Ein Blick in das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts lässt die vielen Neuerungen und Veränderungen erkennen, die sich in Tegel zutrugen. Zu erwähnen sind u. a.

  • die Gründung einer freiwilligen Feuerwehr (1890),
  • die Eröffnung der Eisenbahn nach Kremmen mit einem Bahnhof in Tegel (1893),
  • die Erlangung der Selbstständigkeit der bisher zu Dalldorf gehörenden Kirchengemeinde (1894),
  • die Gründung der Freien Scholle in Berlin (1895),
  • der Bau und die Inbetriebnahme eines Gaswerkes (1896),
  • die Errichtung eines Kaiser-Wilhelm-Denkmals (1897),
  • der Bau einer Strafanstalt durch die Stadt Berlin, die Verlegung der Firma Borsig von Moabit nach Tegel, die Erweiterung des Rathauses, der Bau eines Wasserwerkes und die erstmalige Aufnahme der Einwohner der Gemeinde Tegel in das Berliner Adressbuch (1898) sowie
  • die Umstellung der Pferdestraßenbahn auf elektrischen Betrieb (1899).

Ende 1897 gab es in Tegel 25 Gaststätten. Eine von ihnen befand sich im Eckhaus Schlieperstraße 27 / Schöneberger Str. 63 (heutiger Medebacher Weg). Sie wurde von Heinrich Hanuschke betrieben. Einige Stationen seines Lebensweges soll der folgende kleine heimatkundliche Beitrag aufzeigen.

Restaurant Hanuschke

Abbildung aus dem Jahre 1905

Hanuschke erblickte am 9.9.1855 in Schlesien das Licht der Welt. Im Jahre 1871 meldete er sich als Freiwilliger bei den „braunen Husaren“, die in Ohlau / Schlesien stationiert und 1870 / 71 gegen Frankreich eingesetzt waren. Wann Hanuschke nach Tegel zog, ist nicht bekannt. Nach einer Tätigkeit als Kutscher auf dem Tegeler Gut machte er sich selbständig. Er beauftragte 1892 den Bauunternehmer H. Valtink aus der Schlieperstraße 31, das o. a. Eckhaus zu errichten. In dem Gebäude, das zu dieser Zeit das erste dreistöckige Wohnhaus in Tegel war, eröffnete er im Erdgeschoss eine Gastwirtschaft. Fortan war er „nicht mehr zu bewegen, unseren Ort auf längere Zeit zu verlassen“, wie einst eine Zeitung formulierte.

Als das Haus entstand, gab es in Tegel noch keine öffentliche Versorgung mit Gas für Leucht- und Kochzwecke. Vielmehr war es üblich, die Räume mit Petroleumleuchten auszustatten. 1896 änderte sich dies. Die Gemeinde Tegel hatte nämlich im März dem Unternehmer Karl Franke aus Bremen die Konzession zur Erbauung und zum Betrieb eines Gaswerkes erteilt. Bereits im November des Jahres war die Anlage betriebsbereit.

Kurz vor diesem Zeitpunkt hatte Restaurateur Hanuschke bei der Firma Borchardt zu Berlin eine eigene Gasanlage zum Preis von 400 Mark gekauft. Um die Kaufsumme aus heutiger Sicht einschätzen zu können, seien an dieser Stelle Durchschnitts-Lebensmittelpreise vom November 1897 genannt. Es kosteten jeweils 1 kg

– Essbutter 2,25 M.
– Schweinefleisch 1,38 M.
– Kalbfleisch 1,30 M.
– Weizenmehl 0,32 M.
– 1 Schock (60 Stück) Eier 4,27 M.

Mit der neu gekauften Anlage sollte Hanuschkes Lokal mit Acetylengas beleuchtet werden. Üblicherweise bestand eine kleine Anlage zur Erzeugung derartigen Gases aus einem sog. Doppelentwickler (Spülapparat), einem Reiniger, einem Gasbehälter, einem Druckregler sowie Wand- und Deckenlampen. Die Art der Beleuchtung schien ja durchaus eine Zukunft zu haben. Es gab schon ganze Ortschaften, die sich für Acetylengas entschieden hatten. So hatte auch im Dezember 1897 der Minister der öffentlichen Arbeiten die Königliche Eisenbahndirektion angewiesen, die Beleuchtung der Eisenbahnwagen mittels Acetylengas allgemein zur Einführung zu bringen.

Doch kaum hatte Hanuschke seine Gasanlage in Betrieb genommen, erhielt er eine Verfügung des Tegeler Amtsvorstehers, die ihm die Nutzung untersagte. Begründet wurde dies damit, dass von einer solchen Anlage erhebliche Nachteile für Nachbarn und Publikum ausgehen können. Nach der Reichsgewerbeordnung war eine besondere Konzessionierung erforderlich.

Der Gastwirt schaltete die Anlage ab, gab sie dem Lieferanten zurück und stellte diesem anheim, selbst die Konzession zu beantragen. Gleichzeitig verklagte er die Firma Borchardt vor der 8. Zivilkammer des Berliner Landgerichts I auf Rückgabe des Kaufpreises von 400 Mark.

Rechtsanwalt Dr. Werthauer vertrat Gastwirt Hanuschke. Er machte geltend, dass der Beklagte seinem Mandanten gesagt hatte, die Anlage koste nur 1 Pfg. pro Stunde und Flamme. Tatsächlich lagen die Kosten bei 5 Pfg. Die Firma Borchardt habe auch ausdrücklich gesagt, dass keine Genehmigung erforderlich sei. Rechtsanwalt Dr. Gennerich vertrat die Beklagte und bestritt beide Aussagen.

Das Speisezimmer der Gaststätte, 1907 mit Gasbeleuchtung.

Das Gericht trat in eine umfangreiche Beweisaufnahme ein. Nach Aussagen des Oberingenieurs Gerdes kostete bei einem Preis von 1 Mark für 1 Pfund Carbid eine Flamme etwa 10,5 Pfg. pro Stunde, bei größerem Verbrauch ca. 6 Pfg. Ingenieur Schülke kam gleichfalls zu der Feststellung, dass eine Flamme je nach Carbidpreis 4 – 6 bzw. 6 – 8,5 Pfg. kostete. Selbst bei kleinem Brenner seien es noch 1,5 – 2 Pfg. pro Stunde. Nun konnte sich zudem die Beklagte nicht mehr genau erinnern, ob beim Verkauf von einer Anmeldung oder einer Konzession der Anlage die Rede war. Im Ergebnis wurde die Firma Borchardt im Oktober 1897 verurteilt, die Kosten von 400 Mark zu erstatten und außerdem die erheblichen Prozesskosten zu übernehmen.

Es kann nur vermutet werden, dass Heinrich Hanuschke sich in der Folgezeit das Gas vom Tegeler Gaswerk liefern ließ. Übrigens hatte sich in dieser Zeit die Firma Martin Gülzow in Berlin SW darauf spezialisiert, Petroleum-Hängelampen zu Gaslampen umzuwandeln, ohne dabei die Lampen zu verändern. Gleichzeitig bemühte sich der Verband der Gast- und Schankwirte für Berlin und Umgebung darum, eine Preisermäßigung für das in Restaurationsräumen verbrauchte Gas zu erreichen. In Berlin kostete 1 Kubikmeter Gas für gewerbliche Zwecke 10 Pfg., während Gastwirte den Einheitspreis von 16 Pfg. zahlten. Die Bemühungen blieben ohne Erfolg.

Heinrich Hanuschke betrieb die Gastwirtschaft bis 1905, um sie dann an den Gastwirt F. Giersch zu übergeben. In der Folgezeit lebte er als Rentier bzw. Privatier, wie man damals sagte.

In einem Rückblick auf das Leben von Hanuschke dürfen seine Söhne Bruno und Willi nicht fehlen. Vater Heinrich hatte schon 1908 die Bedeutung des Flugwesens erkannt. Er stellte seinem Sohn Bruno (geb. 1892) Mittel zum Bau erster Flugzeuge zur Verfügung, die dieser zusammen mit Bruder Willi entsprechend einsetzte. Ersten Gleitflügen mit einem Sportflugzeug im heutigen Steinbergpark folgten Tätigkeiten auf dem 1909 eröffneten Flugplatz in Johannisthal. 1910 erhielt er eine Flugführererlaubnis. Er gründete den Hanuschke-Flugzeugbau sowie eine Fliegerschule. Bruno Hanuschke verstarb bereits 1922.

Mit seinem Denken und Handeln trug Heinrich Hanuschke, zunächst verspottet und verlacht, mit dazu bei, dass es einmal zu einem geregelten Luftverkehr kam. Er wurde auch Mitbegründer des Deutschen Luftflottenvereins, dessen Provinzialverband Brandenburg seine Geschäftsstelle in Pankow, Spandauer Str. 5 hatte. Hanuschke war zudem Mitglied des Männerchors von 1899, des Kirchenchors und 38 Jahre Mitglied des 1875 gegründeten Kriegervereins Tegel. Er hatte jederzeit ein warmes Herz für die Armen, schrieb eine Zeitung, als Heinrich Hanuschke im 73. Lebensjahr am 6.5.1928 verstarb. Die Beisetzung erfolgte am 10.5. um 15 Uhr auf dem Tegeler Friedhof. Pfarrer Beschoren hielt die Trauerandacht, zu der neben den Mitgliedern der kirchlichen Körperschaften auch die der bereits genannten Vereine gekommen waren. Gerhard Völzmann

 

„Dem im Belauf Tegel des Forstreviers Tegel, am Tegelschen See neu errichteten Förster-Etablissement ist die Benennung Försterei Tegel beigelegt worden, was wir mit dem Bemerken zur öffentlichen Kenntniß bringen, daß dadurch in den Communal- und polizeilichen Verhältnissen des Etablissements nichts geändert wird“.            

Nachzulesen ist diese am 30.3.1848 von der Königlichen Regierung zu Potsdam vorgenommene Veröffentlichung im Amtsblatt v. 7.4.1848. Der erste Bewohner des kleinen Fachwerkbaus mit Ziegeldach hieß Scholz. Er hatte hier zunächst eine „stationaire Hülfsaufseherstelle“ inne, die dann im Juni 1850 in eine Försterstelle umgewandelt wurde. Scholz war mithin der erste Förster, der „zu Tegelsee im Forstreviere Tegel“ tätig war. Vermutlich war er mit seinem Leben und seinem Beruf sehr zufrieden. Sonst hätte er sicher nicht 1851 der Kirche zu Heiligensee zur Anschaffung von drei Rohrstühlen drei Taler überwiesen, wie es im Amtsblatt vom 5. Dezember veröffentlicht wurde. Scholz wohnte 1858 mit acht weiteren Personen im Forsthaus Tegelsee. Bis wann er beruflich aktiv war, ist nicht bekannt. Erst im Teltower Kreisblatt v. 27.10.1895 wurde über ihn anlässlich seines Todes folgendes berichtet:

Eine auch in Berliner Kreisen weitbekannte Persönlichkeit, der alte Förster Scholz aus Tegelsee bei Tegel ist am Mittwoch Nachmittag zur letzten Ruhe bestattet. Den Berliner Ausflüglern wird der joviale alte Herr noch gut in Erinnerung sein; er erfreute sich, seines liebenswürdigen Wesens halber allgemeiner Werthschätzung  und wußte seinen Gästen den Aufenthalt in dem hübschen Forsthause so angenehm wie möglich zu machen. Die Herren schätzten ihn als gewandten Kartenspieler. Seit Jahren war er pensioniert und lebte in seiner hübschen Villa in Dalldorf. Trotz seiner hohen Jahre – er hat deren vierundachtzig erreicht – war er ungemein rüstig und hielt noch jedem Wetter stand. Den Kirchenbesuch versäumte er nie, wie er denn überhaupt außerordentlich gottesfürchtig war. Er hinterläßt zwei Söhne, von denen der eine gleichfalls Förster, der andere Baumeister ist. Die Beerdigung des Verstorbenen fand unter großer Betheiligung in Heiligensee statt.

Dem Forsthaus Tegelsee wollen wir nun einen Besuch abstatten, der uns in die schöne Sommerzeit des Jahres 1868 versetzen soll. Das Forsthaus wurde schon bald nach der Errichtung durch Berliner „Kultur-Pioniere“ entdeckt. Schnell gewann es trotz seiner abgeschiedenen Lage einen guten Ruf. Wegen seiner „trefflichen Eigenschaften“ blieben ihm die Berliner treu, wenn sie es einmal kennen gelernt hatten.

Der ortsunkundige Berliner begab sich zunächst vom Schlossgarten und der „Dicken Marie“ aus in Höhe der Malche „ins Ungewisse“ auf die Suche nach dem Forsthaus, um dann einem bequemen Fußweg zu folgen, der über Wiesen zum Wald führte. Aber auch eine sandige Fahrstraße war bereits vorhanden. Der Wald bestand aus einem Gemisch von Lärchen, Kiefern, Fichten, Linden, Ulmen und Ahorn. Zwischen den Stämmen entdeckte der Wanderer dichtes Unterholz, zu dem u. a. Haselsträucher gehörten. An der Fahrstraße war dann, halb verdeckt durch die Kronen von Obstbäumen, das Dach des Forsthauses zu sehen. Eine grüne dichte Hecke umfriedete das Gehöft, zu dem auch kleine Ställe und Scheunen gehörten. Wohl ein Dutzend Hunde vieler Rassen und Altersstufen waren nicht zu überhören.

Ein Hirschgeweih schmückte den Giebel des Forsthauses. Vor der Tür befand sich eine Vorlaube, von dichten Weinranken überschattet wie auch die Wände des Gebäudes. Auf einer Bank grüßten Förster Schulz (So der Zeitungsbericht. Oder war es vielmehr der oben erwähnte Förster Scholz?) und seine freundliche Frau die eintretenden Gäste. Im kleinen Garten standen wenige, bereits altersgraue Holztische sowie Bänke. Eine Linde wirkte fast wie ein breiter, wehender Schirm auf dem Terrain.

Das Forsthaus besaß keine Schankkonzession. Wenn Gäste eintrafen, die gar ein „Achtelfässchen“ (Bier) im Garten auflegten oder der kühlen Erde anvertrauten, verursachten dies keine scheelen Blicke eines Wirtes oder Kellners. Ja, selbst der mitgebrachte „Fresskorb“ von der Größe eines Marktkorbes konnte offen ausgepackt und sein Inhalt an hungrige Mäuler verteilt werden. Zu jeder Zeit konnten Familien Kaffee kochen. Zum „wirtschaftlichen Arsenal“ der „Frau Försterin“ gehörte nämlich ein ehrwürdiges riesiges Monument einer Bunzlauer Töpferei, welches etwa 80 Tassen in seinem ungeheuren Schoss aufnehmen konnte. Der Inhalt langte, um alle Berliner Ausflügler gleichzeitig bedienen zu können.
Von Jahr zu Jahr verfolgten die Berliner die Entwicklung der Anlage, zu denen ja auch, wie weiter oben erwähnt, viele Hunde gehörten. Zudem waren Katzen, Hühner und Gänse zu sehen. Zudem war eine tierische Ansiedlung ganz anderer Art im nächsten Umkreis des Forsthauses zu sehen, die hier nicht unerwähnt bleiben darf. In den Gipfeln der nahen Föhren nistete eine nach Hunderten zählende Kolonie von Reihern, eine „streng geschlossene stattliche Gesellschaft“, welche das ganze Stück des Uferwaldes bevölkerte. Es düngte natürlich von der Höhe aus den Waldboden unaufgefordert, zerstreute Federn und durchtönte mit Gekrächz und Geklapper die Luft.
Vom Forsthaus ist zudem überliefert, dass sich seit seiner „Entdeckung“ hier auch berühmte Gäste in heiterem Spiel und geistreicher Konversation aufhielten, ohne dass freilich Namen genannt wurden. Einzelne Personen verbrachten im Forsthaus wochenlang die Zeit mit Studium oder einsamer Arbeit. Eine „geschätzte heimische juristische Autorität“ soll im Kämmerchen des Giebels während eines Sommers an einem fachwissenschaftlichen Werk gearbeitet haben. Auch hier ist aber kein Name bekannt. Durch diese Persönlichkeit entstand eine Bezeichnung für das Forsthaus, die freilich nur der Stamm der eingeweihten Getreuen kannte und nannte: „Das Forsthaus zur vergleichenden Übersicht“.

1887 wurde durch Maurermeister Trampel aus Glienicke auf dem „Förster-Etablissement Tegelsee“ ein neues Stallgebäude errichtet, in dem Kühe, Schweine und Jungvieh Aufnahme fanden. Auch eine Tenne, eine Futterkammer sowie eine kleine Kammer für Knechte waren eingeplant.

