen für die Kinderwelt zur Aufführung.

Gerhard Völzmann

Es gab einmal eine Kneipe in Tegel, die alle kannten, obwohl kaum jemand hinging. Ja, Eltern verboten ihren Heranwachsenden, erst recht den Mädchen, diese Kneipe aufzusuchen: die „Kajüte“. Die Kajüte war übel beleumdet und stand unter Beobachtung der Kripo. Warum?

Hier trafen sich gewisse junge Leute gleichen Lebensstils, durchschnittlich einhundert, Mädels waren auch dabei, meist am Wochenende, aber auch schon am Donnerstag. Manchmal – es war wohl 1957 – starteten donnerstags bis zu 100 Motorräder von der „Kajüte“ aus zu ihrer Fahrt durch die Stadt, zur „Bierschwemme“ in Schöneberg oder zum „Ri fi fi “, zu Kneipen ähnlichen Rufs wie die „Kajüte“ in Tegel. Für die Polizei stellte ein solcher Aufmarsch von Halbstarken, wie man sie damals nannte, eine echte Herausforderung dar, sie sah darin auch eine Verkehrsgefährdung.

Wen man heute alteingesessene Tegeler fragt, bekommt man immer die gleiche Antwort: „Klar kenn ich die Kajüte.“ Nachfrage: „Und – haben Sie dort verkehrt?“ – „Nein, natürlich nicht. Das durfte ich nicht. Eltern munkelten sogar von Prostitution.“

War die „Kajüte“ wirklich so schlimm und gefährlich? Die, die sie aufsuchten, wollten tanzen, wild tanzen; dort gab es Rock `n` Roll aus der Juke-Box. Also war die „Kajüte“ ein wenig Teil derrebellischen Jugendkultur. Aber nicht nur das. Hier trafen sich auch die Schlachtergesellen aus Tegel und aus Spandau. Man maß gelegentlich seine Kräfte. Die einen trainierten im Spandauer Box-Club, die anderen im Borsigwalder namens BC Concordia.

Die Spandauer Schlachtergesellen sollen besonders kräftig gewesen sein. Wer den Kürzeren zog und unterlag, wurde gelegentlich ins Wasser geworfen.

Und wo fand man die „Kajüte“? Sie war eine Kellerkneipe im „Tusculum“, einem großen renommierten Ausflugslokal, 1910 an Stelle eines einfacheren Vorgängerbaus errichtet – ungefähr dort, wo heute die Seeterrassen stehen. Im „Tusculum“ musste man in anständiger Kleidung erscheinen, die „Kajüte“ hingegen zählte zu den Kutscherkneipen, in denen nach altem Brauch auch die Kutscher mit aufgekrempelten Hemdsärmeln ihr Bier bekamen und sich mit anderen Kutschern trafen. Kellerkneipe – das verströmte schon ein wenig Atmosphäre von Verruchtheit. Hinzu kam, dass das Tusculum im Krieg teilweise zerstört worden war. Nur in der „Kajüte“ konnte der Betrieb aufrechterhalten werden. Kellerkneipe in einer Ruine – das schuf noch mehr Atmosphäre.

Der Besitzer einer Leichtmetallgießerei, Ingenieur Walter Koch, hatte große Pläne: Mit sozialem Wohnungsbau ließ sich Geld verdienen, es gab immer noch zu wenig Wohnungen in Berlin-West, obwohl doch nach Chruschtschow-Ultimatum und Mauerbau viele Betuchte die Stadt verließen, weil sie nicht daran glaubten, dass der Westen West-Berlin gegen „die Russen“ verteidigen würde. Also Wohnungsbau am Tegeler See. Dazu mussten die Ruine des Tusculum und das „Strandschloss“ abgerissen werden. Und die „Kajüte“ mit. So ging ein Stück Tegeler Untergrund verloren. Anstelle des Tusculums ließ Walter Koch das Gebäude für die beiden Großrestaurants „Seeterrassen“ und „Palais am See“ errichten, dichter ran ans Wasser für den schönen Ausblick. Als Architekten engagierte Koch den gebürtigen Tegeler Heinz Schudnagies, geboren in Alt-Tegel 12. Schudnagies durfte den Wohnkomplex aus Neptun und Nixe, die „Seeterrassen“ plus „Palais am See“ und später noch das „Hotel garni“, wie das „Hotel am Tegeler See“ damals hieß, direkt gegenüber den „Seeterrassen“, entwerfen – und noch manchen anderen Bau in Tegel. Die „Seeterrassen“ erhielten im Keller auch eine Kegelbahn. Diese Kegelbahn gibt es heute immer noch – in Räumen neben der „Hafenbar“. Die Hafenbar ist in gewisser Weise die Nachfolgerin der „Kajüte“. Auch wenn es heute dort gesitteter zugeht, zu Rock `n` Roll-Musik wird nach über 60 Jahren wieder getanzt.

Meinhard Schröder

In Kreisen, die Alexander von Humboldt nahe standen, kursierte Ende Januar 1859 eine eigentümliche Anekdote. Der Naturforscher und Gelehrte besaß seit Jahren einen „kohlschwarzen“ Papageien, den er vom Großvater der Prinzessin von Preußen geschenkt bekommen hatte. Von Humboldt liebte ihn sehr. Am 27.1.1859, als von Humboldt von einem Diner nach Hause kam, saß der Vogel traurig auf seiner Käfigstange. Der Gelehrte trat auf ihn zu mit der Frage: „Nun, Jakob, wer von uns beiden wird wohl zuerst sterben?“ – „Exzellenz“, so der anwesende Kammerdiener, „sprechen Sie doch zu einem Vogel nicht von so ernsten Sachen!“ Von Humboldt wandte sich ab und nahm ein Buch zur Hand. Eine halbe Stunde später drehte sich der Papagei plötzlich um, sah nach seinem Herrn – und fiel tot von der Stange.

Alexander von Humboldt

Ob Alexander von Humboldt zu dieser Zeit bereits etwas von seinem eigenen nahen Lebensende wusste oder ahnte? Alexander Freiherr von Humboldt, am 14.9.1769 in Berlin geboren, lebte in den letzten Jahrzehnten fast zurückgezogen bald in der Berliner Oranienburger Straße 67, bald auf dem Familiengut in Tegel. Betreut wurde er von seinem langjährigen Diener und Reisebegleiter Seyffert. Der größte Gelehrte der Neuzeit verstarb nach kurzer Krankheit am 6.5.1859 um 16 Uhr im neunzigsten Lebensjahr in Berlin. Das Leichenbegängnis fand vier Tage später statt. Die Oranienburger Straße war am 10.5. „für das große Publikum“ abgesperrt. Die meisten Häuser der Straße trugen Trauerfahnen. Das Trauergefolge warf einen letzten Blick auf den Verstorbenen, der in einem einfachen Eichensarg ruhte. Das Arbeitszimmer Humboldts, in dem der Sarg stand, war mit Fächerpalmen und blühenden exotischen Gewächsen geschmückt. Nach 8 Uhr wurde der Sarg auf den mit 6 Pferden bespannten Trauerwagen gehoben, der Zug setzte sich in Bewegung. Eröffnet wurde dieser von den Dienern des Verstorbenen und der Familie Humboldt. Es folgten etwa 600 Studierende der Friedrich-Wilhelms-Universität, ein Musikkorps und die Berliner Geistlichkeit, unter ihnen der Generalsuperintendent Hoffmann. Die zahlreichen Orden von Humboldts wurden auf samt-roten Kissen getragen. Der Sarg war mit Palmenzweigen, Lorbeerkränzen und einem Kranz aus weißen Azalienblüten geschmückt. Die Leidtragenden, die nun dem Sarg folgten, können hier nicht alle aufgeführt werden. Mit General-Feldmarschall von Wrangel, Fürst von Radziwill, Graf v. d. Groeben, den Mitgliedern beider Häuser des Landtages, den höheren Staatsbeamten, den Mitgliedern der Akademie der Wissenschaften und Oberbürgermeister Krausnick werden hier nur wenige Personen bzw. Personengruppen genannt. Die lange Reihe der nachfolgenden Equipagen eröffneten die mit acht Pferden bespannten Galawagen des Königs und der Königin.

