Man nannte sie „Schwingenflieger“, jene Männer, die im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert Flugapparate konstruierten, mit deren Hilfe sie den Flug der Vögel nachahmen wollten. Damit wichen sie bewusst von anderen Systemen wie dem Gleitfliegen (Vorbild z. B. Wright) ab. Der ohne Zweifel bis in die heutige Zeit bekannteste „Schwingenflieger“ war Otto Lilienthal, dessen Versuche durch einen Todessturz jäh endeten.

Ein anderer Mann, dessen Name Bruno Scholz in Vergessenheit geraten ist, hatte sich den Überlegungen Lilienthals verschrieben. Er glaubte, besserer Resultate erzielen zu können. Scholz wohnte in Berlin O 34, Kopernikusstraße 22. Von Beruf war er Architekt, hatte sich aber bereits 1897 von dieser Tätigkeit losgesagt. Seitdem gab es wohl, egal ob Storch oder Spatz, keinen Vogel, den es nicht im Flug beobachtete, um Rückschlüsse auf die Konstruktion eines Flugapparates ziehen zu können. Zwölf Jahre später, im August 1909, war es dann soweit. Scholz brachte seinen eigenartig konstruierten „Aeroplan“ auf ein zu Schulzendorf bei Tegel gehörendes Gelände. Wo dies genau lag, ist nicht bekannt. Es war eine „im gesegneten Sommergrün prangende Wiese“, die sich unmittelbar an der Chaussee Tegel – Heiligensee unweit des Schulzendorfer Bahnhofes befand. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass erst im Folgejahr ein Flugplatz in Schulzendorf geplant und eingeweiht wurde. Es war eine vorherige Ackerfläche zu beiden Seiten des heutigen Bekassinenweges.

Der geplante Flugversuch von Scholz zog auch Pressevertreter an, obwohl die wenige Tage später am 29.8. vorgesehene Ankunft des Grafen Zeppelin mit seinem Luftschiff Z III auf dem Tegeler Schießplatz eine unvergleichbar höhere Beachtung bei den Berlinern hervorrief. Der Reporter einer Berliner Zeitung beschrieb sehr ausführlich und humorvoll seine Fahrt nach Schulzendorf und die Besichtigung der Flugmaschine. Eigentlich hatte er sich als angenehmer gewünscht, dass der „Vogel von Schulzendorf“ in gerader Linie nach Berlin gekommen wäre. Denn Schulzendorf ist selbst im Zeitalter des Verkehrs recht schwierig zu erreichen, wenn man nicht gerade einen der drei Züge der Kremmener Bahn benutzen kann, die täglich dorthin fahren.

Der „Vogel von Schulzendorf“ am 18.8.1909 Bildnachweis: Sammlung Frank-Max Polzin.

Am Ziel angekommen, erwartete ihn keinesfalls ein fertiger „Aeroplan“. Vielmehr fiel sein Blick auf „ein hochbeiniges Gestell, dass wie ein ausgenommener Vogel aussah; vornweg ragte ein bleiches Etwas, ähnlich dem Skelett eines Vogelkopfes“. Das Objekt hing mittels einer Kette an einem Galgen. Glaubte der Reporter zunächst an eine „schreckliche Exekution“, klärte ihn der Erfinder schnell auf, dass seine Flugmaschine erst noch durch den Einbau weiterer Teile „zum Leben erweckt“ werden müsste. Diese befanden sich in einer Scheune.

Ergänzend zur Abbildung ist die überlieferte Beschreibung des Flugobjektes interessant. Scholz hatte das Gerüst seiner Konstruktion aus Bambusstäben hergestellt, die Segel bestanden aus Leinwand. Der ganze Apparat hatte eine Länge von 17 m, die Spannweite der Flügel betrug 14 m. Der „Vogelkörper“ bot Sitzmöglichkeiten für zwei Personen und nahm zudem zwei Motoren (je 8 PS) und schließlich ein großes, senkrecht stehendes Gewinde (eine Zentrifuge) auf. Die Zentrifuge sollte beim Heben des Apparates helfen. Lange Beine auf Rädern, die mit Bolzen und Federn versehene „Kniegelenke“ hatten, sollten auf dem Boden ein „Springen“ ermöglichen. An der Gondel war vorn der mit Seitensteuer ausgerüstete Kopf, hinten ein überaus langer, auch mit Steuer versehener Schwanz. Die je 6 m langen und 4 m breiten Flügel hatten vom zweiten Motor betriebene Klappen, die sich beim Heben öffnen und beim Herabschlagen wieder schließen sollten. Sechzig mal in der Minute sollte jeder Flügel durch ein recht kompliziertes Scherengetriebe auf- und niederschlagen. Der ganze Flugkörper hatte natürlich noch ein Dach. Insgesamt hatte der „langbeinige und kurzhalsige Riesenvogel“ 100 qm Segelfläche und ein Gesamtgewicht von 500 kg.

Bruno Scholz offenbarte freimütig, dass die Flugmaschine einen Teil seines Lebens bedeutete und sein ganzes Hab und Gut aufgezehrt hatte. Ein paar hundert Mark fehlten ihm zuletzt, die er sich noch erhoffte. Er benötigte dieses Geld für die Arbeiter, die ihm beim Zusammenbau des „Aeroplans“ halfen. Anerkannt wurde, dass der Erfinder sich in Schulzendorf nicht, wie sonst üblich, den Blicken entzog, sondern an öffentlicher Straße die Montagen vollzog.

Der eingangs erwähnte Reporter schloss seinen Bericht so humorvoll, wie er ihn begonnen hatte, mit folgendem Satz: Vielleicht fliegt der Vogel einmal wirklich, und bald gibt es dann in dem stillen Schulzendorf keine Ackerbauer mehr, sondern noch noch … Vogelbauer.

Kommen wir nun zum 18.8.1909. Es war jener Abend, an dem Bruno Scholz seinen ersten Flugversuch mit dem „Vogel von Schulzendorf“ unternahm. Sie, liebe Leserin, lieber Leser dieser Zeilen, ahnen vielleicht schon, zu welchem Ergebnis dieser führte. Scholz setzte die Motoren in Gang. Der Vogel hob sich tatsächlich etwa 40 Zentimeter, gewaltige Flügelschläge erfolgten, doch dann stürzte das Gerät hilflos in sich zusammen. Was war geschehen? Eine auch aus Bambus(!) hergestellte Kupplung war gebrochen, das Experiment damit rasch zu Ende. Der Erfinder wollte sich durch diesen Misserfolg nicht entmutigen lassen, die Kupplung aus besserem Material herstellen und dann seine Versuche fortsetzen. Dazu kam es aber wohl nicht mehr. Vielmehr soll Scholz sein Lebenswerk eigenhändig zerschlagen haben. Auch aus der weiteren Entwicklung des Flugwesens wissen wir, dass der „Schwingenfliegerei“, wie sie Scholz sich vorstellte, keine praktische Zukunft beschieden war.

Wer die Überschrift liest, denkt wohl an ein großes Unternehmen, das für seine Beschäftigten Wohnhäuser in der Nähe der Firma errichtet hat. Hierzu passend ein Ausschnitt aus einem Zeitungsartikel vom 1.2.1899:

Im neuen Borsigwerk bei Tegel herrscht ein reges Leben, da der Betrieb in fast allen Werkstätten der kolossalen Fabrikanlage nunmehr in vollem Gange ist. . . .
Die nahezu zweitausend Arbeiter, welche augenblicklich auf dem Werke thätig sind, wohnen zum größten Theile noch in Berlin und werden in einem Extrazuge, der einige zwanzig Wagen zählt, von dort nach Tegel und Abends nach Berlin zurückbefördert. Doch ist von der Firma Borsig bereits die Errichtung einer großen Arbeiterkolonie in Aussicht genommen, mit deren Bau auf einem in der Nähe des Werkes gelegenen und zur Dalldorfer Feldmark gehörenden Terrain bereits in der nächsten Zeit begonnen werden soll.

Friedrich von BodelschwinghWie wir wissen, entstand so Borsigwalde. Doch an dieser Stelle wird an eine christlich-soziale Arbeiterkolonie erinnert, die 1882 durch Pastor Friedrich von Bodelschwingh in Bielefeld ins Leben gerufen wurde. Eine Einrichtung dieser Art befand sich auch in Tegel. Blicken wir zunächst in die Gründungszeit.

Zur Bekämpfung des Vagabundentums bildete sich in Bielefeld ein Verein, der in der Nähe der Stadt 3 Bauernhöfe mit 500 Morgen unkultivierten Landes kaufte. Das Terrain wurde zu einer Kolonie mit dem Namen Wilhelmsdorf umgestaltet. Unter der Leitung von Bodelschwinghs wurden die Ländereien von „arbeitswilligen, aber arbeitslosen Vaganten“ ertragsfähig gemacht. Nach dem Motto „Statt Almosen Arbeit“ war es das Ziel des Pastors, „ein Asyl zu schaffen, in welchem alle diejenigen Unterkommen und Arbeit finden, welche noch nicht so verkommen sind, daß sie vom Vagabundenleben nicht mehr lassen können“. Wer sich der Hausordnung fügte, erhielt für seine Arbeitsleistung Kost, Logis und eine geringe bare Entschädigung. Nach der am 22.3.1882 erfolgten Gründung der Einrichtung folgte bald das Entstehen weiterer Arbeiterkolonien im ganzen Reich.

Bereits Anfang 1883 entstand in Berlin fast ohne Mittel eine Kolonie, die sich in der Reinickendorfer Straße 36a (Wedding) 1 unerwartet schnell entwickelte. Hatte die Einrichtung im Oktober 1885 nur 12 Betten, so waren es 1885 zunächst 38, dann schon 62 Übernachtungsmöglichkeiten. Durch den Verkauf von fünf Morgen Ackerland flossen Mittel, um die Kolonie mit dem Bau eines neuen Kolonistenhauses ab Oktober/November 1890 für eine Aufnahme von 200 Männern zu erweitern. Trotzdem konnten längst nicht alle, die hier einen Zufluchtsort suchten, aufgenommen werden. Wer abgewiesen wurde, erhielt dann eine Tasse Kaffee oder einen Teller Suppe, wenn er von einem Mitglied geschickt wurde. Allerdings war die Zahl der Mitglieder des Vereins der Berliner Arbeiterkolonie mit 2400 recht gering, obwohl der Mindest-Jahresbeitrag nur 2 Mark betrug.

In der Reinickendorfer Straße wurden 1891 60 Kolonisten in der Kistentischlerei, 33 in der Hülsenfabrikation, 23 in der Besen- und Bürstenanfertigung, 42 beim Strohflechten und in der Stuhlrohrabfallflechterei und 20 als Kalfaktoren usw. beschäftigt. Ein Blick in Statistikzahlen des Jahres 1892 überliefert folgendes:

Zeitungsnotiz vom Nov. 1885. Die Obstkerne wurden als Saatgut verkauft, brachten mithin Einnahmen.

Bei einem Personenbestand von 257 wurden 766 Kolonisten neu aufgenommen, 827 gingen ab und 463 wurden abgewiesen. Von der letztgenannten Zahl hatten 157 Männer mangelhafte Papiere und 323 traten selbst vor der Aufnahme zurück. Die Kolonie hatte 64.421 Verpflegungstage, davon entfielen 10.568 auf Ruhetage, mithin 53.853 auf Arbeitstage. Die Ausgaben pro Mann und Tag für die Kost beliefen sich auf 37,5 (im Vorjahr 35,1) Pfennig! Die Einnahmen betrugen 186.834 Mark, darunter 26974 Mark Beiträge und 102.183 Mark aus dem gewerblichen Betrieb. Die Ausgaben lagen bei 178.739 Mark, darunter für Verpflegung 33.090 Mark und für Material zum Gewerbebetrieb 95.040 Mark.