Försterei TegelseeAb 01. April 1888 wurde Grußdorf, nach dem die ehem. Bahnhofstr. in Tegel benannt wurde, als Förster zum Forstrevier Tegelsee versetzt.

Ärger gab es, als 1890 Zimmermeister August Müller aus Tegel den Bau eines Wohnhauses auf dem Areal ausführte. Fuß-Gendarm Friedrich von der dritten Gendarmerie-Brigade hatte nämlich am 19.6. d. J. festgestellt, dass der Rohbau ohne baupolizeiliche Genehmigung ausgeführt wurde. Amtsvorsteher Brunow  „erlegte“ eine Geldstrafe von 5 Mark, ersatzweise 1 Tag Haft und forderte die Vorlage einer Bauzeichnung binnen 3 Tagen. August Müller kam dem natürlich umgehend nach. Die nachträgliche Genehmigung wurde nicht versagt. Doch es wurde auch festgestellt, dass der Neubau weiter als 1 m von dem nicht genügend breiten Weg Tegel – Scharfenberg bleiben müsste. Die forstfiskalische Verwaltung musste damit rechnen, evtl. den Weg auf der östlichen Seite zu verbreitern.

1890 befanden sich nun auf dem Hof der Försterei ein altes Wohnhaus von 1848, ein gerade neu erbautes, ein Schweinestall mit Pappdach, eine Fachwerk-Scheune, ein Stall mit massivem Ziegeldach, ein Pferdestall und ein Brunnen. Zum angrenzenden Garten gehörte ein kleines Backhaus. Es ist nicht überliefert, warum zu dem ja noch gar nicht so alten Wohnhaus ein zweites errichtet wurde, und wann der Abriss des Hauses aus dem Jahre 1848 erfolgte. Ungeachtet der baulichen Veränderungen konnten Ausflügler in das Forsthaus Tegelsee, aber auch Tegelgrund und andere einkehren und das mitgebrachte Kaffeemehl aufbrühen. Doch mit der Zeit befürchteten Gastwirte Einbußen und beschwerten sich. Dies führte zu einer Einstellung eines Brauches, der vielleicht einmal mit einem Glas Wasser als „Erste Hilfe“ begann. So unterrichte der Touristenklub für die Mark Brandenburg in seinen Monatsblättern die Mitglieder am 1.4.1905 wie folgt:
„Den Förstern in der Tegeler und Hermsdorfer Forst ist vom Minister das Verabreichen von Speisen und Getränken an Ausflügler gegen Entgelt untersagt worden. Besonders betroffen davon sind die Forsthäuser Tegelort und Tegelgrund“. Mit Tegelort war das Forsthaus Tegelsee gemeint.

Zum 1.9.1907 wurde in der Försterei Tegelsee eine Telegrafenhilfsstelle in Verbindung mit einer öffentlichen Fernsprechstelle eingerichtet.  In späterer Zeit waren in dem Haus als Förster tätig:

  • min. 1922 – 1928
  • 1929 – 1934
  • 1935 – 1937
  • 1937
  • 1938 – min. 1943
  • Paul Willner
  • keine Angabe
  • Karl Oertner
  • Joachim Gaede (Hilfsförster)
  • Artur Henke
  • min. 1922 – 1928
  • 1929 – 1934
  • 1935 – 1937
  • 1937
  • 1938 – min. 1943

Die Angaben wurden – soweit möglich – den Berliner Stadt-Adressbüchern entnommen. Die Revierförsterei Tegelsee des Forstamtes Tegel befindet sich unverändert am Schwarzen Weg. Am 27.4.2013 wurde am Försterweg unweit des Forsthauses ein Stein eingeweiht, der an die Namen der Förster von Tegelsee erinnert.

Der Verfasser dieses Beitrages dankt dem Revierförster, Herrn Mosch, für freundlich erteilte Auskünfte und Einsicht in alte Unterlagen. Abbildungsnachweis: Sammlungen des Verfassers und der Revierförsterei Tegelsee.

Gerhard Völzmann

Wer im Ortskern von Tegel einen Spaziergang unternimmt und dabei bewusst auf die Straßenbeleuchtung achtet, der wird schnell feststellen, dass in den Nebenstraßen zumeist Gaslaternen vorhanden sind. Sie sehen weitgehend einheitlich aus. Es sind sogenannte Gasaufsatzleuchten mit der historischen Typenbezeichnung BAMAG U 7, von denen in ganz Berlin noch 30700 vorhanden sind.

Gaslaterne

Dreiarmiger Mast mit Modellleuchten in Alt-Tegel. Am Sockel des Mastes die Angabe des Herstellers und die Jahreszahl 1975

Eindeutiger Blickfang sind jedoch ohne Zweifel in der Straße Alt-Tegel jene Laternen, die als Modellleuchten („Schinkelleuchten“) bezeichnet werden. Zwischen Berliner Straße und Treskowstraße fallen besonders die zwei- und dreiarmigen Maste auf. Bis zur Greenwichpromenade hin sind einzelne Modellleuchten vorhanden. Der aufmerksame Betrachter entdeckt im Sockelbereich der Maste Inschriften bekannter Eisengießereien wie C. Schoening, Berlin, Gebr. Barnewitz, Eisenwerk Lauchhammer  und Kelle & Hildebrandt, Dresden. Noch 1200 Modellleuchten stehen im gesamten Stadtgebiet von Berlin an markanten Orten.

Gaslaterne2

Gashängeleuchte in der Schloßstraße

Ein weiterer Gaslaternentyp, die Gashängeleuchte (3600 in ganz Berlin) befindet sich in der Tegeler Schloßstraße (Abbildung 3). Gerade einmal 4 dieser hohen Laternen mit ihren jeweils 9 Glühstrümpfen erinnern daran, dass die heutige kurze Sackgasse einst Teil einer viel befahrenen Ausfallstraße war. Letztlich werden die sog. Gasreihenleuchten (noch 7000 in Berlin) zu betrachten sein. Zu sehen sind sie zum Beispiel in der Bernstorffstraße. Insbesondere die Gasreihenleuchte in Kastenform erscheint nicht besonders formschön.

Soweit der Blick zu den nicht nur für Tegel typischen Gaslaternen. Wie allgemein bekannt, will die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Gaslaternen entfernen bzw. auf elektrische (LED-) Beleuchtung umrüsten. Hiergegen richten sich Unmut und Widerstand eines Teils der Bevölkerung.

Der folgende Abschnitt dieses Beitrags soll nun auf die Anfänge der Gasbeleuchtung in Berlin wie auch in Tegel, dass ja bis 1920 zum Kreis Niederbarnim gehörte, eingegangen werden. Allerdings können hier nicht alle Einzelheiten erwähnt werden.

In ihrer Ausgabe v. 20.9.1826 berichtet die Vossische Zeitung:

Gestern abend sahen wir zum ersten Male die schönste Straße der Hauptstadt, die Linden, im hellsten Schimmer der Gasbeleuchtung. Eine grosse Menge Neugieriger war durch dieses Schauspiel herbeigelockt worden, und alles schien überrascht. Heller haben wir selbst bei glänzenden Illuminationen die Linden nicht gesehen. Nicht in dürftigen Flämmchen, sondern in handbreiten Strömen schiesst das blendende Licht hervor, das so rein ist, dass man in einer Entfernung von 20 bis 25 Schritt einen Brief prächtig lesen kann.

Gaslaterne4

Werbung der Fa. Auer vom Juli 1896

Das Gas lieferte die englische Imperial-Gas-Association. Mit ihr hatte das Kgl. Ministerium des Innern am 21.4.1825 ohne Beteiligung der städtischen Behörden einen Vertrag abgeschlossen, nach dem alle öffentlichen Straßen und Plätze innerhalb der Ringmauern Berlins zu beleuchten waren. Der bekannteste (fünfarmige) Kandelaber  stand in der Mitte des Schlossplatzes „und eben so sehr zur Zierde desselben, als (er) zu genügender Erhellung dieser, sehr lebhaften, Gegend dient, ist nach einer Zeichnung des Geheimen Ober-Bau-Raths Schinkel ausgeführt und von gegossenem Eisen.“ Ab 1837 diente dieser Kandelaber als Nullpunkt für die Berechnung von Entfernungen in preußischen Meilen und Ruten auf den Chausseen.

Ohne auf Hintergründe einzugehen, sei nun berichtet, dass der Berliner Magistrat mittels Rescript des Königlichen Ministeriums vom 6.9.1844 darüber unterrichtet wurde, dass des Königs Majestät zu genehmigen geruhte, der Stadtgemeinde Berlin die öffentliche Beleuchtung mit Gas ab 1.1.1847 zu überlassen. Als die städtischen Gaswerke am Neujahrstag 1.1.1897 mit reichem Festschmuck ihr 50-jähriges Jubiläum feierten, waren schon 5 Gasbereitungs-Anstalten (Stralauer Platz, Gitschiner-, Müller- und Danziger Straße und in Schmargendorf) vorhanden. Drei Gasbehälter standen in der Fichte- und Augsburger Straße und am Koppenplatz.

Trotz der Größe der städtischen Gaswerke war die öffentliche Straßenbeleuchtung nicht zufriedenstellend. So lesen wir in einem Zeitungsbericht v. 7.7.1896:

Die auf dem Gebiete der Straßenbeleuchtung mit dem Gasglühlicht gemachten Versuche haben ein derart günstiges Ergebnis gehabt, daß die städtische Gasdeputation beschlossen hat, mit diesen Versuchen fortzufahren und insbesondere die Straßen der Friedrichstadt und des Hansaviertels mit Gasglühlicht – zunächst ebenfalls mit dem System Auer – zu beleuchten. Die Versuche haben zugleich die Thatsache ergeben, daß die neue Straßenbeleuchtung zu verhältnismäßig erheblichen Ersparnissen führen wird, welche sich noch erhöhen dürften, sobald das Bedienungspersonal die erforderliche Uebung erlangt hat.

Drei Monate später wurden dann tatsächlich die Querstraßen der Friedrichstraße, bisher recht dürftig beleuchtet, und das gesamte Hansaviertel mit Gasglühlicht versehen.

Gaslaterne5

Werbung aus dem Jahre 1895. Nachfolger der Deutschen Gasglühlicht AG wurde die Auergesellschaft

Im September 1896 hatte übrigens auch die Gemeinde Schöneberg die Einführung von Gasglühlicht für sämtliche Straßen des Ortes beschlossen.

Werfen wir nun einen Blick auf die Tegeler Straßenbeleuchtung bis zum Jahre 1896. Dem Niederbarnimer Kreisblatt v. 20.9.1876 war zu entnehmen, dass in Tegel „vor Kurzem“ eine Straßenbeleuchtung eingerichtet wurde. Wie viel Laternen aufgestellt wurden, ist nicht überliefert. Es war eine Petroleumbeleuchtung. Die Laternenmaste waren aus Holz. Die (unbekannte) Zahl der Laternen wurde vom Herbst 1889 bis Mitte Okt. 1890 um 25 Stück vermehrt. Zur Unterhaltung der Beleuchtung wurden in erster Linie die Einnahmen aus der Hundesteuer verwendet.
Am 3.3.1896 teilte der Tägliche Anzeiger für die Gemeinde Hermsdorf seinen Lesern folgendes mit:

Tegel. Am letzten Montag tagte hier die Gemeinde-Vertretung und wurde beschlossen, dem Unternehmer Karl Franke aus Bremen die Konzession zur Erbauung und zum Betriebe eines Gaswerkes für Tegel zu ertheilen. Mit dem Bau, zu dem der poli-zeiliche Konsenz nachgesucht ist, soll baldigst begonnen werden, sodaß das Gas-werk schon zum nächsten Winter in Betrieb gesetzt werden kann.

Am 14.4.1896 berichtete die Zeitung, dass die Gasanstalt bereits im Bau sei und zum 1.9. d. J. in Betrieb gesetzt werden soll. Der Bauplatz lag nordöstlich der Chaussee (Berliner Straße) dicht neben der neuen Borsigschen Fabrikanlage. Der Errichtung des Gaswerkes lag ein Vertrag zu Grunde, der am 13.3.1896 zwischen dem Bremer Carl Francke und dem Gemeinde-Vorstand Tegel abgeschlossen wurde. Der Kreis-Ausschuss  des  Kreises  Niederbarnim hatte ihn am 12.3.1896 den Beschlüssen der Gemeinde-Vertretung Tegels v. 24.2. und 10.3.1896 entsprechend genehmigt. Es lohnt sich, den Vertrag einmal näher anzusehen.

Gaslaterne6

Eine Petroleumlaterne im Schlossbezirk und eine Gaslaterne in der Berliner Straße

Danach übernahm Francke die Herstellung und den Betrieb einer Steinkohlengasanstalt nebst Straßenrohrnetz mit Laternen auf eigene Rechnung. Öffentliche Gebäude und Privatwohnungen waren mit Gas zu versorgen. Gas-Zuleitungen mussten bis 3 m hinter der Baufluchtlinie hergestellt werden. Der Vertrag hatte eine Laufzeit von 25 Jahren, gerechnet vom Tag des Beginns der öffentlichen Beleuchtung. Der Unternehmer verpflichtete sich, bis zum 1.4.1897 die Anlage zu vollenden und die vorgesehenen Straßen und Plätze mit Gas zu beleuchten. Für das Rohrleitungssystem mussten eiserne Röhren verwendet werden. § 7 Abs. 2 des Vertrages lautete: Wenn infolge eines Straßenauflaufes oder Tumultes Beschädigungen der öffentlichen Beleuchtungskörper vorkommen, soll die Gemeinde nach Maßgabe der gesetzlichen Bestimmungen zum Ersatz der Wiederherstellungskosten verpflichtet sein.

Als durchschnittliche Brennzeit jeder öffentlichen Laterne wurden 1500 Brennstunden festgelegt. Mindestens 200 Straßenlaternen waren geplant. Weniger als 2 Brenn-stunden je Laterne und Tag durften nicht verlangt werden. Laternen brannten damals nicht etwa vom Eintritt der Dämmerung bis zum Morgengrauen. Vielmehr richtete sich die Brennzeit im Wesentlichen nach einem jährlich zu erlassenden Brennkalender. Hierin wurden die Brennstunden, die „mit Sicherheit“ bestimmbar waren, eingetragen. Der Gemeinde-Vertretung war es freigestellt, Änderungen vorzunehmen. So konnte durchaus auch eine regelmäßige Nachtbeleuchtung einer beschränkten Anzahl von Laternen bestimmt werden, die dann von 11 Uhr abends bis zum Tagwerden leuchteten. Sämtliche Laternen mussten vertraglich spätestens 30 Minuten nach der vereinbarten Zeit angezündet sein. Anderenfalls musste Unternehmer Francke eine Konventionalstrafe von 10 Pf. pro Laterne zahlen. Ausnahmen galten nur bei mutwilliger Beschädigung, heftigem Sturm, Regen, Frost oder Schneetreiben, also bei Erschwernissen für den Laternenanzünder.
Zur Straßenbeleuchtung sollte nur Gasglühlicht von mindestens 30 Kerzen Stärke verwendet werden. Zudem sollte die Leuchtkraft des Gases bei 140 Liter Konsum im Argandbrenner pro Stunde gleich der Leuchtkraft von 14 Normalkerzen sein. Sollte der Unternehmer die Lichtstärke nicht erreichen, musste er ohne zusätzliche Vergütung die Gasmenge erhöhen. „Die bei der Fabrikation des Gases gewonnenen übelriechenden Produkte sind so aufzubewahren, dass sie der Umgebung weder schädlich noch lästig werden“, lautete § 15 a. a. O.

Natürlich war auch geregelt, welche Beträge Francke für seine Leistungen erhielt: 25 Mark waren für je 1000 Brennstunden einer Straßenlaterne zu zahlen. Ein Mehrverbrauch wurde entsprechend vergütet. 4 Pf. pro Brennstunde und Flamme fielen an, wenn einzelne Laternen außerhalb der üblichen Brennstunden betrieben wurden.

Für Privatpersonen sollte Leuchtgas nicht über 18 Pf. je Kubikmeter kosten, für Moto-ren, Heiz- und Kochgas nicht über 12 Pf. Dem Unternehmen war eine Anpassung des Privatgaspreises um 2 Pf. pro Kubikmeter zugestanden, wenn die Preise für „gute Gaskohlen“ den Normalsatz von 200 Mark pro 10 000 Kilo franko Gaswerk um ein Fünftel übersteigen sollten.