Vor dem Friedrichs-Gymnasium in der Friedrichstraße standen alle Schüler. Als sich der Zug näherte, stimmten sie „Jesus meine Zuversicht“ und „Es ist bestimmt in Gottes Rat“ an. Kopf an Kopf drängten sich die Menschen, alle Fenster der Häuser waren dicht besetzt. Unter den Linden, an der Universität vorbei, ging der Trauerzug dem Dom zu. Vom Haupteingang aus wurde der Sarg zum Altar getragen und dort auf einer Estrade niedergesetzt. Zu beiden Seiten wurden Ordenskissen niedergelegt. Der Raum am Altar war reich mit Palmen und blühenden Gewächsen geschmückt, auf vier mächtigen Kandelabern brannten zahlreiche Wachskerzen. Dem Sarg zunächst nahmen die Leidtragenden und die königlichen Prinzen Platz, während die Prinzessinnen, Friedrich Wilhelm, Karl, Friedrich Karl und Friedrich von Hessen der Feier in der königlichen Loge beiwohnten. Die Trauerrede hielt Generalsuperintendent Hoffmann. In kurzen Zügen versuchte er, ein Bild Alexander von Humboldts darzustellen. Die großartige Milde und Humanität, die allumfassende Liebe, die Herzensgüte und die zartsinnige Harmonie von Humboldts betonte er, aber auch die Zurückhaltung des Verstorbenen, wenn es galt, die Resultate seines Wissens und Erkennens mit den Resultaten der Offenbarung und des kirchlichen Glaubens zusammenzustellen, zu vergleichen und in Einklang zu bringen. Mit je einem von der Gemeinde und dem Domchor gesungenen Lied endete die Trauerfeier.

Auch am Abend, als in einem kleinen Zug der Verstorbene nach seiner letzten Ruhestätte in Tegel überführt wurde, säumten zahlreiche Berliner die Straßenränder, um von Humboldt mit entblößtem Haupt ihre Ehre zu erweisen. Doch dann kam es zu unglaublichen Vorfällen. Im Verlauf des Weges, den der Leichenwagen nahm, kam immer mehr eine „bestialische Horde“ an Menschen hinzu. „Damals fehlte nur wenig, daß sich der Pöbel der Leiche des großen Todten bemächtigte, um sie zum Entsetzen der Welt auf den Markt zu schleudern. Frauenzimmer, mit aufgelöstem Haar, barfüßig, bemächtigten sich damals des Leichenwagens, machten sich auf demselben breit und sangen die gemeinsten Straßenlieder.“ Dieser Exzess währte bis über die sogenannte Weichbildgrenze Berlins hinaus, die sich zu dieser Zeit Chausseestraße Ecke Liesenstraße befand. Die Polizei rührte sich nicht, ließ den Pöbel gewähren. Die Presse war übrigens rücksichtsvoll genug, indem sie der empörenden Greuelszenen in ihrer Berichterstattung nicht gedachte. Erst wenig später, als es vor dem Grundstein des Schillerdenkmals zu einem Pöbelexzess kam, wurde auch über die Geschehnisse anlässlich der Überführung Alexander von Humboldts nach Tegel berichtet.

Am 11.5. erfolgte die Beerdigung Alexander von Humboldts. Der General der Kavallerie, von Hedemann, führte als Haupt der Familie die Trauerfeier an. „Ministerin“ von Bülow, Fürst von Radziwill sowie eine zahlreiche Menge an bedeutenden Personen, Gelehrten, Künstlern und Privatleuten, die in inniger Teilnahme an dem Verstorbenen gebunden waren, hatten sich am Tegeler Schloss eingefunden. Auch viele Hauptstädter sowie die ganze Gemeinde von Tegel waren anwesend. Drei Geistliche, Superintendent Hoffmann, der auch für Tegel zuständige Pfarrer Horn aus Dalldorf wie Pfarrer Schulz aus Heiligensee waren zugegen. Der mit vielen Blumen geschmückte Sarg stand auf einem Katafalk im unteren Hallenraum des Schlosses.

Nach 10 Uhr wurde der Sarg von Männern der Gemeinde auf den Leichenwagen gehoben, der Trauerzug setzte sich in Bewegung. Die Kinder des Dorfes Tegel mit ihrem Lehrer Born führten ihn an. Sie trugen Palmen in den Händen. Das Musikkorps spielte den Choral „Alle Menschen müssen sterben“. Es folgte die Dienerschaft der Verstorbenen. Nun schlossen sich die leidtragende Familie, die bereits weiter oben genannten Persönlichkeiten sowie viele Gemeindemitglieder aus Dalldorf, Heiligensee und Schulzendorf an. Der Weg vom Schloss bis zu jener Stelle, wo der Fußweg zur Begräbnisstelle abzweigt, Lindenallee genannt, lag im ersten Frühlingsgrün. Vom genannten Abzweig an trugen andere Männer der Gemeinde den Sarg zu der Säule mit der Statue der Hoffnung von Thorwaldsen, an der sich die Gräber der Familie befinden. Der Gruft gegenüber sangen die Tegeler Kinder noch einmal den bereits oben genannten Choral. Generalsuperintendent Hoffmann hielt die Trauerrede am Grab, für dessen Ausschmückung am Tag zuvor aus den königlichen Gärten in Potsdam viele hohe Topfgewächse in Körben und eine große Menge an Lorbeer- und Palmenzweigen nach Tegel geschafft wurden. Sodann nahmen die Angehörigen Abschied, gefolgt von all den weiteren Trauergästen. Die Feier schloss mit dem Choral „Jesus meine Zuversicht“, gespielt und gesungen vom Musikkorps und den Kindern aus Tegel. „Ein tiefer Eindruck in allen Gemütern war unverkennbar“, so eine Zeitung zur damaligen Zeit.

Gerhard Völzmann

Der helle Klang seiner tiefen Stimme dringt bis zur Berliner Straße vor, man hört ihn und seine Gitarre von weitem: Elijohn singt, in der Fußgängerzone Gorkistraße, Elijohn Kariuki, 59 Jahre alt, aus Kenia. Und schon von weitem kramen Leute in ihren Portemonnaies, um Kleingeld griffbereit zu haben, wenn sie an der Quelle des Gesangs vorbeikommen. Wem das Herz aufgeht, der öffnet auch den Geldbeutel.

Manchmal sind es ältere Leute, die nicht unbedingt ein fröhliches Gesicht zur Schau tragen, die sich aber plötzlich bücken und ihren Obolus entrichten. Oder junge Frauen, denen der Gesang ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Oder kleinere Kinder, denen die Eltern eine Münze in die Hand gedrückt haben. Etwas schüchtern legen diese Kinder das Geldstück in die grüne Plüschschale auf den Rücken des Spendenhundes, der wie für Karneval ausstaffiert erscheint: mit rosa Bekleidung.

Wenn das Geld im Kasten klingt, … nein hier geht es nicht um Ablass, aber ein wenig springt die Seele doch in den Himmel, wenn Elijohn singt – ob nun gespendet wird oder nicht. Für jede Spende bedankt er sich, er unterbricht den Text seines Liedes und singt zur Melodie auf der Gitarre „Danke für kleine Spende“.

Elijohn spricht kein perfektes Deutsch, er bemüht sich um Verständigung, mit wenigen Worten oder auch ohne Worte. Trotzdem unterhält er sich gern. Und von allen Menschen, die ich mit ihm fotografierte, erhielt ich die Erlaubnis, das Foto von ihnen mit Elijohn zu veröffentlichen.

Wenn Babys vorbeigefahren werden oder kleine Kinder vorbeigehen, sucht er Blickkontakt mit ihnen. Und sie spüren es: Das ist ein Mensch, dem die Freude in den Augen leuchtet. Ja, Elijohn muss ein begnadeter Mensch sein. Aus seiner Religiosität macht er kein Hehl. Er singt Gospels wie “When the Saints go marching in” oder “He got the whole world in his hands”. Dann wird sein Gesichtsausdruck auch schon einmal ernst.

Aber er missioniert nicht, er verbreitet Lebensfreude. „Ein bisschen gute Laune“, ruft er uns zu und „Hakuna Matata“. Das ist Suaheli und bedeutet so viel wie „Alles in Ordnung“ oder „Kein Problem“. Und dann singt er eben, neben anderen, auch dieses afrikanische Lied „Hakuna Matata“, bei uns durch den Disney-Film „König der Löwen“ bekanntgeworden.

In der Weihnachtszeit verkleidete Elijohn sich als Weihnachtsmann, kaum erkannte man ihn an seinem Äußeren, aber natürlich: Seine Stimme ist unverkennbar. Nein, nicht als Missionar ist er unterwegs; oder doch – als Missionar der guten Laune. Gern singt er auch Country-Songs, wohl am liebsten „Country roads, take me home“.