Der Standort der Arbeiterkolonie Tegel von 1891 – 1897.

Im März 1891 berichtete das Teltower Kreis-Blatt, dass bereits einleitende Schritte zur Begründung einer Filiale geschehen seien, weil in den Wintermonaten mehr als tausend Aufnahme Begehrende zurückgewiesen wurden. Im Juli war dann zu lesen, dass sich die Oberförsterei zu Tegel mit der Berliner Arbeiterkolonie in Verbindung gesetzt hatte, ob nicht 50-60 Insassen der Kolonie in den Monaten Oktober bis Dezember im Forst als Holzhauer arbeiten könnten. Eine Unterbringung wäre in den Baracken des Tegeler Schießplatzes denkbar. Die Verhandlungen mit dem Militärfiskus brachten ein positives Resultat. 30 Minuten hinter dem alten Steuerhause ² lag das Domizil der neuen Arbeiterkolonie Tegel. Eine andere Quelle beschrieb die Lage der Zweigstellen-Neugründung mit „10 Minuten von der Weichbildgrenze Berlins entfernt“. In beiden Fällen war damit etwa der (heutige) Schnittpunkt von Scharnweberstraße, Seidelstraße und U-Bahnbrücke gemeint. Der genaue Zeitpunkt der Eröffnung der Filiale war wohl der 18. oder 19. September 1891.

Sehen wir uns zunächst einige Zahlen aus Statistiken an:

Jahr 1891 – 4467 Mark Zuschuss der Hauptkolonie.


Jahr 1892 – Ausgaben 7759 Mark – Einnahmen 6035 Mark. 1724 Mark Zuschuss der Hauptkolonie. Verpflegungskosten pro Mann und Tag 48,5 Pfg.


Jahr 1893 – Ausgaben 15331 Mark – Einnahmen 15331 Mark einschl. 2316 Mark Zuschuss der Hauptkolonie. Verpflegungskosten pro Mann und Tag 43,6 Pfg. Vom Okt.-Dez. 1893 wurden für Rechnung des Kreises Nieder-Barnim 211 Wanderer verpflegt. Abgang 148, Bestand Ende 1893: 63. Verpflegungstage 3349 einschl. 866 Ruhetage.


Jahr 1896 –  Ausgaben 43330 Mark – Einnahmen 43330 Mark einschl. 5499 Mark Zuschuss des Kreises Nieder-Barnim. Verpflegungskosten pro Mann und Tag 37 Pfg.


Jahr 1897 –  Ausgaben 43890 Mark – Einnahmen 43890 Mark einschl. 3909 Mark Zuschuss des Kreises Nieder-Barnim. Verpflegungskosten pro Mann und Tag 40,2 Pfg.

Von der Auflistung weiterer Jahrgänge wird hier abgesehen, da sich die Filiale dann in der Berliner Straße in Reinickendorf befand.

Blicken wir uns nun in der Filiale Tegel der Arbeiterkolonie um. Hierfür stehen uns zwei höchst unterschiedliche Berichte zur Verfügung. So schrieb eine Zeitung am 22.9.1891 u. a. folgendes:
Sie (die Arbeiterkolonie) hat dieselben (gemeint waren die Militärgebäude) in einen wohnlichen Zustand versetzt und mit ihren Leuten besiedelt. Die früher so unscheinbaren Baracken machen jetzt einen recht freundlichen Eindruck. Die Schlafräume sind tapeziert und mit weichen Lagern versehen. Eine Küche ist neu eingerichtet, und ein geräumiger, umzäunter Garten bietet den Kolonisten angenehmen Aufenthalt. Das frühere Offizierskasino, ein viereckiges hohes, mit einem Turm versehenes massives Gebäude, ist zur Wohnung des Vorstehers eingerichtet, während der Kasinosaal den Kolonisten als Betsaal und zum Einnehmen der Mahlzeiten dient.

Im Januar 1892 erfolgte eine ganz andere Schilderung durch eine Anzahl Kolonisten, welche das Leben in der gleich einem Veilchen im Verborgenen blühenden Tegeler Filiale aus eigener Erfahrung kennen zu lernen das große Vergnügen hatten. Einige baufällige Baracke auf dem Schießplatz, die 1891 von 30 Kolonisten instandgesetzt wurden, dienten teils als Schlaf- und teils als Speisesäle. Wind und Wetter hatten in den Baracken „freien Zutritt“, ein Ofen war nicht vorhanden. Erst als es vor Kälte kaum mehr auszuhalten war, wurde ein kleiner eiserner Ofen aufgestellt. Im Backsteingebäude der Kolonie, dem ehemaligen Offizierskasino, befanden sich der „unumgänglich notwendige Betsaal“ und die Wohnung des Vorstehers „mit stets behaglicher Temperatur“.
Wenn im Winter 1891/92 Kolonisten teils bei Schneetreiben im Forst arbeiteten, waren sie nur dürftig bekleidet, an den Füßen nur Holzpantinen oder defekte Stiefel. Zwei alte Pferdedecken ihrer Lagerstatt im eisig kalten Schlafsaal dienten als Zudecke.

Mit Glockensignal musste früh um 5 Uhr aufgestanden werden. Zuerst wurde das Bett wieder in Ordnung gebracht, dann ging es zur Waschküche. Wer im Forst arbeitete, erhielt als Frühstück eine Mehlsuppe und ein Stück trockenes Brot. Um 5.45 Uhr endete das Frühstück, nun begann im Betsaal die etwa 30minütige Morgenandacht, vom Vorsteher abgehalten. Schlecht „angeschrieben“ standen bei diesem die „Trinker“ und die Sozialdemokraten.

Vergütungen der Oberförsterei an die Arbeiterkolonie Tegel.

Um 7.15 Uhr ging´s mit 3 Paar Schmalzstullen, die das Schmalz oft nur oberflächlich sahen, zur 1 ½ Stunden entfernten Arbeitsstelle. Ob Schnee oder Regen, die Witterung war egal. An drei verschiedenen Stellen wurde ausgeforstet. Am Abend musste jede Kolonne einen Handwagen voll Holz unter 7 cm Durchmesser mitbringen. Für die 1 – 1 ½ cbm, als Feuerungsmaterial dienend oder zerkleinert und meterweise gestapelt für den Verkauf gab es für die Kolonisten keine Vergütung. Noch an der Arbeitsstelle wurde gewöhnlich zum Aufwärmen ein Feuer angezündet, obwohl das bei Strafe verboten war. Steif gefroren oder durchnässt wurde bei Einbruch der Dunkelheit der Rückweg angetreten. Gegen 18.00 Uhr gab es nach Erreichen der Kolonie das kalt gewordene Mittagessen und um 19.00 Uhr mit der üblichen Suppe und dem üblichen trockenen Brotstück das Abendessen. Um 20.45 Uhr wurde zur Abendandacht angetreten, wobei die „Trinker“ und die Sozialdemokraten …, na, Sie wissen schon …

Nach Beendigung der Andacht ging es in das „Bett“, das bei Frostwetter sehr oft auch hartgefroren war.

Viele Kolonisten arbeiteten sehr fleißig in der Hoffnung, in 14 Tagen 1 – 2 Mark verdient zu haben. Wer dies nicht so konnte, glaubte zumindest, später ohne Schulden die Kolonie verlassen zu können. Doch es kam anders. Der Fleißigste hatte 16 Wochen gearbeitet, erhielt aber nichts ausgezahlt, musste vielmehr 60 Mark Schulden bezahlen. Neun Männer, die nach 14 Tagen abgingen oder fortliefen, hinterließen 300 Mark Schulden.

Die damit endende, mehr als kritische Schilderung des Alltags in der Arbeiterkolonie Tegel geht auf mehrere Männer zurück, die eindeutig Sozialdemokraten waren. Ihr Erlebtes druckte die sozialdemokratische Tageszeitung „Vorwärts“ ab. Im Berliner Tageblatt widersprach eine Zuschrift einem bereits zuvor „von Gehässigkeiten und Unwahrheiten strotzenden Artikel“ des „Vorwärts“ über die Berliner Arbeiterkolonie in der Reinickendorfer Straße. So wurde hier zum Beispiel berichtet, dass Lohnarbeiter oder Lehrlinge nur so lange als solche behandelt wurden, bis sie die für ihre zugewiesene Arbeit erforderlichen Handgriffe erlernt hatten. Das dauerte 3 – 14 Tage, vom Tagelohn konnten sie leben. Wer anschließend als Akkordarbeiter tätig war, konnte schon 3, 4 oder mitunter 10 Mark in der Woche erübrigen. Die Arbeitsstube wurde schon um 3.30 Uhr geheizt, um die „nötige Wärme“ von 13 – 15 Grad Reaumur zu erreichen. Übrigens gab es 1896 im ganzen Reich 27 Arbeiterkolonien.

Alle Arbeiterkolonien hatten weitgehend identische Hausordnungen. Mithin dürfte die hier gezeigte Hausordnung von Seyda (heute Stadtteil von Jessen/Elster) auch der von Tegel entsprochen haben.

Kehren wir noch einmal zur Tegeler Zweigstelle zurück. Sie wurde im Oktober 1893 durch den Landrat des Kreises Nieder-Barnim, von Waldow, zur Verpflegungsstation des Kreises bestimmt. Von dieser Zeit an wurden alle mittellosen Wanderer im Kreis, denen anderweitige Arbeit nicht nachgewiesen werden konnte, von den Behörden nach Tegel überwiesen. Die Zweigstelle erhielt dafür einen Zuschuss von 2000 Mark jährlich.

Im September 1894 wurde der Handlungsgehilfe Karl Jakob wegen Unterschlagung in der Arbeitskolonie Tegel angeklagt. Seit März des Jahres als „Komptoirist“ dort angestellt, hatte er im Mai und Juni in 10 Fällen die Summe von 28 Mark unterschlagen und zudem bei seiner Entlassung 9 Mark mitgenommen. Während seiner Beschäftigung erhielt er 8 Mark Wochenlohn, von denen 5 Mark als Kostgeld einbehalten wurden. Das Gericht bestrafte ihn zu einem Jahr und acht Monaten Gefängnis und zu drei Jahren Ehrverlust.

Wohl 1896 forderte der Militärfiskus den Arbeiterverein auf, die Baulichkeiten auf dem Schießplatz zu räumen, um das Areal wieder für militärische Zwecke nutzen zu können. So sah sich der Verein genötigt, in Reinickendorf, Berliner Straße 59 ³, für eine dauernde neue Unterkunft ein Grundstück zu kaufen und nötige Gebäude für 100 Arbeitslose errichten zu lassen. Dadurch entstand eine Schuldenlast von reichlich 130.000 Mark, eine Zinslast von etwa 5.000 Mark kam außerdem hinzu. Die neue Filiale, nun nicht mehr in Tegel gelegen, wurde am 8.4.1897 feierlich eingeweiht. Sie wurde hier aber nicht lange genutzt. Schon zum 1.10.1903 erfolgte eine Vermietung des Grundstücks an die Stadt Berlin für 5 Jahre zur Errichtung eines Filial-Hospitals für Männer. Der Mietpreis lag bei jährlich 7500 Mark. Es wurde auch ein Ankaufsrecht der Stadt innerhalb von drei Jahren zu 175.000 Mark bzw. 180.000 Mark innerhalb der letzten zwei Jahre vereinbart. Tatsächlich erfolgte Ende 1905 ein Eigentümerwechsel für 175.000 Mark.

