Paris, ein Wal und der Wilde Westen auf dem Tegeler See

Während die großen Westberliner Reedereien sich heute auf die sehr lukrative Innenstadt konzentrieren, hat die Stern und Kreisschiffahrt alle ihre Fahrgebiete beibehalten, ja sogar vergrößert, denn nach 1990 kamen auch die ehemals vor dem Krieg betreuten Linien nach Potsdam und den Ostberliner Gewässern hinzu. Die meisten Schiffe setzt die Reederei zwar in der Berliner Innenstadt ein. Diese Schiffe müssen für diese engen und durch Brücken in der Höhe begrenzten Gewässer geeignet sein. Durch Umbauten und Neubauten bzw. Übernahme der Schiffe der Weißen Flotte Berlin (Ost), ist die Reederei in der Lage sich diesen neuen Bedingungen zu stellen. Alle für die Innenstadt geeigneten Schiffe wurden, bis auf die auf dem Wannsee verkehrenden, in der Innenstadt eingesetzt. Dem Tegeler See wurden von der Stern und Kreisschiffahrt aber besondere Schiffe zugeteilt.
Die drei heute von der Stern und Kreisschiffahrt auf dem Tegeler See eingesetzten Schiffe Havelstern, Moby Dick und Havelqueen zeigen den schiffbaulichen Höhepunkt der Reederei. Ursprünglich unter völlig anderen Bedingungen geplant und gebaut, repräsentieren sie heute die Vorstellungen des alten West- Berlin. Damals entwickelte sich die Fahrgastschifffahrt hauptsächlich in Richtung der Größe. Die attraktivsten Gewässer waren die Havel mit dem Tegeler See und dem Wannsee. Die Größe der Schiffe wurde eigentlich nur durch die Spandauer Schleuse vorgegeben. Brückendurchfahrten mussten nicht berücksichtigt werden. Dem ersten modernen Salonschiff nach dem Krieg, der 1957 erbauten Ernst Reuter, folgten weitere, immer größer werdende Schiffe. Der erste Höhepunkt dieser Entwicklung war die imposante Havelstern. Mit dem einem Wal nachempfundenen Moby Dick wurde zwar nicht die Größe gesprengt, dafür aber Schiffsform. Wie ein bisher bekanntes Schiff sah die Moby Dick nun wahrhaftig nicht aus. Auch mit der Havelstern, dem nun größtem Schiff der Reederei wurden neue Wege gegangen, denn mit dem einem Mississippiraddampfer nachempfundenen Schiff, wurde der Weg den man beim Moby Dick ging weiter begangen.
Alle drei Schiffe wurden, als sie neu erbaut wurden, ausführlich in der Presse gewürdigt. Alle drei waren etwas Besonderes. Gebaut wurden sie für die längste und beliebteste Linie West- Berlins, der großen Havelrundfahrt von Tegel bis zum Wannsee.
Zu Rundfahrten ab Tegel auf der Oberhavel gibt es sechs Abfahrten täglich, aber auch Lehnitz, Potsdam/Werder und die City werden von der Reederei mit zusammen 5 Fahrten täglich angesteuert. Vom neuen Fahrplan der Stern und Kreisschiffahrt wird man bestens informiert.

Havelstern
Die Havelstern war mit einer Länge von 62,5 m Länge, das bis dahin größte Schiff in Westberlin und so wurde er auch hauptsächlich auf der großen Havelrundfahrt eingesetzt. Sein Aussehen verdankte er den Pariser Rundfahrtschiffen der Reederei Bateaux Mouches, als Konstrukteur zeichnete A. Neesen aus Berlin- Steglitz. Für das als „63m Neubau“ bezeichnete Schiff, musste natürlich auch ein Name gefunden werden. Hier wurde die Öffentlichkeit eingeschaltet, natürlich war dies auch ein Werbegag. Am 8.5. 1969 war es dann soweit, von der Namenkampagne, mit Hilfe einer großen Berliner Tageszeitung bekam das Schiff den Namen „Havelstern“. Ein das gesamte Vorschiff in Anspruch nehmender Panoramasalon gab dem Schiff nun ein futuristisches Aussehen. Ein vierzig Meter langes Sonnendeck bescherte dem Schiff viele Außenplätze. Angetrieben wird das 62,48 m lange und 8,23 m breite Schiff durch zwei Schottelpropeller, 850 Fahrgäste fanden auf dem Havelstern Platz. Die Bauwerft war die Mindener Werft Büsching & Rosemeyer. Das Schiff wirkt auch heute noch modern, ist dabei aber nicht mehr der Jüngste, im nächsten Jahr 2018 wird er fünfzig. Für die Innenstadt nur ohne Oberdeck einsetzbar, wurde das Schiff durch die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen die die „Wende“ mit sich brachte, auf der Oberhavel und besonders dem Tegeler See eingesetzt.

