Das Humboldtschloss

Das Gut »Schlößchen Tegel«, wie es seit dem 18. Jahrhundert hieß, geht wahrscheinlich auf einen schon vor 1500 nahe der Tegeler Wassermühle errichteten kleinen Wirtschaftshof zurück, der zum ritterlichen Gutshof in Heiligensee gehörte und 1544 von Kurfürst Joachim II. erworben wurde. Dieser vergab den Wirtschaftshof an seinen Sekretär Hans Bredtschneider für geleistete Dienste. Entweder bereits der Kurfürst oder jedenfalls Bredtschneider ließ auf dem Hof ein Herrenhaus erbauen, das im Vorderteil (Ostseite) des heutigen Schlosses noch erhalten ist und durch die beiden Runderker im Obergeschoss auffällt. Die ebenfalls erhaltenen Kellergewölbe dienten als Weinkeller des damals als Weingut bewirtschafteten Guts. Die 1591 erstmals erwähnten Weinberge – die heute bewaldeten Sandhügel am Schloss – lieferten jährlich an die 40 Tonnen sauren Tafelwein.
Möglicherweise zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges bis 1648 entstand der links an die Vorderseite des Herrenhauses angefügte Turmbau, an den der Gutsbesitzer Zacharias Friedrich von Götze nach 1660 ein im rechten Winkel anschließendes Wohnhaus anbauen ließ.
Das Gut war schwer zu bewirtschaften, weil ihm keine zur Dienstleistung verpflichteten Bauern unterstanden, so dass der Gutsbesitzer alle Arbeitskräfte frei anwerben und mit dem vollen üblichen Lohn bezahlen musste.
Die Einkünfte kamen im Wesentlichen aus der mit dem Gut verbundenen Tegeler Wassermühle, in der die Bauern der umliegenden Dörfer ihr Getreide mahlen lassen mussten. Außerdem wurden in dem Holzschneidewerk der Mühle gegen Entgelt Balken für die Bauwirtschaft geschnitten. Das kleine Gutsland umfasste nur 250 Morgen Ackerland, über das heute die Gabrielenstraße und ihre Nebenstraßen verlaufen, ferner einige Wiesen am Fließ und an der Malche, schließlich ein Kiefernwäldchen.
1752 vergab König Friedrich der Große das Gut – ohne die Mühle – an den Kammerdiener Möhring in Erbpacht mit der Aufl age, auf dem sandigen Boden 10 000 Maulbeerbäume zu pfl anzen, um die inländische Seidenstoff herstellung zu fördern. Nach mehreren Besitzerwechseln erwarb 1764 Friedrich Ernst von Holwede das Gut, dessen Witwe 1766 den Kammerherrn Alexander Georg von Humboldt aus Pommern heiratete. Dieser vergrößerte das Gut durch Erwerb zusätzlichen Landes und der Tegeler Wassermühle. Nach seinem Tod 1779 erbten seine minderjährigen Söhne Wilhelm und Alexander das Gut, das bis 1797 von der Witwe verwaltet wurde. Gemäß der Erbteilungsvereinbarung von 1802 ging das Gut einschließlich der Mühle in den Alleinbesitz von Wilhelm von Humboldt über, der seinen Bruder Alexander mit 22 000 Talern auszahlte. Wilhelm von Humboldt befreite sich 1803 durch Zahlung von 500 Talern an die Staatskasse von der Pflicht zur Pfl anzung der Maulbeerbäume, die auf dem Sand nur schlecht gediehen. 1812 löste er den Erbbauzins durch eine Einmalzahlung von 5530 Talern ab und erlangte das freie Eigentum am Gutsland anstelle des bisherigen Erbpachtrechts. 1822 wurde dem Gut die Rittergutseigenschaft zuerkannt. In den Jahren 1822 bis 1824 ließ Wilhelm von Humboldt das alte Herrenhaus nach Entwurf von Schinkel in das heutige Schloss Tegel umbauen. An den vier gleichartigen Türmen – in dem einen steckt noch der alte Turmbau – wurden Reliefs nach dem Vorbild des Athener »Turmes der Winde« nach Entwurf des Bildhauers Rauch angebracht. Die neue, zum Schlosspark gelegene Westfassade wurde klassizistisch gestaltet. In den neu geschaffenen großzügigen Räumen wurde Humboldts Sammlung von antiken Marmorbildwerken und Abgüssen antiker Statuen aufgestellt. In dieser Form ist das Gebäude bis heute erhalten.

Das Jahr 1919 im Rückblick: Was vor 100 Jahren in Tegel geschah

Das als Reserve-Lazarett genutzte Restaurant Kaiser-Pavillon.

Im November 1918 ging bekanntlich der Weltkrieg zu Ende. Der Kaiser dankte ab, Friedrich Ebert bildete eine provisorische Regierung, Wahlen zu einer verfassungsgebundenen Nationalversammlung im Januar 1919 wurden angesetzt. Für viele Bewohner Berlins und der Nachbarschaftsvororte weckte dies die Hoffnung auf eine friedvolle Zukunft und auf ein persönliches Wohlergehen. Doch schnell sollte sich zeigen, dass dies 1919 und darüber hinaus Illusionen blieben. Spartakusaufstand, Mangelwirtschaft bei der Lebensmittel- und Energieversorgung, Streiks, Teuerungen und Wohnungsmangel prägten die Folgezeit. Welche Auswirkungen dies für die Einwohner von Tegel hatte, soll die nachfolgende unvollständige Chronik zeigen.

Etwa 200 Männer befanden sich zur Monatsmitte im Tegeler Gefängnis. Es waren Spartakisten, die bei den Kämpfen im Zeitungsviertel und um das Polizeipräsidium gefangen genommen wurden. Unter ihnen waren auch Plünderer, die bei der Ausraubung eines Juweliergeschäftes in der Großen Frankfurter Straße gefasst wurden. Natürlich wollte keiner geschossen, geraubt oder geplündert haben. Sie bezeichneten sich teils als „harmlose Passanten“.
Der Gastwirt Hans Sager war verstorben. Er hatte das Pfingsten 1903 von Georg Johnke eingeweihte Restaurant Kaiser-Pavillon mit Plätzen für 3000-4000 Gäste um 1907 übernommen. Im Krieg diente das Haus als Reservelazarett.
Zum Monatsende hin erhielt die Industrie fast keine Kohlen mehr. In erster Linie wurden Werkstätten beliefert, die Lokomotiven und Eisenbahnmaterial reparierten, die Nahrungsmittelindustrie und die Zeitungspapierfabrikanten. Die Gaswerke hatten im Durchschnitt für 10 Tage Kohlen. Das Tegeler Werk war noch für neun Tage mit Kohlen versorgt.
Das Feinkostgeschäft von Hermann Loewa Nachfolger, Inhaber Fritz Paege, Berliner Straße 12 Ecke Brunowstraße, ging an Anna Brüggemann, geb. Schmidt über.

Die „Rote Fahne“ behauptete, dass die im Tegeler Gefängnis einsitzenden Spartakisten durch schlechte Verpflegung langsam verhungern müssten. Ein Hungerstreik stände bevor. Die Gefängnisleitung bestritt die Angaben. Im Gefängnis befanden sich nach deren Auskunft 170 – 180 Spartakisten, die sich als Untersuchungsgefangene mit richterlicher Genehmigung für eigenes Geld Lebensmittel kaufen könnten. Dies geschah bisher nicht. Sie erhielten Verpflegung wie alle Gefängnisinsassen, ja sogar einen Zuschuss aus den Gefängnisbeständen. Als Untersuchungsgefangene trugen sie private Kleidung. Wäsche wurde vom Gefängnis dann gestellt, wenn eigene nicht mehr vorrätig war. Die Zentralheizung lieferte ihnen 16 – 17 Grad Wärme.
Im Humboldt-Gymnasium gab der Direktor den Schülern ab der Untersekunda bekannt, dass sie sofort das Zeugnis zum Einjährig-freiwilligen-Dienst bekommen würden, wenn sie sich sofort zum freiwilligen Dienst bei den Regierungstruppen zur Verfügung stellen würden. Der größte Teil der Schüler war 16 Jahre alt, fast alle waren 1918 als Erntehelfer auf dem Land beschäftigt. Durch den Unterrichtsausfall fehlten ihnen die für eine Prüfung erforderlichen Kenntnisse. Trotzdem sollten sie ungeprüft ein Zeugnis erhalten, wenn sie sich zu den Waffen melden würden. Keiner der Schüler ließ sich „fangen“.
Vom 24.2.-2.3. lieferten die Tegeler Kleinhandelsgeschäfte auf Abschnitt 100 der Lebensmittelkarte 3 Suppenwürfel á 10 Pf. und auf Abschnitt 104 500 g Marmelade für 1 M. In der Gemeindeverkaufsstelle gab es auf Abschnitt 22 der Sonderlebensmittelkarte für Kinder bis zu 2 Jahren und auf Abschnitt 17 für ältere Einwohner über 70 Jahre 250 g Haferflocken für 38 Pf., Kinder und ältere Einwohner erhielten die Ware am Mittwoch.
In der 1. Klasse (Fußball) besiegte am 23.2. Wacker Tegel Germania Berlin mit 6:0.

In den später Nachmittagsstunden des 3.3. begann ein Generalstreik in Groß-Berlin, der einen Sturm auf die Lebensmittelgeschäfte und hier insbesondere auf die Bäckereien auslöste. Bei Borsig in Tegel wurde in der Frühe des Folgetages noch gearbeitet. Die Arbeiter erklärten, sich erst im Laufe des Vormittags zu äußern. Kurzfristig wurde dann auch hier gestreikt, aber in der Frühe des 10.3. die Arbeit wieder aufgenommen. Die Beamten des Betriebes traten hingegen wegen Gehaltsforderungen in den Ausstand.
Die Spartakustage in Groß-Berlin hatten den Verkehr schwer beeinträchtigt. Aus dem Straßenbahndepot in Tegel konnten auch am 14.3. die Wagen nicht ausfahren, weil Straßen noch abgesperrt bzw. Oberleitungen noch zerschossen waren und wieder hergestellt werden mussten. Aus dem Turmwagendepot in der Markusstraße konnten erst am genannten Tag Turmwagen für die Reparaturen herausfahren.
Das Amtsgericht Wedding versagte bei einer Versteigerung einen Zuschlag für das in der Treskowstraße 3 – 4 gelegene, dem Peter Lihme gehörige, 19,96 a große Grundstück mit einem Nutzungswert von 19600 Mark. Ein neuer Termin sollte folgen.
Zwei Soldaten brachten in einem Straßenbahnwagen einen Zivilgefangenen nach Tegel, der in das Gefängnis eingeliefert werden sollte. Der Gefangene sprang plötzlich vom Straßenbahnwagen und ergriff die Flucht. Die Soldaten gaben mehrere Schüsse ab, sie trafen den Flüchtenden tödlich.
Eine Auflassung staatlichen Siedlungslandes an den Wohnungsverband sollte bis spätestens 1. August erfolgen. Mit der Erschließung und Bebauung durfte sofort (Ende März) begonnen werden. In Tegel waren dies am Hermsdorfer Fließ 10 Hektar. Der Fiskus zahlte an den Wohnungsverband einen Zuschuss (nicht nur Tegel betreffend) in Höhe von 1960000 Mark.
Der Niederbarnimer Kreistag trat am 31.3. zu einer Haushaltssitzung zusammen. Er beschäftigte sich auch mit einer von der Regierung angeordneten Neuwahl von 69 Abgeordneten. In Tegel waren 3 Abgeordnete zu wählen.