Lachen musste ich, als ich ihn eines Tages „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht“ singen hörte – auf Deutsch! Wer es ihm wohl verraten hat, dass er damit mein Herz höher schlagen lässt? Da bleibe ich wieder stehen und singe lauthals mit. Er nimmt es mir nicht übel, die Spenden landen trotzdem auf seinem Hund, nicht in meiner Tasche.

Natürlich gehen manche Menschen, in Gedanken an ihren Einkauf oder in ein Gespräch vertieft, achtlos vorbei und merken nicht, was ihnen entgeht.

Dabei ist es so leicht, bei Elijohn ein bisschen Frohsinn aufzutanken, der einen in den Tag hineinträgt.

Meinhard Schröder

Die Tegeler Reederei Paul Bauer

Wenn von Schiffen die Rede ist, denkt man sofort an die großen Ozeanliner oder an große Segelschiffe. Wenn dann die Rede auf Tegel kommt, fällt einem vielleicht der MOBY DICK oder der HAVELSTERN ein. Weniger bekannt sind die vielen kleinen Reedereien, für die der Tegeler See in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen ein wahres Paradies war. Einer der bekanntesten dieser Betriebe war die Reederei Paul Bauer. Alle Schiffe dieser Reederei waren klein, zusammen kamen die fünf Schiffe auf 415 Fahrgäste. Soviel kann ein MOBY DICK bequem alleine transportieren. Bis Anfang der 1960iger war der Tegeler See das Mekka der kleineren Fahrgastschiffe. Die großen der Stern und Kreisschiffahrt und der Reederei Winkler kamen erst zu dieser Zeit auf den See.

Die Reederei Paul Bauer mit ihren ONKEL PAUL 1 bis 5 genannten kleinen Booten war auch ein echter Tegeler Betrieb. Keins ihrer Schiffe war über zwanzig Meter lang, trotzdem war Bauers Reederei fast allen Tegelern bekannt. Mit Bauers Schiffen konnten auch für den kleinen Geldbeutel Dampferfahrten gemacht werden. Nicht die Große Rundfahrt (Tegel- Wannsee) stand auf dem Programm, sondern es ging von Tegel zum Strandbad, oder zum Forsthaus Tegel.

Die Reederei Bauer existierte seit 1930. Wie es sich für einen typischen Berliner gehört, stammte Paul Bauer natürlich nicht aus Berlin. Geboren wurde er 1896 in Potsdam. Als Sohn einer in Fürstenwalde/Spree ansässigen Schifferfamilie kam er frühzeitig mit der Schifffahrt in Berührung. Der Betrieb des Vaters war mit einem hölzernen Kahn mit dem Transport von Kies beschäftigt. Meist fuhr er für die Rauensche Ziegelei in Fürstenwalde. Daneben wurde auch Abraum gefahren und Formlehm für die Gießerei nach Tegel zu den Borsigwerken gebracht. Noch nicht zwanzig Jahre alt, erwarb Paul Bauer einen eigenen Kahn, mit dem er dieselben Strecken wie sein Vater befuhr. Bis in die zwanziger Jahre hinein führte Bauer dieses recht mühselige, unstete Schifferleben.

Nach seiner Heirat 1924 und dem Rückgang der Kahntransporte musste er sich neue Gedanken für sein weiteres Leben machen. Die Kenntnisse der Situation in Tegel, einem für den Ausflugsverkehr wie geschaffenen Gebiet, ließen ihn mit seiner Familie nach Tegel ziehen und mit einem 1930 vom Rhein gekauften Fahrgastschiff einen Ausflugsverkehr eröffnen. Dieses Boot, das den Namen ONKEL PAUL bekam, war für 91 Personen zugelassen.In Königswinter 1914 auf der bekannten Schiffswerft Jean Stauf erbaut, war es zunächst in Mainz in Fahrt. Von der Französischen Besatzungsmacht requiriert, fuhr es als Kontrollboot für die alliierte Kontrollkommission bei Königswinter. 1929 kam es nach Köln, wo Paul Bauer es erwarb und per Bahn nach Berlin Tegel brachte.

Bis 1934 erweiterte sich der Betrieb um zwei weitere Boote. Aus Ückermünde konnte Bauer ein zweites Schiff erwerben, das er ONKEL PAUL II nannte. Nun bekam auch das erste Schiff eine Nummer hinter dem Namen, es hieß nun ONKEL PAUL I. Das dritte Boot, logischerweise ONKEL PAUL III benannt, war ein altes Tegeler Boot. Als OSTENDE war es bei Carl Pieper in Fahrt und brachte Badegäste auf die Insel Hasselwerder zum dortigen Strandbad. Wie hieraus zu sehen ist, muss sich Bauers kleiner Betrieb gut entwickelt haben. Trotz der Konkurrenz auf dem See, setzte sich seine Idee eines Ausflugsbetriebes, mit dem von seinen Schiffen Badegäste und Ausflügler zu den Tegeler Strandbädern und Gaststätten gebracht wurden, recht gut durch. Die vier Stationen, die Bauer anlief, Strandbad Tegel, Tegelort, Jörsfelde und Saatwinkel, kollidierten wenig mit denen der anderen Reedereien. Seine Abfahrtstelle, etwas abseits unter der Tegeler Hafenbrücke, erwies sich in dieser Hinsicht auch als günstig. Bauers Reederei, „Motorboote Onkel Paul“ entwickelte sich zu einem äußerst beliebten und zuverlässigen Betrieb.

So kam es, dass schon 1935 die Reederei mit zwei weiteren Booten erweitert werden konnte, die dann neben den Namen ONKEL PAUL die Nummern IV und V bekamen. Diese beiden Boote kamen vom Straussee bei Strausberg. Zu dieser Zeit wechselte Bauer seine Abfahrtstelle auch an das Seeufer zwischen dem Bootshafen und der Sechserbrücke. Nun konnte er an Sonn- und Feiertagen alle 25 Minuten (!) eine Abfahrt ab Tegel anbieten. Bis 1963 existierte die Reederei Paul Bauer in Tegel, er starb 1966.

Das ONKEL PAUL IV erwarb Günter Taube, ONKEL PAUL I wurde 1963 abgebrochen, ONKEL PAUL II überstand den Krieg nicht, es wurde von den Wehrmacht in Russland und Polen eingesetzt und ist dort verschollen. ONKEL PAUL V wurde 1962 zum Sportboot. Lediglich ONKEL PAUL VI hatte in Berlin noch eine längere Zeit vor sich, zuerst als ONKEL PAUL (ohne Nummer), dann als Verkaufsboot PRÄPELBOOT I. Neben Linienfahrten standen natürlich auch Rund- und Kaffeefahrten auf dem Programm. Ihre Strecke, ab Tegel ging es nach Tegelort, angefahren wurde neben Strandbad Tegel auch der Badestrand Forsthaus, war besonders für Kinder attraktiv. Die kleinen Preise und der urige Käptn, der immer mit den Kinder seinen „Ärger“ hatte, wollten die doch das Schiff zum schaukeln bringen, sorgten für gute Stimmung. Mit ein paar strengen Worten kehrte aber schnell wieder Ruhe ein. Das wusste auch Paul Bauer und freute sich jedes Mal auf die Kinder.

MS Baden-Baden

Auf eine lange Geschichte blickt die heute nicht mehr existierende Reederei Lahe aus Saatwinkel zurück, als Reederei auf dem Tegeler See aber erst seit kurz vor dem zweiten Weltkrieg. Als Fährbetreiber begannen Teile de Familie Lahe auf dem Tegeler See. Mit dem Bau eines Fährbootes wurde 1903 der Betrieb der Werft gegründet. Neben Yachten wurden auch kleine Fahrgastschiffe gebaut. So wurde auch die Tegeler Reederei Bigalke Kunde bei Lahe. Durch diesen Kunden kam die Werft dann zu ihrem ersten Fahrgastschiff – quasi wie die Jungfrau zum Kinde.

Als die Reederei Bigalke 1930 einen Neubau, der den Namen BUSSARD bekam, bauen ließ, dachte noch niemand bei den Lahes daran, dass dieses Schiff, der Grundstock für die eigene Flotte werden sollte. Als kurz vor dem Krieg für den BUSSARD ein Umbau vorgesehen war, und Bigalke nicht die Baukosten abzahlen konnte, ging das Schiff an die Bauwerft zurück und bildete den Grundstock des Reedereibetriebes von Erich Lahe (Sen.). Das nun umgebaute Fahrgastschiff, mit einer erhöhten Back und einem Sonnendeck, wurde weiter als BUSSARD eingesetzt. Somit wurde kurz vor dem 2. Weltkrieg die Reederei Lahe gegründet. Erfahrung mit dem Reedereibetrieb hatte die Familie Lahe schon gesammelt, neben dem Fährbetrieb des Onkels gab es schon in den späten dreißiger Jahren vereinzelt Versuche ein Fahrgastschiff einzusetzen bzw. zu vermieten. Eine richtige Reederei gab es aber nicht. Als Werftbetrieb war es für Erich Lahe sen. leicht an neue Schiffe zu kommen.