Moby Dick
Wurde mit dem Havelstern den Berlinern ein besonderes Schiff beschert, toppte das neue Schiff dieses noch. Als 48m – Fahrgastschiff für Berlin recht nüchtern angekündigt, kam dann ein etwas ganz besonderes Schiff zu Wasser. Es wurde auch in Minden auf der Werft Büsching & Rosemeyer erbaut. Um neue Wege zu gehen, den Fahrgästen etwas besonderes zu bieten, wurde den Berlinern ein Walfisch präsentiert. Entworfen wurde der „Wal“ vom Dipl. Ing. A. Neesen. Mit Walfischmaul und Flosse, silbergrau und Schwarz, so etwas gab es in Berlin noch nicht. Die besonders gediegene Innenausstattung wurde vom Innenarchitekt Jo Filke aus Bremerhaven entworfen. Bei der ersten Vorstellung eines Neubaus in der Presse war vom Wal noch nicht die Rede, um so erstaunter waren die Interessierten als das Schiff zum ersten Male sahen. Am 2.5. 1973 kam es in Fahrt. Ein besonderes Ereignis war im Juni 1999 die „Spritztour“ nach Hamburg zum Hafengeburtstag, als das Schiff als Botschafter Berlins dort eine der Attraktionen war.
Ein weniger erfreuliches Ereignis fand am 5.6.1993 statt. Auf dem Lehnitzsee aus der Fahrrinne geraten, strandete es bei einer Mondscheinfahrt, nahe des Strandbades. Die 144 Fahrgäste wurden von 2 Booten der Wasserpolizei an Land gebracht. Untergehen konnte das Schiff nicht, aber Übernachten wäre auch nicht das Wahre. Die Bergung gestaltete sich schwierig, da es möglicherweise in Form von Bomben noch einige „Andenken“ an den 2. Weltkrieg im Lehnitzsee gab. Sechs Tage nach der Strandung konnte das Schiff dann wieder flott gemacht werden, die Schäden waren zum Glück gering. Am 16.6. konnte der Wal wieder eingesetzt werden.
Dem Trend der Zeit entsprechend fanden Überlegungen statt, das attraktive Schiff auch in der Innenstadt einzusetzen. In der Innenstadt eingesetzt, es wurden mehrere Versuchsfahrten gemacht, könnte es nur bis zum Bahnhof Friedrichstraße kommen. Bei einer Probefahrt am 5.11 1998 wurde die Weidendammer Brücke gerammt, dadurch entschied man sich, das Schiff nur noch in Tegel einzusetzen. Diese Entscheidung, das Schiff weiter in den alten Fahrgebieten einzusetzen, war aber auch aus anderen Gründen vernünftig. Nicht nur die Höhe des Schiffes, auch die Gestaltung der Fenster wäre ein Problem. Die beste Sicht hatte nach vorn, für die Sightseeing Aufgaben in der Innenstadt wäre diese Anordnung bestimmt nicht vorteilhaft und Umbauten in dieser Hinsicht würden das Schiff seiner Einzigartigkeit berauben. Die attraktivere Strecke bis zur Schleuse, vom Landwehrkanal ganz zu schweigen, könnte der Wal (das Schiff) nicht befahren, sehr wichtig. So blieb für Moby Dick immer noch der Tegeler See übrig, natürliche wäre es auch auf dem Wannsee einzusetzen, welch ein Glück für Tegel.
1999 im November wurde es als Restaurant an der Weidendammer Brücke stationiert, sonst war es aber weiter in/ab Tegel in Fahrt. Der Moby Dick ist nicht der einzige Wal in Deutschland, auch in Bonn gibt es einen, der schönste ist aber auf jeden Fall der Berliner (Tegeler) Wal.

Havelqueen
Kein Wal, kein Pariser Flair aber doch zum hundertsten Geburtstag der Reederei etwas Besonderes. Um den Fahrgästen und  Kunden der Reederei ein außergewöhnlichen Publikumsmagnet
zu bieten, wollte man sich etwas einfallen lassen. Das neue Schiff sollte noch größer werden, als alles was es bisher gab. Bei einer Länge von 67 Meter und einer Breite von 9 Meter, konnte es bis 700 Personen Platz bieten. Etwas Besonderes sollte auch die Nutzung sein, für Kongresse, Modeschauen, Konzerte und ähnliche Veranstaltungen, sollte das Schiff eine Attraktion werden. Am 11.5.1987 konnte das auf der Berliner Werft DIW in Spandau gebaute Schiff von den Berlinern bestaunt werden. Bei der Namengebung nutzte man, wie bei anderen den großen Schiffen, vorher die werbewirksame Beteiligung der Öffentlichkeit. Die Schiffstaufe wurde von der Frau des damals Regierenden Bürgermeisters Monika Diepgen vollzogen, die Sektflasche, die erst beim fünften Versuch zerschellte, brachte dem Schiff aber kein Unglück. Aus den um die 150 Namensvorschlägen, die der Berliner Morgenpost zugingen, wurde der Name „Havelqueen“ ausgesucht. Da das neue Schiff einem Mississippi- Raddampfer nachempfunden wurde, war es auch ein passender Name, denn aus den USA war der Name Mississippi Queen für ein Schiff bekannt, dann kann es in Berlin auch eine Havel Queen geben. Angetrieben wird das Schiff aber nicht von den Seitenrädern, sondern von zwei Ruderpropeller. Die beiden Seitenräder werden, damit es echt aussieht von einem Elektromotor angetrieben, sind aber für das Vorwärtskommen des Schiffes nicht von Bedeutung. Die beiden Schornsteinattrappen sind umlegbar und das imposante Steuerhaus versenkbar, damit konnte das Schiff alle für 1987, also drei Jahre vor der „Wende“, relevanten Westberliner Strecken befahren. Die Idee ein solches Schiff zu bauen stammt übrigens von einem Berliner Politiker, der nach einem USA Besuch, ein solches Schiff als besondere Geste für die Amerikanischen Gastgebern sehen würde. Wäre der Bau drei bis vier Jahre später bewilligt worden, als Grund kann man den hundertsten Geburtstag der Reederei ansehen, wäre ein so hohes Schiff niemals in Fahrt gekommen.

Autor/Bilder: Manfred Bluhm

Karl Wistuba war Königlicher Bahnhofsvorsteher in Tegel

Es ist schon eher ungewöhnlich, wenn die Inschrift auf einem Grabstein auch aussagt, welchen Beruf der Verstorbene einst ausübte. Auf dem alten Tegeler Friedhof an der Wilhelm-Blume-Allee befindet sich die letzte Ruhestätte der Familien Wistuba; auf dem Grabstein für Karl und Marie Wistuba ist u. a. zu lesen: Kgl. Bahnhofsvorsteher a.D. Die Inschrift soll ein Grund sein, den Lebens- und Berufsweg dieses Mannes aufzuzeigen, soweit dies heute noch möglich ist.

Karl Wistuba (er hatte nur einen Vornamen!) erblickte in dem Marktflecken Steinau (Kreis Neustadt im Regierungsbezirk Oppeln/Oberschlesien) am 15.10.1847 das Licht der Welt. Sein Vater Peter war Mühlenmeister. Über Schulbesuch, Militärzeiten und anschließende Berufstätigkeiten ist nichts bekannt. 1883 wohnte Karl Wistuba in Arnsdorf, einem kleinen Dorf und Rittergut bei Oppeln im Kreis Liegnitz/Schlesien. Er war als Eisenbahn-Diätar bei der Königlich Niederschlesisch-Märkischen Eisenbahn beschäftigt. Als Diätar war er zwar Beamter, jedoch nur zeitweise eingestellt und erhielt eine Besoldung außerhalb des Etats der Bahn. Er hatte damit keinen Anspruch auf Wohnungsgeld, Umzugsgeld und ähnliche Leistungen. Zudem konnte er jederzeit gekündigt werden. Für Eisenbahner war dies insbesondere in Preußen ein oft üblicher Laufbahn-Beginn.