Tegel richtete am 1.4. ein Wohnungsamt ein, das seine Tätigkeit aber erst am 1.9. begann.
Für die in Tegel, Schulzendorf, Heiligensee, Sandhausen, Jörsfelde, Tegelort und einem Teil von Reinickendorf-West wohnhaften oder versicherungspflichtig beschäftigten Personen richtete die AOK Niederbarnim in Tegel, Brunowstraße 23 ab 13.4. eine Zweigstelle ein.
Auf Abschnitt 14 der Groß-Berliner Lebensmittelkarte kam ab 16.4. ohne Voranmeldung 250 g amerikanisches Weizenmehl zur Ausgabe. Der Preis für das halbe Pfund betrug 1,09 Mark. 150 g Haferflocken für 38 Pf., 150 g Teigwaren für 20 Pf., 250 g amerikanisches Weizenmehl für unverändert 1,09 M. und 100 g gedörrter Weißkohl für 44 Pf. mussten hingegen bis zum 22.3. beim Kleinhändler angemeldet und am 26.3. abgeholt werden.
Der Gesamtetat Tegels schloss mit 8975100 M. ab. Der Kommunalsteuerzuschlag betrug 260 %, die Grundwertsteuer 3 pro Mille für bebaute und 7 ½ pro Mille für unbebaute Grundstücke und die Gewerbesteuer für die 1. und 2. Klasse 400 %. Die Gemeinde übernahm künftig bei Beerdigungen die Kosten für Gruft, Einbettung und einfache Schmückung der Grabhügel.
40000 M. brachten die Gemeindevertreter in Ansatz für freie Lernmittel der Volksschüler, 20000 M. für öffentliche Gesundheitspflege und 400000 M. für Mehrkosten an Besoldung und Löhnen der Beamten, Lehrer und Gemeindearbeiter.
Zum Ankauf von Baumaterialien für eine geplante Siedlung von 70 – 80 Einfamilienheimstätten mit ca. 300 qm Garten wurden 200000 M. bewilligt.
Der Arbeiterschwimmverein „Delphin“ erhielt 300 M. zur Erteilung unentgeltlichen Schwimmunterrichts für unbemittelte Schulkinder.
10 Hilfspolizeibeamte sollten wegen der allgemeinen Unsicherheit und zur Erreichung des 8-Stunden-Tages angestellt werden.
Ein dringlicher Antrag wurde angenommen, bei den Behörden wegen sofortiger Aufhebung des Belagerungszustandes vorstellig zu werden. Bürgermeister Stritte hatte keine Bedenken, zumal in Tegel die Ordnung nie gestört war. Man war ja froh, als die Regierungstruppen wieder abzogen.
Lebensmittelzuteilungen mit Anmeldung bis 28.4. und Ausgabe am 3.5.: 250 g „Amerikamehl“ für 1,09 M., 100 g Teigwaren für 14 Pf., 100 g Dörrweißkohl für 44 Pf., 125 g „Amerikaspeck“ für 1,65 M., 100 g Bratfett für 1,20 M. und 40 g Butter für 56 Pf. Außerdem für ältere Einwohner Tegels ½ Pfund Nährhefe für 90 Pf. und 250 g Haferflocken für 38 Pf., für Kinder bis 7 Jahren ½ Pfund Haferflocken für 38 Pf. und für Jugendliche ½ Pfund Morgentrank für 45 Pf., abzuholen bei der Gemeindeverkaufsstelle Bahnhofstraße 7 (heutige Grußdorfstraße).
Gerügt wurden zwei Händler. Nehring in der Brunowstraße 30 e hatte amerikanisches Mehl gefälscht und Kusserow in der Schlieperstraße 4 sich mittels zerschnittener und falscher Marken zuviel Waren beschafft. Beiden wurden die Gemeindewaren entzogen.

In Tegel verlief eine Maifeier der Sozialdemokraten mit über 1500 Teilnehmern „in würdiger Weise“.
Die Hafengebühr stieg um 50 %. Im Polizeidienst waren 4 etatmäßige Stellen frei geworden, 9 weitere Personen sollten noch eingestellt werden. Das Gehalt der Hilfsbeamten wurde auf 450 M. festgesetzt. Insgesamt 20 Beamte sollten dann den Sicherheitsdienst „notdürftig aufrechterhalten“.
Auf Abschnitt 21 der Groß-Berliner Lebensmittelkarte gab es 200 g Teigwaren für 27 Pf. und auf Abschnitt 286 der Gemeindewirtschaftskarte 100 g gedörrte Möhren für 48 Pf. sowie schließlich auf der Einfuhrzusatzkarte 250 g amerikanisches Weizenmehl für 1,09 M. Eine Woche später konnte die Tegeler Hausfrau 500 g Marmelade, 150 g Graupen, 100 g getrocknete Möhren und 100 g getrockneten Weißkohl bis 19. d. Mts. anmelden und am 23. kaufen.
Die Gemeindevertreter beschäftigten sich mit dem bereits seit 1914 vertagten Thema der Höherlegung des Bahnkörpers und der Verlegung des Güterbahnhofs in das Fließgelände. Hiergegen gab es Einsprüche auch von der Gemeinde Tegel.
Berliner Ecke August-Müller-Straße (heutige Gorkistraße) wurde eine Rettungsstation eingerichtet.
Die Umpflasterung einer Reihe von Straßen und die Verlegung der Kanalisation wurde beschlossen.

Mit Anmeldung bis 10.6. und Warenausgabe am 14.6. wurden lediglich 250 g amerikanisches Weizenmehl und 150 g Haferflocken aufgerufen. Später folgten 100 g Teigwaren, 250 g Nährsuppe und je 100 g getrockneter Weißkohl und getrocknete Möhren. Ältere Einwohner Tegels erhielten 250 g Haferflocken und 1 Briefchen Süßstoff.
In der Hammerschmiede des Borsigwerkes explodierte eine Sauerstoffflasche. Durch umherfliegende Stücke starben 3 Arbeiter sofort, 3 kamen im Besorgnis erregenden Zustand ins Krankenhaus.
Bürgermeister Stritte wurde in den Kreisausschuss gewählt.

Dem Berliner Zoo wurden einmalig 1500 M. als Kriegsbeihilfe gewährt. Dafür sollten die Schulkinder von Tegel durch die Schulen freien Eintritt haben.
Gemeindevertreter erhielten für die Teilnahme an Sitzungen mindestens 3 und höchstens 4 M.
Für die Kleinhaussiedlung wurden vom Groß-Berliner Wohnungsverband 783328 M. als erste Beihilfe bewilligt. Von den Gesamtkosten in Höhe von 2 Mio. M. bewilligten die Tegeler Gemeindevertreter 1 Mio. M. als Baukosten. Zudem wurde das benötigte Land hergegeben. 62 Einfamilienhäuser mit Garten und Zubehör waren vorgesehen.
Eine Erhöhung des Steuerzuschlages auf 300 % wurde beabsichtigt.
An Lebensmitteln wurden für eine Woche 100 g Haferflocken, 1 Pfund Graupen und ¼ Pfund Reis zugeteilt.
Bei der Einkommensbesteuerung sollten Einkommen bis 1500 M. frei bleiben und solche über 6500 M. höher herangezogen werden.
Im Tegeler Strafgefängnis bestand während des Weltkrieges eine riesige Schneiderwerkstatt, in der täglich 1000 m Stoff für Arbeiterschutzkleidung für das Artilleriedepot und für technische Truppen verarbeitet wurden. In diesem Bereich war ein Häftling namens Plügge als Maschinennäher und Schreiber tätig. Im Frühjahr 1918 stellte die Kriminalpolizei fest, dass eine „Frau Lazar“ in umfangreichster Weise diese Kleidung verschob. Tatsächlich handelte es sich bei „Frau Lazar“ um die Ehefrau des Plügge, der Heeresgut im Wert von vielen tausend Mark beiseite geschafft hatte. Es kam zu einem Gerichtsverfahren, bei dem im Juli sämtliche Gefängnisbeamte zu Gegenüberstellungen vorgeladen wurden.
Die Gemeindevertreter stimmten der Errichtung eines Freibades am Nordufer des Tegeler Sees zu. Strandlänge 120 m, Kosten ca. 6000 M. Der Zweckverband hatte für 3 Jahre die Genehmigung erteilt. Den Betrieb sollte der Arbeiter-Schwimmverein „Delphin“ übernehmen. Eintritt und Kleideraufbewahrung je 10 Pf., Übersetzen mit dem Motorboot 20 Pf. für die einfache und 30 Pf. für die Hin- und Rückfahrt.
Die Gemeinde hatte schon zur Jahresmitte 308000 M. Mehrkosten durch erhöhte Gehälter und Arbeitslöhne.
Über den Gesetzentwurf zur Bildung Groß-Berlins wurde diskutiert. Bürgermeister Stritte schilderte in den schwärzesten Farben die Nachteile der Überstimmung der Vororte.
Hinsichtlich der Lebensmittelzuteilung seien hier nur für ältere Einwohner ¼ Pfund Reis und 2 Päckchen Milchsüßspeise oder 2 Päckchen Puddingpulver und für Jugendlich die gleiche Menge Reis, aber nur 1 Päckchen Süßspeise oder Puddingpulver genannt.
Bei Borsig standen die Lokomotivschmiede im Ausstand. Sie verlangten 4 M. Stundenlohn, obwohl der Metallarbeiterverband nur 3,50 M. forderte. Die Hammerschmiede standen schon längere Zeit im Streik. Borsig hatte sie nun gekündigt, wollte gar das ganze Werk schließen. Am 25. d. Mts. unterwarf sich die Firma einem Schiedsspruch „im Interesse der Produktion“.
Kopazick in der Egellsstraße 56 färbte das Paar Glacéhandschuhe „wie neu“ in 12 Stunden für 1 M.

Vom 11. – 16. 8. gab es auf Lebensmittelkarten 500 g lose Suppen, 250 g ausländisches Gerstenmehl, 250 g Teigwaren, 500 g Pflaumenmarmelade und für Kinder und ältere Leute ¼ Pfund Reis.
Am 21. d. Mts. wurde die Humboldtmühle im Dachgeschoss, in dem sich 8 Silos befanden, durch eine Mehlstaubexplosion heimgesucht. Durch starke Detonation wurde das Dach in 10 m Breite und 18 m Länge vollständig abgedeckt. 30 m der Straße wurden handhoch mit Ziegelsteinen bedeckt. Eine starke Stichflamme schoss empor, erstickte aber gleich wieder. Die Mannschaft der Tegeler Feuerwehr befand sich gerade auf dem Friedhof zur Beerdigung eines Kameraden. Die Männer eilten zum Depot und zur Mühle, brauchten dort aber nicht einzugreifen.

Bürgermeister Stritte wurde vom Niederbarnimer Kreistag als Amtsvorsteher wieder gewählt.
Der Gaspreis des Gemeindegaswerkes wurde durch höhere Gestehungskosten von 35 auf 47 Pf. erhöht.
Für Bürozwecke mietete die Gemeinde das Grundstück Spandauer Straße 4 (heutiger Eisenhammerweg).
Von einer beabsichtigten Auflösung der Volksküche wurde wegen der unübersichtlichen Lage der Lebensmittel- und Kohlenversorgung Abstand genommen. Die Volksküche sollte in einer neu aufzustellenden Baracke in der Hauptstraße 16 (heutige Straße Alt-Tegel) untergebracht werden. Zur Linderung der Kohlennot wurde 150000 M. als Vorschuss bewilligt.
Teuerungszulagen (Verheiratete 1000 M., ledige Männer 600 M., Frauen über 16 Jahren 500 M. und unter 16 Jahren 250 M.) sollten für Beamte und Arbeiter gezahlt werden. Hierfür war eine Anleihe von 300000 M. erforderlich.
Am 14.9. wurde des 150. Geburtstages des großen Forschers Alexander von Humboldt gedacht.
In Tegel wurde die Vermittlung von Hilferufen durch Fernsprecher eingeführt. Die Verbindung mit der Polizeibehörde wurde selbst dann vorgenommen, wenn der Anrufende keine bestimmte Anschlussnummer verlangte.
V. 22. – 28.9. gab es an Lebensmitteln: 250 g Inlandsmarmelade für 65 Pf., 250 g Maismehl für 1,45 M., 200 g Graupen für 18 Pf., 100 g Maisgrieß für 10 Pf. und 2 Päckchen Milchsüßspeise für 1,10 M.
Mit einer Stellenanzeige suchte die Gemeinde Tegel einen Sozial-Hygieniker für die neu geschaffene Stelle eines Gemeindearztes. Für die Anstellung mit Pensionsberechtigung wurde ein Gehalt von 15 – 18000 M. geboten. Eine Privatpraxis war ausgeschlossen.
Am 29. d. Mts. legten in der größten Lokomotivfabrik Berlins, der Fa. Borsig, die Heizer die Arbeit nieder. Darauf sah die Direktion keine Möglichkeit der Weiterarbeit im Werk. 5000 – 6000 Arbeiter mussten das Unternehmen verlassen. Der Streik der Heizer legte auch die dortigen Wasserwerke und die Feuerwehr lahm.
Die Gemeindevertreter bewilligten Mittel zum Bau einer Volksbadeanstalt sowie 150000 M. , um die Dampferlandungsbrücken durch Betonbrücken zu ersetzen.
Händler, die sich am Demonstrationsstreik für den freien Handel beteiligten, wurden nicht mehr mit Gemeindewaren beliefert.