 


1 Später N 65, Reinickendorfer Straße 66
² In der Müllerstraße 77 gab es zwar ein Steuerhaus, hier war aber das ehem. Chausseehaus am Übergang von der Müllerstraße in die Scharnweberstraße gemeint.
³ Heute wäre dies Ollenhauerstraße 128 (Nutzung derzeit als Teilanstalt Reinickendorf der Justizvollzugsanstalt für Frauen).

Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen etc. verordnete im Namen des Reichs, nach erfolgter Zustimmung des Bundesrats und des Reichstags am 22.6.1889 das „Gesetz, betreffend die Invaliditäts- und Altersversicherung“. Damit wurde am 1.1.1891 im Deutschen Reich durch Reichskanzler Otto von Bismarck die gesetzliche Rentenversicherung eingeführt. Zuvor wurde durch ihn bereits 1883 die Krankenversicherung und im Folgejahr die Unfallversicherung geschaffen. Nur zur Vervollständigung sei erwähnt, dass die Arbeitslosenversicherung erst ab 1.10.1927 in Kraft trat.

An dieser Stelle ist nicht beabsichtigt, auf die Sozialgesetzgebung näher einzugehen. Vielmehr soll berichtet werden, wie im Jahre 1891 in Tegel zwei Arbeiter durch das neue Gesetz durch eine einmalige Zahlung von je 14 Pfennig in den Genuss einer Altersrente kamen. In der Zeitung las sich das damals so:

Zunächst gilt es, die 14 Pfennig zu erklären. Das Gesetz hatte für eine erste Beitragsperiode von 10 Jahren für die wöchentlich zu zahlenden Beiträge vier Lohnklassen festgelegt, für die 14, 20, 24 bzw. 30 Pf. zu entrichten waren. Der Nachweis der Zahlung erfolgte durch Kauf und Einkleben von Beitragsmarken des entsprechenden Wertes in Quittungskarten. Die Lohnklassen entsprachen einem Jahresverdienst, und zwar

Lohnklasse I bis zu 350 Mark, Lohnklasse II mehr als 350 – 550 Mark,

Lohnklasse III mehr als 550 – 850 Mark und Lohnklasse IV mehr als 850 Mark.

Die beiden Tegeler Arbeiter zahlten mithin für eine Beitragsmarke der Lohnklasse I die erwähnten 14 Pf. Für ihren Rentenantrag war die Invaliditäts- und Alters-Versicherungsanstalt der Provinz Brandenburg in Berlin W, Mathäikirchstr. 10 zuständig. Zudem gab es die Invaliditäts- und Alters-Versicherungsanstalt Berlin, die ihren Sitz in Berlin C, Klosterstr. 41 hatte. Letztgenannte war nur für die Innenstadt-Bezirke Mitte, Tiergarten, Wedding, Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Kreuzberg zuständig. Erst mit der Bildung von Groß-Berlin zum 1.10.1920 waren alle Arbeiter bei der längst in Landesversicherungsanstalt (LVA) Berlin umbenannten Rentenkasse versichert. 1891 gab es im gesamten Deutschen Reich 31 Versicherungsanstalten, die zum Jahresende 130774 Altersrenten im Betrag von 9 048 435, 35 M.1 zahlten.

Aus späterer Zeit (hier 1918) Beitragsmarken der Klasse V der LVA Brandenburg für 1 bzw. 2 Woche(n).

Für eine Altersrente betrug die Wartezeit 30 Beitragsjahre, wobei 47 Beitragswochen als ein Beitragsjahr galten. Die Rente begann frühestens mit Beginn des 71. Lebensjahres. Hinsichtlich der Höhe setzte sie sich aus einem von der Versicherungsanstalt aufzubringenden Betrag und einem festen Zuschuss des Reiches im Betrag von 50 Mark zusammen. Der Anteil der Versicherungsanstalt bei der Berechnung der Altersrentenhöhe betrug für jede Beitragswoche in den Lohnklassen I – IV 4, 6, 8 bzw. 10 Pf., wobei 1410 Beitragswochen angesetzt wurde. Die monatliche Rente wurde auf volle 5 Pf. aufgerundet.

Doch wie war es möglich, dass die beiden Tegeler für nur eine Beitragsmarke eine Altersrente erhielten? Das Gesetz enthielt Übergangsvorschriften. Versicherte, die am 1.1.1891 das 40. Lebensjahr vollendet hatten und nachweisen konnten, dass sie in den drei unmittelbar vorausgegangenen Kalenderjahren (1.1.1888 – 31.12.1890) insgesamt mindestens 141 Wochen in einem Arbeitsverhältnis standen, welches nach dem neuen Gesetz versicherungspflichtig gewesen wäre, verminderte sich die Wartezeit. Die Minderung erfolgte um so viele Beitragsjahre, als die Lebensjahre der Betroffenen am 1.1.1891 die Zahl 40 überstiegen. Für 70-Jährige reduzierte sich mithin die Wartezeit von 30 auf 0 Jahre. Der Rentenanspruch war gegeben. Warum allerdings bei einem eingezahlten Beitrag der (niedrigsten) Beitragsklasse I eine laut Zeitungsmeldung „höchste Altersversicherungsrente“ gezahlt wurde, lässt sich nur nachvollziehen, wenn für 30 (hier fiktive) Beitragsjahre stets die Beitragsklasse IV unterstellt wurde. Nach der oben beschriebenen Berechnungsart betrug die Altersrente dann

1410 Beitragswochen x 10 Pf. = 141,- Mark
zzgl. Reichszuschuss = 50,- Mark
Jahresrente = 191,- Mark.

Die aufgerundete monatliche Altersrente hatte dann eine Höhe von gerade einmal 15,95 Mark. Zur Erinnerung: Wer als Arbeiter Beiträge in der Klasse IV zahlte, hatte einen Jahresverdienst von mehr als 850 Mark!

Übrigens sind die Namen der Tegeler wie auch ihr als Rentner jeweils erreichtes Lebensalter nicht überliefert.

1 Beide Zahlen lassen aus hier nicht genannten Gründen keine Schlussfolgerung zu, wie hoch eine Altersrente durchschnittlich war.

In heimatkundlichen Beiträgen wird gern über Tegeler Persönlichkeiten wie Borsig und Humboldt berichtet. Geht es um besondere Ereignisse, sind der Brand der Humboldtmühle, die Einweihung der Dorfkirche, des Hafens und der Industriebahn stets Themen, um nur wenige Beispiele zu nennen. Hingegen wird wenig über unspektakuläre Zeitumstände und Geschehnisse geschrieben, die vor über 100 Jahren mehr oder weniger zum Alltag der Dorfbewohner gehörten. Nachfolgend einige Notizen hierzu. Sie wurden chronologisch geordnet, stehen aber in keinem Zusammenhang zueinander.

Unwetter. Abends um 7 Uhr ging über Tegel ein Unwetter hernieder, wie es seit Menschengedenken kaum dagewesen war. Ab Reinickendorf war die Chaussee mit Ästen und Korngarben übersät, selbst höher gelegene Äcker standen unter Wasser. Hundertjährige Baumriesen entwurzelten oder zerbrachen in der Mitte. Das Dorf Tegel stand an der Chaussee unter Wasser. Zäune, Gartenhallen, Dächer hatte der Sturm vernichtet und weggeschleudert. Der Kirchplatz war zum Teil verwüstet. Das ganze Dorf bot ein unsäglich trauriges Bild. Juli 1885.

Revolver. Im Kreis Niederbarnim und somit auch in Tegel wurde bei der berittenen Gendarmerie der Revolver als Feuerwaffe eingeführt. Unter Abgabe der bisherigen „Sattelpistolen“ wurden einläufige Revolver mit einer Ladetrommel verausgabt, die 6 Ladekammern enthielten. Juli 1886.

Hundesteuer. Zwischen dem Berliner Magistrat und den Ortsvorständen verschiedener Vorort-Gemeinden wurde ein Abkommen über versteuerte „Luxushunde“ abgeschlossen. Hunde mit Steuermarken von Berlin durften danach z. B. nach Pankow gebracht werden, umgekehrt Pankower Hunde nach Berlin. In Tegel galt das Abkommen nicht. Vielmehr machte man hier einen wahren Sport daraus, den Berliner Ausflüglern ihre Hunde wegzufangen. Februar 1887.

Gebräuche. Beim Erntekranz ging der Festzug bei den Bauern und sonstigen Nachbarn herum. In Tegel gaben die Bauern immer noch ein paar Taler, die den Knechten und Mägden zugute kamen und verjubelt wurden. Früher kam mehr ein; Herr Egells auf dem Eisenhammer gab immer 25 Taler. Jetzt ist das Ganze mehr auf das Zusammenströmen der Berliner eingerichtet. Wer die letzte Garbe drosch, hatte den „Ollen“. Den schickte man in der Regel dem Bauern oder Wirt selbst zu, der dann 1 Quart Schnaps zum Besten geben musste. Auch wer die letzte Staude Kartoffeln buddelte, hatte den „Ollen“, musste aber nichts ausgeben. April 1887.

Maikäferplage. In einem Zyklus von etwa 4 Jahren traten in verschiedenen Orten massenhaft Maikäfer auf. In Tegel geschah dies zum Beispiel 1825 und 1829. In diesem Zusammenhang erlaubte die Königliche Regierung später das Sammeln von Maikäfern im Tegeler Forst. So wurde dafür in den Schulen zu Tegel, Hermsdorf, Glienicke und Heiligensee im Frühjahr für die Ober- und Mittelklassen der Vormittags-Unterricht verlegt. In Säcken gesammelte Käfer mussten täglich zwischen 8 und 10 Uhr in lebendem Zustand in den Förstereien Tegelsee oder Tegelgrund abgegeben werden. Der Preis für 1 Liter Käfer war auf 25 Pf. festgesetzt. Als beste Stunden zum Einsammeln der Maikäfer wurde in erster Linie eine Zeit zwischen 4 (!) und 8 Uhr morgens genannt. April 1891.

Pillendose der Humboldt-Apotheke aus dem Jahre 1904

Pillendose der Humboldt-Apotheke aus dem Jahre 1904. Ein besonderer Apothekenservice. Der Besitzer der Apotheke in Tegel hat in Reinickendorf, Dalldorf, Waidmannslust und Hermsdorf Briefkästen oder besser gesagt Receptkästen angebracht, die zweimal täglich, Morgens und Abends, geleert werden. Mit der namentlich nicht genannten Apotheke war die damals erste und einzige in Tegel, die Adler-Apotheke, gemeint. Übrigens erschien die kurze Meldung im 1865 gegründeten amerikanischen Scranton Wochenblatt! Juli 1891.

Erntearbeiter. Die Insassen der „Arbeiterfilialcolonie“ in Tegel wurden in den letzten Wochen von den Landwirten der Umgebung zu Erntearbeiten verwendet. Ihre Aushilfe war sehr willkommen, da Erntearbeiter auch in diesem Jahr sehr knapp waren. August 1894.

Lohnerhöhung. In der Maschinenbauanstalt „Germania“ wurden, nachdem das Etablissement in den Besitz von Krupp überging, die Löhne erheblich erhöht. Die Arbeiter verdienten nun täglich bis zu 1 Mark mehr. September 1897.

Straßenlaternen. „In Tegel wird’s helle.“ So berichtete eine Zeitung, nachdem die Beleuchtungskommission der Gemeinde beschloss, im kommenden Winter die Hälfte der Laternen, insbesondere die sog. Richtlaternen, während der ganzen Nacht brennen zu lassen. Dabei dachte man besonders an die von und zur Arbeit gehenden Arbeiter. August 1902.