Am 7.10.1883 verlobte sich Wistuba in Ober-Stephansdorf Kreis Neumarkt (Regierungsbezirk Breslau) mit der einzigen Tochter Marie Emilie Hedwig des Wirtschaftsinspektors Friedrich Bethge und dessen Ehefrau Emilie. Am 12.5.1884 heirateten dann die beiden. Zu dieser Zeit war Karl Wistuba weiter Diätar, seine Frau „ohne besonderes Gewerbe“, wie es auf der Heiratsurkunde stand. In den Jahren 1885 und 1887 stellte sich Nachwuchs ein, die Söhne Kurt und Ernst wurden geboren. Karl Wistuba und Ehefrau wohnten 1887 in der Kreisstadt Sorau. Als Berufsangabe ist unverändert (Eisenbahn-Stations-) Diätar überliefert.

Im Zeitraum v. 1.4.1895 – 30.3.1898 hatte Wistuba wohl eine planmäßige Anstellung (als Bahnhofsvorsteher?) in Finkenheerd bei Frankfurt/O. Auf einem Foto aus dieser Zeit sind unter der Bahnhofsangabe „Finkenheerd.“ (mit Punkt!) noch Entfernungsangaben von Breslau ( 235,7 km*) und Berlin (91,7 km) angegeben. Der Bahnhof hatte sogar Wartesäle für Reisende 1. und 2. Klasse einerseits und solche der 3. und 4. Klasse andererseits.

Von Finkenheerd aus wurde Wistuba zum Berliner Nordbahnhof versetzt, der sich in der Bernauer Str. 51 – 64 (zwischen Schwedter Straße und Wolliner Straße) befand. Hier war er Stations-Vorsteher II. Klasse bis zum Jahre 1901.

Der Tätigkeit in Berlin N folgten dann viele Jahre auf dem Bahnhof Tegel. Auf der erst am 1.10.1893 eingeweihten Nebenbahn in Richtung Velten und Kremmen endeten Züge auch in Tegel. Bis hierher galt zunächst nur der Vororttarif. Auf dem Bahnhof Tegel war (zumindest 1897/99) der Stations-Vorstand H. Dohrmann tätig, gefolgt (1899/1901) von H. Bartels. Als im Laufe des Jahres 1901 Karl Wistuba seinen Vorgänger im Amt ablöste, bedeutete dies für die Zukunft eine langfristige Besetzung der Stelle. Am 31.10.1908 wurde am Tegeler Hafen die Industriebahn Tegel – Friedrichsfelde eingeweiht. Zu den Festteilnehmern gehörten der Eisenbahnminister, der Oberpräsident der Provinz Brandenburg, die Landräte der Kreise Niederbarnim und Teltow, die Amts- und Gemeindevorsteher der östlichen und nördlichen Berliner Vororte, Berlins Oberbürgermeister Kirschner und (vermutlich) auch Tegels Bahnhofsvorsteher Karl Wistuba. Dessen Teilnahme ist zwar nirgends erwähnt, doch ein Foto von diesem Ereignis, das sich in seinem Besitz befand, lässt diesen Rückschluss zu.

Ein Foto aus dem Jahre 1913 zeigt, dass in Tegel unter der Leitung von Wistuba 17 (!) Bahnbeschäftigte vom Fahrkartenverkäufer über den Gepäckabfertiger bis zum Arbeiter auf dem Güterbahnhof angestellt waren. Vom 1.10.1910 an wurde dann die Nebenbahnstrecke Schönholz – Velten als Hauptbahn betrieben.

Im Jahre 1916 endete im 69. Lebensjahr (!) Wistubas Berufstätigkeit. Dies bedeutete für ihn auch, die Dienstwohnung (mit „Dienstgarten“) auf dem Bahnhofsgelände zu verlassen. Doch er blieb in Tegel, zog in die Veitstraße und damit in unmittelbare Nähe der Wohnung seines Sohnes Kurt, der (1918) Studien-Assessor und zuletzt Studienrat war. Karl Wistuba war es nicht vergönnt, einen langen Ruhestand zu genießen. Er verstarb am zweiten Weihnachtsfeiertag 1917.

Auf dem Bahnhof Tegel aber wurde G. Litschen als Bahnhofsvorsteher Nachfolger von Wistuba.

Gerhard Völzmann

* Die Entfernungsangabe auf dem Foto ist nicht eindeutig zu lesen. Nach einem Bericht der Eisenbahn von 1872 betrug die Strecke Breslau, Niederschlesischer Bahnhof, bis Finkenheerd 266,35 km.

   

Ein Stück Tegel unter den Füßen

sperber3Der Berliner liebt seinen Kiez; so auch der Tegeler. Und selbst am Wannsee träumt er vom Tegeler See. Welch Glück, dass er auch dort in gewisser Wei se Tegeler Boden betreten kann. Er braucht dazu nur mit dem Motorschiff „Sperber“ der Sternund Kreisschiffahrt eine Rundfahrt zu machen.

Der „Sperber“ wurde 1907 als Dampfer auf der Klawitter Werft in Danzig mit der Baunummer 322 erbaut und gehörte der Spandauer Dampfschiffahrts- Gesellschaft für Oberhavel und Tegeler See. Gleichzeitig entstand auf dersel ben Werft sein Schwesterschiff „Falke“. Beide Dampfer waren 26 m lang und 5,25 m breit und für 287 Personen zugelassen. Die Compound Maschine leis tete 125 PS und trieb zwei Schrauben an. Als Baupreis wurden je Einheit 58000 Mark genannt. Wie damals üblich, wurde das Schiff mit einem durch gehenden Deck erbaut, auf dem Bänke für die Fahrgäste standen. Als Dach diente eine Persenning. Unter Deck gab es vorn und hinten je einen Fahrgas traum. In der Mitte befand sich die Maschine.

Schon wenige Wochen nach seinen ersten Einsätzen wechselte das Schiff seinen Besitzer, da die gesamte Reederei mit all ihren Schiffen, Anlegestellen und weiteren Werten von der Spree- Havel-Dampfer Schiffahrtsgesellschaft Stern (SHDG Stern) erworben wurde. Zuerst änderte sich nichts an der Fahrtroute. Der Dampfer wurde bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges weiter hauptsächlich auf der Linie Tegel – Tegelort – Heiligensee eingesetzt.

sperber2Bis 1927 fuhr das Schiff im Originalzustand, dann wurde die Persenning durch ein festes Dach ersetzt. Auch wurde der Maschinenraum über Deck verkleidet und der Schornstein erneuert. 1930 fand eine Überholung auf der Tegelorter Werft statt. Das Schiff gehörte immer der „Stern“ Reederei; allerdings änderten sich der Name der Reederei und deren Besitzverhältnisse. Aus der SHDG Stern wurde zusammen mit der Teltower Kreisschiffahrt – ein Betrieb der Teltow-Kanal AG (TAG) – 1934 die Stern- und Kreis schiffahrt. Bis zum Krieg 1939 befuhr es die Oberhavel. Während des Krieges wurde die Fahrgastschifffahrt eingestellt. Das Schiff konnte aber als Schlepper weiterhin eingesetzt werden, da Kohle für den Antrieb noch vorhanden war. Motorschiffe waren während des Krieges nicht in Betrieb, da der Treibstoff ausschließlich militärisch genutzt wurde.