Der Arbeiterrat gab bekannt, dass die Arbeiter von Borsig ihren Lohn im Borsig-Kasino am 2.10. erhalten, und zwar Vorschusszahlungen um 9 Uhr und Vollzahlungen um 14 Uhr.
Der frühere Geistliche von Tegel, Pastor W., stand vor der Strafkammer des Landgerichts wegen Verstoßes gegen § 175 StGB. Er wurde beschuldigt, Konfirmanden unzüchtig berührt zu haben. W. war aus dem Amt ausgeschieden und meldete sich als Kriegsfreiwilliger. Als Sachverständiger gab Dr. Magnus Hirschfeld ein Gutachten ab, nach dem beim Angeklagten ein krankhafter Zwang vorlag. Das Gericht erkannte auf Freisprechung.
Eine neue Eisenbahnwochenkarte wurde eingeführt. Für die Strecke Stettiner Bahnhof – Tegel kostete sie 3,30 M. Zum Vergleich: Eine Monatskarte kostete 14 M., war mithin etwas günstiger als die Wochenkarte.
Im Strandschloß Tegel fand sonntags um 16 Uhr und dienstags, donnerstags und freitags um 19 Uhr ein großer Ball statt. Das Ballorchester war mit 7 Musikern besetzt.
Die Tegeler Walderholungsstätte erforderte einen Zuschuss von 26000 M. Ein Drittel trug die Gemeinde.
Von der Errichtung eine Volkshochschule wurde Abstand genommen. Dafür aber alle 3 – 4 Wochen künstlerische Veranstaltungen arrangiert, und zwar erstmals ab 28.10. über „Das Volkslied“. Für belehrende Vorträge wurde ein Kinoapparat beschafft, der auch für die Schulen gedacht war. Der Eintritt für einen Kunstabend betrug 75 Pf. Die Gemeindevertreter beschlossen auch, die Bibliothek auszubauen und zu modernisieren.
Das Grundstück Bahnhofstraße 7 – 8 (heutige Grußdorfstraße) mit dem Gemeindekuhstall sollte für 355000 M. gekauft werden.
Schuldiener und Heizer wurden bisher mit Privatdienstvertrag beschäftigt, künftig mit vierteljährlicher Kündigung als Beamte mit einer Vergütung von 4800 – 5300 M.

Ab 2.11. fiel auf der Bahnstrecke Stettiner Bahnhof – Tegel der Vorortzug 8.30 Uhr ab Stettiner Bahnhof, 9.01 Uhr in Tegel eintreffend, weg.
Es sollte Essen aus der Volksküche ausgegeben werden. In der ersten Woche lagen 133 Anträge für 192 Personen vor (543,90 M.), in der Folgewoche für 349 Personen (2332,40 M.). 50000 M. wurden für den notwendigen Nahrungsmittelkauf zur Verfügung gestellt. Ein gleicher Betrag für den Ausbau von 15 Notwohnungen war bereits aufgebraucht.
Ein Hafenkran im Wert von 300000 M. war zum Kauf vorgesehen.
Für die Grunderwerbssteuer wurde ein Zuschlag beschlossen, und zwar 1 % für bebaute und 1 ½ % für unbebaute Grundstücke.
Durch Mangel an Kohlen entstanden erhebliche Schwierigkeiten bei der Abfertigung der Vorortzüge Berlin – Tegel. Einige Kohlenzüge waren ausgeblieben.
Hebbels „Maria Magdalena“ mit Lucie Höflich als Clara wurde mit der gleichen Besetzung wie im Schauspielhaus in Tegel aufgeführt. Der Eintrittspreis für die teuersten Plätze lag bei 2 M.
Bei Borsig weigerten sich die Heizer, unter den vorgesehenen Bedingungen die Arbeit wieder aufzunehmen. Borsig hatte am 10. d. Mts. die Reihenfolge der Wiederaufnahme der Arbeit durch eine Bekanntmachung festgelegt. Da sich die Heizer weigerten, widerrief Borsig diese Regelung. Die Firma verschickte nun Postkarte mit der Aufforderung zur Arbeits-Wiederaufnahme. Diese Karte musste beim Betreten des Werkes vorgezeigt werden.
Ab 16.11. litt ganz Berlin unter den Folgen eines Schneesturmes, der eine 35 cm hohe Schneedecke verursachte. Bei der Straßenbahn wurden Triebwagen mit Schneepflügen und Salzwagen eingesetzt. In Tegel wurde nichts getan, um den Schnee zu beseitigen. Erst am 17.11. ab 14 Uhr konnten hier Bahnen teilweise wieder fahren.

Der Etat des Wirtschaftsamtes wies Verluste auf, so bei der Volksküche 46637 M., bei der Molkerei 34390 M. und bei der Kartoffelversorgung 47397 M. Die Gemeindeverkaufsstellen hatten hingegen einen Reingewinn von 23000 M. Die Löhne hatten sich im letzten Vierteljahr um 37000 M. erhöht.
Zur Weihnachtsbescherung bedürftiger Kinder wurden 5000 M. bewilligt.
„Zur Befriedigung des Geldbedürfnisses“ nahm die Gemeinde Tegel bei der Schöneberger Sparkasse eine Anleihe von 4 Mio. M. auf.
Bei den Groß-Berliner Sparkassen, zu denen auch die Tegeler Gemeindesparkasse hinzutrat, nahmen die Einzahlungen ab und die Rückzahlungen zu. In Tegel betrug das Mehr an Rückzahlungen gegenüber den Einzahlungen 0,02 Mio. M.
Dr. Pannwitz wurde als Gemeindearzt mit 14 Stimmen (gegenüber 9 Stimmen für den Mitbewerber Dr. Drucker) gewählt und eingestellt. Die Anstellung von 2 Privatangestellten der Gemeinde als Beamte auf Kündigung wurde beschlossen.
Die Lebensmittelzuteilung zur Monatsmitte wies 100 g Graupen und je 250 g Zerealienmehl auf drei Marken sowie für Kinder und ältere Leute je 125 g Kakao aus.
Nach einer neuen Eingruppierung erhielt der Bürgermeister ein Anfangsgehalt von 24000 M., der Beigeordnete 18000 M., die selbständigen Dezernenten und der Baurat je 11000 M.
Nach einer neuen Friedhofsordnung wurden Erbbegräbnisse nicht mehr genehmigt. Die Grabstelle und die Beerdigung waren frei, der Grabhügel wurde von der Gemeinde mit Rasen versehen.
700 Kranke im Reservelazarett Tegel erhielten 2000 M. zur Weihnachtsbescherung. Als Weihnachtsbeihilfe wurden 85 M. an Verheiratete und 50 M. an Unverheiratete gezahlt, die in den letzten 2 Monaten länger als 4 Wochen arbeitslos waren. Das galt auch für Bezieher von Armenunterstützung.
Gerhard Völzmann

1909 in Schulzendorf – Flugversuche „mit einem langbeinigen und kurzhalsigen Riesenvogel“

Man nannte sie „Schwingenflieger“, jene Männer, die im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert Flugapparate konstruierten, mit deren Hilfe sie den Flug der Vögel nachahmen wollten. Damit wichen sie bewusst von anderen Systemen wie dem Gleitfliegen (Vorbild z. B. Wright) ab. Der ohne Zweifel bis in die heutige Zeit bekannteste „Schwingenflieger“ war Otto Lilienthal, dessen Versuche durch einen Todessturz jäh endeten.

Ein anderer Mann, dessen Name Bruno Scholz in Vergessenheit geraten ist, hatte sich den Überlegungen Lilienthals verschrieben. Er glaubte, besserer Resultate erzielen zu können. Scholz wohnte in Berlin O 34, Kopernikusstraße 22. Von Beruf war er Architekt, hatte sich aber bereits 1897 von dieser Tätigkeit losgesagt. Seitdem gab es wohl, egal ob Storch oder Spatz, keinen Vogel, den es nicht im Flug beobachtete, um Rückschlüsse auf die Konstruktion eines Flugapparates ziehen zu können. Zwölf Jahre später, im August 1909, war es dann soweit. Scholz brachte seinen eigenartig konstruierten „Aeroplan“ auf ein zu Schulzendorf bei Tegel gehörendes Gelände. Wo dies genau lag, ist nicht bekannt. Es war eine „im gesegneten Sommergrün prangende Wiese“, die sich unmittelbar an der Chaussee Tegel – Heiligensee unweit des Schulzendorfer Bahnhofes befand. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass erst im Folgejahr ein Flugplatz in Schulzendorf geplant und eingeweiht wurde. Es war eine vorherige Ackerfläche zu beiden Seiten des heutigen Bekassinenweges.

Der geplante Flugversuch von Scholz zog auch Pressevertreter an, obwohl die wenige Tage später am 29.8. vorgesehene Ankunft des Grafen Zeppelin mit seinem Luftschiff Z III auf dem Tegeler Schießplatz eine unvergleichbar höhere Beachtung bei den Berlinern hervorrief. Der Reporter einer Berliner Zeitung beschrieb sehr ausführlich und humorvoll seine Fahrt nach Schulzendorf und die Besichtigung der Flugmaschine. Eigentlich hatte er sich als angenehmer gewünscht, dass der „Vogel von Schulzendorf“ in gerader Linie nach Berlin gekommen wäre. Denn Schulzendorf ist selbst im Zeitalter des Verkehrs recht schwierig zu erreichen, wenn man nicht gerade einen der drei Züge der Kremmener Bahn benutzen kann, die täglich dorthin fahren.

Der „Vogel von Schulzendorf“ am 18.8.1909 Bildnachweis: Sammlung Frank-Max Polzin.

Am Ziel angekommen, erwartete ihn keinesfalls ein fertiger „Aeroplan“. Vielmehr fiel sein Blick auf „ein hochbeiniges Gestell, dass wie ein ausgenommener Vogel aussah; vornweg ragte ein bleiches Etwas, ähnlich dem Skelett eines Vogelkopfes“. Das Objekt hing mittels einer Kette an einem Galgen. Glaubte der Reporter zunächst an eine „schreckliche Exekution“, klärte ihn der Erfinder schnell auf, dass seine Flugmaschine erst noch durch den Einbau weiterer Teile „zum Leben erweckt“ werden müsste. Diese befanden sich in einer Scheune.

Ergänzend zur Abbildung ist die überlieferte Beschreibung des Flugobjektes interessant. Scholz hatte das Gerüst seiner Konstruktion aus Bambusstäben hergestellt, die Segel bestanden aus Leinwand. Der ganze Apparat hatte eine Länge von 17 m, die Spannweite der Flügel betrug 14 m. Der „Vogelkörper“ bot Sitzmöglichkeiten für zwei Personen und nahm zudem zwei Motoren (je 8 PS) und schließlich ein großes, senkrecht stehendes Gewinde (eine Zentrifuge) auf. Die Zentrifuge sollte beim Heben des Apparates helfen. Lange Beine auf Rädern, die mit Bolzen und Federn versehene „Kniegelenke“ hatten, sollten auf dem Boden ein „Springen“ ermöglichen. An der Gondel war vorn der mit Seitensteuer ausgerüstete Kopf, hinten ein überaus langer, auch mit Steuer versehener Schwanz. Die je 6 m langen und 4 m breiten Flügel hatten vom zweiten Motor betriebene Klappen, die sich beim Heben öffnen und beim Herabschlagen wieder schließen sollten. Sechzig mal in der Minute sollte jeder Flügel durch ein recht kompliziertes Scherengetriebe auf- und niederschlagen. Der ganze Flugkörper hatte natürlich noch ein Dach. Insgesamt hatte der „langbeinige und kurzhalsige Riesenvogel“ 100 qm Segelfläche und ein Gesamtgewicht von 500 kg.

Bruno Scholz offenbarte freimütig, dass die Flugmaschine einen Teil seines Lebens bedeutete und sein ganzes Hab und Gut aufgezehrt hatte. Ein paar hundert Mark fehlten ihm zuletzt, die er sich noch erhoffte. Er benötigte dieses Geld für die Arbeiter, die ihm beim Zusammenbau des „Aeroplans“ halfen. Anerkannt wurde, dass der Erfinder sich in Schulzendorf nicht, wie sonst üblich, den Blicken entzog, sondern an öffentlicher Straße die Montagen vollzog.

Der eingangs erwähnte Reporter schloss seinen Bericht so humorvoll, wie er ihn begonnen hatte, mit folgendem Satz: Vielleicht fliegt der Vogel einmal wirklich, und bald gibt es dann in dem stillen Schulzendorf keine Ackerbauer mehr, sondern noch noch … Vogelbauer.

Kommen wir nun zum 18.8.1909. Es war jener Abend, an dem Bruno Scholz seinen ersten Flugversuch mit dem „Vogel von Schulzendorf“ unternahm. Sie, liebe Leserin, lieber Leser dieser Zeilen, ahnen vielleicht schon, zu welchem Ergebnis dieser führte. Scholz setzte die Motoren in Gang. Der Vogel hob sich tatsächlich etwa 40 Zentimeter, gewaltige Flügelschläge erfolgten, doch dann stürzte das Gerät hilflos in sich zusammen. Was war geschehen? Eine auch aus Bambus(!) hergestellte Kupplung war gebrochen, das Experiment damit rasch zu Ende. Der Erfinder wollte sich durch diesen Misserfolg nicht entmutigen lassen, die Kupplung aus besserem Material herstellen und dann seine Versuche fortsetzen. Dazu kam es aber wohl nicht mehr. Vielmehr soll Scholz sein Lebenswerk eigenhändig zerschlagen haben. Auch aus der weiteren Entwicklung des Flugwesens wissen wir, dass der „Schwingenfliegerei“, wie sie Scholz sich vorstellte, keine praktische Zukunft beschieden war.