Waldschutz. Forstmeister Badstübner in Tegel richtete durch Anschlag an verschiedenen Stellen an alle Waldbesucher den „beherzigungswerthen Appel“, die Kulturen und Wiesen zu schonen, keine Zweige abzubrechen, kein Papier und keine Flaschen liegen zu lassen und das Rauchverbot zu beachten. September 1902.

Volksbibliothek. Im Kreis Niederbarnim gab es 53 Bibliotheken. Eine von ihnen, die in Tegel, hatte einen Bestand von gerade einmal 431 Büchern. August 1903.

Schulverhältnisse. In Tegel wurden 88,6 % der Gemeindesteuern für die Volksschulen aufgebracht. Zum Vergleich: In Berlin waren es nur 48 %. Während in Berlin durchschnittlich 47,8 Schüler eine Klasse besuchten, waren es in Tegel 49,04 Kinder. August 1905.

Nebeneinnahmen. Ein Mann fuhr bei der Tropenglut der Hundstage mit der Straßenbahn nach Tegel. In drangvoll fürchterlicher Enge erwischte er auf dem Hinterperron einen Stehplatz. Im Wageninnern lenkte da ein junger Bursche die Aufmerksamkeit auf sich und gab durch Zeichensprache zu verstehen, dass er gewillt sei, seinen Sitzplatz zu überlassen. Bevor er aber dem Mann „menschenfreundlich“ seinen Sitzplatz räumte, flüsterte er ihm zu: „Wenn se mir det Fahrjeld verjüten …“ Der Mann drückte ihm zwei Nickel in die Hand und war nun für die weitere Fahrt von 45 Minuten glücklicher Inhaber eines Sitzplatzes. Der „Gönner“ nahm draußen den Stehplatz des Mannes ein. Nach kurzer Zeit wurde wieder ein Sitzplatz frei. Flugs nahm ihn der Bursche ein, um ihn schon bald mit Blicken einem Herrn anzubieten, der so aussah, als würde er gern einen Fünfziger für einen Sitzplatz opfern. Das weitere Procedere muss nicht mehr beschrieben werden. Der junge Mann schien das lukrative Geschäft schon länger zu betreiben. August 1906.

Eisbeinessen. In Tegel war es üblich, den Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr einmal im Jahr nach ihrer Vorstellung vor den Gemeindebehörden ein Eisbeinessen zu geben. Sozialdemokratische Gemeindemitglieder hielten es für unzulässig, hierfür Gemeindegelder zu verwenden. Sie änderten auch nicht ihre Meinung, als festgestellt wurde, dass am Essen teilnehmende Gemeindemitglieder ihren Anteil aus eigener Tasche bezahlten. Sie blieben aber in der Minderheit. Die „schöne alte Sitte“ blieb nach wie vor erhalten. November 1906.

Sparkasseneinbruch. Geldschrankknacker drangen in der Brunowstraße 8 in die dort befindliche Spar- und Darlehenskasse ein. Mit einem Nachschlüssel öffneten sie die Tür des Kassenlokals und „knabberten“ den schweren eisernen Geldschrank an. Mit einem Sauerstoffgebläse hatten sie bereits mehrere Rosetten des Behälters entfernt, als eine über den Bankräumen schlafende Frau durch Geräusche erwachte. Sie weckte den Verwalter und den Hauswirt, die sich bewaffneten und zum Erdgeschoss begaben. Die überraschten Einbrecher flüchteten und entkamen trotz Verfolgung im Dunkel der Nacht. Juli 1911.

Bootsunglück. Der Passagierdampfer „Hoffnung“, gefolgt vom Passagierdampfer „Prinz Joachim“, beide fuhren bei Dunkelheit auf dem Tegeler See unweit von Hasselwerder. Plötzlich ertönten Hilfeschreie. Beide Dampfer stoppten und unternahmen Rettungsversuche. Es stellte sich heraus, dass ein unbeleuchtetes, mit drei Personen besetztes Ruderboot gerammt wurde. Die Bootsinsassen hatten allerlei Allotria betrieben und waren wegen der Wellen bewusst auf die Dampfer zu gerudert. Nur ein Mann konnte gerettet werden, ein weiterer Mann und eine Frau büßten ihr Leben ein. August 1911.

Beim Friseur. Ein Zeitungsleser berichtete: Vor einigen Tagen betrat ich in Tegel einen Barbierladen. Der Meister schnitt einem Herrn die Haare. Der Gehilfe putzte während dem die Hängelampe. Ich nahm Platz und fragte den Meister, ob der Gehilfe mich nicht rasieren könne. Antwort: „Sie sehn doch, daß er jetzt die Lampe putzt.“ Auf meinen Einwand, ob denn nicht die Lampe außerhalb der Geschäftszeit geputzt werden könne, erhielt ich die Antwort: „Wenn Sie keine Zeit haben, brauchen Sie doch gar nicht erst hereinzukommen.“ Die Überschrift lautete: Der Ton in den Läden. August 1918.

Soweit unser Blick in die Tegeler Vergangenheit vor über 100 Jahren. Die Beispiele ließen sich mühelos ergänzen.

Gerhard Völzmann

Über eine Anekdote aus den 1850er-Jahren soll an dieser Stelle berichtet werden. Sie ist nur deswegen überliefert, weil ein Zeitungsleser seine Erinnerung an Alexander von Humboldt Jahrzehnte später einer Berliner Zeitung zum Abdruck schickte. Der Name des Mannes ist nicht bekannt. Nennen wir ihn hier einfach Otto Müller.

Müllers Eltern wohnten damals in der Chausseestraße nahe der Kesselstraße¹. Während der Sommerzeit passierte bei gutem Wetter regelmäßig eine einfache einspännige Kutsche, in der ein alter Herr saß, das Haus. Die gesamte Familie Müller kannte den Mann sehr gut. Es war nämlich Alexander von Humboldt, der von seiner in der Oranienburger Straße gelegenen Wohnung nach Tegel fuhr. Abends gegen 22 Uhr kehrte dann von Humboldt wieder nach Berlin zurück. Wenn Otto und andere Kinder auf der Straße spielten und sich der ihnen bekannte Wagen näherte, stellten sie das Spielen kurz ein und zogen ihre Mützen, während von Humboldt ihren Gruß mit einem freundlichen Kopfnicken erwiderte.

Humboldt-Schloss. Foto um 1930.

Es war ein Sonntag, als Ende Juni 1852 der damals 11 Jahre alte Otto zusammen mit seinem ein Jahr jüngeren Bruder und anderen Jungen zur Tegeler Heide ging, um Erdbeeren zu suchen. Anschließend besuchten sie noch (welche Entfernung von zu Hause!) den Humboldtschen Park in Tegel. Im Park, ganz in der Nähe des Schlosses, hielt sich ein barfüßiger Junge auf, der zwei Töpfe Beesinge² gesammelt hatte. Zwischen Ottos Bruder und diesem Jungen entwickelte sich ein Streit. Otto kam seinem Bruder zu Hilfe. Der immerhin mehrere Jahre ältere Junge wurde von den Brüdern kräftig durchgeprügelt. Zudem warf Ottos Bruder auch noch einen Topf nach dem Barfüßler, so dass die darin gesammelten Beeren zerstreut auf die Erde fielen. Der Junge fing laut zu weinen an, während die Jungen aus der Chausseestraße die Flucht ergriffen.

Ottos Bruder gelang es ja zu entkommen, doch er selbst stand plötzlich wie angewurzelt einem Mann gegenüber; es war Alexander von Humboldt. Der alte Mann fasste Otto am Ohr und fragte: „Warum habt ihr Schlingel dem armen Jungen die Beeren ausgeschüttet?“ Dabei hielt er den 11-Jährigen solange fest, bis dieser seinen Namen und die Anschrift der Eltern verraten hatte. Nun kam auch der um seine Beeren gebrachte Junge näher. Von Humboldt ließ jetzt Ottos Ohr los, griff in seine Tasche und gab dem noch immer wegen seiner fehlenden Beeren lamentierenden Jungen sechs Dreier. Auch er sollte seinen Namen und seine Wohnung sagen. Nun entließ von Humboldt die Kinder mit der Ankündigung, dass Ottos Eltern von der geschilderten „Unart“ erfahren würden.

Am nachfolgenden Tag spielten Otto und sein Bruder im Garten des häuslichen Anwesens. Plötzlich wurden die Brüder in die Wohnung gerufen. Schon beim Betreten der Stube war den beiden Jungen klar, „was die Glocke geschlagen hatte“. Vater Müller hatte nämlich den beiden Kindern nur zu gut bekannten „Kantschu(h)“³ in der Hand. Eine gehörige Tracht Prügel folgte. „Euch Lümmels werde ich für eure Niederträchtigkeit, armen Kindern die Beerentöpfe zu zerschlagen, das Fell mürbe machen!“, so der Vater. Zuvor hatte Alexander von Humboldt ganz spontan einen Brief geschrieben, in dem er Müller von der Ungezogenheit seiner Söhne unterrichtete. Den verhängnisvollen Brief hatte der „alte Seifert“ überbracht. Johann Seifert war über 30 Jahre Diener und Vertrauter Alexander von Humboldts.

Gerhard Völzmann

¹ Heutige Habersaathstraße.
² In Berlin einstige Bezeichnung für Heidelbeeren, Blaubeeren.
³ Riemenpeitsche

Der landeseigene Friedhof Am Fließtal in Tegel

Gräberreihe 4, Friedhof Am Fließtal, Foto: M. Schröder

Für einen anzulegenden Friedhof Am Fließtal entwarf das renommierte Architektenduo Fehling und Gogel bereits 1968 die Feierhalle samt zugehörigen Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäuden. Und – gemäß den von ihnen hinterlassenen Unterlagen – auch den Plan für einen Landschaftsfriedhof:

Aus dem Nachlass der Architekten im online-Archiv Fehling und Gogel des Schweizerischen Architekturmuseums
http://www.fehlingundgogel.de/friedhofskapelle-tegel/, abgerufen 26.08.18

Merkwürdigerweise bestreitet die Friedhofsverwaltung in der offiziösen Broschüre von 2006 „Der Friedhofswegweiser Berlin-Reinickendorf“ (Hg. Mammut-Verlag in Zusammenarbeit mit dem Bezirksamt Reinickendorf von Berlin, Leipzig 2006), dass es jemals das Vorhaben eines „Landschaftsfriedhofs“ gegeben habe, ja sie behauptet sogar, dass die Planung der Architekten eine „architektonisch gestaltete Friedhofsanlage“ vorgesehen habe, so ist es auch heute noch auf der Website des Bezirksamtes zu lesen. https://www.berlin.de/ba-reinickendorf/politik-und-verwaltung/aemter/strassen-und-gruenflaechenamt/gartenbau/friedhofsverwaltung/friedhoefe/artikel.87893.php, abgerufen 26.08.18
„Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass von Anfang an dieser Friedhof als ein Zweckfriedhof (Hervorhebung im Original) geplant wurde.“ (Broschüre S. 28) Und zwar sowohl von den „auftraggebenden Behörden“ als auch von den „ausführenden Architekten“.