Bei einem Fliegerangriff am 2. Dezember 1943 wurde der „Sperber“ schwer getroffen. Nach einer provisorischen Reparatur konnte er ab April 1944 wie der als Schlepper ein gesetzt werden, bis er im Feb ruar 1945 wegen Kessel schaden ausfiel. Bis 1949, nach Ende der Blockade, lag das Schiff auf der Teltow-Werft und konnte nicht eingesetzt werden. Dies erwies sich durchaus als Vorteil, da er nicht wie alle anderen Schiffe der Reederei an die sowjetischen bzw. ostzonalen Organe abgegeben werden musste.

Nach der Blockade konnte man mit dem Wiederaufbau des Schiffes begin nen. Im Mai 1951 wurde es auf der Teltow-Werft mit einem hölzernen Mittel aufbau und einem kleinen Sonnendeck versehen. Das Einsatzgebiet des Schiffes war nun allerdings nicht mehr der Tegeler See, sondern der Wannsee, da die sich im Wiederaufbau befindliche Reederei bis 1953 nicht auf dem Tegeler See präsent war. Nach Konsolidierung der Reederei konnte wieder eine Linie mit dem „Sperber“ nach Tegel eingerichtet werden. Doch schon vorher gab es einige Rundfahrten ohne Halt nach Tegel.

Bei einem erneuten Umbau – ebenfalls auf der Teltow-Werft der TAG – in den Jahren 1953/54 veränderte der Dampfer sein Aussehen. Die Aufbauten wurden völlig geschlossen und der Bug dem Zeitgeschmack angepasst. Das Schiff wuchs dadurch um einen Meter auf insgesamt 27 m Länge. Der Innenausbau erfolgte auf der Betriebsstelle Beelitzhof.

1958 kam der „Sperber“ in die Schlagzeilen der Tagespresse, als er bei Gatow ein Segelboot rammte. Dabei stürzte der Mast des Seglers um und durchschlug ein Fenster. Zwei Fahrgäste wurden leicht verletzt. Erst an der Freibrücke kam der „Sperber“ zum Stehen. Beim Schiffsführer (Kapitäne gibt es nur auf hoher See) wurde Trunkenheit am Steuerrad festgestellt. Daraufhin enthob die Reederei ihn des Postens, wodurch die Reederei gleichzeitig auch ihren Betriebsratsvorsitzenden verlor.

Probleme mit dem Dampfkessel beendeten im Jahre 1963 vorerst die Karriere des Schiffes. Es gab viele Pläne, das Schiff umzubauen; mindestens acht mögliche Bauvarianten waren im Gespräch. Am 3. April 1968 kam der „Sper ber“ wieder in Fahrt. Er war nun 11 m länger und als Motorschiff mit einem 307 PS starken Dieselmotor versehen. Der alte Bug, „Europasteven“ genannt, wurde beibehalten. Auch innen wurde viel verändert, so dass nun 300 Fahrgäste Platz fanden. Nach diesen umfangreichen Umbauten wurde der „Sperber“ nur noch auf der Linie 1, Wannsee – Glienicker Brücke, eingesetzt und musste sich endgültig von Tegel verabschieden.

postkarteEine besondere Ehre wurde dem Schiff zuteil, als es auf einer Briefmarke verewigt wurde, die 1975 von der Berliner Landespostdirektion herausgegeben wurde. Der 75. Geburtstag 1982 wurde mit einer Zehlendorfer Seniorengruppe, die zu einer Gratisfahrt eingeladen wurde, begangen. Noch heute, nun immerhin 110 Jahre alt, tut das Schiff als heimlicher Botschafter Tegels seinen Dienst. Der „Sperber“ ist eines der wenigen Schiffe in Berlin, das im Laufe der vielen Jahre seinen Namen nicht änderte.

sperberAls Tegeler muss man natürlich nicht erst zum Wannsee fahren, um eine Dampferfahrt zu machen. Die Schiffe „Feengrotte“, „Berlin“ und „Reinickendorf“ sowie die Schiffe der Stern und Kreisschiffahrt liegen an der Greenwich promenade zur Rundfahrt auf dem Tegeler See und der Havel sowie zu weiter entfernten Zielen bereit.

 

Manfred Bluhm 2016

 

 

Eine Lustfahrt nach Tegel anno 1793

Schmidt von WerneuchenFriedrich Wilhelm August Schmidt, geb. 23.3.1764 in Fahrland, verst. 26.4.1838 in Werneuchen, besser bekannt als Schmidt von Werneuchen, besuchte in Berlin das Gymnasium zum Grauen Kloster und studierte in Halle/Saale Theologie. Anschließend war er zunächst Geistlicher am Berliner Invalidenhaus und ab 1795 Pfarrer in Werneuchen. Ab 1787 veröffentlichte Schmidt Gedichte, in denen er seine Begeisterung vom Leben auf dem Lande zum Ausdruck brachte. Andere Schriftsteller äußerten sich zwiespältig über seine Werke.
Im „Almanach romantisch-ländlicher Gemählde für 1799“ finden wir gleich zwei Beiträge Schmidts über seine Besuche in Tegel. Ein Gedicht trägt die Überschrift „Der Kirchhof zu Tegel“. Das Gedicht von einer Fahrt nach Tegel im Jahre 1793 lesen wir nachfolgend.

Einladung zu einer Lustfahrt nach Tegel *)
An Herrn Regimentsquartiermeister und Auditeur Knüppel in Berlin.
(Abends im Juny 1793.)

Soll im Ernst, mein Lieber, in dem dumpfen
Arbeitsstübchen, vor dem Aktenschrank,
Frohsinn und Gesundheit dir verschrumpfen?
O! zerbrich einmal der Lage Zwang!
Morgen soll ein kleiner Bauerwagen
Früh um Fünf uns durch den Jungfernhain
Nach dem wunderschönen Tegel tragen:
Schlechterdings mußt du Gefährte seyn!

Von des Auslands Pflanzen und Gebüschen  
Säumt dein Gärtner zwar im Sommer nie
Dieß und Jenes, Freund, dir aufzutischen:
Manche Gruppen von Orangerie
Auszustellen in bemalten Kasten,
Rein zu schaufeln jeden Gartensteig.
Dennoch muß dein Herz, das fürcht´ ich, fasten;
Denn Natur allein bleibt groß und reich.