Die Arbeiterkolonie Tegel im Zeitraum 1891-1897

Wer die Überschrift liest, denkt wohl an ein großes Unternehmen, das für seine Beschäftigten Wohnhäuser in der Nähe der Firma errichtet hat. Hierzu passend ein Ausschnitt aus einem Zeitungsartikel vom 1.2.1899:

Im neuen Borsigwerk bei Tegel herrscht ein reges Leben, da der Betrieb in fast allen Werkstätten der kolossalen Fabrikanlage nunmehr in vollem Gange ist. . . .
Die nahezu zweitausend Arbeiter, welche augenblicklich auf dem Werke thätig sind, wohnen zum größten Theile noch in Berlin und werden in einem Extrazuge, der einige zwanzig Wagen zählt, von dort nach Tegel und Abends nach Berlin zurückbefördert. Doch ist von der Firma Borsig bereits die Errichtung einer großen Arbeiterkolonie in Aussicht genommen, mit deren Bau auf einem in der Nähe des Werkes gelegenen und zur Dalldorfer Feldmark gehörenden Terrain bereits in der nächsten Zeit begonnen werden soll.

Friedrich von BodelschwinghWie wir wissen, entstand so Borsigwalde. Doch an dieser Stelle wird an eine christlich-soziale Arbeiterkolonie erinnert, die 1882 durch Pastor Friedrich von Bodelschwingh in Bielefeld ins Leben gerufen wurde. Eine Einrichtung dieser Art befand sich auch in Tegel. Blicken wir zunächst in die Gründungszeit.

Zur Bekämpfung des Vagabundentums bildete sich in Bielefeld ein Verein, der in der Nähe der Stadt 3 Bauernhöfe mit 500 Morgen unkultivierten Landes kaufte. Das Terrain wurde zu einer Kolonie mit dem Namen Wilhelmsdorf umgestaltet. Unter der Leitung von Bodelschwinghs wurden die Ländereien von „arbeitswilligen, aber arbeitslosen Vaganten“ ertragsfähig gemacht. Nach dem Motto „Statt Almosen Arbeit“ war es das Ziel des Pastors, „ein Asyl zu schaffen, in welchem alle diejenigen Unterkommen und Arbeit finden, welche noch nicht so verkommen sind, daß sie vom Vagabundenleben nicht mehr lassen können“. Wer sich der Hausordnung fügte, erhielt für seine Arbeitsleistung Kost, Logis und eine geringe bare Entschädigung. Nach der am 22.3.1882 erfolgten Gründung der Einrichtung folgte bald das Entstehen weiterer Arbeiterkolonien im ganzen Reich.

Bereits Anfang 1883 entstand in Berlin fast ohne Mittel eine Kolonie, die sich in der Reinickendorfer Straße 36a (Wedding) 1 unerwartet schnell entwickelte. Hatte die Einrichtung im Oktober 1885 nur 12 Betten, so waren es 1885 zunächst 38, dann schon 62 Übernachtungsmöglichkeiten. Durch den Verkauf von fünf Morgen Ackerland flossen Mittel, um die Kolonie mit dem Bau eines neuen Kolonistenhauses ab Oktober/November 1890 für eine Aufnahme von 200 Männern zu erweitern. Trotzdem konnten längst nicht alle, die hier einen Zufluchtsort suchten, aufgenommen werden. Wer abgewiesen wurde, erhielt dann eine Tasse Kaffee oder einen Teller Suppe, wenn er von einem Mitglied geschickt wurde. Allerdings war die Zahl der Mitglieder des Vereins der Berliner Arbeiterkolonie mit 2400 recht gering, obwohl der Mindest-Jahresbeitrag nur 2 Mark betrug.

In der Reinickendorfer Straße wurden 1891 60 Kolonisten in der Kistentischlerei, 33 in der Hülsenfabrikation, 23 in der Besen- und Bürstenanfertigung, 42 beim Strohflechten und in der Stuhlrohrabfallflechterei und 20 als Kalfaktoren usw. beschäftigt. Ein Blick in Statistikzahlen des Jahres 1892 überliefert folgendes:

Zeitungsnotiz vom Nov. 1885. Die Obstkerne wurden als Saatgut verkauft, brachten mithin Einnahmen.

Bei einem Personenbestand von 257 wurden 766 Kolonisten neu aufgenommen, 827 gingen ab und 463 wurden abgewiesen. Von der letztgenannten Zahl hatten 157 Männer mangelhafte Papiere und 323 traten selbst vor der Aufnahme zurück. Die Kolonie hatte 64.421 Verpflegungstage, davon entfielen 10.568 auf Ruhetage, mithin 53.853 auf Arbeitstage. Die Ausgaben pro Mann und Tag für die Kost beliefen sich auf 37,5 (im Vorjahr 35,1) Pfennig! Die Einnahmen betrugen 186.834 Mark, darunter 26974 Mark Beiträge und 102.183 Mark aus dem gewerblichen Betrieb. Die Ausgaben lagen bei 178.739 Mark, darunter für Verpflegung 33.090 Mark und für Material zum Gewerbebetrieb 95.040 Mark.

Der Standort der Arbeiterkolonie Tegel von 1891 – 1897.

Im März 1891 berichtete das Teltower Kreis-Blatt, dass bereits einleitende Schritte zur Begründung einer Filiale geschehen seien, weil in den Wintermonaten mehr als tausend Aufnahme Begehrende zurückgewiesen wurden. Im Juli war dann zu lesen, dass sich die Oberförsterei zu Tegel mit der Berliner Arbeiterkolonie in Verbindung gesetzt hatte, ob nicht 50-60 Insassen der Kolonie in den Monaten Oktober bis Dezember im Forst als Holzhauer arbeiten könnten. Eine Unterbringung wäre in den Baracken des Tegeler Schießplatzes denkbar. Die Verhandlungen mit dem Militärfiskus brachten ein positives Resultat. 30 Minuten hinter dem alten Steuerhause ² lag das Domizil der neuen Arbeiterkolonie Tegel. Eine andere Quelle beschrieb die Lage der Zweigstellen-Neugründung mit „10 Minuten von der Weichbildgrenze Berlins entfernt“. In beiden Fällen war damit etwa der (heutige) Schnittpunkt von Scharnweberstraße, Seidelstraße und U-Bahnbrücke gemeint. Der genaue Zeitpunkt der Eröffnung der Filiale war wohl der 18. oder 19. September 1891.

Sehen wir uns zunächst einige Zahlen aus Statistiken an:

Jahr 1891 – 4467 Mark Zuschuss der Hauptkolonie.


Jahr 1892 – Ausgaben 7759 Mark – Einnahmen 6035 Mark. 1724 Mark Zuschuss der Hauptkolonie. Verpflegungskosten pro Mann und Tag 48,5 Pfg.


Jahr 1893 – Ausgaben 15331 Mark – Einnahmen 15331 Mark einschl. 2316 Mark Zuschuss der Hauptkolonie. Verpflegungskosten pro Mann und Tag 43,6 Pfg. Vom Okt.-Dez. 1893 wurden für Rechnung des Kreises Nieder-Barnim 211 Wanderer verpflegt. Abgang 148, Bestand Ende 1893: 63. Verpflegungstage 3349 einschl. 866 Ruhetage.


Jahr 1896 –  Ausgaben 43330 Mark – Einnahmen 43330 Mark einschl. 5499 Mark Zuschuss des Kreises Nieder-Barnim. Verpflegungskosten pro Mann und Tag 37 Pfg.


Jahr 1897 –  Ausgaben 43890 Mark – Einnahmen 43890 Mark einschl. 3909 Mark Zuschuss des Kreises Nieder-Barnim. Verpflegungskosten pro Mann und Tag 40,2 Pfg.

Von der Auflistung weiterer Jahrgänge wird hier abgesehen, da sich die Filiale dann in der Berliner Straße in Reinickendorf befand.

Blicken wir uns nun in der Filiale Tegel der Arbeiterkolonie um. Hierfür stehen uns zwei höchst unterschiedliche Berichte zur Verfügung. So schrieb eine Zeitung am 22.9.1891 u. a. folgendes:
Sie (die Arbeiterkolonie) hat dieselben (gemeint waren die Militärgebäude) in einen wohnlichen Zustand versetzt und mit ihren Leuten besiedelt. Die früher so unscheinbaren Baracken machen jetzt einen recht freundlichen Eindruck. Die Schlafräume sind tapeziert und mit weichen Lagern versehen. Eine Küche ist neu eingerichtet, und ein geräumiger, umzäunter Garten bietet den Kolonisten angenehmen Aufenthalt. Das frühere Offizierskasino, ein viereckiges hohes, mit einem Turm versehenes massives Gebäude, ist zur Wohnung des Vorstehers eingerichtet, während der Kasinosaal den Kolonisten als Betsaal und zum Einnehmen der Mahlzeiten dient.

Im Januar 1892 erfolgte eine ganz andere Schilderung durch eine Anzahl Kolonisten, welche das Leben in der gleich einem Veilchen im Verborgenen blühenden Tegeler Filiale aus eigener Erfahrung kennen zu lernen das große Vergnügen hatten. Einige baufällige Baracke auf dem Schießplatz, die 1891 von 30 Kolonisten instandgesetzt wurden, dienten teils als Schlaf- und teils als Speisesäle. Wind und Wetter hatten in den Baracken „freien Zutritt“, ein Ofen war nicht vorhanden. Erst als es vor Kälte kaum mehr auszuhalten war, wurde ein kleiner eiserner Ofen aufgestellt. Im Backsteingebäude der Kolonie, dem ehemaligen Offizierskasino, befanden sich der „unumgänglich notwendige Betsaal“ und die Wohnung des Vorstehers „mit stets behaglicher Temperatur“.
Wenn im Winter 1891/92 Kolonisten teils bei Schneetreiben im Forst arbeiteten, waren sie nur dürftig bekleidet, an den Füßen nur Holzpantinen oder defekte Stiefel. Zwei alte Pferdedecken ihrer Lagerstatt im eisig kalten Schlafsaal dienten als Zudecke.

Mit Glockensignal musste früh um 5 Uhr aufgestanden werden. Zuerst wurde das Bett wieder in Ordnung gebracht, dann ging es zur Waschküche. Wer im Forst arbeitete, erhielt als Frühstück eine Mehlsuppe und ein Stück trockenes Brot. Um 5.45 Uhr endete das Frühstück, nun begann im Betsaal die etwa 30minütige Morgenandacht, vom Vorsteher abgehalten. Schlecht „angeschrieben“ standen bei diesem die „Trinker“ und die Sozialdemokraten.

Vergütungen der Oberförsterei an die Arbeiterkolonie Tegel.

Um 7.15 Uhr ging´s mit 3 Paar Schmalzstullen, die das Schmalz oft nur oberflächlich sahen, zur 1 ½ Stunden entfernten Arbeitsstelle. Ob Schnee oder Regen, die Witterung war egal. An drei verschiedenen Stellen wurde ausgeforstet. Am Abend musste jede Kolonne einen Handwagen voll Holz unter 7 cm Durchmesser mitbringen. Für die 1 – 1 ½ cbm, als Feuerungsmaterial dienend oder zerkleinert und meterweise gestapelt für den Verkauf gab es für die Kolonisten keine Vergütung. Noch an der Arbeitsstelle wurde gewöhnlich zum Aufwärmen ein Feuer angezündet, obwohl das bei Strafe verboten war. Steif gefroren oder durchnässt wurde bei Einbruch der Dunkelheit der Rückweg angetreten. Gegen 18.00 Uhr gab es nach Erreichen der Kolonie das kalt gewordene Mittagessen und um 19.00 Uhr mit der üblichen Suppe und dem üblichen trockenen Brotstück das Abendessen. Um 20.45 Uhr wurde zur Abendandacht angetreten, wobei die „Trinker“ und die Sozialdemokraten …, na, Sie wissen schon …

Nach Beendigung der Andacht ging es in das „Bett“, das bei Frostwetter sehr oft auch hartgefroren war.

Viele Kolonisten arbeiteten sehr fleißig in der Hoffnung, in 14 Tagen 1 – 2 Mark verdient zu haben. Wer dies nicht so konnte, glaubte zumindest, später ohne Schulden die Kolonie verlassen zu können. Doch es kam anders. Der Fleißigste hatte 16 Wochen gearbeitet, erhielt aber nichts ausgezahlt, musste vielmehr 60 Mark Schulden bezahlen. Neun Männer, die nach 14 Tagen abgingen oder fortliefen, hinterließen 300 Mark Schulden.