Carl Francke wurde vertraglich zugesichert, dass keinem anderen Unternehmen die Befugnis des Gasverkaufs erteilt werde. Dritte durften weder unter- noch oberirdisch Leitungen für Elektrizität legen und für eine Erleuchtung nutzen. Nach Ablauf des Vertrages war die Gemeinde Tegel befugt, diesen um jeweils 10 Jahre zu verlängern, musste dies aber 2 Jahre vorher kundtun. Im Falle einer Abstandnahme hiervon seitens der Gemeinde musste diese das Werk zur Hälfte des Tax- und Geschäftswertes kaufen.

Die Kaution, die Francke zur Erfüllung seiner Verpflichtungen hinterlegen musste, betrug 10 000 Mark. Wohl mit Bedacht stand im Vertrag abschließend: Sollte zum Betriebe des Gaswerks eine Aktiengesellschaft gebildet werden, dann behält sich die Gemeinde Tegel das Recht der Teilnahme an der Verwaltung der Aktiengesellschaft vor; ihr sind zu diesem Zwecke mindestens zweitausend Mark Aktien zum Nominalwert zuzuweisen und ein Vertreter der Gemeinde Tegel muß dem Aufsichtsrat mit Sitz und Stimme angehören.“ Tatsächlich trat Francke bereits am 24.4.1896 seine Rechte und Pflichten aus dem Vertrag an die Aktiengesellschaft Gaswerk Tegel ab.

Gaslaterne8Die Gasbereitungs- und Gasbewahranstalt wurde laut Verhandlung vom 13.11.1896 als errichtet und dem Betrieb übergeben festgestellt. Die Gasleitungsröhren waren gelegt, die Laternen aufgestellt. Die öffentliche Gasbeleuchtung in den Straßen Tegels begann jedoch tatsächlich am 10.11.1896, wie selbst das Teltower Kreisblatt berichtete. Der Vertrag v. 13.3.1896 bekam Gültigkeit bis zum 13.11.1921. In der Verhandlung wurde auch festgestellt, dass die Zahl der Straßenlaternen noch zu mehren sei, zudem waren noch einige Leitungen erforderlich. In der Folgezeit dehnte die Gaswerk Tegel AG ihre Gaslieferungen aus. So wurden Wittenau und Borsigwalde ab Oktober 1900, Waidmannslust ab Juli 1901, Hermsdorf ab August 1901 und Lübars ab Oktober 1905 mit Gas aus Tegel versorgt.

Gaslaterne9

Gasausatzleuchte in vielen Tegeler Nebenstraßen

Ein für den Ort sehr gefährlicher Brand ereignete sich 1911 in den Betriebswerkstätten des Gaswerkes, bei dem zwei Arbeiter ihr Leben verloren. Im ganzen Werk wütete ein Feuer. Es bestand die Gefahr, dass die Gasbehälter explodierten. Ursache war, dass aus einem kleinen Hahn des Gasreinigers fortgesetzt Gas ausströmte und sich zu einer Stichflamme entzündete. Der Reinigungsbehälter war bereits eingebeult. Drei mutige Feuerwehrleute, unter ihnen Brandinspektor Gläser, der damalige Leiter der Borsig-Feuerwehr, kletterten über den Reiniger auf das Dach und kühlten dort, großer Hitze ausgesetzt, durch einen Wasserstrahl die angegriffene Stelle des Behälter-Mantels. Sie konnten eine Explosion verhindern.

Nach der Eingemeindung Tegels zu Groß-Berlin (1.10.1920) wurden viele gemeindeeigene Versorgungsbetriebe stillgelegt, so auch die Gaswerk Tegel AG im Jahre 1921. Während der Gasbehälter abgerissen wurde, blieb das Wohnhaus (heute Ernststraße 3 a) erhalten.

Abschließend noch der Hinweis, dass die städtischen Gaswerke im Oktober 1905 ihr Werk VI auf Tegeler Gebiet in Betrieb nahmen.

Gerhard Völzmann

Es war eine Entscheidung mit Weitblick, als der Industrielle Franz Anton Egells am 7.5.1836 in Tegel Land kaufte, um bereits am 1.7. d. J. auf dem erworbenen Grundstück südöstlich des Tegeler Sees den Grundstein für eine Maschinenbauanstalt zu legen. Die Fabrik, vom Volksmund später Eisenhammer genannt, lag zwar unweit des in Richtung Hamburg führenden Handels-weges, doch dieser war damals nur von Berlin (Oranienburger Tor) bis zum Ende der heutigen Scharnweberstraße als Chaussee ausgebaut.

Germania Werft

Kran der Germania-Werft um 1900

Egells wollte jedoch ohnehin für den Transport der bis zu 400 Zentner schweren Teile nicht nur den Landweg benutzen. Vielmehr ließ er am Ufer des Tegeler Sees einen auf vier Ziegelsäulen ruhenden Kran errichten, mit dessen Hilfe Schiffe Rohmaterial anliefern und fertige Waren für den Transport auf dem Wasserweg in Empfang nehmen konnten. In der Zeitspanne von 1840 – 1850 entwickelte sich so auf dem See sowie auf der Oberhavel eine mit Dampfmaschinenkraft betriebene Frachtschifffahrt. Sie löste den Verkehr von Frachtkähnen ab, die sich durch das Setzen von Segeln oder durch Treideln nur langsam fortbewegten. Die Uferstrecke von Heiligensee bis zur Spitze von Tegelort wurde einst auch Treidelweg genannt.

Nur allmählich entstand dann nach einer Zahl von Jahren auf dem Tegeler See auch eine Personenschifffahrt. Sie diente nicht den reisenden Personen, sondern insbesondere den Berlinern, die das Vergnügen in der näheren Umgebung der Stadt suchten.  Noch waren es nicht die großen Ausflugsdampfer, die zwischen Spandau, Saatwinkel und Tegel verkehrten. Vielmehr waren Kähne und Gondeln im Einsatz. Ihre Nutzung zum Personen-Transport innerhalb des Wasser-Polizei-Bezirks des Königlichen Rentamts zu Spandau regelte eine am 28.2.1857 erlassene Polizei-Verordnung, die wir uns näher ansehen wollen.

Wer Kähne zu jedermanns Gebrauch bereithielt, benötigte eine polizeiliche Erlaubnis. Die Kähne und Gondeln mussten vorab geprüft werden hinsichtlich Tragfähigkeit, zweckentsprechender Einrichtung, Angabe einer Nummer und der Zahl der aufzunehmenden Personen. Als öffentliche Stand- und Landungsplätze waren in Spandau das rechte Ufer der Oberhavel zwischen Damm und Schleusenbrücke, in Saatwinkel das Havelufer und bei Tegel das Ufer des Sees festgelegt. Der Inhaber der Erlaubnis zum Bereithalten der Kähne war gehalten, diese mit zuverlässigen und geschäftskundigen Führern zu besetzen. Es war erstaunlich, dass für die Kahnführer nur ein Mindestalter von 16 Jahren gefordert wurde. Sie mussten mithin trotz ihrer doch verantwortungsvollen Tätigkeit nicht einmal volljährig sein. Allerdings war beim Königlichen Rentamt vorab eine Vorstellung zur Prüfung ihrer Qualifikation erforderlich. Erst dann erhielten sie den Erlaubnisschein, als Kahnführer fungieren zu dürfen. Sie hatten sich stets „eines anständigen Betragens zu befleißigen, sich reinlich und ordentlich zu kleiden, ihre Fahrzeuge fortdauernd in gutem und brauchbarem Zustande stets reinlich und trocken zu erhalten, dieselben beim Fahren vorsichtig zu leiten und sich dabei des Tabacksrauchens zu enthalten.“  Die Polizei-Vorschrift enthielt auch einen „Tarif zur Erhebung des Personengeldes für die im Bezirk des Rentamtes Spandau Behufs der Personen-Beförderung aufzustellenden Kähne“, nach dem u. a. pro Person zu zahlen waren:

Für die Fahrt von Spandau nach Saatwinkel oder zurück         2 Sgr. 6 Pf.
Für die Fahrt von Saatwinkel nach Tegel oder umgekehrt        2 Sgr. 6 Pf.

Führer von großen Kähnen für mehr als 14 Personen mussten nach Aufnahme der 10. Person sogleich abfahren. Wünschten weniger als 10 Personen eine sofortige Abfahrt, mussten sie den Preis für 10 Personen entrichten. Entsprechendes galt für kleinere Kähne, wenn weniger als 6 Personen nicht mehr warten wollten. Es konnten zudem Spazierfahrten zu Wasser vereinbart werden. Hierfür waren je Stunde der Hin- und Rückfahrt wie auch für das Warten für große Kähne mit 2 Fahrleuten 15 Sgr. und für kleine Kähne mit einem Führer 7 Sgr. 6 Pf. zu entrichten.

Um den Wert einer Kahnfahrt im Jahre 1857 zu verdeutlichen, seien hier vergleichend drei Lebensmittelpreise genannt. So kosteten: 1 Matjes-Hering 9 Pf., 1 Pfund frische Butter 7 – 8 Sgr. und 1 Pfd. „Dampf-Caffee“ 8 – 10 Sgr.

Die Polizei-Verordnung wurde am 4.3.1876 neu gefasst. Statt von Kähnen war nun von „Böten“ die Rede, der Tarif auf der Havel von dem Dorfe Cladow bis zum Dorfe Tegel jetzt in Mark und Pfennig angegeben. Es wurde auch zwischen Tagesfahrten (7 Uhr morgens bis 10 Uhr abends) und Nachtfahrten unterschieden. So kostete danach z. B. eine Fahrt von Saatwinkel nach Tegel oder umgekehrt tagsüber 25 Pf. und nachts 50 Pf. pro Person.

Zumindest im Sommer der Jahre 1859 und 1860 unternahm ein Dampfboot von Berlin aus mehrere Vergnügungsfahrten nach Saatwinkel.  Es trug den Namen „Marie Luise“ und stammte aus der Fabrik von E.C.T. Hoppe, „Mechanikus, Maschinenbau-Anstalt, Eisengießerei-Besitzer und Dampfkesselfabrik“ in der Gartenstr. 9. Als die „Marie Luise“ am Vormittag des 7.8.1859 die Fahrt beginnen wollte, stürzte der Bootsmann bei der Wegnahme der Fallbrücke vom Schiff so auf die Schalungsmauer, dass er sich innerlich verletzte und zurückbleiben musste. Ein ganz anderer Zwischenfall trug sich im Mai 1860 zu. Auf seiner Fahrt nach Saatwinkel durchfuhr der bei Hoppe gebaute Dampfer auch jenen (Berlin-Spandauer Schiffahrts-) Kanal, der zur Havel führt.  An der Mündung des Kanals in den Tegeler See befand sich ein sog. Segelbaum-Kran.

Hier musste jeder Führer eines mit einem Mast versehenen Schiffes zum Einsetzen oder Ausheben desselben anlegen. Die Höhe der Abgabe richtete sich nach dem Tarif v. 27.3.1860. Je nach Tragfähigkeit des Schiffes waren zwischen 2 und 5 Sgr. für Tragfähigkeiten zwischen 200 und 1200 Ctr. zu bezahlen. Die vom Kranmeister ausgehändigte Blechmarke mit der Inschrift B.S.C. war dann bei der Steuer-Expedition an der Schleuse in Plötzensee abzugeben. Erst viel später durfte der Kanal offiziell von Dampfschiffen befahren werden. Jeder Dampfer durfte zwei Kähne schleppen. Die Fahrgeschwindigkeit war auf 7,5 km in der Stunde begrenzt. Diese Nachricht datierte vom August 1891.

Für das Dampfboot  galt der Tarif von 1860 nicht. Bei der abendlichen Rückfahrt der „Marie Luise“ zeigten sich die übrigen Schiffer so ergrimmt über die Ausnahme, dass sie von ihren Booten aus mit Steinen und Kohlen auf den Vergnügungsdampfer warfen und deren Fahrgäste in erheblichen Schrecken versetzten. Ein auf dem Dampfboot anwesender Schutzmann ließ dieses sofort stoppen und die Kähne, von denen aus geworfen wurde, untersuchen. Doch alle Schiffer waren längst an Land geflüchtet. Es wurden aber „Vorkehrungen zu ihrer Ermittlung und Bestrafung“ getroffen.

Am 9.4.1875 berichtete dann der Anzeiger für das Havelland folgendes:

Tegel. Vom 1. Mai ab wird zwischen hier und Spandau eine Dampfschiff-Verbindung mit der Zwischenstation Saatwinkel eingerichtet werden; wir haben deshalb für den nächsten Sommer neben den Besuchen des Berliner Publikums auf reichen Zuzug von Spandau zu hoffen und unsere Gastwirthe schmunzeln schon jetzt, daß ihnen dadurch neue Einnahmequellen erwachsen.

Dampfschiffahrt

Anzeiger für das Havelland vom 8. Mai 1875

Tatsächlich war es dann der 10.5.1875, an dem die Dampfschiff-Fahrt zwischen Spandau (Schleuse), Valentinswerder (Saatwinkel) und Tegel (Dorf), eröffnet wurde. Die Tegeler Anlegestelle für die Fahrzeuge war eine primitive Landungsbrücke, die sich in Höhe der Gaststätte von Siebert bzw. dessen Nachfolger C. Pump (Grundstück von Ziekow) befand.

Wirtschaft

Die Gastwirtschaft von C. Pump in Tegel 1897

Einen Fahrplan und Fahrpreise veröffentlichte der Anzeiger für das Havelland in seiner Ausgabe v. 20.6.1875. Das Unternehmen begann seine Fahrten mit den beiden in Greifswald erbauten, mit einem Verdeck versehenen und  120 Personen tragenden Schraubendampfern „Eugen“ und „Sophie“. Wenige Tage später, am 1.6., eröffnete auf dem „Bade- und Kurort Valentinswerder“ im Tegeler See eine Molkerei und Schwimm- sowie Badeanstalt. 30 „Abonnementsbillets“ für das Herrenbad waren mit 3 ½ Talern billiger als solche für das Damenbad, die 4 Taler kosteten. Die Billets berechtigten auch zur Hinfahrt nach Valentinswerder und zur Rückfahrt nach Spandau oder Tegel.

Ein Jahr später berichtete das Niederbarnimer Kreisblatt in seiner Ausgabe v. 1.4.1876, dass am 9.4. die Dampfschifffahrt zwischen Tegel und Spandau eröffnet wird. Die Dampfer verkehrten von Tegel aus nun um 9.25, 13.30, 16.00 und 21 Uhr zu einem Preis von jetzt 50 Pf. für die ganze Tour. Auch Retourbillets waren mit 80 Pf. teurer geworden. Für die halbe Tour nach Valentinswerder waren 30 Pf. (im Vorjahr 25 Pf.) zu bezahlen. Außerdem gab es Abonnementbillets. In Saatwinkel war zunächst keine Haltestelle vorhanden, aber eine große Fähre vonValentinswerder dort nach Valentinswerder. Ab Juni d. J. legten die Dampfer dann aber auch in Saatwinkel (Rest. „Kranhaus“) an. Zwar nannte das Niederbarnimer Kreisblatt nicht den Namen der Reederei, doch es handelte sich eindeutig um die „Spandauer Dampfschiffahrts-Gesellschaft“. Die Gesellschaft war in Berlin SO, Lübbener Str. 16 Ecke Wrangelstr. 45 ansässig, ihr Direktor Paul Haberkern.

Der weitere Verlauf des Jahres erwies sich für die Schiffsgesellschaft als sehr ungünstig. Bereits in der letzten Juni-Woche war der Verkehr auf dem Tegeler See am Montag von 8 – 11 Uhr, am Dienstag ebenso und von 13 Uhr bis gegen Abend, am Mittwoch desgleichen, am Donnerstag von 8 Uhr bis zum Nachmittag, am Freitag und Sonnabend von 7 – 11 Uhr und am Nachmittag durch Schießübungen auf dem nahen Artillerieschießplatz gesperrt. Die Dampfschiffe durften nur zwischen Spandau und Saatwinkel verkehren. Die Regelung galt bis Ende August. Während dieser Zeit hatte Tegel „die härtesten Nachteile“, weil auch die Straße nach Spandau gesperrt war.