Recht schnell wurde der Betrieb vergrößert, schon 1949 zählten 5 Schiffe zur Flotte. Da mit der Reederei Bigalke ein Konkurrent ausschied konnte Lahe deren Platz einnehmen. Das Hauptbetätigungsfeld der Reederei wurde naturgemäß der Tegeler See. Anlegestellen gab es aber auch am Landwehrkanal und anderswo. Das Reedereiprogramm bestand aus Liniefahrten auf Tegeler See und Oberhavel, Sonderfahrten nach Berlin und Schiffsvermietungen.

Der BUSSARD konnte 1969/70 umgebaut werden, hierbei wurde das Schiff größer und war nicht mehr zu erkennen. Als BADEN- BADEN kam es wieder in Fahrt. Bis 1990 wurde es von Erich Lahe betrieben. Als letztes kleineres Rundfahrtschiff auf dem See. Nach Aufgabe der Reederei Lahe 1992 wurde die BADEN- BADEN an die Reederei Bethke verkauft und zuerst noch weiter als BADEN-BADEN betrieben. Die etwas trostlose Entwicklung am See bewirkte, dass das Schiff nicht mehr gewinnbringend eingesetzt werden konnte, ein Verkauf 2002 bot sich als Lösung an.

Als LATERNA war es nun kein Fahrgastschiff mehr, sondern wurde als schwimmende Discothek und Gaststätte von seinen neuen, türkischen Eignern an der Fennbrücke festgemacht. Bei Gelegenheit sollte es zwar als Partyschiff auch Fahrten machen, aber dazu kam es nicht. Auch das Restaurant lief nicht wie erwartet.

2003 am Steg gesunken, wurde es zwar von der Feuerwehr geborgen, aber als Restaurant war es nicht mehr brauchbar. Der Zustand des Schiffes verschlechterte sich zusehends.

2005 wurde es wieder von der Reederei Bethke erworben, zu neuem Leben erweckt und umgestaltet, der Einsatz erwies sich aber wieder als nicht erfolgreich. So charterte die Reederei Unger das Schiff und gestaltete es im „Piratenlook“ um. Als FREIBEUTER sollten von Tegel aus Fahrten in die Berliner City unternommen werden. Die paar Fahrten die man machen konnte, erwiesen sich aber auch nicht als gewinnbringend. Durch den Verkauf des FREIBEUTERS 2011 an eine Handelsagentur aus Mittenwalde, die bestimmt besondere Pläne hatte, konnte sich Unger vom wenig Einnahmen bringenden Schiff befreien.

Zum Hafen Königswusterhausen verbracht, wartete das Schiff nun auf neue Beschäftigung, die aber nicht kam. Stattdessen liegt das Schiff heute noch verrostend als Wrack im Hafen. Von der S-Bahn, kurz vor erreichen von KW ist es kurz zu sehen. Für die Anrainer ist das 2018 abgesoffene Schiff ein Ärgernis. Nach aufwändiger Bergung liegt es weiterhin im Hafen von Königswusterhausen. So endet vorerst die Geschichte eines der bekanntesten Tegeler See Schiffe äußerst unrühmlich als Ärgernis.

Das Gut »Schlößchen Tegel«, wie es seit dem 18. Jahrhundert hieß, geht wahrscheinlich auf einen schon vor 1500 nahe der Tegeler Wassermühle errichteten kleinen Wirtschaftshof zurück, der zum ritterlichen Gutshof in Heiligensee gehörte und 1544 von Kurfürst Joachim II. erworben wurde. Dieser vergab den Wirtschaftshof an seinen Sekretär Hans Bredtschneider für geleistete Dienste. Entweder bereits der Kurfürst oder jedenfalls Bredtschneider ließ auf dem Hof ein Herrenhaus erbauen, das im Vorderteil (Ostseite) des heutigen Schlosses noch erhalten ist und durch die beiden Runderker im Obergeschoss auffällt. Die ebenfalls erhaltenen Kellergewölbe dienten als Weinkeller des damals als Weingut bewirtschafteten Guts. Die 1591 erstmals erwähnten Weinberge – die heute bewaldeten Sandhügel am Schloss – lieferten jährlich an die 40 Tonnen sauren Tafelwein.
Möglicherweise zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges bis 1648 entstand der links an die Vorderseite des Herrenhauses angefügte Turmbau, an den der Gutsbesitzer Zacharias Friedrich von Götze nach 1660 ein im rechten Winkel anschließendes Wohnhaus anbauen ließ.
Das Gut war schwer zu bewirtschaften, weil ihm keine zur Dienstleistung verpflichteten Bauern unterstanden, so dass der Gutsbesitzer alle Arbeitskräfte frei anwerben und mit dem vollen üblichen Lohn bezahlen musste.
Die Einkünfte kamen im Wesentlichen aus der mit dem Gut verbundenen Tegeler Wassermühle, in der die Bauern der umliegenden Dörfer ihr Getreide mahlen lassen mussten. Außerdem wurden in dem Holzschneidewerk der Mühle gegen Entgelt Balken für die Bauwirtschaft geschnitten. Das kleine Gutsland umfasste nur 250 Morgen Ackerland, über das heute die Gabrielenstraße und ihre Nebenstraßen verlaufen, ferner einige Wiesen am Fließ und an der Malche, schließlich ein Kiefernwäldchen.
1752 vergab König Friedrich der Große das Gut – ohne die Mühle – an den Kammerdiener Möhring in Erbpacht mit der Aufl age, auf dem sandigen Boden 10 000 Maulbeerbäume zu pfl anzen, um die inländische Seidenstoff herstellung zu fördern. Nach mehreren Besitzerwechseln erwarb 1764 Friedrich Ernst von Holwede das Gut, dessen Witwe 1766 den Kammerherrn Alexander Georg von Humboldt aus Pommern heiratete. Dieser vergrößerte das Gut durch Erwerb zusätzlichen Landes und der Tegeler Wassermühle. Nach seinem Tod 1779 erbten seine minderjährigen Söhne Wilhelm und Alexander das Gut, das bis 1797 von der Witwe verwaltet wurde. Gemäß der Erbteilungsvereinbarung von 1802 ging das Gut einschließlich der Mühle in den Alleinbesitz von Wilhelm von Humboldt über, der seinen Bruder Alexander mit 22 000 Talern auszahlte. Wilhelm von Humboldt befreite sich 1803 durch Zahlung von 500 Talern an die Staatskasse von der Pflicht zur Pfl anzung der Maulbeerbäume, die auf dem Sand nur schlecht gediehen. 1812 löste er den Erbbauzins durch eine Einmalzahlung von 5530 Talern ab und erlangte das freie Eigentum am Gutsland anstelle des bisherigen Erbpachtrechts. 1822 wurde dem Gut die Rittergutseigenschaft zuerkannt. In den Jahren 1822 bis 1824 ließ Wilhelm von Humboldt das alte Herrenhaus nach Entwurf von Schinkel in das heutige Schloss Tegel umbauen. An den vier gleichartigen Türmen – in dem einen steckt noch der alte Turmbau – wurden Reliefs nach dem Vorbild des Athener »Turmes der Winde« nach Entwurf des Bildhauers Rauch angebracht. Die neue, zum Schlosspark gelegene Westfassade wurde klassizistisch gestaltet. In den neu geschaffenen großzügigen Räumen wurde Humboldts Sammlung von antiken Marmorbildwerken und Abgüssen antiker Statuen aufgestellt. In dieser Form ist das Gebäude bis heute erhalten.

Das als Reserve-Lazarett genutzte Restaurant Kaiser-Pavillon.