Anders ziehn in Tegels Paradiese
Feld und See dich an und wilder Park;
Ja! der Weinberg dort ist schon ein Riese
Gegen andre Berg´ in unsrer Mark.
Hier zu Lande kam dir wohl, ich wette!
Solche Landschaft selten zu Gesicht.
Nur vergiß, das bitt´ ich, die Lorgnette,
Und die frohe, heitre Laune nicht.

Morgen, statt des Kochs verwürzte Speisen,
Gnüge dir ein ländlich Mittagsmahl;
Ärmlich soll´s nicht seyn: aus seinen Reusen
Holt der Fischer uns den besten Aal;
Ihren fettsten Puter uns zu köpfen
Weigert sich die flinke Wirthin nicht;
Wilde Erdbeer´n bringen uns in Töpfen
Auch die Kinder gern zum Nachgericht.

Bauerbrod, und frische gelbe Butter
Soll uns mehr, als Wienertort´, erfreu´n.
Aber freilich, Freund! Ein Flaschenfutter,
Wohlgefüllt, muß unsre Sorge seyn!
Brunnenschwengel, Hahn und Glucke stimmen
Ein Terzett uns bei der Tafel an.
Und des Weinbergs schrägen Hang erklimmen
Wir vergnügt mit Weib und Kindern dann.

Dort wird Halt gemacht an jener Stelle,
Wo im Kreise blauer Flieder blüht,
Wo dein Auge Spandau´s Citadelle
Mit dem Thurm im Hintergrunde sieht.
Vorn den langen See, voll weißer Täubchen
Links des Schlosses Dach, mit Blei gedeckt.
Neben uns vielleicht im grünen Leibchen **)
Auch die Gärtnerfrau, die Samen steckt.

Über langgestreckte Gerstenhufen
Hören dort, aus Nadelholz hervor,
Wir gewiß den fernen Kuckuck rufen,
Und den Kranich schrei´n im Wiesenrohr.
Hat die das behagt, so geht’s bergunter,
Um der Thäler Schönheit nah´ zu seh;
Aber ungern nimmst du Abschied, unter
Lautem Ausruf: o! Wie schön! Wie schön!

Müde sinkt mein Weib, beim Schlag der Wachtel,
Unten hin auf weichen Rasenhang,
Und wir sammeln Raupen in die Schachtel,
Oder Heidelbeer´n, den Rain entlang.
Während neben uns die Feld-Cikade
Im zerkerbten Farrenkraute singt,
Schlendern froh wir nach dem Seegestade,
Wo aus Furcht der Frosch ins Wasser springt.

Welch Naturgemälde! Wunderdinge
Bannen hier auf einem Fleck dich fest:
Dort des Schilfes lange grüne Klinge,
Wasserliljen hier, von Schaum benäßt,
Fern der Kohlenschiffe leichte Wimpel,
In der Näh´ ein angepfähltes Floß,
Und zur Seite Wasserspaz und Gimpel,
Grüßend uns auf jungem Elsensproß. –

Doch des Gasthofs Schornsteinwolken winken
Von dem einsam schönen Zauberort,
Der Levante schwarzen Trank zu trinken,
Leider! Viel zu früh uns wieder fort,
Herrlich kühlt die Laube von Ebreschen,
Nun die Wandrer mit bestäubtem Schuh;
Während Bauern in der Scheune drösche,
Und im Stalle brüllen Stier und Kuh.

Zu der Nachtigallen Lustakkorden
Blöken, bei der Rückfahrt über Feld,
Lämmer uns entgegen aus den Horden,
Wo der Fix des Schäfers Wache hält.
Aus den Thaugewölken, licht und wollig,
Lauscht der Vollmond o! So glau hervor,
Und der Frösche Völkchen schwatzt so drollig
Zwischen Pferdemünz und Kolbenrohr.

Alle diese ländlich netten Sachen
Sollst du morgen hören, morgen sehn;
Aber lange mußt du heut nicht wachen,
Um bei Zeiten wieder aufzustehn.
Immer war ich des Kalenders Spötter;
Doch von morgen spricht er mit Verstand:
Morgen, er hat Recht, ist schönes Wetter,
denn das Abendroth zieht über Land. ***)

                       kringel

Schmidts schwärmerisches Gedicht vermittelt schon eine Vorstellung, wie es wohl im ausgehenden 18. Jahrhundert in Tegel aussah. Der Weinberg wurde in den Versen als Riesenberg bezeichnet, Kinder fanden (wohl in Dorfnähe) noch wild wachsende Erdbeeren, das Dach des Schlösschens war mit Blei gedeckt, auf der Havel waren bereits Kohlenschiffe zu sehen. Die schon zu dieser Zeit viel-hundertjährigen Bäume im Schlosspark und an der Malche (man denke nur an jene Eiche, die von den Humboldt-Brüdern „Dicke Marie“ genannt wurde) erwähnte Schmidt von Werneuchen allerdings nicht.

Übrigens wurden 1783 im Dorf Tegel nebst dem Schlösschen 209 „Seelen“ gezählt. Wie sich bis zu diesem Zeitpunkt die Einwohnerzahl änderte, zeigt folgende Statistik:

 

Gebohrne“

Gestorbene

Copulirte“

Von 1746 bis 1755

54

30

20 Paar

– 1756 – 1765

41

41

13

– 1766 – 1775

62

51

19

– 1776 – 1783

76

63

21

 

Daß die Anzahl der Gebohrnen und Gestorbenen in den letzten 18 Jahren merklich zugenommen hat, kommt von dem neuen Anbau bey dem Schlößchen her“, so ein Chronist im Jahre 1785.

__________________

*) Einem Dorfe bei Berlin.
**) In anderen Gegenden Deutschlands: Mieder.
***) Wenn nach untergegangner Sonne, der Wind die Wolken von Osten gegen Westen treibt; so sagt der Landmann: die Abendröthe zieht über Land , und verspricht sich für den folgenden Tag heiteres Wetter.