FahrplanHaberkerrns Dampfer konnten mithin nur sonntags wie geplant verkehren. Doch auch hier kam es zu Zwischenfällen. So kreuzte am 16.7. kurz nach der Abfahrt in Spandau ein Kahn das Dampfschiff. Der Kahn, in dem sich eine aus 10 Personen bestehende Taufgesellschaft befand, kippte durch den Wellenschlag um. Nur weil sich ein auf dem Dampfboot mitfahrender Leutnant „mit Todesverachtung“ in den Strom warf, konnten der Täufling, die Eltern, die Hebamme, kurzum alle Personen der Taufgesellschaft gerettet werden. Die Hebamme bedankte sich später öffentlich für die mutige Tat.

Hingegen endete eine 14 Tage danach durchgeführte Dampferfahrt von Tegel nach Spandau tragisch. Steuermann Lehmeier stürzte in die Havel und ertrank. Auch hier sprang ein Soldat vom Dampfer aus in die Fluten, doch konnte er den Verunglückten nicht mehr retten.

Im Folgejahr berichtete eine Berliner Zeitung am 19.6.1877:

Die Sperrungen der Havel und andere Belästigungen durch die Schießübungen auf dem Artillerieschießplatze haben die Direction der Havel-Dampfschifffahrts-Gesellschaft veranlaßt, die regelmäßigen Fahrten zwischen Spandau und Tegel via Valentinswerder vorläufig ganz einzustellen.

Aus dem Jahre 1878 ist eine Saisoneröffnung zum 1.5. mit täglich vier Verbindungen zwischen Spandau und Tegel via Valentinswerder und Saatwinkel überliefert. An Sonntagen fuhren die Dampfer wie auch schon an den Osterfeiertagen gar stündlich.

Über die Insel Valentinswerder sei an dieser Stelle berichtet, dass in der Winterzeit die Überwachung der Villen dem Dampfschiffführer Franke oblag. Hier war es in der Vergangenheit bereits mehrfach zu Einbrüchen gekommen. Am Nachmittag des 15.2.1881 bemerkte die 31-jährige Ehefrau des Schiffführers geöffnete Fensterläden an der Villa Nr. 3 und erwischte in flagranti einen Einbrecher, der sich hier einquartiert hatte und gerade im Keller an einer Flasche Wein labte. Die Frau überstand mit Energie und Geistesgegenwart einen längeren Ringkampf mit dem Einbrecher, nachdem auch Hilferufe ihren Ehemann und eine dritte Person alarmiert hatten. Der Einbrecher, es war ein gewisser Posamentiergehilfe Lemin, der gerade erst eine Zuchthausstrafe von acht Jahren verbüßt hatte, wurde auf einem Schlitten gefesselt nach Spandau gebracht.

Wenden wir uns nun wieder der Schifffahrt zu. 1882 kursierte ab Mai an den Sonntagen stündlich je ein Dampfer zwischen Spandau und Tegel, wochentags verkehrten dreimalig Schiffe in beiden Richtungen.

Auf der Havel

1883

Blicken wir jetzt nach Tegel. Das Dorf erhielt am 4.6.1881 eine Pferdestraßenbahn-Verbindung, die dafür sorgte, dass Berliner in ständig wachsender Zahl Ausflüge nach Tegel  unternahmen. Für Carl Holtz, Werkmeister bei der Germania-Werft, wie die eingangs erwähnte Egellssche Fabrik jetzt hieß, wohnhaft in der Spandauer Str. 13 (heutiger Eisenhammerweg), schien dies ein günstiger Zeitpunkt zu sein, durch Gründung einer Reederei und Kauf eines Dampfers Ausflugsfahrten auf dem Tegeler See anbieten zu können. Der Standort seiner „Reede“ war am Kran der Germania-Werft, die Landungsbrücke war die am Restaurant „Seeschlößchen“, das von Julius Klippenstein betrieben wurde (heute wäre dies nahe Veitstr. und Borsighafen).  August Wietholz, Chronist von Tegel, berichtete, dass Holtz anfangs einen alten Raddampfer namens „Schwan“ nutzte, der bei Fahrten bis nach Heiligensee stark schlingerte, schwer zu manövrieren war und die Scharfenberger Enge bis zu ihrer Verbreiterung im Jahre 1905 nur schlecht passierte.

Dampfer Schwalbe

Der Dampfer “Schwalbe” an der Anlegestelle in Tegel 1903

Da der „Schwan“ zudem oft seinen Dienst versagte, musste ihn Holtz außer Dienst stellen. Das Wrack stand noch Jahre am Ufer  und diente Mäusen und Ratten als Quartier, während Holtz den ebenfalls schon alten Schraubendampfer „Schwalbe“ sowie ein kleines Dampfboot namens „Ländler“ einsetzte. Letzteres gehörte zuvor angeblich Kaiser Friedrich III.

Am 28.7.1928 berichtete die Tegel-Hermsdorfer Zeitung in dem Beitrag „Die erste ´Dampfer-Flotte´ auf der Oberhavel“ ohne Angabe eines Autors abweichend und ergänzend zu Wietholz, dass Holtz seine Reederei (erst) 1889 gegründet hatte. Das Dampfboot „Ländler“, von Holtz anfangs erworben, soll danach aufgrund des siegreichen Krieges von 1870/71 ein Geschenk der Stadt Stettin an den Prinzen Friedrich Carl gewesen sein, der es an der Pfaueninsel stationiert hatte.

Im Jahre 1890 wurde die Dampfschiff-Saison zwischen Tegel und Spandau über Saatwinkel – Valentinswerder am 30.4. eröffnet. Nachmittags fuhr dreimal ein Schiff auf der genannten Strecke, während an Sonn- und Feiertagen stündlicher Betrieb erfolgte. Außer den regelmäßigen Touren beförderte das Dampfschiff „Ländler“ nach Bedarf das Publikum namentlich nach Heiligensee.
In der Vorort-Zeitung v. 14.8.1894 war über die Schifffahrt auf dem Tegeler See sowie über Holtz folgendes zu lesen:

Tegel. Die Dampfschiffahrt auf dem Tegeler See und der Oberhavel bis Heiligensee hat in diesem Jahre einen erheblichen Aufschwung erhalten. Die Eisenbahnzüge bringen zahlreiches Publikum nach Tegel, das mit den Dampfern nach Tegelort, Joersfelde, Conradshöhe, Sandhausen und Heiligensee weiter eilt. Der Unternehmer Holtz hat daher noch einen großen Raddampfer namens „Stern“ angeschafft, der etwa 300 Personen aufnehmen kann, so daß nunmehr die vielen Beschwerden darüber, daß die Dampfer sämtliche Fahrlustige nicht befördern konnten, verschwinden werden. Die Fahrt von Tegel nach Heiligensee bietet aber auch viel Interessantes und findet immer mehr Liebhaber in der Berliner Bevölkerung.

Kurt Groggert schreibt in seinem Buch „Spreefahrt tut not! “, dass die Reederei Holtz nach Aufnahme der Personenschifffahrt in den frühen achtziger Jahren im Laufe der Zeit 5 Schraubendampfer mit den Namen „Schwan“, „Franziska“, „Grebin“, „Wittenberge“ und „Der Ländler“ einsetzte. Unfälle und Attacken anderer Unternehmen blieben nicht aus. So wurde der noch unbesetzte „Ländler“ von einem anderen Dampfer so gegen einen Jörsfelder Landungssteg gedrückt, dass alle unbefestigten Gegenstände, die sich auf dem Schiff befanden, ins Wasser fielen. Am 23.8.1902 rammte ein Dampfer in Höhe der Scharfenberger Enge den Holtz-Dampfer „Grebin“ so, dass dieser sank. Alle 15 Fahrgäste konnten zum Glück gerettet werden. Ein Jahr später, am 17.8.1903, konnte „Der Ländler“ alle Passagiere übernehmen, als der vollbesetzte Dampfer „Schwan“ gerammt und auf den Strand gesetzt wurde.

Anlegestelle Tegel

Dampfer-Anlegestellen in Tegel 1904

Die Ausflügler wollten sich natürlich während einer Dampferfahrt keiner Gefahr aussetzen und mieden mit der Zeit immer mehr die kleinen, veralteten Holtzschen Dampfer. Sie fuhren lieber mit den zahlreichen Dampfschiffen verschiedener Größe der um die Wende zum 20.Jahrhundert gegründeten „Spandauer Dampfschiffahrts-Gesellschaft Oberhavel –  Tegeler See“ (vgl. weiter unten), die mit ihren Fahrzeugen am 1886 errichteten Tegeler Bollwerk anlegten. Die auch als Bohlwerk bezeichnete über 100 m lange Anlage befand sich zwischen dem Eiswerkkanal und dem Mühlenfließ in der Nähe des einstigen Restaurants Strandschloß. Nun verlegte auch Holtz seine Anlegestelle in die Nachbarschaft zur Siebertschen Badeanstalt, also in Richtung Uferbollwerk. 1904 erbaute die Gemeinde Tegel am Bollwerk zwei Landungsbrücken und einen Strandpavillon, der für den Fahrkarten- und Imbissverkauf an die Spree-Havel-Dampfschiffahrt-Gesellschaft „Stern“ verpachtet wurde, über die weiter unten noch zu berichten sein wird.

Carl Holtz verkaufte im Januar 1907 sein Unternehmen an die Spandauer Dampfschiffahrts-Gesellschaft Oberhavel – Tegeler See, führte selbst noch als Kapitän zuletzt den Dampfer „Cecilie“ und ahnte nichts von dem schweren Schicksalsschlag, der ihn wenige Wochen später treffen sollte. Der bisher stets rüstige und gesunde Mann erkrankte, musste sich in einem Berliner Krankenhaus mehreren Operationen unterziehen, die sein Leben jedoch nicht erhalten konnten. Holtz wurde am Nachmittag des 30.8. auf dem gemeindeeigenen Friedhof zur letzten Ruhe geleitet. Zahlreiche Trauergäste aus Berlin, Tegel, Tegelort, Heiligensee und Spandau hatten sich eingefunden, unter ihnen auch die Vereinigung der Dampfschiffsbesitzer der Oberhavel und natürlich das Personal der Spandauer  Dampfschiffahrts-Gesellschaft.

Unsere Betrachtungen wenden sich nun wieder der Haberkernschen Spandauer Dampfschiffahrts-Gesellschaft zu. Die Reederei befand sich bereits 1888 in Liquidation, führte aber unter Haberkern als Liquidator trotzdem noch über eine Reihe von Jahren Dampferfahrten durch. Bester Beweis hierfür ist folgender Zeitungsbericht aus der Vorort-Zeitung v. 29.8.1890. Hier hieß es:
Tegel. Der „A. f. d. H.“ (damit war der „Anzeiger für das Havelland“ gemeint) schreibt: Wenn man am Abend mit einem der Haberkernschen Dampfer von Tegel oder von Saatwinkel zurückfährt und beispielsweise in Tegel den Landungssteg entlang geht, findet man nicht eine einzige Laterne. In faustdicker Finsterniß tappt man die Treppe auf den Dampfer hinunter. Da die Fahrt nach Tegel und retour 80 Pf. kostet, wofür man mit Leichtigkeit nach Berlin fahren kann, und dieser Preis ein jedenfalls recht anständiger ist, so darf das Publikum schließlich auch etwas von dem Unternehmer verlangen. Eine Laterne, die bei Ankunft des Dampfers herausgehängt und bei der Abfahrt wieder hereingezogen wird, kostet soviel nicht, die Ausgabe ist Angesichts der Höhe des Fahrpreises erträglich. Aber erst dann vielleicht, wenn das Kind in den Brunnen gefallen, wird hier Abhülfe geschehen. Vielleicht findet sich im nächsten Frühjahr ein intelligenter Unternehmer, der die nicht uninteressante Fahrt nach Saatwinkel und nach Tegel dadurch etwas verlockender macht, daß er civile Preise feststellt und für die nothdürftigsten Ansprüche des Publikums in größerem Maße sorgt, als es bisher auf der Oberhavel der Fall gewesen ist.

Valentinswerder 2

Dampfer-Anlegestelle Valentinswerder 1913

1900 gab Haberkern die Firma endgültig auf, indem er seine Schiffe an das kurz zuvor gegründete Unternehmen Hille & Frost verkaufte, das schon als weitere Konkurrenz den Tegeler See befuhr. Noch in demselben Jahr nannten Hille & Frost ihren Betrieb in Spandauer  Dampfschiffahrts-Gesellschaft Oberhavel – Tegeler See um. Die Folgezeit nutzte die Reederei, um ihre stattliche Flotte weiter auszubauen. Nach den beiden bereits 1904 gekauften Dampfern „von Bismarck“ und „von Humboldt“ folgten im Frühjahr 1906 die Dampfer „Geyer“ und „Habicht“. Sie hatten einen Rauminhalt, der dem des bereits vorhandenen Salondampfers „von Bismarck“ entsprach, waren aber breiter und nicht so lang. Sie ließen sich dadurch besser an den Spandauer Landungsbrücken einsetzen. Außerdem ließ die Gesellschaft eines der kleinen alten Schiffe in ein Motorfahrzeug umbauen. Für die kommende Saison war nämlich die Eröffnung eines ununterbrochenen Motorbootbetriebes zwischen Tegelort – Rust – Valentinswerder – Saatwinkel vorgesehen. Im Juni 1906 entstand auf Valentinswerder am westlichen Ufer ein neuer Landungssteg, von dem aus ein gerader, fester Weg direkt zur Restauration führte. Der alte Anlegesteg an der Bucht wurde aber weiter für Dampferausflüge von Gesellschaften und Vereinen wie für die Tourendampfer benutzt. Zu diesem Zeitpunkt setzte die Gesellschaft wochentags 16-18 vorwiegend für Vereine und Schulklassen und sonntags 22 Dampfer für den „Massenverkehr“ ein. 14 gehörten der eigenen Reederei, während der Rest im Bedarfsfall gemietet wurde.

1907 kamen zwei weitere Salondampfer, auf der Werft von J. W. Klawitter in Danzig erbaut, hinzu. Sie wurden auf die Namen „Falke“ und „Sperber“ getauft, zeichneten sich durch „vornehme Eleganz und stilvolle Ausstattung“  aus und waren sogar in den Kajüten und auf dem Hinterdeck abends elektrisch beleuchtet. Die Sitzplätze an Deck waren ebenso praktisch und bequem wie in den neuen modernen Straßenbahnwagen.

Nur am Rande sei erwähnt, dass auch ein Tegeler Gastwirt namens Dressel (damals Berliner Str. 102, Restaurant Treffpunkt) einen kleinen Dampfer „Flora“ für Ausflugsfahrten auf dem Tegeler See einsetzte. Das Schiff wurde 1902/03 bereits durch die Spandauer Dampfschiffahrts-Gesellschaft Oberhavel – Tegeler See genutzt.

Am 8.8.1888 wurde die Spree-Havel-Dampfschiffahrt-Gesellschaft „Stern“ gegründet. Sie hatte ihren Sitz in Berlin SO 16, Brückenstr. 13, später Brandenburger Ufer 1 im „Marinehaus“. Vorsteher war anfangs A. Gebhardt. Die Gesellschaft verfügte 1904 über ein Kapital von 750.000 Mark, eine Reserve von 35.882,64 Mark, erreichte einen Umsatz von 446.665,05 Mark und zahlte eine Dividende von 2 %. Langjähriger Direktor war jetzt Johannes Kins. Am 13.11. 1907 trafen sich die Gesellschafter zu einer außerordentlichen Generalversammlung. Auf der Tagesordnung standen u. a. 1) die Genehmigung zum Kauf der Spandauer Dampfschiffahrts-Gesellschaft Oberhavel – Tegeler See und 2) die Erhöhung des Grundkapitals von 750.000 Mark um 250.000 Mark durch Neuausgabe von 250 Stück Aktien á 1000 Mark auf 1.000.000 Mark. Die Generalversammlung beschloss dies einstimmig.

Fahrscheinblock

Fahrscheinblock aus der Zeit um 1913

Die Stern-Gesellschaft war nun weitgehend der einzige Betreiber der Personenschifffahrt auf dem Tegeler See und der Oberhavel. Im Februar 1908 wurde bereits in der Zeitung auf eine Verteuerung des Ausflugsverkehrs durch steigende Kohlepreise und „Lohnaufbesserungen“ hingewiesen. Längere Fahrten von Tegel nach Heiligensee oder Spandau sollten im Preis um 5 Pf. steigen, kleine Touren wie z. B. Tegel – Tegelort aber unverändert bleiben, Rückfahrkarten ganz wegfallen, Blöcke mit 12 Fahrscheinen und Monatskarten zu mäßigen Preisen dafür neu angeboten werden.