Im November 1918 ging bekanntlich der Weltkrieg zu Ende. Der Kaiser dankte ab, Friedrich Ebert bildete eine provisorische Regierung, Wahlen zu einer verfassungsgebundenen Nationalversammlung im Januar 1919 wurden angesetzt. Für viele Bewohner Berlins und der Nachbarschaftsvororte weckte dies die Hoffnung auf eine friedvolle Zukunft und auf ein persönliches Wohlergehen. Doch schnell sollte sich zeigen, dass dies 1919 und darüber hinaus Illusionen blieben. Spartakusaufstand, Mangelwirtschaft bei der Lebensmittel- und Energieversorgung, Streiks, Teuerungen und Wohnungsmangel prägten die Folgezeit. Welche Auswirkungen dies für die Einwohner von Tegel hatte, soll die nachfolgende unvollständige Chronik zeigen.

Etwa 200 Männer befanden sich zur Monatsmitte im Tegeler Gefängnis. Es waren Spartakisten, die bei den Kämpfen im Zeitungsviertel und um das Polizeipräsidium gefangen genommen wurden. Unter ihnen waren auch Plünderer, die bei der Ausraubung eines Juweliergeschäftes in der Großen Frankfurter Straße gefasst wurden. Natürlich wollte keiner geschossen, geraubt oder geplündert haben. Sie bezeichneten sich teils als „harmlose Passanten“.
Der Gastwirt Hans Sager war verstorben. Er hatte das Pfingsten 1903 von Georg Johnke eingeweihte Restaurant Kaiser-Pavillon mit Plätzen für 3000-4000 Gäste um 1907 übernommen. Im Krieg diente das Haus als Reservelazarett.
Zum Monatsende hin erhielt die Industrie fast keine Kohlen mehr. In erster Linie wurden Werkstätten beliefert, die Lokomotiven und Eisenbahnmaterial reparierten, die Nahrungsmittelindustrie und die Zeitungspapierfabrikanten. Die Gaswerke hatten im Durchschnitt für 10 Tage Kohlen. Das Tegeler Werk war noch für neun Tage mit Kohlen versorgt.
Das Feinkostgeschäft von Hermann Loewa Nachfolger, Inhaber Fritz Paege, Berliner Straße 12 Ecke Brunowstraße, ging an Anna Brüggemann, geb. Schmidt über.

Die „Rote Fahne“ behauptete, dass die im Tegeler Gefängnis einsitzenden Spartakisten durch schlechte Verpflegung langsam verhungern müssten. Ein Hungerstreik stände bevor. Die Gefängnisleitung bestritt die Angaben. Im Gefängnis befanden sich nach deren Auskunft 170 – 180 Spartakisten, die sich als Untersuchungsgefangene mit richterlicher Genehmigung für eigenes Geld Lebensmittel kaufen könnten. Dies geschah bisher nicht. Sie erhielten Verpflegung wie alle Gefängnisinsassen, ja sogar einen Zuschuss aus den Gefängnisbeständen. Als Untersuchungsgefangene trugen sie private Kleidung. Wäsche wurde vom Gefängnis dann gestellt, wenn eigene nicht mehr vorrätig war. Die Zentralheizung lieferte ihnen 16 – 17 Grad Wärme.
Im Humboldt-Gymnasium gab der Direktor den Schülern ab der Untersekunda bekannt, dass sie sofort das Zeugnis zum Einjährig-freiwilligen-Dienst bekommen würden, wenn sie sich sofort zum freiwilligen Dienst bei den Regierungstruppen zur Verfügung stellen würden. Der größte Teil der Schüler war 16 Jahre alt, fast alle waren 1918 als Erntehelfer auf dem Land beschäftigt. Durch den Unterrichtsausfall fehlten ihnen die für eine Prüfung erforderlichen Kenntnisse. Trotzdem sollten sie ungeprüft ein Zeugnis erhalten, wenn sie sich zu den Waffen melden würden. Keiner der Schüler ließ sich „fangen“.
Vom 24.2.-2.3. lieferten die Tegeler Kleinhandelsgeschäfte auf Abschnitt 100 der Lebensmittelkarte 3 Suppenwürfel á 10 Pf. und auf Abschnitt 104 500 g Marmelade für 1 M. In der Gemeindeverkaufsstelle gab es auf Abschnitt 22 der Sonderlebensmittelkarte für Kinder bis zu 2 Jahren und auf Abschnitt 17 für ältere Einwohner über 70 Jahre 250 g Haferflocken für 38 Pf., Kinder und ältere Einwohner erhielten die Ware am Mittwoch.
In der 1. Klasse (Fußball) besiegte am 23.2. Wacker Tegel Germania Berlin mit 6:0.

In den später Nachmittagsstunden des 3.3. begann ein Generalstreik in Groß-Berlin, der einen Sturm auf die Lebensmittelgeschäfte und hier insbesondere auf die Bäckereien auslöste. Bei Borsig in Tegel wurde in der Frühe des Folgetages noch gearbeitet. Die Arbeiter erklärten, sich erst im Laufe des Vormittags zu äußern. Kurzfristig wurde dann auch hier gestreikt, aber in der Frühe des 10.3. die Arbeit wieder aufgenommen. Die Beamten des Betriebes traten hingegen wegen Gehaltsforderungen in den Ausstand.
Die Spartakustage in Groß-Berlin hatten den Verkehr schwer beeinträchtigt. Aus dem Straßenbahndepot in Tegel konnten auch am 14.3. die Wagen nicht ausfahren, weil Straßen noch abgesperrt bzw. Oberleitungen noch zerschossen waren und wieder hergestellt werden mussten. Aus dem Turmwagendepot in der Markusstraße konnten erst am genannten Tag Turmwagen für die Reparaturen herausfahren.
Das Amtsgericht Wedding versagte bei einer Versteigerung einen Zuschlag für das in der Treskowstraße 3 – 4 gelegene, dem Peter Lihme gehörige, 19,96 a große Grundstück mit einem Nutzungswert von 19600 Mark. Ein neuer Termin sollte folgen.
Zwei Soldaten brachten in einem Straßenbahnwagen einen Zivilgefangenen nach Tegel, der in das Gefängnis eingeliefert werden sollte. Der Gefangene sprang plötzlich vom Straßenbahnwagen und ergriff die Flucht. Die Soldaten gaben mehrere Schüsse ab, sie trafen den Flüchtenden tödlich.
Eine Auflassung staatlichen Siedlungslandes an den Wohnungsverband sollte bis spätestens 1. August erfolgen. Mit der Erschließung und Bebauung durfte sofort (Ende März) begonnen werden. In Tegel waren dies am Hermsdorfer Fließ 10 Hektar. Der Fiskus zahlte an den Wohnungsverband einen Zuschuss (nicht nur Tegel betreffend) in Höhe von 1960000 Mark.
Der Niederbarnimer Kreistag trat am 31.3. zu einer Haushaltssitzung zusammen. Er beschäftigte sich auch mit einer von der Regierung angeordneten Neuwahl von 69 Abgeordneten. In Tegel waren 3 Abgeordnete zu wählen.