Die damit endende, mehr als kritische Schilderung des Alltags in der Arbeiterkolonie Tegel geht auf mehrere Männer zurück, die eindeutig Sozialdemokraten waren. Ihr Erlebtes druckte die sozialdemokratische Tageszeitung „Vorwärts“ ab. Im Berliner Tageblatt widersprach eine Zuschrift einem bereits zuvor „von Gehässigkeiten und Unwahrheiten strotzenden Artikel“ des „Vorwärts“ über die Berliner Arbeiterkolonie in der Reinickendorfer Straße. So wurde hier zum Beispiel berichtet, dass Lohnarbeiter oder Lehrlinge nur so lange als solche behandelt wurden, bis sie die für ihre zugewiesene Arbeit erforderlichen Handgriffe erlernt hatten. Das dauerte 3 – 14 Tage, vom Tagelohn konnten sie leben. Wer anschließend als Akkordarbeiter tätig war, konnte schon 3, 4 oder mitunter 10 Mark in der Woche erübrigen. Die Arbeitsstube wurde schon um 3.30 Uhr geheizt, um die „nötige Wärme“ von 13 – 15 Grad Reaumur zu erreichen. Übrigens gab es 1896 im ganzen Reich 27 Arbeiterkolonien.

Alle Arbeiterkolonien hatten weitgehend identische Hausordnungen. Mithin dürfte die hier gezeigte Hausordnung von Seyda (heute Stadtteil von Jessen/Elster) auch der von Tegel entsprochen haben.

Kehren wir noch einmal zur Tegeler Zweigstelle zurück. Sie wurde im Oktober 1893 durch den Landrat des Kreises Nieder-Barnim, von Waldow, zur Verpflegungsstation des Kreises bestimmt. Von dieser Zeit an wurden alle mittellosen Wanderer im Kreis, denen anderweitige Arbeit nicht nachgewiesen werden konnte, von den Behörden nach Tegel überwiesen. Die Zweigstelle erhielt dafür einen Zuschuss von 2000 Mark jährlich.

Im September 1894 wurde der Handlungsgehilfe Karl Jakob wegen Unterschlagung in der Arbeitskolonie Tegel angeklagt. Seit März des Jahres als „Komptoirist“ dort angestellt, hatte er im Mai und Juni in 10 Fällen die Summe von 28 Mark unterschlagen und zudem bei seiner Entlassung 9 Mark mitgenommen. Während seiner Beschäftigung erhielt er 8 Mark Wochenlohn, von denen 5 Mark als Kostgeld einbehalten wurden. Das Gericht bestrafte ihn zu einem Jahr und acht Monaten Gefängnis und zu drei Jahren Ehrverlust.

Wohl 1896 forderte der Militärfiskus den Arbeiterverein auf, die Baulichkeiten auf dem Schießplatz zu räumen, um das Areal wieder für militärische Zwecke nutzen zu können. So sah sich der Verein genötigt, in Reinickendorf, Berliner Straße 59 ³, für eine dauernde neue Unterkunft ein Grundstück zu kaufen und nötige Gebäude für 100 Arbeitslose errichten zu lassen. Dadurch entstand eine Schuldenlast von reichlich 130.000 Mark, eine Zinslast von etwa 5.000 Mark kam außerdem hinzu. Die neue Filiale, nun nicht mehr in Tegel gelegen, wurde am 8.4.1897 feierlich eingeweiht. Sie wurde hier aber nicht lange genutzt. Schon zum 1.10.1903 erfolgte eine Vermietung des Grundstücks an die Stadt Berlin für 5 Jahre zur Errichtung eines Filial-Hospitals für Männer. Der Mietpreis lag bei jährlich 7500 Mark. Es wurde auch ein Ankaufsrecht der Stadt innerhalb von drei Jahren zu 175.000 Mark bzw. 180.000 Mark innerhalb der letzten zwei Jahre vereinbart. Tatsächlich erfolgte Ende 1905 ein Eigentümerwechsel für 175.000 Mark.

 


1 Später N 65, Reinickendorfer Straße 66
² In der Müllerstraße 77 gab es zwar ein Steuerhaus, hier war aber das ehem. Chausseehaus am Übergang von der Müllerstraße in die Scharnweberstraße gemeint.
³ Heute wäre dies Ollenhauerstraße 128 (Nutzung derzeit als Teilanstalt Reinickendorf der Justizvollzugsanstalt für Frauen).

Für 14 Pfennig Beitrag gab es die höchste Altersrente

Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen etc. verordnete im Namen des Reichs, nach erfolgter Zustimmung des Bundesrats und des Reichstags am 22.6.1889 das „Gesetz, betreffend die Invaliditäts- und Altersversicherung“. Damit wurde am 1.1.1891 im Deutschen Reich durch Reichskanzler Otto von Bismarck die gesetzliche Rentenversicherung eingeführt. Zuvor wurde durch ihn bereits 1883 die Krankenversicherung und im Folgejahr die Unfallversicherung geschaffen. Nur zur Vervollständigung sei erwähnt, dass die Arbeitslosenversicherung erst ab 1.10.1927 in Kraft trat.

An dieser Stelle ist nicht beabsichtigt, auf die Sozialgesetzgebung näher einzugehen. Vielmehr soll berichtet werden, wie im Jahre 1891 in Tegel zwei Arbeiter durch das neue Gesetz durch eine einmalige Zahlung von je 14 Pfennig in den Genuss einer Altersrente kamen. In der Zeitung las sich das damals so:

Zunächst gilt es, die 14 Pfennig zu erklären. Das Gesetz hatte für eine erste Beitragsperiode von 10 Jahren für die wöchentlich zu zahlenden Beiträge vier Lohnklassen festgelegt, für die 14, 20, 24 bzw. 30 Pf. zu entrichten waren. Der Nachweis der Zahlung erfolgte durch Kauf und Einkleben von Beitragsmarken des entsprechenden Wertes in Quittungskarten. Die Lohnklassen entsprachen einem Jahresverdienst, und zwar

Lohnklasse I bis zu 350 Mark, Lohnklasse II mehr als 350 – 550 Mark,

Lohnklasse III mehr als 550 – 850 Mark und Lohnklasse IV mehr als 850 Mark.

Die beiden Tegeler Arbeiter zahlten mithin für eine Beitragsmarke der Lohnklasse I die erwähnten 14 Pf. Für ihren Rentenantrag war die Invaliditäts- und Alters-Versicherungsanstalt der Provinz Brandenburg in Berlin W, Mathäikirchstr. 10 zuständig. Zudem gab es die Invaliditäts- und Alters-Versicherungsanstalt Berlin, die ihren Sitz in Berlin C, Klosterstr. 41 hatte. Letztgenannte war nur für die Innenstadt-Bezirke Mitte, Tiergarten, Wedding, Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Kreuzberg zuständig. Erst mit der Bildung von Groß-Berlin zum 1.10.1920 waren alle Arbeiter bei der längst in Landesversicherungsanstalt (LVA) Berlin umbenannten Rentenkasse versichert. 1891 gab es im gesamten Deutschen Reich 31 Versicherungsanstalten, die zum Jahresende 130774 Altersrenten im Betrag von 9 048 435, 35 M.1 zahlten.

Aus späterer Zeit (hier 1918) Beitragsmarken der Klasse V der LVA Brandenburg für 1 bzw. 2 Woche(n).

Für eine Altersrente betrug die Wartezeit 30 Beitragsjahre, wobei 47 Beitragswochen als ein Beitragsjahr galten. Die Rente begann frühestens mit Beginn des 71. Lebensjahres. Hinsichtlich der Höhe setzte sie sich aus einem von der Versicherungsanstalt aufzubringenden Betrag und einem festen Zuschuss des Reiches im Betrag von 50 Mark zusammen. Der Anteil der Versicherungsanstalt bei der Berechnung der Altersrentenhöhe betrug für jede Beitragswoche in den Lohnklassen I – IV 4, 6, 8 bzw. 10 Pf., wobei 1410 Beitragswochen angesetzt wurde. Die monatliche Rente wurde auf volle 5 Pf. aufgerundet.

Doch wie war es möglich, dass die beiden Tegeler für nur eine Beitragsmarke eine Altersrente erhielten? Das Gesetz enthielt Übergangsvorschriften. Versicherte, die am 1.1.1891 das 40. Lebensjahr vollendet hatten und nachweisen konnten, dass sie in den drei unmittelbar vorausgegangenen Kalenderjahren (1.1.1888 – 31.12.1890) insgesamt mindestens 141 Wochen in einem Arbeitsverhältnis standen, welches nach dem neuen Gesetz versicherungspflichtig gewesen wäre, verminderte sich die Wartezeit. Die Minderung erfolgte um so viele Beitragsjahre, als die Lebensjahre der Betroffenen am 1.1.1891 die Zahl 40 überstiegen. Für 70-Jährige reduzierte sich mithin die Wartezeit von 30 auf 0 Jahre. Der Rentenanspruch war gegeben. Warum allerdings bei einem eingezahlten Beitrag der (niedrigsten) Beitragsklasse I eine laut Zeitungsmeldung „höchste Altersversicherungsrente“ gezahlt wurde, lässt sich nur nachvollziehen, wenn für 30 (hier fiktive) Beitragsjahre stets die Beitragsklasse IV unterstellt wurde. Nach der oben beschriebenen Berechnungsart betrug die Altersrente dann

1410 Beitragswochen x 10 Pf. = 141,- Mark
zzgl. Reichszuschuss = 50,- Mark
Jahresrente = 191,- Mark.

Die aufgerundete monatliche Altersrente hatte dann eine Höhe von gerade einmal 15,95 Mark. Zur Erinnerung: Wer als Arbeiter Beiträge in der Klasse IV zahlte, hatte einen Jahresverdienst von mehr als 850 Mark!

Übrigens sind die Namen der Tegeler wie auch ihr als Rentner jeweils erreichtes Lebensalter nicht überliefert.

1 Beide Zahlen lassen aus hier nicht genannten Gründen keine Schlussfolgerung zu, wie hoch eine Altersrente durchschnittlich war.

Dies und das aus der Tegeler Vergangenheit

In heimatkundlichen Beiträgen wird gern über Tegeler Persönlichkeiten wie Borsig und Humboldt berichtet. Geht es um besondere Ereignisse, sind der Brand der Humboldtmühle, die Einweihung der Dorfkirche, des Hafens und der Industriebahn stets Themen, um nur wenige Beispiele zu nennen. Hingegen wird wenig über unspektakuläre Zeitumstände und Geschehnisse geschrieben, die vor über 100 Jahren mehr oder weniger zum Alltag der Dorfbewohner gehörten. Nachfolgend einige Notizen hierzu. Sie wurden chronologisch geordnet, stehen aber in keinem Zusammenhang zueinander.

Unwetter. Abends um 7 Uhr ging über Tegel ein Unwetter hernieder, wie es seit Menschengedenken kaum dagewesen war. Ab Reinickendorf war die Chaussee mit Ästen und Korngarben übersät, selbst höher gelegene Äcker standen unter Wasser. Hundertjährige Baumriesen entwurzelten oder zerbrachen in der Mitte. Das Dorf Tegel stand an der Chaussee unter Wasser. Zäune, Gartenhallen, Dächer hatte der Sturm vernichtet und weggeschleudert. Der Kirchplatz war zum Teil verwüstet. Das ganze Dorf bot ein unsäglich trauriges Bild. Juli 1885.

Revolver. Im Kreis Niederbarnim und somit auch in Tegel wurde bei der berittenen Gendarmerie der Revolver als Feuerwaffe eingeführt. Unter Abgabe der bisherigen „Sattelpistolen“ wurden einläufige Revolver mit einer Ladetrommel verausgabt, die 6 Ladekammern enthielten. Juli 1886.

Hundesteuer. Zwischen dem Berliner Magistrat und den Ortsvorständen verschiedener Vorort-Gemeinden wurde ein Abkommen über versteuerte „Luxushunde“ abgeschlossen. Hunde mit Steuermarken von Berlin durften danach z. B. nach Pankow gebracht werden, umgekehrt Pankower Hunde nach Berlin. In Tegel galt das Abkommen nicht. Vielmehr machte man hier einen wahren Sport daraus, den Berliner Ausflüglern ihre Hunde wegzufangen. Februar 1887.

Gebräuche. Beim Erntekranz ging der Festzug bei den Bauern und sonstigen Nachbarn herum. In Tegel gaben die Bauern immer noch ein paar Taler, die den Knechten und Mägden zugute kamen und verjubelt wurden. Früher kam mehr ein; Herr Egells auf dem Eisenhammer gab immer 25 Taler. Jetzt ist das Ganze mehr auf das Zusammenströmen der Berliner eingerichtet. Wer die letzte Garbe drosch, hatte den „Ollen“. Den schickte man in der Regel dem Bauern oder Wirt selbst zu, der dann 1 Quart Schnaps zum Besten geben musste. Auch wer die letzte Staude Kartoffeln buddelte, hatte den „Ollen“, musste aber nichts ausgeben. April 1887.