1909 erweiterte die Spree-Havel-Dampfschiffahrt-Gesellschaft „Stern“ ihren Betrieb umfangreich. Es wurden auch Fahrten auf dem Großen Storkower- oder Dolgensee durchgeführt und billige Sonderfahrten von Tegel über Tegelort und Spandau nach Brandenburg a. H.  Die Sonderfahrten im Zeitraum v. 28.6. – 20.8.1909 fanden montags und donnerstags um 6.55 Uhr ab Tegel statt, kosteten 2 Mark für Erwachsene und 1 Mark für Kinder von 4 – 12 Jahren. Die Rückfahrt erfolgte von Brandenburg aus um 17 Uhr.

Im gleichen Jahr verfügte die Gesellschaft übrigens über eine Reserve von 55.644,11 Mark, hatte einen Umsatz von 814.830,28 Mark und konnte bereits 4 % Dividende bezahlen. Eine Betriebsinspektion und Werft befand sich seit 1908 in Tegelort, Scharfenberger Str. 23.

Für die Nutzung der Dampferanlegestellen in Tegel musste die Spree-Havel-Dampfschiffahrt-Gesellschaft  „Stern“ 1914 folgende Jahresentgelte an die Gemeinde Tegel bezahlen:

1.Anlegegebühr für 3 Dampferlandestellen1.800 Mark
2.Pacht für 3 Landungsstellen2.000 Mark
3.Gewinnanteil400 Mark
4.Pacht für 3 Billet-Verkaufsstellen300 Mark

 

Fahrpreise 1924

Fahrpreise 1924

Zu einem Rückblick auf die ersten Jahrzehnte der Personenschifffahrt auf dem Tegeler See, der ohnehin keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, würden Fährunternehmer und Bootsverleiher gehören, die ebenfalls der Personenschifffahrt dienten. Teilweise bestand auch hier ein aggressiv geführter Kampf um die Gunst des Publikums. Nur ein Geschehen vom 7.8.1907 sei erwähnt. Seit einiger Zeit herrschte in Tegelort in Höhe des Restaurants „Leuchtturm“ Feindschaft zwischen dem Bootsverleiher Meyer und einem Arbeiter der Schiffsbauerei Gebr. Buller, der den Fährdienst zwischen dem Spandauer Ufer und Tegelort versah. Der Fährmann erboste sich darüber, dass sein Kontrahent immer wieder Personen über die Havel setzte, wenn er selbst nicht schnell genug zur Stelle war. So kam es am genannten Tag auf dem Bootssteg beim „Leuchtturm“ zwischen beiden zu einem Ringkampf. Der Steg zerbrach, die Streithähne fielen ins Wasser. Der Fährmann drückte den Kopf des anderen unter Wasser und schlug roh auf diesen ein. Erst durch das Eingreifen eines Sommergastes endete der Kampf. Der blutende Bootsverleiher konnte sich nur mit Mühe in seine Wohnung begeben. Ob der Vorfall eine Fortsetzung hatte, ist nicht überliefert.

Gerhard Völzmann

Bildnachweis:
Anzeiger für das Havelland – Stadtgeschichtliches Museum Spandau, Zeitungsarchiv.
Alle anderen Abbildungen – Sammlung des Verfassers.

„Sollte man den Namen kennen?“ Vielleicht war das Ihr Gedanke beim Lesen der Überschrift. Wenn Ihnen hingegen spontan Kinderbücher mit den Titeln „Das Tanzfest auf der Wiese“ und „Knecht Ruprechts Arbeitsstube“ eingefallen sind, dann liegen Sie durchaus richtig. Florentine Gebhardt war lange Zeit als Lehrerin in Tegel tätig und verfasste zudem als Schriftstellerin viele Zeitungsartikel und Gedichte, schrieb über 100 Kinder- und Jugendbücher sowie Romane. Der erste Teil dieses Beitrages widmet sich der Biographie von Florentine Gebhardt, während der zweite Teil auf die Ortsgeschichte von Tegel eingeht, wie sie von ihr um 1900 gesehen, erlebt und überliefert wurde.

Susanne Marie Luise Florentine Gebhardt erblickte am 18.4.1865 in Crossen/Oder das Licht der Welt. Ihr Vater war Goldschmied. In ihrem Buch „Vater Gottfried und die Seinen“, über das später noch zu berichten sein wird, schrieb Florentine Gebhardt 1938 in einem Nachwort, dass er gegen das „Goldschmiedlernen“ nichts einzuwenden hatte, sein Lebensweg aber nicht der rechte war. Nach der Lehrzeit in Frankfurt/Oder, zwei Soldatenjahren in Berlin und fünf Gesellenjahren in Thüringen und dem Rheinland machte er sich als junger Meister „in einem benachbarten Oderstädtchen“ (Crossen) trotz mehrfacher Konkurrenz selbständig. Er hatte ein Leben lang „mit Brotsorgen“ zu kämpfen.

In Crossen, der Kreisstadt im Regierungsbezirk Frankfurt/Oder mit 6489 Einwohnern (Dez. 1875) besuchte Gebhardt die gehobene städtische Mädchenschule. Später, 1930, beschrieb sie in ihren „Blättern aus dem Lebensbilderbuch“ ausführlich, wie sie in ihrer Geburtsstadt die Sedanfeiern erlebte. Wenn aus diesem Anlass die Kinder Spiele austrugen, dann verdankte sie nach ihren Erinnerungen Preise mehr dem Wohlwollen ihrer Lehrerin als dem eigenen Geschick. „Denn in körperlichen Übungen war ich ungeschickt und viel zu schüchtern …“ Noch ahnte das Kind nicht, dass es Jahre später einmal selbst Turnen unterrichten würde.

Nach dem Besuch der Schule blieb Gebhardt zunächst im Elternhaus. Sie eignete sich Kenntnisse und Fähigkeiten in Haushaltsführung und Handarbeit an. Durch Erteilung von Nachhilfeunterricht und Ausführung von Stickerei-Arbeiten trug sie zum Einkommen der Familie bei. Sie finanzierte damit auch im bescheidenen Rahmen das Theologie-Studium ihres Bruders Erich (geb. 24.10.1861, verst. 22.2.1919). Dieser war v. 11.5.1892 bis zu seinem Tod Pfarrer an der in Vang/Norwegen ganz aus Holz gebauten Stabwerkkirche, die dort abgebrochen und nach Wiederaufbau in Brückenberg/Schlesien 1844 eingeweiht wurde. Ein schlichtes Holzkreuz erinnert noch heute an Erich Gebhardt.

Ausbildung1891 war Florentine Gebhardt für kurze Zeit als Direktrice in Herrnhut tätig. Doch sie  konnte sich hier nicht behaupten. Dies führte sie in ihrem Denken zurück zum Beruf der Lehrerin, den sie bereits in der Vergangenheit gehegt hatte. So zog es Florentine Gebhardt (evangelischen Glaubens)  nach Berlin, ins „Kreuzberg-Viertel“, um in der Stadt ab 4.1.1892 an einem Kursus zur Ausbildung als Industrie-Lehrerin teilzunehmen. Die Gewerbeschule, die sich besuchte, gehörte dem „unter dem Protektorat Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin des Deutschen Reiches und von Preußen“ stehenden Lette-Verein, der sich in Berlin SW, Königgrätzerstr. 90 befand. Die Ausbildung endete am 15.3.1893. Am 21.3.1893 bestätigte ihr Anna Schepeler-Lette als Vorsitzende des Vorstandes des Lette-Vereins die Lehrbefähigung mit „gut“.

Zwischenzeitlich hatte Gebhardt noch v. 4.4.-28.6.1892 „auf Anordnung des Herrn Ministers der geistlichen Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten an der Königlichen Turnlehrer-Bildungsanstalt an einem Kursus zur Ausbildung von Turnlehrerinnen teilgenommen, und zwar

1. an dem theoretischen Unterrichte mit teils recht gutem, teils gutem,
2. an dem praktischen Unterrichte in den Frei- und Ordnungsübungen mit genügendem und in den Geräteübungen mit genügendem,
3. an den Lehrübungen mit genügendem Erfolg. Sie erhielt damit am 28.6.1892 die Bestätigung zur Erteilung von Turnunterricht an Mädchenschulen. Im September 1892 legte sie zudem beim Königlichen Provinzial-Schul-Kollegium eine Prüfung für Handarbeits-Lehrerinnen ab. Als Zensuren erhielt sie hier
1. für eingereichte Probearbeiten: sehr gut,
2. mündliche Prüfung über die Handarbeiten und den Unterricht in denselben: gut,
3. Ausfall der Lehrprobe: gut.

Damit war Florentine Gebhardt zur Erteilung des Unterrichts in den weiblichen Handarbeiten an mittleren und höheren Mädchenschulen befähigt.
Wohl in dieser Zeit sprach sie zum ersten Mal das Wort „Tegel“ aus. Ihre Freundin und ihre Kusine, beide zusammen in Kreuzberg wohnend, schwärmten davon, wie schön es doch in dem Ort sei. Da aber eine Omnibus- und ab Weidendammer Brücke eine anschließende Pferdestraßenbahnfahrt hin und zurück allein 1 Mark nur an Fahrgeld verschlungen hätte, ging der Gedanke an Tegel auch wieder aus dem Sinn. Noch ahnte sie nicht, dass sie einmal rund 27 Jahre dort leben und arbeiten würde.

Vielmehr konnte die angehende Lehrerin zur didaktischen Ausbildung jetzt auf Antrag Unterricht an der gehobenen 9-stufigen Mädchenschule ihrer Geburtsstadt Crossen erteilen. Ihr wurden v. 13.4.-14.7.1893 Unterrichtsstunden in Handarbeit in der II. Klasse und Turnen in den Klassen IV und Va (kombiniert) übertragen. Ihr wurde „Treue und Berufsfreudigkeit“ bescheinigt. In Handarbeit war es „ihr eifriges Bemühen“, den Forderungen des Klassenunterrichts entsprechend alle Schülerinnen gleichmäßig zu führen und sowohl Fertigkeit als Einsicht zu bilden. Ihr Turnunterricht hatte „die nötige Frische.“

In zeitlicher Überschneidung zur Arbeit in Crossen ließ sich Gebhardt noch v. 3.-6.7.1893 in Berlin in einem Kursus für Lehrerinnen zur Ausbildung in Jugendspielen der Mädchen unterrichten.
Einer kurzen Tätigkeit als Industrielehrerin in Görlitz folgte ab 1.1.1894 eine Arbeit als Lehrerin an der Industrieschule der Geschwister Breidenstein in Halberstadt. „Durch Verhältnisse wurden wir gezwungen, ihr diese Stellung zum 1.5.1894 wieder zu kündigen.“ Die „Verhältnisse“ wurden nicht näher genannt. Im Zeugnis wurde ihr aber ein „äußerst bescheidenes Wesen“ bestätigt. Es wurde in ihr eine Lehrerin gesehen, die besonders zum Unterricht in der Methodik und den Handarbeiten befähigt war. Ihre Fähigkeit im Zeichnen wurde sehr anerkannt.
Von Weihnachten 1893 bis Ostern 1894 bereitete eine gewisse Elisabeth Trotschke in Halberstadt ihr Handarbeits-Examen vor. Sie dankte Gebhardt für anschaulichen und gründlichen Unterricht, der es ihr ermöglichte, in so kurzer Zeit das Examen mit „gut“ bestanden zu haben.

Vom 20.-22.9.1894 wurde Florentine Gebhardt dann nach Maßgabe der bestehenden Prüfungsvorschriften vor der Königlichen Prüfungs-Kommission zu Frankfurt/Oder für das Lehramt geprüft. Aufgrund des Ergebnisses erhielt sie am 22.9.1894 die Befähigung für den Unterricht an Volksschulen zuerkannt.

Es folgte eine Beschäftigung als Lehrerin für die Unterstufe (drei Klassen zusammengefasst) in Handarbeit, Turnen, Zeichnen und in Elementarfächern an der höheren Privat-Töchterschule Tiede in Sprottau/Niederschlesien. Von dort aus bewarb sie sich am 10.5.1895 bei „Einer Wohllöblischen städtischen Schuldeputation des Magistrats zu Hannover-Münden“ für eine vakante Stelle einer Turn-, Handarbeits- und Zeichenlehrerin nicht ohne den Hinweis, sich evtl. auch zu verpflichten, etwaigen Haushaltungsunterricht zu übernehmen.

Florentine Gebhardt

Eidesformel Die Eidesformel, wie sie von Florentine Gebhardt 1895 unterschrieben wurde.

Rektor Boese zu Münden lud die Bewerberin aus Sprottau ein, zwei Lehrproben abzuhalten, denen auch der Bürgermeister sowie die meisten Mitglieder der Schulkommission beiwohnten. Das Ergebnis fiel „in jeder Beziehung recht befriedigend“ aus. So entschied der Magistrat der Stadt zu Münden, Gebhardt ab 18.10.1895 als Lehrerin an der dortigen Stadtschule zu ernennen. Den Eid, den sie zu leisten hatte, nahm der Rektor im Beisein der Lehrer Rausch und Rümenapf ab. Die Eidesformel musste von ihr „mit aufgehobenen drei Schwurfingern der rechten Hand körperlich abgeleistet werden.“ Ihr Jahresgehalt lag bei 900 Mark.

Im Juli 1896, es waren Schulferien, besuchte die Junglehrerin ihre Mutter. Gemeinsam begaben sich die Damen zu einer Jugendfreundin von Florentine G. Dort befanden sich gerade als Hausgäste der Bruder der Besuchten, Fritz K., sowie dessen Braut. Im Gespräch fiel wieder der Name Tegel. Fritz K. war nämlich als dritter Lehrer an der dortigen (einzigen) Volksschule angestellt. Seine Braut war die Tochter des Tegeler Amtsvorstehers Brunow. Halb im Scherz, aber auch ernsthaft fragte Florentine Gebhardt, ob nicht in Tegel auch eine Lehrerin gebraucht würde. Fritz K. versprach, den Schwiegervater einmal zu fragen.

Eigentlich glaubte Gebhardt nicht an einen Erfolg, doch sie wünschte ihn sich schon. Dabei spielte allein ihre Mutter eine Rolle, die nicht ins ferne Hannover übersiedeln wollte. Auch ihre Schwester fand sicher im nahen Berlin eher eine Berufsausbildung. Nicht zuletzt versprach sich Gebhardt ein besseres Vorankommen in ihren schriftstellerischen Bestrebungen, wenn sie die Nähe der Reichshauptstadt nutzen konnte.

Ihr Traum sollte Wahrheit werden. Ende Oktober 1896 wurde sie von Tegel aus dorthin berufen, nachdem die Königliche Regierung, Abt. für Kirchen- und Schulwesen in Hildesheim sich am 15.10. mit der Entlassung der Lehrerin aus dem dortigen Volksschuldienst zum 1.1.1897 einverstanden erklärte. Allerdings erhielt die in Tegel geschaffene erste Lehrerinnenstelle eine ganz junge Kollegin, weil Gebhardt erst ab Januar 1897 wechseln konnte.

Tegel Anzeiger

Täglicher Anzeiger für die Gemeinde Hermsdorf v. 13.2.1897

Die sechsklassige Tegeler Volksschule befand sich in der Schöneberger Str. 4 (heutiger Medebacher Weg). Seit 1892 wurde sie vom Ersten oder Hauptlehrer Steller geleitet. Das zweigeschossige Gebäude war gerade erst im Vorjahr um ein Geschoss aufgestockt worden. Es gab noch gemischte Klassen. Die Mädchen erhielten Handarbeitsunterricht durch eine ältere Dame, die eine kleine Familienschule leitete. Erst später übernahm Gebhardt von ihr diesen Unterricht. 80 Kinder mussten im Nähen oder gar in den Strickanfängen unterwiesen werden! Klassenunterricht in Handarbeit war zwar, als die neue Lehrerin nach Tegel versetzt wurde, bereits vorgeschrieben, aber noch nicht eingeführt.  Gebhardt hatte eine 3. Klasse der Mädchenabteilung, aber auch Jungen und gemischte Klassen zu unterrichten. „Es war gut, daß ich schon bei der Mündener Jugend den Bakel (Schulmeisterstock) zu schwingen gelernt hatte“, so die spätere Äußerung. Über den Hauptlehrer, der ab 17.7.1899 durch den Rektor Maertens abgelöst wurde, schrieb Florentine Gebhardt 1928 in ihren Erinnerungen: „Mein Vorgesetzter war … ein biederer, wohlgesinnter, sehr arbeitseifriger, aber etwas originaler Mann, der nur sehr nervös war und unter der damals noch üblichen geistlichen Ortsschulinspektion (Pastor L. Suttkus) zu leiden hatte“.