Tegel richtete am 1.4. ein Wohnungsamt ein, das seine Tätigkeit aber erst am 1.9. begann.
Für die in Tegel, Schulzendorf, Heiligensee, Sandhausen, Jörsfelde, Tegelort und einem Teil von Reinickendorf-West wohnhaften oder versicherungspflichtig beschäftigten Personen richtete die AOK Niederbarnim in Tegel, Brunowstraße 23 ab 13.4. eine Zweigstelle ein.
Auf Abschnitt 14 der Groß-Berliner Lebensmittelkarte kam ab 16.4. ohne Voranmeldung 250 g amerikanisches Weizenmehl zur Ausgabe. Der Preis für das halbe Pfund betrug 1,09 Mark. 150 g Haferflocken für 38 Pf., 150 g Teigwaren für 20 Pf., 250 g amerikanisches Weizenmehl für unverändert 1,09 M. und 100 g gedörrter Weißkohl für 44 Pf. mussten hingegen bis zum 22.3. beim Kleinhändler angemeldet und am 26.3. abgeholt werden.
Der Gesamtetat Tegels schloss mit 8975100 M. ab. Der Kommunalsteuerzuschlag betrug 260 %, die Grundwertsteuer 3 pro Mille für bebaute und 7 ½ pro Mille für unbebaute Grundstücke und die Gewerbesteuer für die 1. und 2. Klasse 400 %. Die Gemeinde übernahm künftig bei Beerdigungen die Kosten für Gruft, Einbettung und einfache Schmückung der Grabhügel.
40000 M. brachten die Gemeindevertreter in Ansatz für freie Lernmittel der Volksschüler, 20000 M. für öffentliche Gesundheitspflege und 400000 M. für Mehrkosten an Besoldung und Löhnen der Beamten, Lehrer und Gemeindearbeiter.
Zum Ankauf von Baumaterialien für eine geplante Siedlung von 70 – 80 Einfamilienheimstätten mit ca. 300 qm Garten wurden 200000 M. bewilligt.
Der Arbeiterschwimmverein „Delphin“ erhielt 300 M. zur Erteilung unentgeltlichen Schwimmunterrichts für unbemittelte Schulkinder.
10 Hilfspolizeibeamte sollten wegen der allgemeinen Unsicherheit und zur Erreichung des 8-Stunden-Tages angestellt werden.
Ein dringlicher Antrag wurde angenommen, bei den Behörden wegen sofortiger Aufhebung des Belagerungszustandes vorstellig zu werden. Bürgermeister Stritte hatte keine Bedenken, zumal in Tegel die Ordnung nie gestört war. Man war ja froh, als die Regierungstruppen wieder abzogen.
Lebensmittelzuteilungen mit Anmeldung bis 28.4. und Ausgabe am 3.5.: 250 g „Amerikamehl“ für 1,09 M., 100 g Teigwaren für 14 Pf., 100 g Dörrweißkohl für 44 Pf., 125 g „Amerikaspeck“ für 1,65 M., 100 g Bratfett für 1,20 M. und 40 g Butter für 56 Pf. Außerdem für ältere Einwohner Tegels ½ Pfund Nährhefe für 90 Pf. und 250 g Haferflocken für 38 Pf., für Kinder bis 7 Jahren ½ Pfund Haferflocken für 38 Pf. und für Jugendliche ½ Pfund Morgentrank für 45 Pf., abzuholen bei der Gemeindeverkaufsstelle Bahnhofstraße 7 (heutige Grußdorfstraße).
Gerügt wurden zwei Händler. Nehring in der Brunowstraße 30 e hatte amerikanisches Mehl gefälscht und Kusserow in der Schlieperstraße 4 sich mittels zerschnittener und falscher Marken zuviel Waren beschafft. Beiden wurden die Gemeindewaren entzogen.

In Tegel verlief eine Maifeier der Sozialdemokraten mit über 1500 Teilnehmern „in würdiger Weise“.
Die Hafengebühr stieg um 50 %. Im Polizeidienst waren 4 etatmäßige Stellen frei geworden, 9 weitere Personen sollten noch eingestellt werden. Das Gehalt der Hilfsbeamten wurde auf 450 M. festgesetzt. Insgesamt 20 Beamte sollten dann den Sicherheitsdienst „notdürftig aufrechterhalten“.
Auf Abschnitt 21 der Groß-Berliner Lebensmittelkarte gab es 200 g Teigwaren für 27 Pf. und auf Abschnitt 286 der Gemeindewirtschaftskarte 100 g gedörrte Möhren für 48 Pf. sowie schließlich auf der Einfuhrzusatzkarte 250 g amerikanisches Weizenmehl für 1,09 M. Eine Woche später konnte die Tegeler Hausfrau 500 g Marmelade, 150 g Graupen, 100 g getrocknete Möhren und 100 g getrockneten Weißkohl bis 19. d. Mts. anmelden und am 23. kaufen.
Die Gemeindevertreter beschäftigten sich mit dem bereits seit 1914 vertagten Thema der Höherlegung des Bahnkörpers und der Verlegung des Güterbahnhofs in das Fließgelände. Hiergegen gab es Einsprüche auch von der Gemeinde Tegel.
Berliner Ecke August-Müller-Straße (heutige Gorkistraße) wurde eine Rettungsstation eingerichtet.
Die Umpflasterung einer Reihe von Straßen und die Verlegung der Kanalisation wurde beschlossen.

Mit Anmeldung bis 10.6. und Warenausgabe am 14.6. wurden lediglich 250 g amerikanisches Weizenmehl und 150 g Haferflocken aufgerufen. Später folgten 100 g Teigwaren, 250 g Nährsuppe und je 100 g getrockneter Weißkohl und getrocknete Möhren. Ältere Einwohner Tegels erhielten 250 g Haferflocken und 1 Briefchen Süßstoff.
In der Hammerschmiede des Borsigwerkes explodierte eine Sauerstoffflasche. Durch umherfliegende Stücke starben 3 Arbeiter sofort, 3 kamen im Besorgnis erregenden Zustand ins Krankenhaus.
Bürgermeister Stritte wurde in den Kreisausschuss gewählt.

Dem Berliner Zoo wurden einmalig 1500 M. als Kriegsbeihilfe gewährt. Dafür sollten die Schulkinder von Tegel durch die Schulen freien Eintritt haben.
Gemeindevertreter erhielten für die Teilnahme an Sitzungen mindestens 3 und höchstens 4 M.
Für die Kleinhaussiedlung wurden vom Groß-Berliner Wohnungsverband 783328 M. als erste Beihilfe bewilligt. Von den Gesamtkosten in Höhe von 2 Mio. M. bewilligten die Tegeler Gemeindevertreter 1 Mio. M. als Baukosten. Zudem wurde das benötigte Land hergegeben. 62 Einfamilienhäuser mit Garten und Zubehör waren vorgesehen.
Eine Erhöhung des Steuerzuschlages auf 300 % wurde beabsichtigt.
An Lebensmitteln wurden für eine Woche 100 g Haferflocken, 1 Pfund Graupen und ¼ Pfund Reis zugeteilt.
Bei der Einkommensbesteuerung sollten Einkommen bis 1500 M. frei bleiben und solche über 6500 M. höher herangezogen werden.
Im Tegeler Strafgefängnis bestand während des Weltkrieges eine riesige Schneiderwerkstatt, in der täglich 1000 m Stoff für Arbeiterschutzkleidung für das Artilleriedepot und für technische Truppen verarbeitet wurden. In diesem Bereich war ein Häftling namens Plügge als Maschinennäher und Schreiber tätig. Im Frühjahr 1918 stellte die Kriminalpolizei fest, dass eine „Frau Lazar“ in umfangreichster Weise diese Kleidung verschob. Tatsächlich handelte es sich bei „Frau Lazar“ um die Ehefrau des Plügge, der Heeresgut im Wert von vielen tausend Mark beiseite geschafft hatte. Es kam zu einem Gerichtsverfahren, bei dem im Juli sämtliche Gefängnisbeamte zu Gegenüberstellungen vorgeladen wurden.
Die Gemeindevertreter stimmten der Errichtung eines Freibades am Nordufer des Tegeler Sees zu. Strandlänge 120 m, Kosten ca. 6000 M. Der Zweckverband hatte für 3 Jahre die Genehmigung erteilt. Den Betrieb sollte der Arbeiter-Schwimmverein „Delphin“ übernehmen. Eintritt und Kleideraufbewahrung je 10 Pf., Übersetzen mit dem Motorboot 20 Pf. für die einfache und 30 Pf. für die Hin- und Rückfahrt.
Die Gemeinde hatte schon zur Jahresmitte 308000 M. Mehrkosten durch erhöhte Gehälter und Arbeitslöhne.
Über den Gesetzentwurf zur Bildung Groß-Berlins wurde diskutiert. Bürgermeister Stritte schilderte in den schwärzesten Farben die Nachteile der Überstimmung der Vororte.
Hinsichtlich der Lebensmittelzuteilung seien hier nur für ältere Einwohner ¼ Pfund Reis und 2 Päckchen Milchsüßspeise oder 2 Päckchen Puddingpulver und für Jugendlich die gleiche Menge Reis, aber nur 1 Päckchen Süßspeise oder Puddingpulver genannt.
Bei Borsig standen die Lokomotivschmiede im Ausstand. Sie verlangten 4 M. Stundenlohn, obwohl der Metallarbeiterverband nur 3,50 M. forderte. Die Hammerschmiede standen schon längere Zeit im Streik. Borsig hatte sie nun gekündigt, wollte gar das ganze Werk schließen. Am 25. d. Mts. unterwarf sich die Firma einem Schiedsspruch „im Interesse der Produktion“.
Kopazick in der Egellsstraße 56 färbte das Paar Glacéhandschuhe „wie neu“ in 12 Stunden für 1 M.

Vom 11. – 16. 8. gab es auf Lebensmittelkarten 500 g lose Suppen, 250 g ausländisches Gerstenmehl, 250 g Teigwaren, 500 g Pflaumenmarmelade und für Kinder und ältere Leute ¼ Pfund Reis.
Am 21. d. Mts. wurde die Humboldtmühle im Dachgeschoss, in dem sich 8 Silos befanden, durch eine Mehlstaubexplosion heimgesucht. Durch starke Detonation wurde das Dach in 10 m Breite und 18 m Länge vollständig abgedeckt. 30 m der Straße wurden handhoch mit Ziegelsteinen bedeckt. Eine starke Stichflamme schoss empor, erstickte aber gleich wieder. Die Mannschaft der Tegeler Feuerwehr befand sich gerade auf dem Friedhof zur Beerdigung eines Kameraden. Die Männer eilten zum Depot und zur Mühle, brauchten dort aber nicht einzugreifen.