Maikäferplage. In einem Zyklus von etwa 4 Jahren traten in verschiedenen Orten massenhaft Maikäfer auf. In Tegel geschah dies zum Beispiel 1825 und 1829. In diesem Zusammenhang erlaubte die Königliche Regierung später das Sammeln von Maikäfern im Tegeler Forst. So wurde dafür in den Schulen zu Tegel, Hermsdorf, Glienicke und Heiligensee im Frühjahr für die Ober- und Mittelklassen der Vormittags-Unterricht verlegt. In Säcken gesammelte Käfer mussten täglich zwischen 8 und 10 Uhr in lebendem Zustand in den Förstereien Tegelsee oder Tegelgrund abgegeben werden. Der Preis für 1 Liter Käfer war auf 25 Pf. festgesetzt. Als beste Stunden zum Einsammeln der Maikäfer wurde in erster Linie eine Zeit zwischen 4 (!) und 8 Uhr morgens genannt. April 1891.

Pillendose der Humboldt-Apotheke aus dem Jahre 1904

Pillendose der Humboldt-Apotheke aus dem Jahre 1904. Ein besonderer Apothekenservice. Der Besitzer der Apotheke in Tegel hat in Reinickendorf, Dalldorf, Waidmannslust und Hermsdorf Briefkästen oder besser gesagt Receptkästen angebracht, die zweimal täglich, Morgens und Abends, geleert werden. Mit der namentlich nicht genannten Apotheke war die damals erste und einzige in Tegel, die Adler-Apotheke, gemeint. Übrigens erschien die kurze Meldung im 1865 gegründeten amerikanischen Scranton Wochenblatt! Juli 1891.

Erntearbeiter. Die Insassen der „Arbeiterfilialcolonie“ in Tegel wurden in den letzten Wochen von den Landwirten der Umgebung zu Erntearbeiten verwendet. Ihre Aushilfe war sehr willkommen, da Erntearbeiter auch in diesem Jahr sehr knapp waren. August 1894.

Lohnerhöhung. In der Maschinenbauanstalt „Germania“ wurden, nachdem das Etablissement in den Besitz von Krupp überging, die Löhne erheblich erhöht. Die Arbeiter verdienten nun täglich bis zu 1 Mark mehr. September 1897.

Straßenlaternen. „In Tegel wird’s helle.“ So berichtete eine Zeitung, nachdem die Beleuchtungskommission der Gemeinde beschloss, im kommenden Winter die Hälfte der Laternen, insbesondere die sog. Richtlaternen, während der ganzen Nacht brennen zu lassen. Dabei dachte man besonders an die von und zur Arbeit gehenden Arbeiter. August 1902.

Waldschutz. Forstmeister Badstübner in Tegel richtete durch Anschlag an verschiedenen Stellen an alle Waldbesucher den „beherzigungswerthen Appel“, die Kulturen und Wiesen zu schonen, keine Zweige abzubrechen, kein Papier und keine Flaschen liegen zu lassen und das Rauchverbot zu beachten. September 1902.

Volksbibliothek. Im Kreis Niederbarnim gab es 53 Bibliotheken. Eine von ihnen, die in Tegel, hatte einen Bestand von gerade einmal 431 Büchern. August 1903.

Schulverhältnisse. In Tegel wurden 88,6 % der Gemeindesteuern für die Volksschulen aufgebracht. Zum Vergleich: In Berlin waren es nur 48 %. Während in Berlin durchschnittlich 47,8 Schüler eine Klasse besuchten, waren es in Tegel 49,04 Kinder. August 1905.

Nebeneinnahmen. Ein Mann fuhr bei der Tropenglut der Hundstage mit der Straßenbahn nach Tegel. In drangvoll fürchterlicher Enge erwischte er auf dem Hinterperron einen Stehplatz. Im Wageninnern lenkte da ein junger Bursche die Aufmerksamkeit auf sich und gab durch Zeichensprache zu verstehen, dass er gewillt sei, seinen Sitzplatz zu überlassen. Bevor er aber dem Mann „menschenfreundlich“ seinen Sitzplatz räumte, flüsterte er ihm zu: „Wenn se mir det Fahrjeld verjüten …“ Der Mann drückte ihm zwei Nickel in die Hand und war nun für die weitere Fahrt von 45 Minuten glücklicher Inhaber eines Sitzplatzes. Der „Gönner“ nahm draußen den Stehplatz des Mannes ein. Nach kurzer Zeit wurde wieder ein Sitzplatz frei. Flugs nahm ihn der Bursche ein, um ihn schon bald mit Blicken einem Herrn anzubieten, der so aussah, als würde er gern einen Fünfziger für einen Sitzplatz opfern. Das weitere Procedere muss nicht mehr beschrieben werden. Der junge Mann schien das lukrative Geschäft schon länger zu betreiben. August 1906.

Eisbeinessen. In Tegel war es üblich, den Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr einmal im Jahr nach ihrer Vorstellung vor den Gemeindebehörden ein Eisbeinessen zu geben. Sozialdemokratische Gemeindemitglieder hielten es für unzulässig, hierfür Gemeindegelder zu verwenden. Sie änderten auch nicht ihre Meinung, als festgestellt wurde, dass am Essen teilnehmende Gemeindemitglieder ihren Anteil aus eigener Tasche bezahlten. Sie blieben aber in der Minderheit. Die „schöne alte Sitte“ blieb nach wie vor erhalten. November 1906.

Sparkasseneinbruch. Geldschrankknacker drangen in der Brunowstraße 8 in die dort befindliche Spar- und Darlehenskasse ein. Mit einem Nachschlüssel öffneten sie die Tür des Kassenlokals und „knabberten“ den schweren eisernen Geldschrank an. Mit einem Sauerstoffgebläse hatten sie bereits mehrere Rosetten des Behälters entfernt, als eine über den Bankräumen schlafende Frau durch Geräusche erwachte. Sie weckte den Verwalter und den Hauswirt, die sich bewaffneten und zum Erdgeschoss begaben. Die überraschten Einbrecher flüchteten und entkamen trotz Verfolgung im Dunkel der Nacht. Juli 1911.

Bootsunglück. Der Passagierdampfer „Hoffnung“, gefolgt vom Passagierdampfer „Prinz Joachim“, beide fuhren bei Dunkelheit auf dem Tegeler See unweit von Hasselwerder. Plötzlich ertönten Hilfeschreie. Beide Dampfer stoppten und unternahmen Rettungsversuche. Es stellte sich heraus, dass ein unbeleuchtetes, mit drei Personen besetztes Ruderboot gerammt wurde. Die Bootsinsassen hatten allerlei Allotria betrieben und waren wegen der Wellen bewusst auf die Dampfer zu gerudert. Nur ein Mann konnte gerettet werden, ein weiterer Mann und eine Frau büßten ihr Leben ein. August 1911.

Beim Friseur. Ein Zeitungsleser berichtete: Vor einigen Tagen betrat ich in Tegel einen Barbierladen. Der Meister schnitt einem Herrn die Haare. Der Gehilfe putzte während dem die Hängelampe. Ich nahm Platz und fragte den Meister, ob der Gehilfe mich nicht rasieren könne. Antwort: „Sie sehn doch, daß er jetzt die Lampe putzt.“ Auf meinen Einwand, ob denn nicht die Lampe außerhalb der Geschäftszeit geputzt werden könne, erhielt ich die Antwort: „Wenn Sie keine Zeit haben, brauchen Sie doch gar nicht erst hereinzukommen.“ Die Überschrift lautete: Der Ton in den Läden. August 1918.

Soweit unser Blick in die Tegeler Vergangenheit vor über 100 Jahren. Die Beispiele ließen sich mühelos ergänzen.

Gerhard Völzmann

Ein zerschlagener Beerentopf und ein Brief Alexander von Humboldts

Über eine Anekdote aus den 1850er-Jahren soll an dieser Stelle berichtet werden. Sie ist nur deswegen überliefert, weil ein Zeitungsleser seine Erinnerung an Alexander von Humboldt Jahrzehnte später einer Berliner Zeitung zum Abdruck schickte. Der Name des Mannes ist nicht bekannt. Nennen wir ihn hier einfach Otto Müller.

Müllers Eltern wohnten damals in der Chausseestraße nahe der Kesselstraße¹. Während der Sommerzeit passierte bei gutem Wetter regelmäßig eine einfache einspännige Kutsche, in der ein alter Herr saß, das Haus. Die gesamte Familie Müller kannte den Mann sehr gut. Es war nämlich Alexander von Humboldt, der von seiner in der Oranienburger Straße gelegenen Wohnung nach Tegel fuhr. Abends gegen 22 Uhr kehrte dann von Humboldt wieder nach Berlin zurück. Wenn Otto und andere Kinder auf der Straße spielten und sich der ihnen bekannte Wagen näherte, stellten sie das Spielen kurz ein und zogen ihre Mützen, während von Humboldt ihren Gruß mit einem freundlichen Kopfnicken erwiderte.

Humboldt-Schloss. Foto um 1930.

Es war ein Sonntag, als Ende Juni 1852 der damals 11 Jahre alte Otto zusammen mit seinem ein Jahr jüngeren Bruder und anderen Jungen zur Tegeler Heide ging, um Erdbeeren zu suchen. Anschließend besuchten sie noch (welche Entfernung von zu Hause!) den Humboldtschen Park in Tegel. Im Park, ganz in der Nähe des Schlosses, hielt sich ein barfüßiger Junge auf, der zwei Töpfe Beesinge² gesammelt hatte. Zwischen Ottos Bruder und diesem Jungen entwickelte sich ein Streit. Otto kam seinem Bruder zu Hilfe. Der immerhin mehrere Jahre ältere Junge wurde von den Brüdern kräftig durchgeprügelt. Zudem warf Ottos Bruder auch noch einen Topf nach dem Barfüßler, so dass die darin gesammelten Beeren zerstreut auf die Erde fielen. Der Junge fing laut zu weinen an, während die Jungen aus der Chausseestraße die Flucht ergriffen.

Ottos Bruder gelang es ja zu entkommen, doch er selbst stand plötzlich wie angewurzelt einem Mann gegenüber; es war Alexander von Humboldt. Der alte Mann fasste Otto am Ohr und fragte: „Warum habt ihr Schlingel dem armen Jungen die Beeren ausgeschüttet?“ Dabei hielt er den 11-Jährigen solange fest, bis dieser seinen Namen und die Anschrift der Eltern verraten hatte. Nun kam auch der um seine Beeren gebrachte Junge näher. Von Humboldt ließ jetzt Ottos Ohr los, griff in seine Tasche und gab dem noch immer wegen seiner fehlenden Beeren lamentierenden Jungen sechs Dreier. Auch er sollte seinen Namen und seine Wohnung sagen. Nun entließ von Humboldt die Kinder mit der Ankündigung, dass Ottos Eltern von der geschilderten „Unart“ erfahren würden.

Am nachfolgenden Tag spielten Otto und sein Bruder im Garten des häuslichen Anwesens. Plötzlich wurden die Brüder in die Wohnung gerufen. Schon beim Betreten der Stube war den beiden Jungen klar, „was die Glocke geschlagen hatte“. Vater Müller hatte nämlich den beiden Kindern nur zu gut bekannten „Kantschu(h)“³ in der Hand. Eine gehörige Tracht Prügel folgte. „Euch Lümmels werde ich für eure Niederträchtigkeit, armen Kindern die Beerentöpfe zu zerschlagen, das Fell mürbe machen!“, so der Vater. Zuvor hatte Alexander von Humboldt ganz spontan einen Brief geschrieben, in dem er Müller von der Ungezogenheit seiner Söhne unterrichtete. Den verhängnisvollen Brief hatte der „alte Seifert“ überbracht. Johann Seifert war über 30 Jahre Diener und Vertrauter Alexander von Humboldts.