Was ist das denn – ein Zweckfriedhof? Ist nicht der Zweck jedes Friedhofs, dass man auf ihm verstorbene Menschen bestatten kann – egal, wie er gestaltet wurde? Oder ist „Zweckfriedhof“ ein verwaltungstechnischer oder ein juristischer Begriff, der sich dem Laien nicht auf Anhieb erschließt? Wikipedia verfügt über keinen entsprechenden Eintrag.
Jedenfalls klingt Zweckfriedhof nach billiger Entsorgung ärmerer Bevölkerungsschichten und nach siebzehntem Jahrhundert, auch wenn es solche Begräbnisstätten durchaus noch im neunzehnten Jahrhundert gab. Aber schon Mitte des achtzehnten Jahrhunderts entstanden Pläne für eine landschaftliche Gestaltung von Friedhöfen. Hinter diesen Fortschritt wollte das Bezirksamt zurückfallen?

Im Berliner Friedhofsgesetz von 1995 findet sich keine Festlegung auf einen der beiden Begriffe: „Friedhöfe sind Grünanlagen mit besonderer Zweckbestimmung. Sie sind Teil des städtischen Grüns“, heißt es in Paragraf 2. Demnach scheint sowohl ein grüner „Zweckfriedhof“ als auch ein Landschaftsfriedhof möglich zu sein.
Für eine nüchterne Broschüre polemisiert die Friedhofsverwaltung Reinickendorf in der genannten Veröffentlichung von 2006 auffällig gegen den angeblich ja nie angedachten Landschaftsfriedhof. Welcher Streit ging dieser Polemik voraus? Und warum bezieht sich die Verwaltung ausdrücklich auf die Planung von Fehling und Gogel auch für die Außenanlagen, obwohl der Plan der Architekten nach deren Bekunden nicht ausgeführt wurde?

„Die Architekten Fehling und Gogel planten, eine Sichtachse von der Kapelle bis ins Fließtal zu schaffen. Diese Sichtachse wurde als Mittelachse des Friedhofs angelegt.“ (S. 28)

Die heutige Mittelachse hat tatsächlich nichts mit der Planung von Fehling und Gogel zu tun: Nach deren Vorstellungen sollte ein Weg in Richtung Fließ sich in der Mitte verengen und an beiden Seiten von Bäumen gesäumt sein, von dieser Engstelle aus hätte sich der Weg dann zum Fließ hin geweitet. Gerade die Engführung war wichtig, um den Eindruck einer weiten, kahlen Fläche zu vermeiden. Genau so aber ist die Mittelachse realisiert worden, die jetzt eher an eine Ödnis erinnert, wenn man es gutwillig betrachtet: an eine vielleicht unter Gesichtspunkten des Naturschutzes wertvolle Trockenrasenfläche. Nur ein Schild gemahnt daran, dass diese Fläche – wie auch andere – als Urnengemeinschaftsgrabanlage genutzt wird.

Lediglich am Anfang der Mittelachse steht als Schmuck die fast schon monumentale Skulptur von Paul Brandenburg, die vermutlich dem öden Eindruck der kahlen Mittelfläche entgegenwirken soll.

Breite Mittelfläche mit Skulptur, Foto: M. Schröder

Der Bruch mit der Architektenplanung zeigt sich auch bei der Anlage der Grabfelder. Fehling und Gogel hatten vielfältig geschwungene Erdwälle als Unterteilungen vorgesehen, die ein lebendiges Bild ergaben. Nichts davon ist heute zu sehen. In strammer Ordnung gehen gerade Seitenwege von der Mittelachse ab, lediglich durch einen Knick aus der Kasernenhofordnung gebracht.

Seitenweg zur Erschließung der Gräberfelder, Foto: M. Schröder

Ein Pedant scheint hier am Werk gewesen zu sein, er muss die lebendigen Schwingungen der Architekten gehasst haben. Man mag einwenden, dass rechteckige Grabfelder und lineare Wegführungen nun einmal zeit-, platz- und kostensparend sind. Aber wenn die geometrische Anordnung die Anmutung der Landschaft stört, läuft sie dem Zweck des Friedhofs zuwider: als Ort der Erinnerung, der Trauer, des Nachdenkens zu dienen.

Jedenfalls sind bei der Planung und Ausführung des Friedhofs Am Fließtal zwei entgegengesetzte Auffassungen, ja Weltanschauungen aufeinandergeprallt. Durchgesetzt hat sich ein Ordnungsfanatiker, der uns einen kastrierten Friedhof hinterlassen hat: Gräber in Reih und Glied, alleeartig gesäumte Seitenwege, einem militärisch geprägten Preußen angemessen, aber nicht einer modernen Großstadt mit urbanem Lebensgefühl und Sinn für einen beschwingten, naturnahen Friedhof. Als hätte es nie einen Südwestkirchhof Stahnsdorf von 1909 gegeben!

Meinhard Schröder

Wilhelm von Humboldts Sonett „Die Eiche“. Abbildung: Stamm der „Dicken Marie“.

Kennen Sie „Mutter Dossen“? Ganz bestimmt! Damit ist nämlich Berlins ältester Baum, die „Dicke Marie“ gemeint. „Mutter Dossen“ war eine im 19. Jahrhundert gebrauchte, heute kaum noch bekannte volkstümliche Bezeichnung für die Eiche, die am westlichen Ufer des Tegeler Sees in Höhe der Malche nahe dem parallel zum Wasser verlaufenden Rad- und Fußweg steht. Der älteste Baum Berlins ist etwa 800 (?) Jahre alt, hat eine Höhe von ca. 26 m, einen Durchmesser von 2,10 m und 6,65 m Umfang in Brusthöhe.

Zu immer wieder unterschiedlichen Angaben über das Alter des Baumes wird bemerkt, dass 1890 bei einer in unmittelbarer Nähe der Dicken Marie infolge Windbruchs eingeschlagenen Eiche gleichen Maßes 470 Jahresringe gezählt wurden. Der innerste, etwa 10 cm messende Kern des Stammes war derart dicht und schwarz, dass die Ringe nicht weiter gezählt werden konnten Daher wurde die Dicke Marie in einem Bericht aus dem Jahre 1906 „ziemlich sicher“ auf 500 Jahre geschätzt. Heute wäre die Dicke Marie mithin „nur“ gut 600 Jahre alt.

Nicht weit von der „Dicken Marie“ entfernt steht im Schlosspark ein weiterer historischer Riesenbaum. Es ist ebenfalls eine Eiche, die den Namen Humboldteiche trägt. Ihr Alter dürfte, zurückhaltend geschätzt, nicht unter 400 (?) Jahre betragen. Im Jahre 1888 hielt Dr. Carl Bolle (Scharfenberg) anlässlich der vierten Arbeitssitzung im 24. Vereinsjahr des Vereins für die Geschichte Berlins einen Vortrag über die Humboldteiche. Er sagte u. a., dass der Baum eine merkwürdige Ausnahme von dem Schweigen bilde, das man sonst bei Wilhelm und noch mehr bei Alexander von Humboldt bezüglich der benachbarten Landschaft finde. Bolle verlas das Sonett Wilhelm von Humboldts auf die Eiche und bemerkte, dass sich sein Verhältnis zu derselben „als ein Gemisch der Gefühle von Baumcultus und und persönlicher Scheu bezeichnen lasse, während für Alexander die Bank unter der Eiche stets ein Lieblingsplätzchen gewesen sei. Der mächtige an der Eiche emporwachsende Epheu sei erst 1837 durch General von Hedemann, Schwiegersohn Wilhelm von Humboldts, gepflanzt worden“. Anschließend ging der Botaniker allgemein auf die Tegeler Eichenpflanzungen ein, um dann „Mutter Dossen“ bzw. die „Dicke Marie“ mit der „Humboldteiche“ zu vergleichen. Danach hatte der erstgenannte Baum damals einen Umfang von 5,39 m und eine Höhe von 40 Fuß1. Der Umfang des anderen Baumes lag bei 5,32 m, er war mit 60 Fuß wesentlich höher.

Sonette von C. Bolle, gedichtet 1878 und 1900.

Aus dem Jahre 1899 ist über die Humboldteiche folgendes überliefert:
Zu den historisch interessanten Bäumen in der Umgebung Berlins zählt, wie die `National-Zeitung´ berichtet, die über 800 Jahre alte Humboldt-Eiche am Tegeler Schloßpark unfern des Schlosses, des einstigen Tuskulums Alexanders v. Humboldt. Die isolierte Stellung mit viel Luft und Licht begünstigte ihre riesige Entwicklung im Laufe der Zeit. Schon wenige Meter über der Erde gliedert sich der Stamm in einen wahren Wald von Ästen vom Durchmesser mittlerer Bäume, welche die gewaltige Krone bilden. Das Gewicht der Nebenäste, Zweige und Belaubung beugt die Hauptäste zur Erde nieder. An der Südseite sind die untersten gestützt worden, um zu verhindern, daß sie in das Erdreich hineinwuchsen. Sie bilden mit den Stützen und dem an ihnen sich aufrankenden wilden Wein eine Art Vorhalle an dem alten Baumriesen. Weiter hinauf mußten mehrere Äste, weil morsch und brüchig, abgesägt werden, andere rissen Stürme herab. Der vom Stamme in die Krone aufstrebende Epheu ist leider an der Nordseite teilweise erfroren; aber trotz alledem bietet der kraftstrotzende, stolze, ernste Baum doch immer noch einen erhebenden Anblick, Die kurzgestielten, fast sitzenden Blätter, die langstieligen Früchte, der regelmäßige Laubfall charakterisieren ihn als Sommer- oder Stieleiche, Quercus pedunculata, im Gegensatz zu Q. sessiliflora, der Winter-, Stein- oder Traubeneiche mit sitzenden Früchten und langgestielten Blättern.

Ein weiterer besonderer Baum befindet sich im Tegeler Forst zwischen Konradshöher und Sandhauser Straße . Es ist eine Europäische Lärche, die um 1795 zu einer Zeit gepflanzt wurde, als Forstrat Burgsdorf in Tegel wohnte und hier auch tätig war. Die nach ihm benannte Lärche hat einen Stammumfang von etwa 3 m, ist aber insbesondere mit einer Höhe von ca. 45 m Berlins höchster Baum.

Die Humboldteiche um 1910. Im Hintergrund das Schloss.

Blicken wir nun in jene Straße, die einst Dorfstraße und dann Hauptstraße hieß, heute ist sie unter dem Namen Alt-Tegel bekannt. In Höhe der Dorfaue befand sich eine längst nicht mehr vorhandene Linde, die durch ihren merkwürdig gewachsenen Stamm je nach Betrachter Krumme oder auch Kamelslinde genannt wurde. Andere sahen in der Form des Stammes die Gestalt eines aufgerichteten Bären oder die eines „schön machenden“ großen Hundes. Auf diesen Baum soll hier im Hinblick auf einen bereits zuvor verfassten kleinen Artikel nicht näher eingegangen werden.
Kommen wir jetzt zu einem fünften Baum, über den in der jüngeren Vergangenheit kaum etwas geschrieben wurde. Auch hier kann ein Name genannt werden. Gemeint ist wiederum eine Eiche, und zwar die Tegeler „Friedenseiche“. Derartige Bäume wurden in vielen Orten Deutschlands nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 gepflanzt. Als Tag zum Pflanzen einer Friedenseiche wurde gern der Geburtstag Kaiser Wilhelms (22.3.) oder der Sedantag (2.9.) gewählt. Wann die Tegeler Friedenseiche gepflanzt wurde, ist nicht eindeutig bekannt; vermutlich geschah dies am 22.3.18742. Die Initiative hierfür lag beim örtlichen Kriegerverein.

1884 sollte der Baum durch ein „geschmackvolles“ eisernes Gitter umfriedet werden. Zudem war anlässlich des Kaiser-Geburtstages ein festlicher Umzug der Tegeler Vereine geplant. Am Abend war eine wohl mit Fackeln vorgesehene festliche Beleuchtung der Eiche und des Gitters geplant.