Bürgermeister Stritte wurde vom Niederbarnimer Kreistag als Amtsvorsteher wieder gewählt.
Der Gaspreis des Gemeindegaswerkes wurde durch höhere Gestehungskosten von 35 auf 47 Pf. erhöht.
Für Bürozwecke mietete die Gemeinde das Grundstück Spandauer Straße 4 (heutiger Eisenhammerweg).
Von einer beabsichtigten Auflösung der Volksküche wurde wegen der unübersichtlichen Lage der Lebensmittel- und Kohlenversorgung Abstand genommen. Die Volksküche sollte in einer neu aufzustellenden Baracke in der Hauptstraße 16 (heutige Straße Alt-Tegel) untergebracht werden. Zur Linderung der Kohlennot wurde 150000 M. als Vorschuss bewilligt.
Teuerungszulagen (Verheiratete 1000 M., ledige Männer 600 M., Frauen über 16 Jahren 500 M. und unter 16 Jahren 250 M.) sollten für Beamte und Arbeiter gezahlt werden. Hierfür war eine Anleihe von 300000 M. erforderlich.
Am 14.9. wurde des 150. Geburtstages des großen Forschers Alexander von Humboldt gedacht.
In Tegel wurde die Vermittlung von Hilferufen durch Fernsprecher eingeführt. Die Verbindung mit der Polizeibehörde wurde selbst dann vorgenommen, wenn der Anrufende keine bestimmte Anschlussnummer verlangte.
V. 22. – 28.9. gab es an Lebensmitteln: 250 g Inlandsmarmelade für 65 Pf., 250 g Maismehl für 1,45 M., 200 g Graupen für 18 Pf., 100 g Maisgrieß für 10 Pf. und 2 Päckchen Milchsüßspeise für 1,10 M.
Mit einer Stellenanzeige suchte die Gemeinde Tegel einen Sozial-Hygieniker für die neu geschaffene Stelle eines Gemeindearztes. Für die Anstellung mit Pensionsberechtigung wurde ein Gehalt von 15 – 18000 M. geboten. Eine Privatpraxis war ausgeschlossen.
Am 29. d. Mts. legten in der größten Lokomotivfabrik Berlins, der Fa. Borsig, die Heizer die Arbeit nieder. Darauf sah die Direktion keine Möglichkeit der Weiterarbeit im Werk. 5000 – 6000 Arbeiter mussten das Unternehmen verlassen. Der Streik der Heizer legte auch die dortigen Wasserwerke und die Feuerwehr lahm.
Die Gemeindevertreter bewilligten Mittel zum Bau einer Volksbadeanstalt sowie 150000 M. , um die Dampferlandungsbrücken durch Betonbrücken zu ersetzen.
Händler, die sich am Demonstrationsstreik für den freien Handel beteiligten, wurden nicht mehr mit Gemeindewaren beliefert.

Der Arbeiterrat gab bekannt, dass die Arbeiter von Borsig ihren Lohn im Borsig-Kasino am 2.10. erhalten, und zwar Vorschusszahlungen um 9 Uhr und Vollzahlungen um 14 Uhr.
Der frühere Geistliche von Tegel, Pastor W., stand vor der Strafkammer des Landgerichts wegen Verstoßes gegen § 175 StGB. Er wurde beschuldigt, Konfirmanden unzüchtig berührt zu haben. W. war aus dem Amt ausgeschieden und meldete sich als Kriegsfreiwilliger. Als Sachverständiger gab Dr. Magnus Hirschfeld ein Gutachten ab, nach dem beim Angeklagten ein krankhafter Zwang vorlag. Das Gericht erkannte auf Freisprechung.
Eine neue Eisenbahnwochenkarte wurde eingeführt. Für die Strecke Stettiner Bahnhof – Tegel kostete sie 3,30 M. Zum Vergleich: Eine Monatskarte kostete 14 M., war mithin etwas günstiger als die Wochenkarte.
Im Strandschloß Tegel fand sonntags um 16 Uhr und dienstags, donnerstags und freitags um 19 Uhr ein großer Ball statt. Das Ballorchester war mit 7 Musikern besetzt.
Die Tegeler Walderholungsstätte erforderte einen Zuschuss von 26000 M. Ein Drittel trug die Gemeinde.
Von der Errichtung eine Volkshochschule wurde Abstand genommen. Dafür aber alle 3 – 4 Wochen künstlerische Veranstaltungen arrangiert, und zwar erstmals ab 28.10. über „Das Volkslied“. Für belehrende Vorträge wurde ein Kinoapparat beschafft, der auch für die Schulen gedacht war. Der Eintritt für einen Kunstabend betrug 75 Pf. Die Gemeindevertreter beschlossen auch, die Bibliothek auszubauen und zu modernisieren.
Das Grundstück Bahnhofstraße 7 – 8 (heutige Grußdorfstraße) mit dem Gemeindekuhstall sollte für 355000 M. gekauft werden.
Schuldiener und Heizer wurden bisher mit Privatdienstvertrag beschäftigt, künftig mit vierteljährlicher Kündigung als Beamte mit einer Vergütung von 4800 – 5300 M.

Ab 2.11. fiel auf der Bahnstrecke Stettiner Bahnhof – Tegel der Vorortzug 8.30 Uhr ab Stettiner Bahnhof, 9.01 Uhr in Tegel eintreffend, weg.
Es sollte Essen aus der Volksküche ausgegeben werden. In der ersten Woche lagen 133 Anträge für 192 Personen vor (543,90 M.), in der Folgewoche für 349 Personen (2332,40 M.). 50000 M. wurden für den notwendigen Nahrungsmittelkauf zur Verfügung gestellt. Ein gleicher Betrag für den Ausbau von 15 Notwohnungen war bereits aufgebraucht.
Ein Hafenkran im Wert von 300000 M. war zum Kauf vorgesehen.
Für die Grunderwerbssteuer wurde ein Zuschlag beschlossen, und zwar 1 % für bebaute und 1 ½ % für unbebaute Grundstücke.
Durch Mangel an Kohlen entstanden erhebliche Schwierigkeiten bei der Abfertigung der Vorortzüge Berlin – Tegel. Einige Kohlenzüge waren ausgeblieben.
Hebbels „Maria Magdalena“ mit Lucie Höflich als Clara wurde mit der gleichen Besetzung wie im Schauspielhaus in Tegel aufgeführt. Der Eintrittspreis für die teuersten Plätze lag bei 2 M.
Bei Borsig weigerten sich die Heizer, unter den vorgesehenen Bedingungen die Arbeit wieder aufzunehmen. Borsig hatte am 10. d. Mts. die Reihenfolge der Wiederaufnahme der Arbeit durch eine Bekanntmachung festgelegt. Da sich die Heizer weigerten, widerrief Borsig diese Regelung. Die Firma verschickte nun Postkarte mit der Aufforderung zur Arbeits-Wiederaufnahme. Diese Karte musste beim Betreten des Werkes vorgezeigt werden.
Ab 16.11. litt ganz Berlin unter den Folgen eines Schneesturmes, der eine 35 cm hohe Schneedecke verursachte. Bei der Straßenbahn wurden Triebwagen mit Schneepflügen und Salzwagen eingesetzt. In Tegel wurde nichts getan, um den Schnee zu beseitigen. Erst am 17.11. ab 14 Uhr konnten hier Bahnen teilweise wieder fahren.