Ein Waldfest in Schulzendorf, das allen Teilnehmern in Erinnerung blieb

Schulzendorf? Wann bin ich dort wohl zuletzt gewesen? Dies mag der eine oder andere Leser dieser Zeilen sich fragen. Seit dem Bau der Bundesfernstraße und der Sperrung der Ruppiner Chaussee für den Durchgangsverkehr ist es hier ruhig geworden. Auch die traditionellen Ziele von Ausflüglern, die einstigen Gaststätten „Sommerlust“ und „Lindenhof“ mit Getränkeausschank Sommerfestund Sitzmöglichkeiten gegenüberliegend an der anderen Straßenseite, am Waldrand, gibt es nicht mehr. Doch nicht nur in den 1950er Jahren kehrten hier an schönen Tagen unzählige Besucher ein. Bereits im 19. Jahrhundert zog es sonntags trotz der Entfernung von über 1 ½ Meilen ab Oranienburger Tor viele Berliner nach Schulzendorf. So ist überliefert, dass im Juni 1857 der Berliner Domchor ein Gesangfest im Grünen veranstaltete, das tausende (!) Berliner bei gutem Wetter erfreute. Die Chaussee nach Tegel und weiter nach Schulzendorf war bis 7 Uhr abends mit hinausfahrende und bis nach Mitternacht mit zurückfahrenden Wagen „bedeckt“. Seit 1854 fuhr im Mai oder Juni jeden Jahres der „Verein der Berliner Künstler“ mit Ehefrauen und Kindern in Kremsern vom Oranienburger Tor aus nach Schulzendorf, um im Wald zu lagern und bei Kaffee und Bier ein Künstlerfest zu feiern. Seit 1868 konnten hier sogar Nicht-Mitglieder teilnehmen.

Vielleicht haben diese Feste Paul Lindau angeregt, 1881 seinen 42. Geburtstag im grünen Schulzendorf zu feiern. Doch wer war Paul Lindau? Lindau (geb. 3.6.1839, verst. 31.1.1919), der Philosophie und Literaturgeschichte studierte, wurde als Schriftsteller, Journalist und Theaterleiter bekannt. Von der Wochenschrift „Die Gegenwart“ über den Romanzyklus „Berlin“ mit den drei Bänden „Der Zug nach dem Westen“, „Arme Mädchen“ und „Spitzen“ sowie „Ausflüge ins Kriminalistische“ seien nur ganz wenige Werke genannt.

Sommerfest 2Lindau wollte seinen Geburtstag als einen „besonders solennen Actus“ feiern. Ein Waldfest sollte es werden. Alles sollte aufs Prächtigste arrangiert werden. Als „poesieumsponnene“ Waldecke wählte er Schulzendorf aus. In dem bei Tegel gelegenen Dorf, das trotz seines Namens nie ein Dorf im eigentlichen Sinne war, gab es einen „großen“ und einen „kleinen“ Gastwirt, d. h. einen von bedeutendem und einen von weniger bedeutendem Ruf. In der Überlieferung wurden die Namen der beiden Gastwirte nicht genannt. Doch bei dem „großen“ Wirt dürfte es sich um Gottlieb Wagner gehandelt haben. Über sein Restaurant schrieb das Niederbarnimer Kreisblatt am 28.4.1880 den abgebildeten kleinen Artikel. Lindau begab sich natürlich zu dem „großen“ Wirt und erklärte ihm, dass er am Folgetag (!) mit einer größeren Gesellschaft einen wichtigen Tag feiern wolle. Die Gesellschaft würde alle Konsumartikel wie Fleisch und Wein, ja bis zu den Erdbeeren hin selbst mitbringen. Er, der Wirt, hätte nur die „unwichtigen Ingredienzien“, insbesondere Bestecke, Gläser, Servietten, Eis (nur das zum Kühlen) und andere ungenießbare, aber erforderliche Dinge zu liefern. Für die ganze „chose“ sollte der Wirt seine Pauschalforderung nennen. Der Gastwirt dachte sicher, dass solch ein Gast nicht jeden Tag vorbeikommen würde. Er nannte einen derart hohen Betrag, der ausgereicht hätte, auch alle essbaren Bestandteile des Picknicks davon zu beschaffen. Höchst indigniert verließ Lindau die Schwelle des „großen“ (sprich: teuren) Gastwirts und ging zum „kleinen“. Der tat´s billiger, man wurde sich schnell handelseinig.

Am kommenden Nachmittag war auch in Schulzendorf schönes Wetter. Der Wind wehte nur schwach, der Himmel war wolkenlos und das Thermometer zeigte 19o C an. Ein richtiger Festzug traf ein, allen voran ein Spitzreiter in altdeutscher Tracht, gefolgt von einem Kremser mit Musik. Es schlossen dann der Gastgeber und seine Gäste an, zu denen Graf Wilhelm von Bismarck (Reichstagsabgeordneter und Sohn des Reichskanzlers), Graf Limburg-Stirum (Staatssekretär im Auswärtiges Amt), Legationsrat Lindau, Generalkonsul Landau, Herr von Schönthan (Dichter) und weitere zwei oder drei Dutzend zwar weniger berühmte, aber ebenfalls verdienstvolle Persönlichkeiten, teilweise in Begleitung ihrer „besseren Hälften“. Den Festzug beschloss ein geheimnis- und verheißungsvoll aussehender Wagen „Huster´scher Provenienz“1.

Sommerfest 3Der „kleine“ Gastwirt lieferte dem Proviantwagen seine Zutaten, eine poetische Waldecke wurde gefunden, Trompetenfanfaren signalisierten den Beginn des Picknicks. Dem Proviantwagen wurden zunächst einige Klappstühle entnommen, gepolsterte Fußschemel für die Damen folgten. Auch im Wald sollte nichts fehlen. Zur mitgebrachten kalten Küche gehörten gefüllte Poularden, Gänseleberpasteten, kostbare Fische in Gelee, Hummermayonnaise usw. Große Schüsseln mit Erdbeeren (zum Preis von 200 Mark, wie der Gastgeber versicherte!) wurden gereicht, Mosel- und Rheinweine angeboten, Champagnerkühler standen bereit, Bowlengläser erklangen. Witze waren schon zu hören, Toasts auf den Gastgeber wurden ausgesprochen.

Da nahte Ungemach in Gestalt des „großen“ Gastwirts, begleitet von zwei handfesten Hausknechten und „zwei recht unternehmend aussehenden Kötern“. Er forderte Lindau in kategorischer Weise auf, den Platz zu räumen, weil das Areal ihm gehören würde. Dem Geburtstagskind war das natürlich peinlich. Er nahm den Gastwirt zur Seite und flüsterte ihm zu, doch einen Skandal zu vermeiden, denn seine Gäste wären „Personen allerhöchsten Ranges“. „Was!“ schrie der erboste, sich geschädigt fühlende Wirt, „das wollen noble Leute sein und liegen hier im Grase und fressen wie die .….?“ Bei diesem Vergleich mit dem Tierreich sprangen die Damen von den Stühlen, die Herren postierten sich wie zu einer Schlachtlinie. Der Wirt verschwand, nicht ohne zu drohen, dass er gleich wiederkommen und zeigen würde, was eine Harke wäre.