Am Morgen des 21.3.1884 erschien der mit der Arbeit beauftragte Schlossermeister mit seinen Gesellen, um das Gitter aufzustellen . Dabei wurde dann aber die traurige Feststellung gemacht, dass in der vergangenen Nacht der Stamm der Eiche mittels einer Stichsäge ringförmig eingeschnitten wurde. Der Einschnitt kurz über dem Erdboden war so tief, dass die Eiche ohne Zweifel eingehen musste. Nur ein Sachverständiger konnte diesen Frevel begangen haben. Schnell glaubte man, dem Täter bereits auf der Spur zu sein. Für den Feiertag aber musste schleunigst an derselben Stelle eine neue Eiche gepflanzt werden. Die Festfreude aber war verdorben. Für den (neuen) Baum ist jedoch das Datum 22.3.1884 damit genau überliefert.

Tegel um 1800. Im Vordergrund zwei uralte Bäume, der rechte beschädigt durch Sturm und/oder Blitzschlag.

In der Folgezeit richteten sich schnell alle Augen auf den Tischlermeister Albert Bacher als den vermutlichen Täter. Es kam zu einem Gerichtsverfahren gegen ihn. Die Beweisaufnahme in der Hauptverhandlung belastete ihn schwer. Bacher war Mitglied, ja sogar Mitbegründer des Tegeler Kriegervereins, in dem er aber schon vor zehn Jahren wegen seiner Unverträglichkeit ausgeschlossen wurde. Seitdem wurde er zehnmal wegen Beleidigung, Körperverletzung, groben Unfugs usw. verurteilt. Schon bei der Pflanzung der Eiche vor wohl 10 Jahren soll er sich anderen Personen gegenüber höhnisch geäußert haben, dass der Baum nicht alt werde. Daraufhin wurde die Friedenseiche in den ersten Jahren Tag und Nacht bewacht, bis die Aufmerksamkeit mit der Zeit aufhörte. Am Tag vor dem Aufstellen des Gitters arbeitete der nun Angeklagte ganz in der Nähe und erkundigte sich noch, wann die Gitter-Arbeiten erfolgen sollten. Bei seinen Arbeiten verwendete er eine starke Stichsäge, wie sie augenscheinlich auch bei der Beschädigung des Baumes gebraucht wurde. Bei einer bei Bacher vorgenommenen Hausdurchsuchung wurde eine Stichsäge vorgefunden, deren Schnitt genau in den Stamm der Eiche passte. War damit Bacher durch Indizien der Tat überführt? Der Staatsanwalt bejahte diese Frage und beantragte drei Monate Gefängnis und ein Jahr Ehrverlust. Dem Gerichtshof reichten die Indizien nicht aus, den im übrigen auch leugnenden Angeklagten zu überführen. Es wurde auf Freisprechung erkannt.

Dr. Bolle 1904 unter der (erst) 33 Jahre alten Douglastanne.

Bisher wurde der Standort der Friedenseiche nicht erwähnt. Sie wurde auf dem großen Kirchplatz gepflanzt, also auf der Dorfaue. Doch wo genau? Bis Ende 1874 war die Dorfkirche von einem Begräbnisplatz umschlossen. Später entstanden hier gärtnerische Anlagen. Blickt man vom Kirchenportal aus in Richtung Eisenhammerweg, so befindet sich dort das 1934 errichtete Kriegerdenkmal (damals noch mit einem Löwen versehen), das heute durch zusätzliche Inschrift den Opfern von Krieg und Gewalt gewidmet ist. Nur wenig hinter diesem Denkmal zum Straßenrand hin befindet sich eine kräftige Eiche. Sollte dies die Friedenseiche sein? Hinweise sind nicht vorhanden. Vielleicht lässt sich die Frage aber später noch beantworten.

Kommen wir noch zu einem erwähnenswerten Baum, der heute wohl nicht mehr in Tegel vorhanden ist. Im Jahre 1905 berichtete eine Zeitung in einem Artikel unter der Überschrift „Mutterbäume“ über uralte Bäume mit besonders auffälligen Eigenschaften. Gemeint waren solche mit abnormer Ast- und Zweigstellung wie auch Laubfärbung. Andere jüngere Bäume mit denselben Eigenschaften sollen von ihnen abstammen. Anormal bezüglich der Belaubung sind Blutbuchen. „Eine mittelwüchsige Blutbuche mit intensiv dunkelroten Blättern steht bei der Tegeler Humboldtmühle“, so der Hinweis in dem Zeitungsartikel. Weiter wurde bemerkt: „Alle diese Blutbuchen sind Spielarten der Rotbuche und stammen nach Bechstein3 von einer uralten Blutbuche Thüringens in der Nähe von Sondershausen als Mutterbaum ab.“ Im Gegensatz zu den weiter oben beschriebenen Bäume ist ein besonderer Name dieser Tegeler Blutbuche nicht überliefert.

Zum Schluss unserer Betrachtungen werfen wir noch einen kurzen Blick auf Scharfenberg. Die Insel war von 1867 an im Eigentum von Dr. Carl Bolle, der hier eine „botanische Idylle“,
einen „dendrologischen Garten“ schuf. Im Park wuchsen (1881) mehr als 1200 verschiedene, bei uns ausdauernde Gehölze. In besonders ummauerten Gruben gedeihten mit Feigen, echtem Jasmin, japanischem Bambus, Myrte und Lorbeer auch Gewächse südlicher Zonen. Eichen, (japanische) Tannen, Lärchen, Koniferen, Kastanien, eine schön gewachsene „Wellingtonia gigantea“ (kalifornischer Riesenbaum) gehörten zum Bestand Scharfenbergs. Besonders zu erwähnen ist noch eine 1871 von Bolle gepflanzte, schnell mehrere 30 Fuß hoch gewachsene Douglastanne, die höchste der einst in der Mark vorhandenen. Die Insel diente aber leider auch eine Zeitlang ungewollt als „Kugelfang“ für den nahen Schießplatz.

Sonett Bolles über eine Ulme, die auf Scharfenberg stand. Mai 1891.

Gerhard Völzmann

Alexander von Humboldt

Die kleine Episode aus dem Leben Alexander von Humboldts (1769-1859), über die hier zu berichten ist, wurde bereits vor fast 140 Jahren mit dem Hinweis auf Informationen „von höchst glaubwürdiger Seite“ aufgeschrieben. Alexander von Humboldt wurde bekanntlich am 14.9.1769 in der Berliner Jägerstraße 22 geboren. Von 1842 bis zu seinem Tode wohnte der Freiherr, Königliche Kammerherr, wirkliche Geheime Rath, Mitglied des Staatsraths und der Academie der Wissenschaften (so der Eintrag im Adressbuch) in den Wintermonaten in der Oranienburger Straße 67 (im Sommer weilte er zumeist in Tegel). An einem rauen Oktober-Nachmittag in den 1840-er Jahren war von Humboldt, vom Spittelmarkt in Berlins Mitte kommend, auf dem Nachhauseweg. Am Mühlendamm passierte er „das Reich der alten Kleider“. Hier gab es viele Trödler und Kleiderhändler, die geschäftstüchtig Passanten ansprachen, so auch vielleicht wegen seines unscheinbaren Äußeren Alexander von Humboldt. „Papachen, wie steht´s mit ´nem Winterrock?“ – „Kommen sie rein! Det reene Eisentuch“, rief ein anderer. „Ein schöner mottenfreier Pelz, erst einen Winter getragen, passt wie angegossen“, versuchte ein dritter Händler den alten Mann zu überzeugen. Ein weiterer Geschäftsmann, besonders eifrig, hielt von Humboldt am Rock fest. Beredt wollte er ihm eine grüne Samtweste verkaufen. Der so Angesprochene schüttelte den Kopf und wollte eigentlich weitergehen. Doch da fiel sein Blick auf einen Kramstapel im Schaufenster. Zuunterst lagen zwei lange, mit Perlmutt ausgelegte Reiterpistolen, die sich bei näherer Betrachtung als altertümlich und kunstvoll herausstellten. Von Humboldt wollte sie für seine Waffensammlung erwerben und fragte nach dem Preis. „Was werden sie geben für diese schönen Pistölchen?“, so die Gegenfrage des Händlers. „Sagen wir 10 Thaler.“ Der Trödler überlegte. „Will ich mal ausnahmsweise nichts dran verdienen. Neun Thaler haben sie mir selbst gekostet; Reparaturkosten und Zinsen dazu gerechnet, macht´s gerade zehn Thaler.“ Man war sich einig. Von Humboldt legte zwei Friedrichsdor1 auf den Ladentisch, erhielt noch Restgeld und die inzwischen in Papier eingewickelten Pistolen und verließ den Laden. Über die Spandauer Straße und den Hackeschen Markt ging er nun in Richtung Oranienburger Straße.

Unterwegs fiel sein Blick zufällig auf das zum „Emballieren“ verwendete Papier. Er machte dabei eine interessante Entdeckung. Es war ein Blatt aus einem alten „Kräuterbuch“. Diese wurden in Form von großen Folianten von Ärzten und Naturforschern im Mittelalter herausgegeben. Solche „Kräuterbücher“ hatten insofern einen großen Wert, als sie über den damaligen Stand der botanischen Wissenschaft hinsichtlich Anwendung der Pflanzen im Haushalt der Menschen, in der Technik, Medizin usw. Aussagen vermittelten. Für den Naturforscher und Gelehrten stand es fest, ein solches Buch vor dem Untergang zu bewahren. Eiligst kehrte von Humboldt um. Doch am Mühlendamm sah ein Laden wie der andere aus. Wie sollte er nur den richtigen wieder ausfindig machen? Stets war ein „Nein“ die Antwort, wenn von Humboldt fragte, ob er dort die Pistolen gekauft hatte. Eigentlich war das auch zu erwarten. Man hielt ihn für einen beim Kauf Reingefallenen, der den Erwerb wieder rückgängig machen wollte. Schon aus „Korpsgeist“ heraus wollte kein Trödler einen zutreffenden Namen nennen. Schließlich kam der Naturforscher auf eine listige Lösung, indem er zu den zunächst Umstehenden sagte: „Schade, daß ich den Mann nicht finden kann, ich wollte ihm nur einen Thaler zurückbringen, den ich vorhin zuviel herausbekommen habe.“ – „Kommen Se ´rein, hier bei mir haben Se gekauft,“ erscholl es nun von allen Seiten. Aus allen Läden stürzten Händler heraus, vielleicht zwanzig Hände zerrten an seinem Rock, ein Höllenlärm entstand. Von Humboldt sah sich in Bedrängnis und hob die beiden zuvor gekauften Pistolen drohend in die Luft. Das half; im Nu stob die Trödler-Schar auseinander. Nur einer blieb stehen, lächelte und meinte: „Sind se doch nicht geladen, Papachen! Stecken Se doch die Donnerbüchsen in und geben Se mir meinen Thaler!“ Damit war also der richtige Verkäufer gefunden.

Zusammen gingen sie in das dunkle Gewölbe des Händlers. Hier verlangte von Humboldt das Buch zu sehen, aus dem das Blatt als Packpapier herausgerissen wurde. Bei näherer Betrachtung war dies ein in Schweinsleder gebundenen Foliant, dem am Ende nur wenige Blätter fehlten. Der Trödler hatte das Buch mit anderem Kram zusammen auf einer Auktion gekauft. Es gehörte zu den seltensten seiner Art. Nach dem Preis für das Werk gefragt, überlegte der Händler lange. Dann nahm er eine Hose mit eingesetztem Boden aus dem Regal und antwortete: „Geben sie mir vier Thaler und die schöne Hose kriegen sie mit dazu. Mit der können sie noch Sonntags Staat machen!“ Das Geschäft kam so zustande, allerdings verzichtete der Gelehrte auf die Zugabe.