Mit dem Kollegium war Gebhardt zufrieden. Es gab „im ganzen“ ein gutes Einvernehmen, das sich z. B. auch in gemeinsamen Spaziergängen ausdrückte. Im Januar, als der Tegeler See mit einer dicken Eisdecke überzogen war, unternahm man gar zusammen eine Partie bis nach Spandau. Da „die Neue“ keine Schlittschuhläuferin war, schob sie ein jüngerer Kollege im Stuhlschlitten dorthin. Ein anderer wurde in diesen Tagen gerade 25 Jahre alt.

Schule Treskowstr

Das bereits erweiterte Schulgebäude in der Treskowstr. im Jahre 1908.

Lehrer 1922

Die Lehrer und Lehrerinnen der 2. Gem.-Schule im Jahre 1922

Im ersten Quartal des Jahres 1897 beging die Tegeler Volksschule eine große öffentliche Feier, wenngleich nicht einmal eine Aula zur Verfügung stand. Als Ersatz wurden zwei durch eine Tür verbundene Klassenräume genutzt. Lehrer und Schüler, die Reden hielten, mussten sich am Türrahmen hinstellen. Abends war dann die öffentliche Feier im Restaurant von Ewest (später Hamuseck in der Hauptstr. (heute Alt-Tegel). Betroffen musste Gebhardt feststellen, dass der Besuch recht dürftig war, obwohl die Knaben ein Matzdorffsches Stück aufführten und die Mädchen ein von ihr verfasstes. Letzteres wurde natürlich zuvor vom Ortspfarrer und Ortsschulinspektor gnädig begutachtet und zugelassen.

Schule TegelErgänzend zu den Erinnerungen von Florentine Gebhardt über ihr erstes Jahr an der Tegeler Schule sei bemerkt, dass am 12.8.1902 in der Treskowstr. 26-31 ein neues Schulgebäude mit 22 Klassenräumen, Aula, Schuldienerwohnung und Turnhalle (auf dem Hof) eingeweiht wurde. 1904 und 1906 erfolgten Erweiterungen. Die nun 2 Schulen waren die I. evangelische (Knaben-) Schule und die II. evangelische (Mädchen-) Schule. Gebhardt unterrichtete an der Mädchenschule.

Während 1908 an der II. Schule bereits 12 Lehrer und 10 Lehrerinnen 1008 Mädchen unterrichteten, waren es 1914 13 Lehrer, 16 Lehrerinnen und 1212 Mädchen.

Weitere Einzelheiten, die Florentine Gebhardt in einem Zeitungsartikel aus dem Jahre 1928 rückblickend auf ihr erstes Jahr in Tegel berichtete, stellen zwar auch einen Teil ihrer Biographie dar, werden aber im zweiten Teil dieses Beitrages beschrieben. Sie betreffen mehr die Geschichte des Ortes.

1924 schied Gebhardt aus dem Schuldienst aus. Zur einstigen Tätigkeit als Lehrerin abschließend noch aus den genannten Erinnerungen folgende Sätze:
Heute sind von all jenen Kollegen nur noch drei im Dienst: Herr Organist und jetzt Konrektor Hermann Schüler (schied am 30.9.1928 aus), Herr Franz Schmiedchen und der heutige Rektor der Katholischen Schule zu Tegel (M. Jaehnert), außerdem ein in Reinickendorf tätiger Rektor, der bald nach meinem Amtsantritt aus Tegel fort ging. Meine damalige Kollegin hat bald geheiratet.
Vater Gottfried und die SeinenMit dem Beginn des Ruhestandes verfügte sie sie nun über die Zeit, die sie sich mit Sicherheit gewünscht hatte, um sich verstärkt der Schriftstellerei widmen zu können. Auch während ihrer Berufstätigkeit griff sie ja bereits „zur Feder“. Sie schrieb Gedichte, Erzählungen für die Jugend, ein Kriegsgebet (!), auch einen Beitrag in einem Buch über die Provinz Brandenburg. Doch die Vielzahl ihrer Werke an Romanen, Novellen, Sagen und Mären „für die reifere Jugend“ bis hin zu Sachbüchern über das Sticken verfasste sie nach 1924. Teilweise gab sie statt ihres Namens nur ein Pseudonym an, z. B. Rolf, A. oder Hardt, Tino. Die Aufstellung der von Florentine Gebhardt geschriebenen Bücher erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ihre Werke sind teilweise in der „Liste der von den Nationalsozialisten verbotenen Schriften unerwünschten Schrifttums“ enthalten. Auch nach dem zweiten Weltkrieg finden sich in einer Liste auszusondernder Literatur der „Deutschen Verwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone“ Buchtitel von Gebhardt.

Zwei Bücher sollen im Rahmen dieses Beitrages näher Erwähnung finden. Zum einen ist es „Die Provinz Brandenburg in Wort und Bild“. In dem 1900 vom Pestalozzi-Verein der Provinz Brandenburg herausgegebenen und 1998 vom Weltbild Verlag als Faksimile-Ausgabe erschienenen Buch hat u. a. Gebhardt unter dem Titel „Ein ehemaliges Gelehrtenheim“ einen knapp 5-seitigen Beitrag über Tegel und die Humboldts verfasst. Hierauf wird im Teil 2 der Abhandlung näher eingegangen.

Das zweite Buch ist das 1938 unter dem Titel „Vater Gottfried und die Seinen“ veröffentlichte Werk. Es erscheint insofern interessant, weil die Schriftstellerin hier in der Form eines Romans die Lebensgeschichten ihrer Altvorderen aufgeschrieben hat. Mit Vater Gottfried ist Gottfried Gebhardt (geb. 1763, verst. April 1843), Urgroßvater der Florentine Gebhardt, gemeint. Die Gebhardts waren Anfang des 18. Jahrhunderts, zur Zeit  des Großen Kurfürsten, aus dem Rhein-Main-Gebiet nach Brandenburg eingewandert. Sie wurden in Frankfurt/Oder und dem Lebuser Kreis beheimatet. Ein Gebhardt wurde sogar Hoffiskal in Frankfurt, der Vater von Gottfried hingegen Dreihüfner, Erbkrüger, Bauer und Gerichtsschulze in Kliestow. Gottfried Gebhardt kaufte und bewirtschaftete das Frankfurter Vorwerk, während einer seiner Brüder, Friedrich, in der Stadt „auf der Nuhne“ sesshaft wurde.

Subscribenten

Friedrich Gebhardt, Bruder des Gottfried, Käufer der „Müllerschen Nuhne“. Abbildung aus einem vorausbestellten, 1829 erschienenen Buch.

Ausführlich schildert Florentine Gebhardt in ihrem Buch, teils in patriotischen Sätzen,  wie ihre Vorfahren ganz direkt die Freiheitskriege gegen Napoleon, den Durchmarsch und die Einquartierungen der Franzosen, erlebten. Einer der Söhne Gottfrieds, Ferdinand, zog es mit 18 Jahren freiwillig nach Breslau zum Heer des Königs. Er erlebte die Schlachten bei Lützow und Bautzen, kämpfte auch und wurde verwundet in Frankreich. 1835 starb Anne-Sophie, genannt Fieken, die Urgroßmutter von Florentine Gebhardt. Deren Mann, „Vater Gottfried“, starb 1843 auf tragische Art durch den Tritt von Pferdehufen. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, auf weitere Lebensläufe von Personen aus der Dynastie der Gebhardt einzugehen. Erwähnt sei jedoch aus dem Nachwort des Buches der Florentine Gebhardt die vielleicht schon resignierende Feststellung, dass vom Zweig, der aus dem Stammes des Gottfried Gebhardt erwuchs, nur noch drei alternde Töchter im ehelosen Stande leben, die den Namen des Geschlechts tragen. Die Zweige Friedrichs und Christians (Brüder des Gottfried) würden hingegen (1938) noch grünen.
Zu bemerken ist zudem, dass Florentine Gebhardt nach Beendigung ihrer Lehrerinnen-Tätigkeit im Laufe des Jahres 1927 Tegel als Wohnort aufgab. Sie zog zunächst nach Kreuzberg. Hier wohnte sie mit ihrer (jüngeren) Schwester zusammen, die ebenfalls schriftstellerisch tätig war. Beide zogen später noch nach Steglitz um. Florentine Gebhardt starb wohl am 10.7.1941. Das Stadtarchiv in Frankfurt/Oder besitzt Unterlagen aus ihrem Nachlass, zu denen auch Fotos gehören.

Als am 28.12. 2009 die ersten Schneeflocken fielen  und Berlin ab 30.12. unter einer geschlossenen Schneedecke lag, ahnte wohl keiner, dass in den folgenden gut sieben Wochen ein strenger Winter mit viel Schnee und zum Teil tiefen zweistelligen Minusgraden herrschen würde. So ähnlich war auch der Winter 1896/97, als Florentine Gebhardt in den ersten Januartagen ihrer Einzug in die künftige Heimat Tegel nahm, um die neue Stelle als Lehrerin an der Volksschule anzutreten.

Als harten, strengen Gesell bezeichnete sie den Winter. Hoch wie eine Mauer türmte sich der Schnee an den Seiten der 1893 eingeweihten Kremmener Bahn, die damals noch ihren Ausgangpunkt am Nordbahnhof hatte. Vom Zentrum Berlins aus war er mit einem Omnibus zu erreichen. Gebhardt fuhr indes mit der Pferdestraßenbahn nach Tegel, die sich zuweilen mit vier Rossen durch die Schneemassen durcharbeiten musste. Die Fenster der Straßenbahn waren bin oben hin zugefroren, so dass von der Umgebung nichts zu sehen war. Endlich in Tegel angekommen, schritt Gebhardt von der Hauptstr. (später Alt-Tegel) auf kürzestem Wege zur Schlieperstr. Die Straßen waren nur lückenhaft bebaut. Die Abkürzung war ebenso vereist wie die eigentlichen Wege. Die Giebelwohnung, die sie erwartete, war bitter kalt. Sie gehörte zuvor ihrem Kollegen, dem Schwiegersohn des Amtsvorstehers, der ihr ja, wie bereits berichtet, die Tegeler Lehrerstelle vermittelt hatte. Er war ausgezogen, nachdem er geheiratet hatte.

In der Folgezeit machte sich Florentine Gebhardt die Nähe Berlins zu nutze. Doch erst in den Märztagen, als die gefrorenen Scheiben der Pferdebahn etwas tauten, sah sie, dass sich an der Bahnstrecke Kiefernwälder entlang zogen. Ostwärts über den Baumwipfeln lugte der Turm der Russischen Kirche hervor, während westwärts in der Ferne die Essen des Berliner Wasserwerks zu sehen waren. Ganz dicht an der Straße entstanden gerade die Bauten des künftigen Borsigwerkes.

Knapp 3000 Einwohner hatte Tegel zu dieser Zeit. Zwischen Egellsstr. und Veitstr. klaffte eine große Lücke. Zu den vorhandenen alten Fabriken gehörte die Kruppsche Germaniawerft. Vereinzelt waren Häuser vorhanden, auch ein paar Villen. In der Veitstr. stand das kleine Amtsgebäude der Gemeinde sowie an der Südseite die Häusergruppe Ecke Schöneberger Str. (Medebacher Weg).

Gebhardt AdressenZwischenzeitlich sah sich Florentine Gebhardt nach einer größeren, familiengerechten Wohnung um, die sie im Mai 1897 in der Schloßstr. 29/30 fand. Nun konnten auch ihre Mutter sowie ihre Schwester nach Tegel übersiedeln. Letztere bereitete sie zusammen mit anderen Examensschülerinnen zur Handarbeitsprüfung vor. Die Schwester besuchte zudem Haushaltskurse und dann die Kunstschule, um das Zeichenexamen zu absolvieren. Übrigens wohnte in der Schloßstr. 29/30 auch der bekannte Marinemaler Willy Stöwer, der 1900 ein Haus weiter zur Schloßstr. 31 zog.
Als der Frühling eingezogen war, unternahmen die Gebhardt-Geschwister in der näheren Umgebung Ausflüge. So liefen sie entlang des Fließes und der Malche wie auch unter herrlichen alten Buchen. Flugs war ein Blumenstrauß aus Veilchen, Schattenblumen und Maililien gesammelt, der der Mutter überreicht wurde. Mit den reichen Blumenschätzen der Natur fühlten sich die Geschwister in Tegel wie zu Hause.

Weitere, oft stundenlange Sonntagsausflüge folgten, teils zusammen mit den Familien der Arbeitskollegen.  Wo später das Gaswerk der Stadt Berlin errichtet wurde, am Rande der Schießstände des Tegeler Schießplatzes, waren in den Kiefernwäldern die Pflänzchen Wintergrün in vier Arten zu finden. Orchideen wuchsen in den Eichenschonungen am Tegelorter Weg und die blaue Küchenschelle im Wald nach Schulzendorf.

Als besonders reizvoll wurde Florentine Gebhardt das Dorf Heiligensee beschrieben. Also ging es zusammen mit der Schwester an einem Julitag – es waren Ferien – dorthin. Zunächst folgten beide einem Pflasterweg, der ihnen endlos lang erschien. Etwa dort, wo sich später das Restaurant „Rotkäppchen“ befand, blickten die beiden jungen Frauen etwas rat- und mutlos in Richtung der sich ihnen nun öffnenden sandigen Straße vorwärts. Plötzlich trat rechts ein Mann aus dem Gebüsch heraus. Mit Schuhen an einem Hakenstock über der Schulter, einem struppigen Graubart und einem staubbedeckten, etwas schäbigen Anzug sah er wie ein Vagabund aus. Nur die Brille mit goldener Fassung schien nicht zu ihm zu passen.

Der Unbekannte gab den Gebhardts die gewünschte Richtungsauskunft, so dass sie ihr Ziel erreichten. Von Heiligensee aus fuhren sie dann mit dem kleinen Motorboot „Ländler“ nach Tegel zurück. Die kleine Nussschale ratterte arg und roch stark nach Petroleum, brachte aber die beiden müden Wanderinnen zum Ausgangspunkt zurück.

Erst später erfuhr Florentine Gebhardt, wer ihnen beiden am Waldrand Auskunft gegeben hatte. Es war der Chemiker Professor Jacobsen, ein Freund Heinrich Seidels. Dieser hatte in seinem Roman „Leberecht Hühnchen“ Jacobsen als Tegeler Original „Dr. Havelmüller“ verewigt.

Wenn Florentine Gebhardt in späteren Jahren und Jahrzehnten durch die Tegeler Wälder streifte, mit Pflanzen, Pilzen und Beeren beladen und dabei auch nicht gerade elegant bekleidet, mögen andere Wanderer über die Frau gelächelt haben, ganz so, wie es ihr einst bei der Begegnung mit „Dr. Havelmüller“ erging. Der Wald aber hatte sich derweil gelichtet, manche Pflanzenart war verschwunden.

Soweit  der Rückblick von Florentine Gebhardt, wie sie ihn in einem Zeitungsartikel im Januar 1928 festhielt. Den Beitrag „Ein ehemaliges Gelehrtenheim“ verfasste sie hingegen für das Buch „Die Provinz Brandenburg in Wort und Bild“, das 1900 herausgegeben wurde. Einschließlich zweier Fotos von der Grabstätte der Familien von Humboldt und von Bülow in Tegel und dem Schloss Tegel wird hier auf knapp 5 Seiten die Geschichte des Ortes beschrieben. Sie erzählt, dass ein Quitzow mit seinen Scharen an der Tegeler Wassermühle „ernstlich aufs Haupt geschlagen wurde“. Sie hielt das kleine Fischerdorf Tegel, still, abgelegen und unbekannt in der großen Welt, als ein rechtes Asyl für weltflüchtende Gelehrte oder träumerische Poeten. Nichts störte die Stille als das Blöken der Schafe und Rinder, das Schnattern der Enten und Gänse und zu Zeiten der gleichmäßige Takt des Dreschflegels von den Strohscheunen her.