Gerhard Völzmann

¹ Heutige Habersaathstraße.
² In Berlin einstige Bezeichnung für Heidelbeeren, Blaubeeren.
³ Riemenpeitsche

Der verhinderte Landschaftsfriedhof

Der landeseigene Friedhof Am Fließtal in Tegel

Gräberreihe 4, Friedhof Am Fließtal, Foto: M. Schröder

Für einen anzulegenden Friedhof Am Fließtal entwarf das renommierte Architektenduo Fehling und Gogel bereits 1968 die Feierhalle samt zugehörigen Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäuden. Und – gemäß den von ihnen hinterlassenen Unterlagen – auch den Plan für einen Landschaftsfriedhof:

Aus dem Nachlass der Architekten im online-Archiv Fehling und Gogel des Schweizerischen Architekturmuseums
//www.fehlingundgogel.de/friedhofskapelle-tegel/, abgerufen 26.08.18

Merkwürdigerweise bestreitet die Friedhofsverwaltung in der offiziösen Broschüre von 2006 „Der Friedhofswegweiser Berlin-Reinickendorf“ (Hg. Mammut-Verlag in Zusammenarbeit mit dem Bezirksamt Reinickendorf von Berlin, Leipzig 2006), dass es jemals das Vorhaben eines „Landschaftsfriedhofs“ gegeben habe, ja sie behauptet sogar, dass die Planung der Architekten eine „architektonisch gestaltete Friedhofsanlage“ vorgesehen habe, so ist es auch heute noch auf der Website des Bezirksamtes zu lesen. //www.berlin.de/ba-reinickendorf/politik-und-verwaltung/aemter/strassen-und-gruenflaechenamt/gartenbau/friedhofsverwaltung/friedhoefe/artikel.87893.php, abgerufen 26.08.18
„Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass von Anfang an dieser Friedhof als ein Zweckfriedhof (Hervorhebung im Original) geplant wurde.“ (Broschüre S. 28) Und zwar sowohl von den „auftraggebenden Behörden“ als auch von den „ausführenden Architekten“.

Was ist das denn – ein Zweckfriedhof? Ist nicht der Zweck jedes Friedhofs, dass man auf ihm verstorbene Menschen bestatten kann – egal, wie er gestaltet wurde? Oder ist „Zweckfriedhof“ ein verwaltungstechnischer oder ein juristischer Begriff, der sich dem Laien nicht auf Anhieb erschließt? Wikipedia verfügt über keinen entsprechenden Eintrag.
Jedenfalls klingt Zweckfriedhof nach billiger Entsorgung ärmerer Bevölkerungsschichten und nach siebzehntem Jahrhundert, auch wenn es solche Begräbnisstätten durchaus noch im neunzehnten Jahrhundert gab. Aber schon Mitte des achtzehnten Jahrhunderts entstanden Pläne für eine landschaftliche Gestaltung von Friedhöfen. Hinter diesen Fortschritt wollte das Bezirksamt zurückfallen?

Im Berliner Friedhofsgesetz von 1995 findet sich keine Festlegung auf einen der beiden Begriffe: „Friedhöfe sind Grünanlagen mit besonderer Zweckbestimmung. Sie sind Teil des städtischen Grüns“, heißt es in Paragraf 2. Demnach scheint sowohl ein grüner „Zweckfriedhof“ als auch ein Landschaftsfriedhof möglich zu sein.
Für eine nüchterne Broschüre polemisiert die Friedhofsverwaltung Reinickendorf in der genannten Veröffentlichung von 2006 auffällig gegen den angeblich ja nie angedachten Landschaftsfriedhof. Welcher Streit ging dieser Polemik voraus? Und warum bezieht sich die Verwaltung ausdrücklich auf die Planung von Fehling und Gogel auch für die Außenanlagen, obwohl der Plan der Architekten nach deren Bekunden nicht ausgeführt wurde?

„Die Architekten Fehling und Gogel planten, eine Sichtachse von der Kapelle bis ins Fließtal zu schaffen. Diese Sichtachse wurde als Mittelachse des Friedhofs angelegt.“ (S. 28)

Die heutige Mittelachse hat tatsächlich nichts mit der Planung von Fehling und Gogel zu tun: Nach deren Vorstellungen sollte ein Weg in Richtung Fließ sich in der Mitte verengen und an beiden Seiten von Bäumen gesäumt sein, von dieser Engstelle aus hätte sich der Weg dann zum Fließ hin geweitet. Gerade die Engführung war wichtig, um den Eindruck einer weiten, kahlen Fläche zu vermeiden. Genau so aber ist die Mittelachse realisiert worden, die jetzt eher an eine Ödnis erinnert, wenn man es gutwillig betrachtet: an eine vielleicht unter Gesichtspunkten des Naturschutzes wertvolle Trockenrasenfläche. Nur ein Schild gemahnt daran, dass diese Fläche – wie auch andere – als Urnengemeinschaftsgrabanlage genutzt wird.

Lediglich am Anfang der Mittelachse steht als Schmuck die fast schon monumentale Skulptur von Paul Brandenburg, die vermutlich dem öden Eindruck der kahlen Mittelfläche entgegenwirken soll.

Breite Mittelfläche mit Skulptur, Foto: M. Schröder

Der Bruch mit der Architektenplanung zeigt sich auch bei der Anlage der Grabfelder. Fehling und Gogel hatten vielfältig geschwungene Erdwälle als Unterteilungen vorgesehen, die ein lebendiges Bild ergaben. Nichts davon ist heute zu sehen. In strammer Ordnung gehen gerade Seitenwege von der Mittelachse ab, lediglich durch einen Knick aus der Kasernenhofordnung gebracht.

Seitenweg zur Erschließung der Gräberfelder, Foto: M. Schröder

Ein Pedant scheint hier am Werk gewesen zu sein, er muss die lebendigen Schwingungen der Architekten gehasst haben. Man mag einwenden, dass rechteckige Grabfelder und lineare Wegführungen nun einmal zeit-, platz- und kostensparend sind. Aber wenn die geometrische Anordnung die Anmutung der Landschaft stört, läuft sie dem Zweck des Friedhofs zuwider: als Ort der Erinnerung, der Trauer, des Nachdenkens zu dienen.

Jedenfalls sind bei der Planung und Ausführung des Friedhofs Am Fließtal zwei entgegengesetzte Auffassungen, ja Weltanschauungen aufeinandergeprallt. Durchgesetzt hat sich ein Ordnungsfanatiker, der uns einen kastrierten Friedhof hinterlassen hat: Gräber in Reih und Glied, alleeartig gesäumte Seitenwege, einem militärisch geprägten Preußen angemessen, aber nicht einer modernen Großstadt mit urbanem Lebensgefühl und Sinn für einen beschwingten, naturnahen Friedhof. Als hätte es nie einen Südwestkirchhof Stahnsdorf von 1909 gegeben!

Meinhard Schröder

Besondere Bäume in Tegel

Wilhelm von Humboldts Sonett „Die Eiche“. Abbildung: Stamm der „Dicken Marie“.

Kennen Sie „Mutter Dossen“? Ganz bestimmt! Damit ist nämlich Berlins ältester Baum, die „Dicke Marie“ gemeint. „Mutter Dossen“ war eine im 19. Jahrhundert gebrauchte, heute kaum noch bekannte volkstümliche Bezeichnung für die Eiche, die am westlichen Ufer des Tegeler Sees in Höhe der Malche nahe dem parallel zum Wasser verlaufenden Rad- und Fußweg steht. Der älteste Baum Berlins ist etwa 800 (?) Jahre alt, hat eine Höhe von ca. 26 m, einen Durchmesser von 2,10 m und 6,65 m Umfang in Brusthöhe.

Zu immer wieder unterschiedlichen Angaben über das Alter des Baumes wird bemerkt, dass 1890 bei einer in unmittelbarer Nähe der Dicken Marie infolge Windbruchs eingeschlagenen Eiche gleichen Maßes 470 Jahresringe gezählt wurden. Der innerste, etwa 10 cm messende Kern des Stammes war derart dicht und schwarz, dass die Ringe nicht weiter gezählt werden konnten Daher wurde die Dicke Marie in einem Bericht aus dem Jahre 1906 „ziemlich sicher“ auf 500 Jahre geschätzt. Heute wäre die Dicke Marie mithin „nur“ gut 600 Jahre alt.

Nicht weit von der „Dicken Marie“ entfernt steht im Schlosspark ein weiterer historischer Riesenbaum. Es ist ebenfalls eine Eiche, die den Namen Humboldteiche trägt. Ihr Alter dürfte, zurückhaltend geschätzt, nicht unter 400 (?) Jahre betragen. Im Jahre 1888 hielt Dr. Carl Bolle (Scharfenberg) anlässlich der vierten Arbeitssitzung im 24. Vereinsjahr des Vereins für die Geschichte Berlins einen Vortrag über die Humboldteiche. Er sagte u. a., dass der Baum eine merkwürdige Ausnahme von dem Schweigen bilde, das man sonst bei Wilhelm und noch mehr bei Alexander von Humboldt bezüglich der benachbarten Landschaft finde. Bolle verlas das Sonett Wilhelm von Humboldts auf die Eiche und bemerkte, dass sich sein Verhältnis zu derselben „als ein Gemisch der Gefühle von Baumcultus und und persönlicher Scheu bezeichnen lasse, während für Alexander die Bank unter der Eiche stets ein Lieblingsplätzchen gewesen sei. Der mächtige an der Eiche emporwachsende Epheu sei erst 1837 durch General von Hedemann, Schwiegersohn Wilhelm von Humboldts, gepflanzt worden“. Anschließend ging der Botaniker allgemein auf die Tegeler Eichenpflanzungen ein, um dann „Mutter Dossen“ bzw. die „Dicke Marie“ mit der „Humboldteiche“ zu vergleichen. Danach hatte der erstgenannte Baum damals einen Umfang von 5,39 m und eine Höhe von 40 Fuß1. Der Umfang des anderen Baumes lag bei 5,32 m, er war mit 60 Fuß wesentlich höher.

Sonette von C. Bolle, gedichtet 1878 und 1900.

Aus dem Jahre 1899 ist über die Humboldteiche folgendes überliefert:
Zu den historisch interessanten Bäumen in der Umgebung Berlins zählt, wie die `National-Zeitung´ berichtet, die über 800 Jahre alte Humboldt-Eiche am Tegeler Schloßpark unfern des Schlosses, des einstigen Tuskulums Alexanders v. Humboldt. Die isolierte Stellung mit viel Luft und Licht begünstigte ihre riesige Entwicklung im Laufe der Zeit. Schon wenige Meter über der Erde gliedert sich der Stamm in einen wahren Wald von Ästen vom Durchmesser mittlerer Bäume, welche die gewaltige Krone bilden. Das Gewicht der Nebenäste, Zweige und Belaubung beugt die Hauptäste zur Erde nieder. An der Südseite sind die untersten gestützt worden, um zu verhindern, daß sie in das Erdreich hineinwuchsen. Sie bilden mit den Stützen und dem an ihnen sich aufrankenden wilden Wein eine Art Vorhalle an dem alten Baumriesen. Weiter hinauf mußten mehrere Äste, weil morsch und brüchig, abgesägt werden, andere rissen Stürme herab. Der vom Stamme in die Krone aufstrebende Epheu ist leider an der Nordseite teilweise erfroren; aber trotz alledem bietet der kraftstrotzende, stolze, ernste Baum doch immer noch einen erhebenden Anblick, Die kurzgestielten, fast sitzenden Blätter, die langstieligen Früchte, der regelmäßige Laubfall charakterisieren ihn als Sommer- oder Stieleiche, Quercus pedunculata, im Gegensatz zu Q. sessiliflora, der Winter-, Stein- oder Traubeneiche mit sitzenden Früchten und langgestielten Blättern.

Ein weiterer besonderer Baum befindet sich im Tegeler Forst zwischen Konradshöher und Sandhauser Straße . Es ist eine Europäische Lärche, die um 1795 zu einer Zeit gepflanzt wurde, als Forstrat Burgsdorf in Tegel wohnte und hier auch tätig war. Die nach ihm benannte Lärche hat einen Stammumfang von etwa 3 m, ist aber insbesondere mit einer Höhe von ca. 45 m Berlins höchster Baum.

Die Humboldteiche um 1910. Im Hintergrund das Schloss.

Blicken wir nun in jene Straße, die einst Dorfstraße und dann Hauptstraße hieß, heute ist sie unter dem Namen Alt-Tegel bekannt. In Höhe der Dorfaue befand sich eine längst nicht mehr vorhandene Linde, die durch ihren merkwürdig gewachsenen Stamm je nach Betrachter Krumme oder auch Kamelslinde genannt wurde. Andere sahen in der Form des Stammes die Gestalt eines aufgerichteten Bären oder die eines „schön machenden“ großen Hundes. Auf diesen Baum soll hier im Hinblick auf einen bereits zuvor verfassten kleinen Artikel nicht näher eingegangen werden.
Kommen wir jetzt zu einem fünften Baum, über den in der jüngeren Vergangenheit kaum etwas geschrieben wurde. Auch hier kann ein Name genannt werden. Gemeint ist wiederum eine Eiche, und zwar die Tegeler „Friedenseiche“. Derartige Bäume wurden in vielen Orten Deutschlands nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 gepflanzt. Als Tag zum Pflanzen einer Friedenseiche wurde gern der Geburtstag Kaiser Wilhelms (22.3.) oder der Sedantag (2.9.) gewählt. Wann die Tegeler Friedenseiche gepflanzt wurde, ist nicht eindeutig bekannt; vermutlich geschah dies am 22.3.18742. Die Initiative hierfür lag beim örtlichen Kriegerverein.