Der Etat des Wirtschaftsamtes wies Verluste auf, so bei der Volksküche 46637 M., bei der Molkerei 34390 M. und bei der Kartoffelversorgung 47397 M. Die Gemeindeverkaufsstellen hatten hingegen einen Reingewinn von 23000 M. Die Löhne hatten sich im letzten Vierteljahr um 37000 M. erhöht.
Zur Weihnachtsbescherung bedürftiger Kinder wurden 5000 M. bewilligt.
„Zur Befriedigung des Geldbedürfnisses“ nahm die Gemeinde Tegel bei der Schöneberger Sparkasse eine Anleihe von 4 Mio. M. auf.
Bei den Groß-Berliner Sparkassen, zu denen auch die Tegeler Gemeindesparkasse hinzutrat, nahmen die Einzahlungen ab und die Rückzahlungen zu. In Tegel betrug das Mehr an Rückzahlungen gegenüber den Einzahlungen 0,02 Mio. M.
Dr. Pannwitz wurde als Gemeindearzt mit 14 Stimmen (gegenüber 9 Stimmen für den Mitbewerber Dr. Drucker) gewählt und eingestellt. Die Anstellung von 2 Privatangestellten der Gemeinde als Beamte auf Kündigung wurde beschlossen.
Die Lebensmittelzuteilung zur Monatsmitte wies 100 g Graupen und je 250 g Zerealienmehl auf drei Marken sowie für Kinder und ältere Leute je 125 g Kakao aus.
Nach einer neuen Eingruppierung erhielt der Bürgermeister ein Anfangsgehalt von 24000 M., der Beigeordnete 18000 M., die selbständigen Dezernenten und der Baurat je 11000 M.
Nach einer neuen Friedhofsordnung wurden Erbbegräbnisse nicht mehr genehmigt. Die Grabstelle und die Beerdigung waren frei, der Grabhügel wurde von der Gemeinde mit Rasen versehen.
700 Kranke im Reservelazarett Tegel erhielten 2000 M. zur Weihnachtsbescherung. Als Weihnachtsbeihilfe wurden 85 M. an Verheiratete und 50 M. an Unverheiratete gezahlt, die in den letzten 2 Monaten länger als 4 Wochen arbeitslos waren. Das galt auch für Bezieher von Armenunterstützung.
Gerhard Völzmann

Man nannte sie „Schwingenflieger“, jene Männer, die im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert Flugapparate konstruierten, mit deren Hilfe sie den Flug der Vögel nachahmen wollten. Damit wichen sie bewusst von anderen Systemen wie dem Gleitfliegen (Vorbild z. B. Wright) ab. Der ohne Zweifel bis in die heutige Zeit bekannteste „Schwingenflieger“ war Otto Lilienthal, dessen Versuche durch einen Todessturz jäh endeten.

Ein anderer Mann, dessen Name Bruno Scholz in Vergessenheit geraten ist, hatte sich den Überlegungen Lilienthals verschrieben. Er glaubte, besserer Resultate erzielen zu können. Scholz wohnte in Berlin O 34, Kopernikusstraße 22. Von Beruf war er Architekt, hatte sich aber bereits 1897 von dieser Tätigkeit losgesagt. Seitdem gab es wohl, egal ob Storch oder Spatz, keinen Vogel, den es nicht im Flug beobachtete, um Rückschlüsse auf die Konstruktion eines Flugapparates ziehen zu können. Zwölf Jahre später, im August 1909, war es dann soweit. Scholz brachte seinen eigenartig konstruierten „Aeroplan“ auf ein zu Schulzendorf bei Tegel gehörendes Gelände. Wo dies genau lag, ist nicht bekannt. Es war eine „im gesegneten Sommergrün prangende Wiese“, die sich unmittelbar an der Chaussee Tegel – Heiligensee unweit des Schulzendorfer Bahnhofes befand. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass erst im Folgejahr ein Flugplatz in Schulzendorf geplant und eingeweiht wurde. Es war eine vorherige Ackerfläche zu beiden Seiten des heutigen Bekassinenweges.

Der geplante Flugversuch von Scholz zog auch Pressevertreter an, obwohl die wenige Tage später am 29.8. vorgesehene Ankunft des Grafen Zeppelin mit seinem Luftschiff Z III auf dem Tegeler Schießplatz eine unvergleichbar höhere Beachtung bei den Berlinern hervorrief. Der Reporter einer Berliner Zeitung beschrieb sehr ausführlich und humorvoll seine Fahrt nach Schulzendorf und die Besichtigung der Flugmaschine. Eigentlich hatte er sich als angenehmer gewünscht, dass der „Vogel von Schulzendorf“ in gerader Linie nach Berlin gekommen wäre. Denn Schulzendorf ist selbst im Zeitalter des Verkehrs recht schwierig zu erreichen, wenn man nicht gerade einen der drei Züge der Kremmener Bahn benutzen kann, die täglich dorthin fahren.

Der „Vogel von Schulzendorf“ am 18.8.1909 Bildnachweis: Sammlung Frank-Max Polzin.

Am Ziel angekommen, erwartete ihn keinesfalls ein fertiger „Aeroplan“. Vielmehr fiel sein Blick auf „ein hochbeiniges Gestell, dass wie ein ausgenommener Vogel aussah; vornweg ragte ein bleiches Etwas, ähnlich dem Skelett eines Vogelkopfes“. Das Objekt hing mittels einer Kette an einem Galgen. Glaubte der Reporter zunächst an eine „schreckliche Exekution“, klärte ihn der Erfinder schnell auf, dass seine Flugmaschine erst noch durch den Einbau weiterer Teile „zum Leben erweckt“ werden müsste. Diese befanden sich in einer Scheune.

Ergänzend zur Abbildung ist die überlieferte Beschreibung des Flugobjektes interessant. Scholz hatte das Gerüst seiner Konstruktion aus Bambusstäben hergestellt, die Segel bestanden aus Leinwand. Der ganze Apparat hatte eine Länge von 17 m, die Spannweite der Flügel betrug 14 m. Der „Vogelkörper“ bot Sitzmöglichkeiten für zwei Personen und nahm zudem zwei Motoren (je 8 PS) und schließlich ein großes, senkrecht stehendes Gewinde (eine Zentrifuge) auf. Die Zentrifuge sollte beim Heben des Apparates helfen. Lange Beine auf Rädern, die mit Bolzen und Federn versehene „Kniegelenke“ hatten, sollten auf dem Boden ein „Springen“ ermöglichen. An der Gondel war vorn der mit Seitensteuer ausgerüstete Kopf, hinten ein überaus langer, auch mit Steuer versehener Schwanz. Die je 6 m langen und 4 m breiten Flügel hatten vom zweiten Motor betriebene Klappen, die sich beim Heben öffnen und beim Herabschlagen wieder schließen sollten. Sechzig mal in der Minute sollte jeder Flügel durch ein recht kompliziertes Scherengetriebe auf- und niederschlagen. Der ganze Flugkörper hatte natürlich noch ein Dach. Insgesamt hatte der „langbeinige und kurzhalsige Riesenvogel“ 100 qm Segelfläche und ein Gesamtgewicht von 500 kg.

Bruno Scholz offenbarte freimütig, dass die Flugmaschine einen Teil seines Lebens bedeutete und sein ganzes Hab und Gut aufgezehrt hatte. Ein paar hundert Mark fehlten ihm zuletzt, die er sich noch erhoffte. Er benötigte dieses Geld für die Arbeiter, die ihm beim Zusammenbau des „Aeroplans“ halfen. Anerkannt wurde, dass der Erfinder sich in Schulzendorf nicht, wie sonst üblich, den Blicken entzog, sondern an öffentlicher Straße die Montagen vollzog.

Der eingangs erwähnte Reporter schloss seinen Bericht so humorvoll, wie er ihn begonnen hatte, mit folgendem Satz: Vielleicht fliegt der Vogel einmal wirklich, und bald gibt es dann in dem stillen Schulzendorf keine Ackerbauer mehr, sondern noch noch … Vogelbauer.

Kommen wir nun zum 18.8.1909. Es war jener Abend, an dem Bruno Scholz seinen ersten Flugversuch mit dem „Vogel von Schulzendorf“ unternahm. Sie, liebe Leserin, lieber Leser dieser Zeilen, ahnen vielleicht schon, zu welchem Ergebnis dieser führte. Scholz setzte die Motoren in Gang. Der Vogel hob sich tatsächlich etwa 40 Zentimeter, gewaltige Flügelschläge erfolgten, doch dann stürzte das Gerät hilflos in sich zusammen. Was war geschehen? Eine auch aus Bambus(!) hergestellte Kupplung war gebrochen, das Experiment damit rasch zu Ende. Der Erfinder wollte sich durch diesen Misserfolg nicht entmutigen lassen, die Kupplung aus besserem Material herstellen und dann seine Versuche fortsetzen. Dazu kam es aber wohl nicht mehr. Vielmehr soll Scholz sein Lebenswerk eigenhändig zerschlagen haben. Auch aus der weiteren Entwicklung des Flugwesens wissen wir, dass der „Schwingenfliegerei“, wie sie Scholz sich vorstellte, keine praktische Zukunft beschieden war.