Grab HumboldtTegels Stolz und Ruf, so Gebhardt, knüpft sich an den Namen zweier Männer, deren Heimat das Schlösschen war, nämlich an Wilhelm von Humboldt, den Staatsmann, und an Alexander von Humboldt, den Forscher. Beide ruhen inmitten des Schlossparks, die würdig-einfache Grabstätte von eine schlanken Marmorsäule überragt, die auf dem Kapitel eine weibliche Idealgestalt trägt, die die Hoffnung versinnbildlicht.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand in Tegel eine erste Fabrik, die Kesselschmiede von Egells. Später, nach 1870, erhoben sich einzelne Villen vermögender Berliner. Ländliche Stille und gesunde Luft ließ sie hier die Sommermonate verbringen. Eine beliebte Sommerfrische wurde Tegel, als (1881) die Pferdeeisenbahn den Verkehr von und nach Berlin erleichterte. Doch ein Riesenarm streckte sich gierig gen Norden. „Bald wird statt der Pferdekraft der elektrische Funke in kurzer Zeit die räumlichen Hemmnisse überwinden“, schrieb Gebhardt Ende 1899. Schon ragte der gewaltige Schornstein der neuen Borsigwerke in die Höhe, beständig von einer dicken schwarzen Rauchwolke umschwebt, vermischt mit weißen Wölkchen der niedrigeren Schlote. Das Dröhnen, Hämmern und Klirren des geschlagenen Metalls übertönte noch die Geräusche der ehemaligen Egellsschen Fabrik, die nun (1900) Krupp besaß.

Häuschen Kirchplatz

„Altes Häuschen am Kirchplatz“ – Federzeichnung W. Zadow

Der Wald zwischen Berlin und Tegel war gefällt oder zumindest für die Axt bestimmt. Noch vor dem Borsigwerk lag das neue Strafgefängnis, auch hier war zuvor Wald. Wo vor wenigen Jahren Felder mit „goldig wogenden“ Saaten zu sehen waren, entstanden Bauplätze, auf denen „in märchenhaft kurzer Zeit“ moderne fünfstöckige Mietskasernen mit prahlenden Läden im Erdgeschoss emporwuchsen. Aus dem Wald jenseits der Bahnlinie lugte nun kastellartig der neue Wasserturm der Gemeinde Tegel hervor. Nur der Platz um die kleine Kirche mit den einstöckigen schmucken Häuschen mahnte noch an das Tegel von ehedem. Noch waren ein paar strohgedeckte Lehmscheunen mit hölzernen Pferdeköpfen über dem Giebel zu sehen. Hingegen war das Kaiser-Wilhelm-Denkmal vor der Kirche bereits ein Werk der neuesten Zeit (1897).

Moderner Unternehmungsgeist hatte sich bereits in das „geheiligte Gebiet des Schlossparks“ gewagt. Anlagen zu einem Villenviertel entstanden. Eine erste Villa stand schon unter Dach, andere sollten folgen. Gebhardt befürchtete, dass der idyllische Friede des Schlossparks auch während der Wochentage dahin wäre.

Tausende „geputzter“ Berliner fuhren sonntags mit Pferdebahnen, Vorortzügen, Kremsern und Droschken „ins Jrüne“, zogen lachend und schwatzend durch den Humboldtpark, kamen an der „Dicken Marie“ und dem Forsthaus Tegelsee vorbei, um nach 1 ½ Stunden die Kolonie Tegelort zu erreichen. Von hier aus erreichten sie per Boot oder Dampfer Valentinswerder oder das aus Restaurants bestehende Saatwinkel.

An schönen Tagen erreichte der Fremdenverkehr nach Tegel, Schulzendorf und Heiligensee gar 15000 bis 20000 Menschen, die zahlreichen Radler nicht einmal mitgezählt. Abends setzte dann ein schon fast harter Kampf um ein Mitkommen in den Verkehrsmitteln ein.

Im Hinblick auf ein Schwinden des „Idylls“ hoffte Florentine Gebhardt, dass „die Königlichen Forsten nach der Havel zu und nordwärts vor der Axt und der eindringenden Industrie, die überall hin ihre Fabriken baut, vorläufig noch gesichert seien“. Zum Ende ihres Beitrages hin stellte die Schriftstellerin die Frage: Wenn ein Jahrzehnt vergangen sein wird – ob dann das Tegel von heute, das ja auch gegen das vor zehn Jahren ein gewaltig verändertes Bild zeigt, noch zu erkennen sein wird?

Heute wird wohl jede Leserin, jeder Leser dieser Zeilen mit einem Abstand von über 100 Jahren seit Erstellung der Aufzeichnungen durch Florentine Gebhardt zu der Feststellung kommen, dass sich sehr viel verändert hat. Es sei nur erinnert, dass die Städt. Gasanstalt, einst größtes Werk in Europa, nicht mehr vorhanden ist (1953). Die Straßenbahn wurde durch die U-Bahn ersetzt (1958). Die Humboldtmühle dient nicht mehr der Getreideverarbeitung (1988). Tegel verfügt über einen Flughafen (1948 bzw. 1974), der aber auch in einer 2014 noch nicht genau absehbarer Zeit der Geschichte angehören wird. Eine Autobahn wurde erbaut (1987), und, und …
Florentine Gebhardt hätte Mühe, sich im Tegel der heutigen Zeit zurecht zu finden.

Gerhard Völzmann
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Quellennachweis:
Geschichte des ehem. Bisthums Lebus. 1829
Acta betr. die Anstellung des Fräuleins Florentine Gebhardt. 1895
Die Provinz Brandenburg in Wort und Bild. 1900, Nachdruck 1998
Tegel-Hermsdorfer Zeitung v. 27. und 28.1.1928

Dank der Stadt Hann. Münden – Stadtarchiv – für freundlich zur Verfügung gestellte Aktenauszüge.

Es ist nicht der verheerende Brand von 1835, es sind nicht andere große Themen, über die hier berichtet werden soll. Vielmehr sind es zumeist unspektakuläre Begebenheiten, die sich im Dorf oder in der Umgebung von Tegel zutrugen. Über sie wurde vermutlich im Alten Dorfkrug oder bei der Feldarbeit gesprochen. Auch bei den gelegentlichen Fahrten nach Berlin wurden Neuigkeiten erfahren und weiter erzählt. Hier einige Beispiele aus dem vorletzten Jahrhundert, was in Tegel geschah und sicher für Gesprächsstoff sorgte.

Das zweite Garde-Regiment zu Fuß rückte im Januar 1857 aus seinen „Kasernements“ zu einer Marschübung bis in die Gegend von Tegel aus und kehrte nachmittags wieder dorthin zurück.

Mit sechs Wochen Gefängnis wurde im August 1857 der Arbeitsbursche Johann Friedrich Zapf wegen Unterschlagung bestraft. Er sollte für einen Betrag von 1 Taler 17 ½ Silbergroschen Mehl aus der Tegeler Mühle holen. Doch mit dem sogenannten Zweischeffelsack ergriff dieser die Flucht, verbrauchte das Geld für sich und brachte den Sack bei Seite. Vor Gericht behauptete Zapf, auf dem Weg nach Tegel in der Pankower Heide geschlafen zu haben, während ihm der Mehlsack und das Geld gestohlen wurden. Das Gericht glaubte ihm nicht.

1859 verstarb bekanntlich Alexander Freiherr von Humboldt. Das von dem Naturforscher und Ehrenbürger Berlins hinterlassene Inventar ging in den Besitz seines Dieners Seyffert über. Hierzu gehörte auch ein kostbarer Zobelpelz, welchen Humboldt vom Kaiser von Russland als Geschenk im Wert von 3000 Rubel erhalten hatte. Seyffert wollte den Pelz für 1000 Taler verkaufen, doch Pelzhändler boten nur bis zu 800 Taler. „Wohlhabenden Verehrern Humboldts bietet sich Gelegenheit zum Erwerb einer interessanten Reliquie, denn Humboldt hatte den Pelz häufig getragen“, hieß es im November 1871.

Auf dem Weg von Schulzendorf über Tegel in Richtung Berlin haben der Ehemann Melzer und seine Frau aus Pangeritz ihr einziges Kind getötet. Die Eheleute behaupteten, das Kind sei verstorben. Sie verscharrten es auf dem Artillerieschießplatz im Sand. Die zunächst steckbrieflich Gesuchten wurden im August 1864 gefasst und in Haft genommen.

Die Spekulation mit Papieren wurde nach und nach auch auf dem Land heimisch. Bis Ende 1870 wurden im Dörfchen Tegel mit seinen kaum 200 Einwohnern für 21000 Taler „Rumänier“ (rumänische Aktien) angemeldet. Zu dieser Zeit wurden die meisten (insbesondere Brauerei-) Aktien in kleinen Städten und in Dörfern abgesetzt. Die Berliner waren in dieser Hinsicht zurückhaltender.

Der Kaufmann und Mühlenbesitzer Kemnitz zu Schloss Tegel fuhr im März 1873 nachts in seiner Equipage in der Müllerstraße in Richtung Tegel, als er bemerkte, dass ein Mann auf den Wagen kletterte. Er forderte ihn mehrfach auf, den Wagen zu verlassen. Als dieser nicht reagierte, gab Kemnitz mit seinem Revolver einen Schuss ab, mit dem er den Oberarm des Unbekannten traf. Der Verletzte war ein Kanonier der Versuchskompanie. So jedenfalls die Schilderung des Kemnitz, während der Soldat angab, dass vom Wagen aus ohne Grund auf ihn geschossen wurde, als er sich Höhe Schulstraße auf dem Rückweg zu seinem Quartier in Tegel befand.

Schauplatz eines groben Exzesses war das Dorf Tegel im Mai 1875. Mit Hilfe des Amtsdieners verhaftete Tegels Gendarm im Mönch´schen Gasthaus zwei Skandalmacher, während die Genossen des Verhafteten auf Schlimmste die Beamten bedrängten und sogar in die Wohnung des Amtsvorstehers eindringen wollten. Als die Arrestanten im Amtsbüro untergebracht waren, erfolgte ein Stein-Bombardement gegen die Fensterläden des Hauses. Erst der Einsatz der Seitengewehre der Beamten schaffte Ruhe. Am Folgetag wurden sieben Rädelsführer verhaftet.

Im Juli 1876 veröffentlichte das Amtsblatt, dass in Tegel bei Berlin eine Apotheke angelegt werden soll. Am 20.10.1876 wurde die Konzession erteilt. Es folgte die Eröffnung der Adler-Apotheke in der Schloßstraße 11.

Im Jahre 1876 wurden im Amtsbezirk Tegel, insbesondere in der Jungfernheide, 19 Selbstmörder und Selbstmörderinnen aufgefunden, von denen 10 der Person nach ermittelt werden konnten. 9 Menschen mussten unbekannt beerdigt werden.

Im Interesse einer besseren Postverbindung der nächsten Ortschaften mit Berlin wurde zum 1.10.1882 ein besonderer Dienst mit einspännigen Kariolposten eingerichtet. Sieben Kariolposten-Reviere wurden geschaffen. Das vierte Revier umfasste die Tour von Charlottenburg über Moabit, Stadtpostamt Nr. 39, Gesundbrunnen, Pankow, Reinickendorf, Dalldorf, Tegel, Tegeler Landstraße, Plötzensee, „Martinsfeld“. Sie endete wieder in Charlottenburg.

Im Januar 1889 kam es zu einem Oleum-Attentat in Tegel. Als der Ingenieur St. seine Wohnung verließ, schüttete ihm eine „Frauensperson“ ein Gefäß mit Oleum über den Kopf. Die breite Krempe seines Hutes schützte den Überfallenen vor schweren Verletzungen, insbesondere der Augen. Nur der untere Teil des Gesichts erhielt Verbrennungen. Die Attentäterin war die verlassene Geliebte des Ingenieurs.

In eine fatale Situation gerieten im Mai 1890 zwei Berliner Damen, die in der Sommerfrische von Tegel in aller Frühe ein Bad im Tegeler See nahmen. An einem stillen Plätzchen im Tegeler Wald legten sie ihre Kleidung ab und gingen ins Wasser. Als sie in den Wald zurückkehrten, waren bis auf die Morgenschuhe alle Kleidungsstücke verschwunden. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als wieder in das Wasser zu gehen und einen vorbeifahrenden Schiffer um Hilfe zu bitten. Dieser holte andere Kleidungsstücke aus den Wohnungen der Damen.

Vor dem Schöffengericht des Landgerichts II mussten sich im Februar 1895 acht 12 – 14-jährige Schuljungen aus Tegel wegen Störung des Gottesdienstes verantworten. Die Kinder hatten in der Kirche gelacht, laut gesprochen, sich gestoßen, einander Prosit zugerufen usw. Der Amtsanwalt wollte die Rüpelei mit Gefängnis geahndet wissen, doch durch Fürsprache von Pastor Suttkus kamen die Jungen mit einem Verweis davon.

Im Dezember 1897 kam es auf dem Neubau der Borsig´schen Fabrik zu einem schrecklichen Unfall. Der Schornsteinbauer Franke, 27 Jahre alt, errichtete einen Schornstein, der zu dieser Zeit alle in Berlin und Umgebung an Höhe übertraf. Der fast fertige Schornstein hatte außen einen Aufstieg für die Arbeiter und innen einen Aufzug für das Material. Franke wollte den Aufstieg vermeiden und benutzte trotz Verbot des Maschinisten den Aufzug. Doch der Polier, der mit der Aufzugbedienung nicht vertraut war, brachte den Aufzug oben nicht zum Halt. Franke sah die Gefahr, vom Räderwerk zermalmt zu werden. Er sprang in die Schachttiefe und verletzte sich tödlich.

Gerhard Völzmann

Über viele Jahrzehnte gab es im Norden von Berlin einen Exerzier- und Schießplatz, der zwischen dem Wedding (Louisenbad) und Reinickendorf neben den Wurzelberg und Wiesenberg genannten Höhen lag (Areal Reinickendorfer-, Exercier- und Seestraße) und durch die Garde-Artillerie für ihre Übungen genutzt wurde. Ein Polygon (Vieleck) aus aufgeschütteten Sandwällen diente dem Kugelfang. Im Herbst 1773 und in den Folgejahren nahm hier König Friedrich II. „Revue ab“, sah sich das „Schießen und Werfen“ der Artilleristen an. Bei dieser Gelegenheit logierte er „auf dem Gesundbrunnen“, übernachtete hier also. So auch anlässlich der großen Artillerie-Übungen im Herbst 1785. In diesem Zusammenhang schrieb der König in einer Ordre an General-Major von Holtzendorff u. a.:

Da Ich Morgen nach Berlin hinkomme und gegen Abend gegen 6 Uhr dorten auf dem Gesundbrunnen eintreffen werde, so könnet Ihr so gut sein, alsdann auf den Brunnen zu Mich zu kommen und Eure beiden Obristen mitzubringen.

Ich bin Euer wohl affektionirter König
Potsdam, den 8ten September 1785.      Friedrich.

Der Schießplatz trug übrigens auch die Bezeichnung Tempelhofer Schanze, wohl benannt nach dem berühmten General und Militär-Schriftsteller Tempelhof.
Die Nutzung des Platzes wurde eingestellt, nachdem er – auch im Hinblick auf die zunehmende Reichweite von Geschossen – nicht mehr groß genug war. Jetzt (so schrieb 1831 L. Freiherr von Zedlitz in seinem „Wegweiser durch den Preussischen Staat …“) ist der Schiessplatz nach einem dazu ausgehauenen Platz der Heide vor Tegel verlegt. Unter dem Stichwort Artillerie-Schießplatz steht dort weiter, dass derselbe seit 1830 in die Gegend verlegt wurde, wo das Chausseehaus vor Tegel stand. Er lag damit links der Kunststraße 1 Meile von Berlin, am nordöstlichen Ende desselben stand der Meilenstein.

August Wietholz, der Chronist von Tegel, nennt das Jahr 1828 als Zeitpunkt der Anlage des Schießplatzes in der Jungfernheide. Wann der Platz tatsächlich erstmals durch das  2. Garde-Regiment zu Fuß sowie eine Escadron Garde du Corps und Ulanen genutzt wurde, ist nicht bekannt. In Ost-West-Richtung hatte der 1856 und in den 1870er Jahren erweiterte Schießplatz eine Länge von etwa 6 km, die Breite betrug am östlichen Ende ca. 1,5 km und am westlichen Ende etwa 3 km einschließlich eines Sicherheitsgürtels.

Schießplatz Tegel

Der Tegeler Artillerie-Schießplatz auf einem Plan von 1884

Die Geschichte des Tegeler Schießplatzes ist eng mit den Geschichten jener Personen verbunden, die sich dort aufhielten. Einerseits war das natürlich das Militär. Zum anderen suchten aber auch viele Männer und Frauen, ja selbst Kinder, den Schießplatz wie die gesamte Jungfernheide auf. Vom Vogelfänger über den Kugelsammler bis hin zu dreisten Dieben von Geschützrohren waren dies Menschen, die sich ganz bewusst in Gefahr für Leib und Leben begaben. Die zumeist aus Not und Elend heraus begangenen Taten erscheinen uns aus heutiger Sicht teilweise tragikomisch. So etwa jene Frau, die mehrfach wegen Kugeldiebstahl vor dem Richter stand und von diesem stets gefragt wurde, ob sie nicht die Tafeln gelesen hätte, die das Betreten des Areals und das Metallsammeln verbieten würden. Wieder war die Frau angeklagt. Diesmal hatte sie erst Warnschilder verbrannt und anschließend Kugeln eingesammelt. Der Richter konnte sie nun ja nicht mehr fragen, ob sie die Schilder nicht gelesen hatte! Verurteilt wurde sie trotzdem zu 10 Tagen Gefängnis.