Wenn Alexander von Humboldt später im Freundeskreis seine Büchersammlung zeigte, dann erwähnte er stets den kuriosen Buchkauf und schloss mit den Worten: „Am meisten hat mich die Bemerkung amüsiert: Mit der können Sie noch Sonntags Staat machen.“

Gerhard Völzmann

1 Preuß. Goldmünze; ein Friedrichsdor = 5 Taler.

Nachdem in den vergangenen Ausgaben des Blickpunkt Tegel die Schiffe der Stern und Kreisschiffahrt, die Feengrotte und die Berlin vorgestellt wurden, folgt nun das letzte der sechs, aktuell auf dem See eingesetzten Schiffe, die ab der Greenwichpromenade ihre Fahrt anbieten.

Der neu erbaute Schleppdampfer Werner vor der Wiemannwerft in Brandenburg. Das Werkstattgebäude ist heute noch erhalten, dient aber nicht mehr dem Schiffbau.

Mit dem Schiff Reinickendorf wird auch ein sehr interessantes Schiff vorgestellt, das einmal als Schleppdampfer sein Schiffsleben begann. Als Werner wurde das Schiff 1914 auf der Wiemann Werft, der wohl bekanntesten Schiffswerft Brandenburgs unter der Bau Nr. 185 als Schleppdampfer erbaut. Mit einer Länge von 31,92 m gehörte es zu den großen seiner Gattung. Eine 3 Zylinder Dampfmaschine mit einer Leistung von 175 PS gab dem 5,87 m breiten Schiff den Antrieb.

Der erste Eigner des Schiffes war Heinrich Kanter aus Berlin –Neukölln. Das Fahrgebiet war aber nicht Berlin, sondern die Elbe, wo der große Schlepper mit seinem jeweiligen Anhang von Magdeburg bis Hamburg in Fahrt war. Folgerichtig wechselte der Werner dann auch sein Heimatort und Eigner. Ab 1915 gehörte das Schiff zur bekannten Magdeburger Reederei Julius Krümling. Eine Namensänderung, wahrscheinlich des Krieges wegen, folgte erst 1918. Bis 1930 war das nun Tirpitz genannte Schiff bei der Reederei, die ab 1925 unter Reederei AG, vormals J. Krümling, Magdeburg firmierte. 1930 waren nacheinander Ernst Runge aus Hamburg und die NNVE (Neue Norddeutsche und Vereinigte Elbschiffahrtsgesellschaft, Hamburg/ Dresden) die Eigner des Schleppers, bevor er 1931 von Franz Betzin aus Zerpenschleuse erworben wurde. Nun war es Berlin näher gekommen, aber Fahrgäste transportierte es deshalb noch nicht. Erst kurz vor Ausbruch des 2. Weltkrieges wurde das Schiff, leicht umgerüstet, auch aushilfsweise als Fahrgastschiff eingesetzt. Nach dem Krieg 1946 wurde der Schlepper, der als solcher nun nicht mehr gebraucht wurde, zum Fahrgastdampfer umgebaut. Die Schleppeinrichtungen wurden abgebaut und an Bord mehr Platz geschaffen. Mit seinen neuen Aufbauten war es nicht mehr als Schlepper zu erkennen.

Die Rheingold um 1953 in Charlottenburg.

Als Rheingold kam das Schiff 1947 dann in Fahrt. Eine großartige Ausflugsschifffahrt gab es so kurz nach dem Krieg noch nicht, aber Einsatzmöglichkeiten gab es dennoch. Mit Hamsterfahrten mit dem Schiff, die als Entlastung der Bahn durchgeführt wurden und öffentlichen Aufträgen wie der BVG Schifffahrt auf dem Wannsee ließ sich der Rheingold einsetzen. Seine Hauptabfahrtstelle befand sich zuerst am Amtsgericht Charlottenburg, wo heute das Motorschiff Kreuz As liegt. Bis mindestens 1953 machte der Rheingold ab Schlossbrücke mit bis zu 300 Fahrgästen seine Rundfahrten zur Pfaueninsel. Ab Mitte der fünfziger Jahre wurde das Schiff nicht mehr eingesetzt. So konnte Walter Haupt, der auf Hasselwerder wohnte, das Schiff erwerben. Da der Salon sehr niedrig war, sah der Dampfer in seinen Proportionen noch größer aus als er tatsächlich war. Durch einen Umbau konnte er etwas geräumiger werden. Die Salonhöhe war nicht der einzige Grund für den Umbau. Aus dem Dampfer wurde ein Motorschiff. Mit einem Sonnendeck und mit einem Fassungsvermögen von 450 Fahrgästen, kam es 1958 als MS See-Haupt wieder in Fahrt. Die Anregung für den Namen brachte Walter Haupt von einer Reise nach Bayern mit, als er das 1955 neu erbaute Motorschiff Seeshaupt auf dem Starnberger See sah. Ohne „s“ hinter dem See wurde ein kleines Wortspiel daraus. Bis 1968 war Haupt „der Admiral vom Tegeler See“ mit dem Schiff verbunden, dann bildete es den Grundstock der Reederei Bethke von Gertrud und Mathias Bethke, die die See-Haupt vom Vater Gertrud Bethkes erwarben. 1973 bekam es nach einem kleinen Umbau den Namen Reinickendorf und 1979 einen neuen Eigner. Nun war Alfred Turczer der neue Eigner, er unterzog das Schiff einer Verjüngungskur (Umbau Kastenheck) und setzte es auf den bisherigen Kurs in enger Zusammenarbeit mit der Reederei Bethke ein. Mathias Bethke, Alfred Turczer und der Gastwirt Peter Dannenberg gründeten 1984 die Tegel-Heilgenseer Personenschiffahrtsgesellschaft b.R. zu deren Gründungsinitiatoren noch Günter Taube gehörte, der aber an der Gründung nicht mehr teilnahm. Diese Firma bestand kurze Zeit. Nach einem weiteren Umbau veränderte das Motorschiff sein Aussehen erheblich. Neben dem runden Heck verschwand nun auch der schöne gerade Wiemannsteven (Bug).

Oben: Nach dem zuerst das runde Heck gegen ein Kastenheck ausgetauscht wurde bekam das Schiff auch einen neuen Bug. So sieht das Schiff heute aus. Unten: 1966 als Motorschiff See-Haupt, deutlich erkennbar der gerade Bug

Mit der neuen Erscheinung sollte die Reinickendorf modern aussehen, schade eigentlich. Seit 1988 gehört das Schiff wieder zur Reederei Bethke. Ab nun war es bei allen Mitgliedern der Familie Bethke in Fahrt, so 1991-1996 Reederei Bethke, 1997 Reederei G. Bethke, Reederei G. Bethke/ Prause/ Unger, Reederei Unger, 1998-1999 Reederei Unger, 2001-2002 Reederei M. Bethke/ Prause, 2003-2006 Reederei Mathias Bethke, 2007 Reederei M. und S. Bethke, 2010 Reederei Simone Prause. 2017 wurde des Schiff von Mathias Bethke gesteuert, der übrigens 1990 Vereinsmitglied und Förderer Sport-Club Tegel 1919 e.V. war. Neben seiner Karriere als Schleppdampfer, einem reinen „Arbeitsleben“ und als Fahrgastschiff erlebt so ein Schiff auch sonst so einiges. So trieb es 1977 führerlos auf dem See, Grund dafür war grober Unfug, als das Schiff losgemacht wurde. Ärgerlicher war eine Grundberührung vor der Lieper Bucht. Erst nach 17 Stunden konnte das Schiff nur mit Hilfe der „Hanseatic“ der Reederei Winkler und einem Feuerlöschboot wieder flott gemacht werden. Eine Massenkeilerei war 2012 zu überstehen, als eine Person mit Kreislaufproblemen am Anleger Friederickestraße dem Arzt übergeben werden sollte. Von den 160 Fahrgästen an Bord fingen um die 80 eine Rangelei an, ein Mann fiel ins Wasser und wurde von der DLRG gerettet. Neun Verletzte und eine Festnahme war das Resultat, den übrigen Fahrgästen wurde die Weiterfahrt untersagt. Das alles geschah um 0 Uhr 45 während einer Charterfahrt. Auf den fahrplanmäßigen Fahrten geht es aber immer ruhiger zu. Vielleicht werden Sie im neuen Jahr auch mal Fahrgast auf der Reinickendorf, nun für 199 Personen zugelassen, ein Schiff, das dann 104 Jahre alt wird.

Januar 1881

Januar 1883

Im 19. Jahrhundert gaben die Pächter von Kunst- und Natureisbahnen ihren Anlagen gern Namen. Sie hießen dann Russische, Sibirische, Nordische, Schwedische, Riesen-, Monstre- oder Germania-Eisbahn. Fr. Scheka und F. Pusch , in den 1880-er Jahren Pächter der Bahn von der Plötzenseer Schleuse bis Saatwinkel, Tegel, Spandau, Valentinswerder und Heiligensee, nannten sie Victoria-Eisbahn. Wurden vielleicht noch Militärkonzerte angeboten und die Bahnen abends illuminiert, war der Besuch tausender Freunde des Eislaufes gewiss. Die königliche Regierung in Potsdam verpachtete die Touren- (Natur-) Eisbahnen für eine Dauer von jeweils sechs Jahren. Ende der 1880-er Jahre hatte die Eisbahn der Oberhavel von Spandau bis Tegel der Spandauer Restaurateur Adami für einen Preis von 3600 Mark pro Jahr gepachtet. In früheren Jahren betrug die Pacht sogar bis zu 6000 Mark pro Jahr. Dafür wurde dem Pächter das Recht erteilt, eine Gebühr von den Personen zu erheben, die die Eisbahn beschritten. Adami legte 20 Pfg. pro Person fest. Die Einnahmen eines Tages, beispielsweise am Sonntag, den 9.1.1887, konnten für den Pächter durchaus etwa 1000 Mark betragen.

Doch verschiedene Personen weigerten sich, die 20 Pfg. zu zahlen, u. a. die Bewohner der Insel Valentinswerder und auch der beim Wasserwerk Tegel beschäftigte Materialverwalter Gallo. Gegen den Letztgenannten klagte Adami beim Amtsgericht II in Berlin und gewann den Prozess. Hingegen entschied das Landgericht II auf die Berufung Gallos zu dessen Gunsten, weil es sich um einen öffentlichen Fluss handelte, der für Jedermann freistand (1890).

Die Bewohner von Valentinswerder passierten die Linie der Fähre über das Eis unentgeltlich.

Der Spandauer W. Mahnkopf inserierte am 31.12.1892, dass die von ihm gepachtete Eisbahn zwischen Spandau, Saatwinkel und Tegel eröffnet wurde. Auch er nahm 20 Pfg. pro Person, von Kindern unter 14 Jahren 10 Pfg.