Tatsächlich erschien er bald wieder, nun nicht nur in Hausknecht- und Hundebegleitung, sondern auch unter dem Schutz eines bewaffneten Landgendarmen. Er wiederholte den Vorwurf, dass die Gesellschaft auf seinem Grund und Boden feiern würde. Statt Personen von hohem Rang wären hier sicher Schwindler und „Schlemmer“. Nun wurde die Stimmung der Gesellschaft immer gereizter. Paul Lindau bat den Grafen von Bismarck, doch dem Gendarmen zu sagen, wer er sei. Den Landgendarmen umringten inzwischen andere Persönlichkeiten und forderten ihn auf, sie gegen die Beleidigungen des Wirtes zu schützen. Nun stellte sich von Bismarck dem Gendarmen vor und verlangte Schutz. „Und ich bin Graf Limburg-Stirum vom Auswärtigen Amt“, nannte jetzt auch dieser seinen Namen. „Das kann Jeder sagen“, ereiferte sich der Gastwirt, „beweisen Sie das!“ Nun wollte auch der Uniformierte Papiere darüber sehen, dass von Bismarck tatsächlich der sei, für den er sich ausgab. „Es ist gegen meine Gepflogenheiten, auf Landpartien Legitimationspapiere mitzunehmen“, erwiderte von Bismarck. „ Hier ist meine Karte, und wenn Ihnen diese nicht genügt, dann bringen Sie mir eine Vorladung vor Ihr Schulzenamt in meine Wohnung, Wilhelmstraße 76, Reichskanzlerpalais. Ich werde pünktlich erscheinen“. „Ich werde mich hüten“, war die klassische Antwort des Gendarmen, „und werde zu Bismarck´n gehen; da könnt´ ich schöne rausfliegen“. Hochgradig erregt verlangte dann noch Generalkonsul Landau die Bestrafung des Gastwirts wegen des Satzes „… über das Fressen wie die ….“

Nun entstanden Handgreiflichkeiten, die Hausknechte krempelten Ihre Ärmel hoch, die Hunde wurden von der Gesellschaft mit Stockschlägen mühsam abgewehrt. Dem Eingreifen des Gendarmen und seinem obrigkeitlichen Machtwort war es zu verdanken, dass eine Beschwichtigung eintrat. Auf Weisung verließ die Geburtstagsgesellschaft den Platz und setzte das Fest auf einem Areal fort, das zum Terrain des „kleinen“ Gastwirts gehörte.

Doch der Landgendarm hatte ein unruhiges Gewissen. Vielleicht ging ihm zudem durch den Kopf, dass er am heutigen Tag ungeachtet seines ja festgelegten Distrikts viel lieber Dienst im Dörfchen Tegel versehen hätte. Hier wurde bestimmt angenehmer gefeiert, und zwar die Einweihung der Pferdebahn durch geladene Gäste. So kehrte er jedenfalls nach Tegel zurück und berichtete dem „Ortsvorstand“2 über das Geschehene und insbesondere über jenen Mann, der unter Missbrauch eines hochangesehenen Namens sich als Wilhelm von Bismarck ausgab. Der „Ortsvorstand“ ahnte Unheil. Er kannte den Grafen und fürchtete, dass der Gendarm einen ungeheuerlichen Fehlgriff getan hatte. Beide gingen nach Schulzendorf, wo Wilhelm von Bismarck sogleich dem „Ortsvorstand“ entgegentrat. Damit waren die schlimmsten Befürchtungen des Herbeigeeilten noch übertroffen. Eine Flut von Vorwürfen ergoss sich über den Gendarmen. Die Gesellschaft aber war froh, dass sich die Angelegenheit aufgeklärt hatte. Sie nahm nun sogar den armen Gendarmen in Schutz und lud den Tegeler „Ortsvorstand“ ein, doch mit von der Partie zu sein. So endete die Geburtstagsfeier noch in Harmonie.

Paul Lindau wird mit Sicherheit nie wieder ein Picknick in einer lauschigen Waldecke veranstaltet haben, ohne vorher die Besitzverhältnisse des Terrains geklärt zu haben. Graf Wilhelm von Bismarck soll seinem Vater das Erlebte „als schätzbares Material zu einer Novelle zum Forstschutzgesetz“ unterbreitet haben. Für Paul Lindau könnte das Erlebnis Stoff für eine Novelle in einem Roman gewesen sein. Ob daraus aber wirklich gleich zwei ganz unterschiedliche Novellen entstanden sind, ist nicht bekannt.

Restaurateur Wagner aber soll fortan als „Grober Gottlieb“ bezeichnet worden sein.

Gerhard Völzmann


1 A. Huster war Hof-Tracteur (Garkoch, Speisewirt) Seiner Majestät des Kaisers und Königs und Koch auf Bestellung in Berlin W, Mohrenstraße 49.

2 Die Amtsbezeichnung wurde ungenau überliefert. Dadurch ist es nicht eindeutig, ob in Tegel der Gemeindevorsteher Ziekow oder aber der Amtsvorsteher Brunow – als Ortspolizeibehörde – gemeint war. Gendarmen unterstanden der unmittelbaren militärischen Aufsicht durch Gendarmerieoffiziere und Oberwachtmeister, waren mithin nicht den Ortspolizeibehörden unterstellt. Sie hatten aber Aufforderungen dieser Behörde zu befolgen.

Alexander von Humboldts Plan von einer Zuckerrohr-Plantage in Tegel

Wer sich in der Geschichte des Tegeler Gutes ein wenig auskennt, der wird bei der Erwähnung einer Plantage stets an die dortige Maulbeerbaumzucht denken. Die einstige königliche Domäne „Schlößchen und kleines Vorwerk Tegel“ ging am 23.1.1752 durch Erbpachtverschreibung an den Kammerdiener des Prinzen Ferdinand, Christian Ludwig Möhring über mit der ausdrücklichen Verpflichtung, 10.000 Maulbeerbäume anzupflanzen und die Plantagen natürlich auch zu unterhalten. Die Blätter dieser Bäume dienten den Seidenraupen als Futter, während aus deren Kokons Seidenfäden und nachfolgend Seidenstoffe gewonnen wurden. Schlechter Boden, Wildfraß und zu kleine Anbauflächen machten es Möhring und späteren Besitzern des Gutes unmöglich, den Kontrakt hinsichtlich der Maulbeerbäume zu erfüllen. Auch eine Minderung der Zahl der Bäume auf zuletzt nur noch 1.000 änderte nichts daran, dass der Kostenaufwand stets den Nutzen überstieg. Wilhelm von Humboldt, der nach dem Tod seiner Mutter und der Erbteilung mit seinem Bruder Alexander alleiniger Eigentümer des Gutes wurde, gelang schließlich 1803 durch Zahlung einer Ablösungssumme von 500 Talern eine Aufhebung der Verbindlichkeiten hinsichtlich des Unterhalts der Maulbeerbaum-Plantagen.

zuckerrohr tegelWeniger bekannt ist die Tatsache, dass auf dem Tegeler Gut auch der Versuch unternommen wurde, eine Zuckerrohr-Plantage anzulegen. Dies hätte dazu führen können, dass vor den Toren Berlins ein ganz neuer Industriezweig entstanden wäre. Doch dazu kam es nicht, wie nachfolgend etwas genauer geschildert wird.