1884 sollte der Baum durch ein „geschmackvolles“ eisernes Gitter umfriedet werden. Zudem war anlässlich des Kaiser-Geburtstages ein festlicher Umzug der Tegeler Vereine geplant. Am Abend war eine wohl mit Fackeln vorgesehene festliche Beleuchtung der Eiche und des Gitters geplant.

Am Morgen des 21.3.1884 erschien der mit der Arbeit beauftragte Schlossermeister mit seinen Gesellen, um das Gitter aufzustellen . Dabei wurde dann aber die traurige Feststellung gemacht, dass in der vergangenen Nacht der Stamm der Eiche mittels einer Stichsäge ringförmig eingeschnitten wurde. Der Einschnitt kurz über dem Erdboden war so tief, dass die Eiche ohne Zweifel eingehen musste. Nur ein Sachverständiger konnte diesen Frevel begangen haben. Schnell glaubte man, dem Täter bereits auf der Spur zu sein. Für den Feiertag aber musste schleunigst an derselben Stelle eine neue Eiche gepflanzt werden. Die Festfreude aber war verdorben. Für den (neuen) Baum ist jedoch das Datum 22.3.1884 damit genau überliefert.

Tegel um 1800. Im Vordergrund zwei uralte Bäume, der rechte beschädigt durch Sturm und/oder Blitzschlag.

In der Folgezeit richteten sich schnell alle Augen auf den Tischlermeister Albert Bacher als den vermutlichen Täter. Es kam zu einem Gerichtsverfahren gegen ihn. Die Beweisaufnahme in der Hauptverhandlung belastete ihn schwer. Bacher war Mitglied, ja sogar Mitbegründer des Tegeler Kriegervereins, in dem er aber schon vor zehn Jahren wegen seiner Unverträglichkeit ausgeschlossen wurde. Seitdem wurde er zehnmal wegen Beleidigung, Körperverletzung, groben Unfugs usw. verurteilt. Schon bei der Pflanzung der Eiche vor wohl 10 Jahren soll er sich anderen Personen gegenüber höhnisch geäußert haben, dass der Baum nicht alt werde. Daraufhin wurde die Friedenseiche in den ersten Jahren Tag und Nacht bewacht, bis die Aufmerksamkeit mit der Zeit aufhörte. Am Tag vor dem Aufstellen des Gitters arbeitete der nun Angeklagte ganz in der Nähe und erkundigte sich noch, wann die Gitter-Arbeiten erfolgen sollten. Bei seinen Arbeiten verwendete er eine starke Stichsäge, wie sie augenscheinlich auch bei der Beschädigung des Baumes gebraucht wurde. Bei einer bei Bacher vorgenommenen Hausdurchsuchung wurde eine Stichsäge vorgefunden, deren Schnitt genau in den Stamm der Eiche passte. War damit Bacher durch Indizien der Tat überführt? Der Staatsanwalt bejahte diese Frage und beantragte drei Monate Gefängnis und ein Jahr Ehrverlust. Dem Gerichtshof reichten die Indizien nicht aus, den im übrigen auch leugnenden Angeklagten zu überführen. Es wurde auf Freisprechung erkannt.

Dr. Bolle 1904 unter der (erst) 33 Jahre alten Douglastanne.

Bisher wurde der Standort der Friedenseiche nicht erwähnt. Sie wurde auf dem großen Kirchplatz gepflanzt, also auf der Dorfaue. Doch wo genau? Bis Ende 1874 war die Dorfkirche von einem Begräbnisplatz umschlossen. Später entstanden hier gärtnerische Anlagen. Blickt man vom Kirchenportal aus in Richtung Eisenhammerweg, so befindet sich dort das 1934 errichtete Kriegerdenkmal (damals noch mit einem Löwen versehen), das heute durch zusätzliche Inschrift den Opfern von Krieg und Gewalt gewidmet ist. Nur wenig hinter diesem Denkmal zum Straßenrand hin befindet sich eine kräftige Eiche. Sollte dies die Friedenseiche sein? Hinweise sind nicht vorhanden. Vielleicht lässt sich die Frage aber später noch beantworten.

Kommen wir noch zu einem erwähnenswerten Baum, der heute wohl nicht mehr in Tegel vorhanden ist. Im Jahre 1905 berichtete eine Zeitung in einem Artikel unter der Überschrift „Mutterbäume“ über uralte Bäume mit besonders auffälligen Eigenschaften. Gemeint waren solche mit abnormer Ast- und Zweigstellung wie auch Laubfärbung. Andere jüngere Bäume mit denselben Eigenschaften sollen von ihnen abstammen. Anormal bezüglich der Belaubung sind Blutbuchen. „Eine mittelwüchsige Blutbuche mit intensiv dunkelroten Blättern steht bei der Tegeler Humboldtmühle“, so der Hinweis in dem Zeitungsartikel. Weiter wurde bemerkt: „Alle diese Blutbuchen sind Spielarten der Rotbuche und stammen nach Bechstein3 von einer uralten Blutbuche Thüringens in der Nähe von Sondershausen als Mutterbaum ab.“ Im Gegensatz zu den weiter oben beschriebenen Bäume ist ein besonderer Name dieser Tegeler Blutbuche nicht überliefert.

Zum Schluss unserer Betrachtungen werfen wir noch einen kurzen Blick auf Scharfenberg. Die Insel war von 1867 an im Eigentum von Dr. Carl Bolle, der hier eine „botanische Idylle“,
einen „dendrologischen Garten“ schuf. Im Park wuchsen (1881) mehr als 1200 verschiedene, bei uns ausdauernde Gehölze. In besonders ummauerten Gruben gedeihten mit Feigen, echtem Jasmin, japanischem Bambus, Myrte und Lorbeer auch Gewächse südlicher Zonen. Eichen, (japanische) Tannen, Lärchen, Koniferen, Kastanien, eine schön gewachsene „Wellingtonia gigantea“ (kalifornischer Riesenbaum) gehörten zum Bestand Scharfenbergs. Besonders zu erwähnen ist noch eine 1871 von Bolle gepflanzte, schnell mehrere 30 Fuß hoch gewachsene Douglastanne, die höchste der einst in der Mark vorhandenen. Die Insel diente aber leider auch eine Zeitlang ungewollt als „Kugelfang“ für den nahen Schießplatz.

Sonett Bolles über eine Ulme, die auf Scharfenberg stand. Mai 1891.

Gerhard Völzmann

Alexander von Humboldts kurioser Buchkauf

Alexander von Humboldt

Die kleine Episode aus dem Leben Alexander von Humboldts (1769-1859), über die hier zu berichten ist, wurde bereits vor fast 140 Jahren mit dem Hinweis auf Informationen „von höchst glaubwürdiger Seite“ aufgeschrieben. Alexander von Humboldt wurde bekanntlich am 14.9.1769 in der Berliner Jägerstraße 22 geboren. Von 1842 bis zu seinem Tode wohnte der Freiherr, Königliche Kammerherr, wirkliche Geheime Rath, Mitglied des Staatsraths und der Academie der Wissenschaften (so der Eintrag im Adressbuch) in den Wintermonaten in der Oranienburger Straße 67 (im Sommer weilte er zumeist in Tegel). An einem rauen Oktober-Nachmittag in den 1840-er Jahren war von Humboldt, vom Spittelmarkt in Berlins Mitte kommend, auf dem Nachhauseweg. Am Mühlendamm passierte er „das Reich der alten Kleider“. Hier gab es viele Trödler und Kleiderhändler, die geschäftstüchtig Passanten ansprachen, so auch vielleicht wegen seines unscheinbaren Äußeren Alexander von Humboldt. „Papachen, wie steht´s mit ´nem Winterrock?“ – „Kommen sie rein! Det reene Eisentuch“, rief ein anderer. „Ein schöner mottenfreier Pelz, erst einen Winter getragen, passt wie angegossen“, versuchte ein dritter Händler den alten Mann zu überzeugen. Ein weiterer Geschäftsmann, besonders eifrig, hielt von Humboldt am Rock fest. Beredt wollte er ihm eine grüne Samtweste verkaufen. Der so Angesprochene schüttelte den Kopf und wollte eigentlich weitergehen. Doch da fiel sein Blick auf einen Kramstapel im Schaufenster. Zuunterst lagen zwei lange, mit Perlmutt ausgelegte Reiterpistolen, die sich bei näherer Betrachtung als altertümlich und kunstvoll herausstellten. Von Humboldt wollte sie für seine Waffensammlung erwerben und fragte nach dem Preis. „Was werden sie geben für diese schönen Pistölchen?“, so die Gegenfrage des Händlers. „Sagen wir 10 Thaler.“ Der Trödler überlegte. „Will ich mal ausnahmsweise nichts dran verdienen. Neun Thaler haben sie mir selbst gekostet; Reparaturkosten und Zinsen dazu gerechnet, macht´s gerade zehn Thaler.“ Man war sich einig. Von Humboldt legte zwei Friedrichsdor1 auf den Ladentisch, erhielt noch Restgeld und die inzwischen in Papier eingewickelten Pistolen und verließ den Laden. Über die Spandauer Straße und den Hackeschen Markt ging er nun in Richtung Oranienburger Straße.

Unterwegs fiel sein Blick zufällig auf das zum „Emballieren“ verwendete Papier. Er machte dabei eine interessante Entdeckung. Es war ein Blatt aus einem alten „Kräuterbuch“. Diese wurden in Form von großen Folianten von Ärzten und Naturforschern im Mittelalter herausgegeben. Solche „Kräuterbücher“ hatten insofern einen großen Wert, als sie über den damaligen Stand der botanischen Wissenschaft hinsichtlich Anwendung der Pflanzen im Haushalt der Menschen, in der Technik, Medizin usw. Aussagen vermittelten. Für den Naturforscher und Gelehrten stand es fest, ein solches Buch vor dem Untergang zu bewahren. Eiligst kehrte von Humboldt um. Doch am Mühlendamm sah ein Laden wie der andere aus. Wie sollte er nur den richtigen wieder ausfindig machen? Stets war ein „Nein“ die Antwort, wenn von Humboldt fragte, ob er dort die Pistolen gekauft hatte. Eigentlich war das auch zu erwarten. Man hielt ihn für einen beim Kauf Reingefallenen, der den Erwerb wieder rückgängig machen wollte. Schon aus „Korpsgeist“ heraus wollte kein Trödler einen zutreffenden Namen nennen. Schließlich kam der Naturforscher auf eine listige Lösung, indem er zu den zunächst Umstehenden sagte: „Schade, daß ich den Mann nicht finden kann, ich wollte ihm nur einen Thaler zurückbringen, den ich vorhin zuviel herausbekommen habe.“ – „Kommen Se ´rein, hier bei mir haben Se gekauft,“ erscholl es nun von allen Seiten. Aus allen Läden stürzten Händler heraus, vielleicht zwanzig Hände zerrten an seinem Rock, ein Höllenlärm entstand. Von Humboldt sah sich in Bedrängnis und hob die beiden zuvor gekauften Pistolen drohend in die Luft. Das half; im Nu stob die Trödler-Schar auseinander. Nur einer blieb stehen, lächelte und meinte: „Sind se doch nicht geladen, Papachen! Stecken Se doch die Donnerbüchsen in und geben Se mir meinen Thaler!“ Damit war also der richtige Verkäufer gefunden.

Zusammen gingen sie in das dunkle Gewölbe des Händlers. Hier verlangte von Humboldt das Buch zu sehen, aus dem das Blatt als Packpapier herausgerissen wurde. Bei näherer Betrachtung war dies ein in Schweinsleder gebundenen Foliant, dem am Ende nur wenige Blätter fehlten. Der Trödler hatte das Buch mit anderem Kram zusammen auf einer Auktion gekauft. Es gehörte zu den seltensten seiner Art. Nach dem Preis für das Werk gefragt, überlegte der Händler lange. Dann nahm er eine Hose mit eingesetztem Boden aus dem Regal und antwortete: „Geben sie mir vier Thaler und die schöne Hose kriegen sie mit dazu. Mit der können sie noch Sonntags Staat machen!“ Das Geschäft kam so zustande, allerdings verzichtete der Gelehrte auf die Zugabe.

Wenn Alexander von Humboldt später im Freundeskreis seine Büchersammlung zeigte, dann erwähnte er stets den kuriosen Buchkauf und schloss mit den Worten: „Am meisten hat mich die Bemerkung amüsiert: Mit der können Sie noch Sonntags Staat machen.“

Gerhard Völzmann

1 Preuß. Goldmünze; ein Friedrichsdor = 5 Taler.