War die Eisbahn auf dem Tegeler See schneefrei und spiegelblank, dann lockte sie sonntags aus Berlin die „mit stählernen Kothurn“1 Beladenen „in hellen Haufen“ an. Mitte Februar 1886 hatte das Eis zum Beispiel eine Stärke von 11 Zoll erreicht. Es konnte selbst mit Pferd und Wagen befahren werden. Ansonsten zog die von Gendarmen beaufsichtigte und mit Strohwischen abgegrenzte Eisfläche auch „Velociped-Reiter“2, Frauen und Kinder auf Familienschlitten sowie einzelne Piekschlitten-Fahrer3 an. Alle möglichen Uniformen von Soldaten der nahen Schießschule waren zu sehen. Zur Masse der Schlittschuhläufer gesellten sich Freunde des Segelschlittensports. Sie hatten sich aus zwei leichten Stangen und einem Stück Leinwand ein dreieckiges (sogenanntes lateinisches) Segel gefertigt. Die Vertikalstange erhielt oben einen ledernen Handgriff, die Horizontalstange am Ende eine Fangschnur. Während die Vertikalstange, am Gürtel befestigt, mit einer Hand nach oben gehalten wurde, hielt die andere Hand das Segel an der Fangleine. Ein paar Stöße, die Füße nebeneinander, und schon setzte sich der Wind in das Segel und trieb den Läufer mit bedeutender Schnelligkeit voran. Hinzu kamen Rennwolf-Fahrer, die ihr Gefährt selbst herstellten. Dazu waren zwei Stangen, zwei Meter lang, an einem Ende etwas gebogen, erforderlich. Wie die Schienen eines Schlittens nebeneinander gelegt, vorn durch eine Querleiste verbunden, dahinter ein niedriges Joch und einen halben Meter weiter eine starke und breite Querleiste, um darauf zu stehen. Vor der letztgenannten Querleiste noch ein höheres Joch für das Abstützen der Hände – fertig war der Rennwolf. Stützte man sich nun nach vorn auf das Joch und stieß mit einem Fuß kräftig nach hinten aus, dann schoss der Rennwolf pfeilschnell über Schnee und Eis. Auch große Gepäckstücke ließen sich so gut transportieren.

Am 2.5.1894 trat im Amtsbezirk Tegel eine Polizeiverordnung in Kraft, nach der das Betreten des Eises nur innerhalb der durch Pfähle bezeichneten Grenzen der polizeilich zugelassenen Eisbahnen gestattet war. Später (1904) wurde eine „Eispolizei“ geschaffen. 13 „Eispolizeibezirke“ entstanden für die Spree, Havel und Dahme sowie die Seen der Umgebung. Damit sollten bei Geldstrafen bis zu 60 Mark Unglücksfälle auf den Eisflächen verhütet werden. Zudem erschien im Januar 1905 zum Preis von nur 60 Pfg. eine Eislaufkarte der Havel von Tegel bis Ketzin. Hier wurden gefährliche Stellen in blauer Farbe und empfohlene Touren durch rote Linien dargestellt. Eisenbahnstrecken, Chausseen und Wirtschaften am Ufer fehlten auch nicht.

In der Zwischenzeit traten Veränderungen ein. Ende Dezember 1899 schrieb eine Zeitung:
„Die großen Eisbahnen der Havel, oberhalb von Spandau bis Tegel und Heiligensee und unterhalb Spandaus nach Potsdam sind zu Weihnachten eröffnet worden, nachdem sie seit nahezu zehn Jahren wegen der milden Winter nicht mehr in voller Ausdehnung benutzt werden konnten.“

1901 betrug die Pacht für eine Eisbahn nur noch 1000 Mark/Jahr, wobei ein Pächter Mühe hatte, selbst diesen Betrag zu vereinnahmen. Ein Grund war auch der möglichst lange Verkehr von „Fabrikdampfern“ auf den zufrierenden Gewässern.

Soweit unsere eher positiven Betrachtungen vergangener Winterzeiten in Tegel. Es gab aber auch Berufe und Geschehnisse, die die unangenehmen Seiten von Frost und Schnee widerspiegelten.

Als am 3.3.1871 das Königliche Domainen-Polizei-Amt Spandau „die große und kleine Garnfischerei auf der Ober- und Unterhavel bei Spandau, auf dem Tegelschen und Malchow-See, sowie den Stintefang und die Rohrnutzung auf dem Tegelschen See“ für die Zeit v. 1.6.1871 – 1.6.1877 zur Pacht ausschrieb, erhielt der weiter oben bereits erwähnte Fischer Mahnkopf als Meistbietender den Pachtzuschlag. Während seiner Berechtigung hatte Mahnkopf u. a. im Januar 1876 eine Luhme in das Eis geschlagen und diese mit aufgehauenem Eis und Wasserpflanzen vor einer möglichen Gefahr gesichert. Ein Gendarm hielt die Vorsichtsmaßnahme für ungenügend und zeigte den Fischer an. Mahnkopf rechtfertigte sich vor dem Polizeirichter des Kreisgerichts damit, dass der Tegeler See keine öffentliche Straße sei und dass „die Schlittschuhläufer nicht für ein denselben benutzendes Publicum zu erachten seien“. Hilfsweise wurde noch vorgebracht, dass die um die Luhme gelegten Eisstücke und Wasserpflanzen doch den gesetzlichen Sicherheitsmaßregeln entsprochen hätten. Der Richter bejahte die erste Frage und verneinte die zweite. Mahnkopf erhielt 20 Mark Geldstrafe, ersatzweise zwei Tage Haft.

Im Januar 1901 erfolgte ein gewaltiger Fischzug bei einer Eisfischerei auf der Oberhavel zwischen Tegel und Spandau. Über 80 Zentner Karpfen und Bleie, durchweg stattliche Exemplare, wurden zu Tage gefördert. Der Aufwand war aber auch erheblich. 16 kräftige Männer hielten das große Garn durch zahlreiche in das Eis geschlagene Löcher in Bewegung, um es schließlich mit den Fischen an die Oberfläche zu befördern. Selbst damals bekannte „älteste Bewohner“ der Fischerdörfer konnten sich nicht an eine solche Ausbeute erinnern.

An den Gewässern der Umgebung von Berlin wurden damals auch Ernten ganz anderer Art vorgenommen. Gemeint sind Natureis-Ernten zu einer Zeit, als der Lebensmittelhandel, die Gaststätten und die Haushalte noch keine Kühlschränke hatten. In Tegel, am See gelegen, gab es bereits in den 1860-er Jahren einen dem Rentier Müller aus der Berliner Wasserthorstraße gehörenden hölzernen Eisschuppen. Der leerstehende, unversicherte Schuppen brannte vor der Winterzeit am 25.9.1869 ab. Im Dezember 1890 ereignete sich in Tegelort beim Bau eines Eisschuppens ein schwerer Unfall. Durch den Einsturz des Neubaus verletzten Trümmer 10 Arbeiter schwer, einer von ihnen verstarb.

Ende 1893 ließen zwei Berliner Brauereien auf einem 4 ½ Morgen großen Gelände am Tegeler See (ganz in der Nähe der später errichteten „Sechserbrücke“) durch 200 Maurer ein 600000 Zentner Eis fassendes massives Gebäude bauen. Schon im Januar 1894 beförderten vier durch Dampfkraft getriebene Schleppwerke täglich 30000 Zentner Eis in das Bauwerk. Im Januar 1904 verstarb hier bei der Eisernte ein Arbeiter dieses Werkes. Der selbständige Schiffer, dessen Boot in Plötzensee lag, bugsierte mit Haken Eisschollen in den sog. Eiswerkkanal. Dabei sprang er im Übermut trotz Verbot des Eiswerkbesitzers von einer Scholle zur anderen. Schließlich rutschte er aus, versank sofort und kam durch einen Schlaganfall zu Tode.

Wenn über eine längere Zeit Frost und damit eine starke Eisbildung einsetzte, dann konnte dies auch Auswirkungen auf Mühlenbetriebe haben. Über den Tegeler See und den Mühlengraben (das Fließ) war die Humboldtmühle darauf angewiesen, dass Lastkähne Getreide anlieferten und Mehl abholten. Ende Januar 1889 war beides nicht möglich. Sowohl die Borsig-Mühle in Berlin wie auch die Humboldtmühle in Tegel kamen zum Stillstand.

In die Winterzeit fiel natürlich stets der Handel mit Weihnachtsbäumen an. Im Dezember 1871 hatten Forstbeamte im Spandauer Forst, der Jungfernheide und dem Grunewald in aller Stille einen großen Teil der ihnen am besten als Christbäume geeigneten Stämme markiert und vor dem Fest in Begleitung von Schutzleuten Razzien auf den Verkaufsstellen vorgenommen. Eine nicht unerhebliche Zahl an gekennzeichneten Bäumen wurde in Beschlag genommen.

Landbriefträger Lucke mit einem Piekschlitten.

Auf die Winterzeit hatten sich Landbriefträger einzustellen. In Tegel erwies sich Briefträger Lucke „als wackerer Bote Stephans“4. Ende November 1884 versank er bei der Zustellung bis zur Hüfte im Schnee. Trotzdem legte er wie gewohnt seine Tour über Schulzendorf, Heiligensee, Laakenberge (chem. Fabrik), Konradshöhe und Tegelort zurück, wenn auch vielleicht mit einer Stunde Verspätung. Auch zum Abend hin trat er seine Tour noch einmal an, musste dann aber hinter Schulzendorf auf dem Weg Richtung Heiligensee doch umkehren. Der Kreisgang machte 25 – 30 km aus!

Zwei Landbriefträger waren für die tägliche Zustellung der Postsendungen von Spandau aus nach Valentinswerder, Saatwinkel, Sägewerk, Salzhof, Hakenfelde usw. zuständig. Bei ausreichender Eisbildung wie im Januar 1887 fuhren die tüchtigen Läufer mit den um die Hüften geschnallten Postsendungen auf Schlittschuhen über spiegelglatte Eisflächen zu den Zustellorten. Schneller als sonst erhielten die Adressaten ihre Post, denn die Briefträger ersparten sich die sonst langen Wege auf dem Land. Das Eis hatte Mitte des Monats eine solche Stärke, dass die Gastwirte bereits ihre Eiskeller füllten.

Als im Juni 1881 eine (Pferde-) Straßenbahnlinie zwischen Berlin und Tegel eingerichtet wurde, fand dies viel Zustimmung bei den Großstädtern wie bei den Bewohnern des Dorfes. In der Winterzeit sollten sich dann aber auch die Nachteile zeigen. So meldete am 15.1.1895 eine Zeitung, dass sich auf der Tegeler Linie geheizte Wagen vorzüglich bewährt haben. Im Inneren war eine um 10 – 12 Grad höhere Temperatur als im Freien. Allerdings wurde in diesem Winter erst zweimal geheizt! Am 6.2.1897 hatten die Pferdestraßenbahnen unter starkem Schneefall zu leiden. Einzelne Linien nach den Vororten mussten ihren Betrieb einschränken. Nach Tegel wurden die Fahrgäste mit Schlitten befördert! Im Dezember 1902 bestand die Vorschrift, dass Straßenbahnwagen ab einer Temperatur von – 1 Grad C zu heizen waren. Doch die Schaffner erhielten zu kleine Kohlenmengen. Am 1.12.1902 beschwerte sich ein Fahrgast beim Schaffner um 10 Uhr morgens über die empfindliche Kälte auf der Linie Tegel – Oranienburger Tor. Der Schaffner erwiderte, dass sein Vorrat bereits verbrannt sei und er vom Depot trotz Bitte keine weiteren Kohlen erhalten habe. Im Januar 1903 mussten Schulkinder und andere Personen bei starker Kälte auf den Verdecksitzen Platz nehmen.

Damit enden unsere unvollständigen Betrachtungen einstiger Winterzeiten in Tegel.

1 Eigentlich ein hoher Schnürschuh, Bühnenstiefel.

2 Radfahrer.

3 Zum Piekschlitten gehörten zwei Stäbe, unten mit eisernen Stacheln, die der Fortbewegung dienten.

4 Heinrich von Stephan (1831-1897) war Generalpostdirektor.