Vor der Entdeckung und Gewinnung von Zucker aus Zuckerrüben war Rohrzucker ein kostspieliges Luxusgut für reichere Leute. Er wurde zumeist aus Westindien importiert. Sollte es nicht möglich sein, ihn auch in Deutschland herzustellen? Zu den Personen, die sich hierüber Gedanken machten, zählte nicht zuletzt Alexander von Humboldt. Er „widmete dem Zucker vorzügliche Aufmerksamkeit“ auf seinen Reisen, hieß es in einer Aufzeichnung. Bei einer großen Reise in die „amerikanischen Tropen“ hatte er „einen tiefen Eindruck“ von riesigen Zuckerrohrplantagen und auch von den enormen Einnahmen der dortigen Pflanzer erfahren. Wieder nach Tegel zurückgekehrt, bestellte von Humboldt eine Ladung junger Zuckerrohrpflanzen und zudem Samen. Auf dem Gut, dass im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts ja noch ihm zusammen mit seinem Bruder Wilhelm gehörte, richtete er eine regelrechte Plantage ein, deren Ernte dann einer neuen Zuckerfabrikation zugeführt werden sollte.

Doch das Vorhaben sollte sich schnell als eine Fehlinvestition erweisen, so sehr sich Alexander von Humboldt auch anstrengte und mit Sachverstand die Pflege betrieb. Die Schuldigen standen schnell fest. Es waren Hasen, die zu damaligen Zeiten in weitaus größerer Anzahl als heute in den Wäldern um Berlin herum lebten. Während das zur Familie der Süßgräser gehörende Gewächs anfangs prächtig gedieh, fanden Meister Lampe und seine zahlreichen Nachkommenschaften Gefallen an den süßen Trieben. Der Naturforscher, der ja auch kein Jäger war, verzweifelte schließlich an seinem Vorhaben.

Zum Teil zeitgleich geschah noch etwas anderes. Auf dem Gut in Kaulsdorf, ebenfalls nahe von Berlin, stellte der Chemiker Franz Karl Achard (1753 – 1821) nämlich im Stillen Versuche an, eine möglichst zuckerhaltige Rübe zu züchten. Hierzu ist zu bemerken, dass die Runkelrübe bisher nur als Schweinefutter Verwendung fand. Achard war zuvor ein Schüler von Andreas Sigmund Marggraf (1709 – 1782), der schon 1747 den Zuckergehalt der Runkelrübe entdeckt hatte. Über diese wissenschaftliche Feststellung hinaus geschah aber nichts. Insofern griff Achard „nur“ das auf, was ja Marggraf bereits erkannte. Er ging die praktische Seite der Züchtung einer zuckerhaltigeren Rübe an. Nach anfänglichen Misserfolgen und vielen Schwierigkeiten stellten sich die Versuche in Kaulsdorf, später Französisch Buchholz und Cunern, schließlich als Erfolg dar. Dadurch stand in der Umgebung von Berlin, auf den Versuchsfeldern von Kaulsdorf, praktisch die Wiege der deutschen Zuckerindustrie. Eine Gedenktafel in Kaulsdorf erinnert an Achard, Chemiker und Mitglied der Akademie der Wissenschaften, der durch seine Versuche die späteren Grundlagen der fabrikmäßigen Herstellung von Zucker schuf.

In diesem Zusammenhang ist zu bemerken, dass bis 1788 in Berlin und der Kurmark die Zuckersiederei der Firma Splittgerber (später Gebrüder Schickler) ein Monopol besaß. Der Große Kurfürst hatte nämlich die Gründung der ersten Zuckersiederei in Berlin mit viel Kapital unterstützt und zudem auf fremden Zucker 1 Groschen Steuer pro Pfund eingeführt. Friedrich Wilhelm II hob das Monopol auf. Neue Fabriken entstanden, so 1792 die von Rönnenkamp. Später entstand hieraus ein Aktien-Unternehmen, übrigens das erste in Berlin! Gegen dieses Unternehmen protestierten sowohl die Splittgerberschen Erben wie auch ein Fabrikant namens Jordan. Die erstgenannten Erben beriefen sich darauf, dass sie „auf dringendes Verlangen des Kurfürsten“ mit „ungeheurem“ Aufwand und viel „Wagung ihres ganzen Glückes“ die Raffinerie eingerichtet hatten. Jordan sah die Gefahr eines neuen Monopols durch eine kapitalstarke Aktiengesellschaft aufziehen. Tatsächlich ging der König auf die Bedenken ein und verbot die Übernahme der Rönnenkampschen Fabrik durch eine Aktiengesellschaft. Diese bezog sich wiederum auf ihre am 22.10.1793 erhaltene Konzession und drohte mit gerichtlichen Auseinandersetzungen. 1798 gab der König endlich unter einschränkenden Bedingungen nach. Er legte fest, dass es nur 320 Aktien á 250 Taler geben durfte. Nur Mitglieder der Kaufmannschaft der Material-Handlung durften sie erwerben. Die Fabrikation durfte auch nicht stärker werden, als sie einst von Schickler betrieben wurde. Das Aktien-Unternehmen trug den Namen Berlinische Zuckersiederei-Compagnie. Es wurde 1859 aufgelöst, nachdem es zuletzt mit einer „Unterbilanz“ von 16.000 Talern gearbeitet hatte. In den rund 67 Jahren des Firmen-Bestehens brachten die Aktien immerhin eine durchschnittliche Dividende von 19 Prozent. Selbst bei der Liquidation wurden noch 1.200 Taler pro Aktie ausgezahlt. Die Fabrik in der Holzmarktstraße 12 – 14 erwarben die Herren Schulze und Kahlbaum für 90.000 Taler.

Soweit unsere Betrachtungen über die Gewinnung von Zucker aus Runkelrüben, über die Alexander von Humboldts Plan einer Zuckerrohr-Plantage in Tegel in Vergessenheit geriet.