Nachfolgend nun in chronologischer Reihenfolge einige Schießplatz-Episoden, die sich mühelos um weitere Geschehnisse ergänzen ließen.

Großartige Feuerwerke „für Militär und Zivil“. Von Zeit zu Zeit wurden auf dem Schießplatz großartige Feuerwerke abgebrannt, die den Kenntnisstand der zur Feuerwerkerschule abgeordneten Artilleristen zeigen sollten. Dies geschah auch im August 1860. Das Ereignis war lange Zeit vorher angekündigt. So strömten trotz der kalten, unfreundlichen Witterung zu den Abendstunden hin unzählige Neugierige mit Wagen, zu Pferd oder zu Fuß in Richtung Schießplatz, um sich das Spektakel nicht entgehen zu lassen. Artilleristen stellte den anwesenden Damen sogar teilweise Stühle zur Verfügung.

Als die prachtvolle magische Beleuchtung einsetzte, brach Jubel aus. Das Abbrennen der  Leuchtkugeln, Schwärmer, Raketen usw. dauerte etwa zwei Stunden. Kein Zuschauer verließ das Spektakel vorzeitig, auch wenn eine Erkältung zu erwarten war. Am Ende der Veranstaltung entwickelten sich tumultartige Szenen, als sich die Gäste so, wie sie gekommen waren, in völliger Finsternis auf den Heimweg machten. Es war schon erstaunlich, dass alle Anwesenden mit gesunden Gliedmaßen und heiler Haut den Rückweg überstanden.
Die Darbietungen sahen sich viele Generälen und auch der russische Militärbevollmächtigte, Graf Adlerberg, an.

Findergeld für Kugeln. Unzählige Male wurde in Zeitungen und Amtsblättern sowie auf Tafeln vor dem Betreten des Schießplatzes gewarnt. Scheinbar im Gegensatz hierzu folgender Zeitungsartikel vom Mai 1863:
Wenn Jemand in der Jungfernheide spazieren geht, kann es ihm leicht passieren, daß er dort einen Fund macht, nämlich eine der Kugeln, die aus den gezogenen Geschützen auf den Artillerieübungs-Plätzen abgefeuert sind. Diese Kugeln unterscheiden sich von den andern dadurch, daß sie eine mehrere Pfund schwere Bleiumhüllung haben, Wollte aber der Finder glauben, daß er den Fund ohne weiteres als sein Eigenthum betrachten könne, so würde er sich sehr irren und, wenn er angezeigt wird, sogar in Strafe verfallen. Jene Kugeln müssen nämlich an das Artillerie-Depot abgeliefert werden und dieses zahlt  für das zur Ablieferung kommende Blei ein Findergeld von drei Pfennigen, für das Eisen zwei Pfennige pro Pfund.

Eine Kanone als Geschenk. Im Dezember 1867 wurde auf der Industrie-Ausstellung in Paris eine damals große Sensation gezeigt. Es war eine Kanone, ein sog. Krupp´scher Tausendpfünder. Allein das Rohr mit einem Bohrungsdurchmesser von 14 Zoll englisch wog 1000 Zentner, die Pulverladung 1 Zentner. Die Lafette hatte ein Gewicht von 30000 Pfund  und der Rahmen, auf dem sie sich bewegte, 50000 Pfund. In eine Granate wurden 16 Pfund Pulver gefüllt, das sich beim Anschlagen selbst entzündete und die Granate zersprengte.
Die Kanone kostete komplett 145000 Taler, jeder Schuss 800 Taler. Krupp hatte das riesige Geschoss dem König zum Geschenk gemacht. Es traf am 3.1.1868 in Berlin ein und wurde am Folgetag vom Potsdamer Bahnhof aus mit einem von 12 Pferden gezogenen Borsig´schen Maschinenwagen zum Tegeler Artillerie-Schießplatz gebracht, um die Schießfähigkeit zu prüfen.

Granaten gestohlen. Am 20.11.1869 fand in Tegel ein Schießen statt. Es wurden achtzöllige Mörsergranaten verfeuert, die zwar mit 15 Pfund Pulver scharf geladen, aber nicht mit Zündvorrichtung versehen waren. Nach Beendigung des Schießens wurden fünf der Mörsergranaten nicht wieder aufgefunden. Sie wurden wohl gestohlen. Zur Verhütung von Unglücksfällen wurde das „Publikum“ hierüber unterrichtet.

Schießplatz 1870

Auf dem Schießplatz im Jahre 1870

Ein „Regen der colossalsten Geschosse“ über dem Tegeler See. Es waren schon viele schlimme Tage, doch der 29.8.1871 war der schlimmste Tag. Das vom Schießplatz aus vorgenommene Bombardement nahm außergewöhnliche Dimensionen an. Betroffenen waren der Tegeler See und die Inseln, von denen Scharfenberg besonders bedacht wurde. Auf einer Wiese wurde ein Loch von derartiger Tiefe gerissen, dass die umherfliegenden Rasen- und Baumwurzelstücke ausgereicht hätten, Menschen zu erschlagen. Alle Feldarbeiten mussten eingestellt werden. Auch Valentinswerder war nicht sicher. Auf dem Weg dorthin brausten die Geschosse zudem über die Lokale von Saatwinkel.

Schießversuche vom Schäfersee zum Schießplatz. Im September 1871 waren Versuche vorgesehen, mit Geschützen eine Meile (7532 m) weit zu schießen. Die Geschosse sollten von der Gegend des Schäfersees aus im Bogen über die damals noch vorhandenen Felder und die Tegeler Chaussee (heutige Scharnweberstraße) „hinweggeworfen“ werden und auf dem Schießplatz so auffallen, dass sie dort noch in einer Distanz von einer Viertelmeile ihre Wirkung zeigten. Gleichzeitig waren auf dem Schießplatz Schüsse auf 12-zöllige Panzerplatten, noch verstärkt durch ebenfalls 12-zöllige Holzplanken vorgesehen. Für den Transport der schweren Geschütze sollte vom Hamburger Bahnhof aus durch die  Jungfernheide bis zum Schießplatz eine Pferdebahn eingerichtet werden. Ob dies tatsächlich geschah, ist nicht bekannt.

Französische Geschütze umgegossen. Auf dem Tegeler Schießplatz waren bis August 1873 französische Geschütze aufgestellt, die im Krieg von 1870/71 erbeutet wurden. Das aus Bronze bestehende Geschützmaterial wurde in der Folgezeit in der Spandauer Geschützgießerei in bronzene Rohre preußischen Kalibers umgegossen.

Warntafel

Warntafel am Rand des Schießplatzes (Fotomontage)

Hehler-Preise für Kugeln. Hehler, die Kugeldieben ihre Beute abkauften, gab es unweit des Schießplatzes. Im Januar 1874 zahlten sie für eine „crepirte“ Kugel etwa 7 Silbergroschen, für eine noch intakte 14 – 16 Silbergroschen. Letztere musste dann aber erst von dem Finder unter Lebensgefahr entladen werden. Im Vorjahr hatte der Handelsmann Mönch, Müllerstraße 130, eine angekaufte Granate selbst zertrümmern wollen. Das Geschoss barg jedoch noch seine Sprengladung in sich, die sich entzündete. Die Granate zersplitterte mit starker Detonation. Mönch, seine Frau und das Dienstmädchen verletzten sich erheblich. Bei dieser Gelegenheit wurden unter einem Düngerhaufen mehrere Körbe mit weiteren Kugeln gefunden.

Ein Geschenk für die Veteranin der Kugelsucherzunft? Im Januar 1876 stand die 78-jährige fast völlig taube Witwe Müller vor der Deputation des Berliner Kreisgerichts. Wie bereits in der Vergangenheit mehrfach geschehen, hatte sie den Artillerie-Schießplatz betreten und verschossene Munition mitgenommen. Sie wurde wegen „strafbaren Eigennutzes“ abermals zu drei Tagen Gefängnis verurteilt. Auf die Bitte der alten Frau, ihr doch diesen Fehltritt „zu schenken“, antwortete der Vorsitzende: „Hier wird nichts geschenkt“.

Das Wasserwerk trafen „eiserne Sendboten des Krieges“. Im Mai 1876 berichtete eine Berliner Zeitung, dass „weyland eine naseweise Kanonenkugel bekanntlich eine gemüthliche Kaffeegesellschaft in Tegel dadurch erschreckte, daß sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel fast mitten auf den gemeinsamen Tisch fuhr und die leider nicht gepanzerten Tassen und Teller kurz und klein schlug“. Ähnlich schlug eine Anzahl an Projektilen, so die Zeitung weiter, auf dem Gelände der neuen Städtischen Wasserwerke (Bernauer Straße) ein. Die dort tätigen Arbeiter gaben samt und sonders Fersengeld. Der Magistrat zu Berlin wandte sich daraufhin an das Kriegsministerium, sofort Maßregeln zu treffen, das neue Wasserwerk in Zukunft vor den „etwas unangenehmen Besuchen dieser eisernen Sendboten des Krieges zu schonen“.

16 Zentner schweres Geschützrohr gestohlen. Es ist kaum zu glauben, dass im Februar 1880 vom Tegeler Militärschießplatz ein 16 Zentner schweres Geschützrohr, ein sogenannter Zwölfpfünder, gestohlen wurde. Einer der Täter war der einarmige (!) Schlosser Göbel. Er hatte den Arm „in Ausübung seines Gewerbes“,  des Kugeldiebstahls,  durch die Explosion einer Granate verloren. Zwei weitere Männer, der Arbeiter Binder und der Kutscher Albur, waren beim Geschützrohr-Diebstahl mit beteiligt. Einen Einspänner hatte ein Fuhrherr  aus der Ackerstraße mit den Worten: „Macht was ihr wollt – Ich will es nicht wissen“ zur Verfügung gestellt.
Als auf dem Schießplatz ein auf Unterlagen ruhendes Geschütz von der Lafette auf den Pferdewagen gehoben werden sollte, zerbrach die Unterlage der Kanone. Für ein Aufladen der Kanone vom Erdboden auf den Wagen war nun das Gewicht zu groß. Bei einer zweiten Kanone gelang die Aktion. Nun musste das Pferd, von den drei Männern unterstützt, den Wagen durch den tiefen Sand des Schießplatzes bis zur Ackerstraße ziehen. Die Beute wurde zunächst bei dem Fuhrherrn zwischengelagert und dann in der Anklamer Straße in die Werkstatt des Schlossers Schmidt gebracht. Mit einem Meißel wurde das Rohr geteilt. Noch während dieser Arbeit erfolgte die Verhaftung der Diebe. Übrigens lag der Metallwert des Geschützrohres bei 2500 Mark. Aus Sicht der Täter hätte dieser Betrag die großen, übermenschlichen Anstrengungen gelohnt.

Wohnort Jungfernheide, Kiefernreisig-Hütte. Zu den „Kugelsuchern von Profession“ auf dem Schießplatz gehörten in den 1880er Jahren auch mehrere Frauen, von denen sich zwei eine Hütte von Kiefernreisig mit Mooslager errichtet hatten. Wochenlang nächtigten sie hier bis in den November hinein. In der Nähe befand sich ihre „Niederlage“ von Bleikugeln und -mänteln, die sie während des Tages zusammengesucht und von schweren Geschossen abgeschlagen hatten. Abends pflegten sie die Beute an Abnehmer in der Müllerstraße abzuliefern

Luftschiffer auf dem Weg nach Tegel. Viel Aufsehen erregten die Luftschiffer, wenn sie – wie am 14.11.1885 – mit zwei Wagen vom Rande Tempelhofs aus durch die Potsdamer Straße in Berlin nach Tegel zum dortigen Schießplatz zogen. In den Wagen waren alle Utensilien verstaut, die sie für die Luftschifffahrt benötigten, also Ballon, Gondeln, Netze, Stricke usw. Den Wagen folgten die Mannschaften des  Militär-Ballon-Detachements in Reih und Glied. Der Dienst in Tegel war für die Mannschaften erschwert, weil der Ballon nach jeder Nutzung gefüllt bzw. gefesselt in Tegel verblieb und bewacht werden musste. Das Detachement zählte, außer Offizieren und Unteroffizieren, nur 20 Mann. Bis 1901 nutzten die Luftschiffer noch das Gelände an der heutigen General-Pape-Straße, bis sie dann auf Dauer nach Tegel verlegt wurden.

Ballon der Luftschiffer beim Pferdebahn-Depot gefüllt. Im November 1887 befand sich die Luftschiffer-Abteilung an zwei Tagen wie schon oft in der Vergangenheit auf dem Gelände des Tegeler Schießplatzes. Vom Ballon aus sollten Flugbahnen von Geschossen und Treffer beobachtet werden. Der Ballon war neu aus Gummimasse mit imprägniertem Seidenstoff gefertigt. Die Gasfüllung erfolgte beim Depot der Pferdebahn in der Müllerstraße. Bereits im Vorjahr war zu diesem Zwecke ein Gasrohr dorthin verlegt worden.

Kaserne SchießplatzZieldorf abgebrannt. Am Vormittag des 22.8.1892 wurde die Freiwillige Feuerwehr West-Reinickendorf durch dichte Rauchwolken alarmiert. Wie eine Zeitung später berichtete, war an dem Tegeler Artillerieschießplatze die „Waldlisiére“ (der Waldsaum) unweit des Zieldorfes in Brand geraten. Die aus Holz und Pappe hergestellten Häuser des Dorfes wie auch etwa ein Morgen Waldbestand wurden ein Raub der Flammen.
Als die Feuerwehr eintraf, waren bereits zwei Kompanien Pioniere durch schnelles Ausheben von Gräben erfolgreich damit beschäftigt, ein weiteres Ausbreiten der Flammen zu verhindern. Der kommandierende Hauptmann des Schießplatzes sprach der Feuerwehr Dank und Anerkennung aus. Der Feuerwehr-Einsatz erfolgte genau am ersten Jahrestag der Gründung der Wehr.
Später wurde die abgebrannt Attrappen-Anlage unter dem Namen Neu-Zieldorf wieder aufgebaut.

Vom Militärposten erschossen. Es war im Januar 1895, an einem Nachmittag um 4 Uhr, als ein am neuen Laboratorium in der Jungfernheide seinen Dienst verrichtender Militärposten einen Mann bemerkte, der sich am Fenster eines Schuppens zu schaffen machte. Vom Wachposten nach dem Grund befragt, erwiderte der Ertappte, dass ihn dies nichts anginge. Anschließend ergriff er die Flucht. Sowohl der Wachposten als auch seine gerade eintreffende Ablösung verfolgten den Flüchtenden und forderten ihn mehrmals ohne Erfolg zum Anhalten auf. Nun gab einer der Soldaten zwei Schüsse ab. Der zweite Schuss war ein tödlicher Schuss in den Hinterkopf des Flüchtenden, wie ein kurz danach eintreffender Arzt feststellte. Bei dem Erschossenen handelte es sich um einen 1863 geborenen Mann namens Friedrich Müller, bei dem auch ein Militärpass gefunden wurde. Die Meldung in der Zeitung endete mit dem Hinweis, dass er die Instruktionen für Militärposten hätte kennen müssen.

Als am 18.1.1908 bei einer Scharfschießübung des 1. Garde-Feldartillerie-Regiments eine fehlgeleitete Granate in das Anwesen des Gastwirtes Märten in Saatwinkel einschlug, wurde das Geschütz-Schießen 1909 endgültig eingestellt. Bei dem Vorfall kamen Personen nicht zu Schaden. Märten gab seiner Gaststätte daraufhin den Namen „Zur eingeschlagenen Granate“, musste dies aber schon bald wieder rückgängig machen, weil es für den Militärfiskus abträglich war.

Gerhard Völzmann

Wer – gerade in der Vorweihnachtszeit – das geschäftige und teilweise auch hektische Treiben in den Einkaufsstraßen, den Läden und den beiden Einkaufscentern Tegels beobachtet, kann sich vermutlich nur schwer vorstellen, wie es am gleichen Ort wohl vor über über 150 Jahren aussah. Einen Eindruck vermittelt das 1855 von Dr. Heinrich Berghaus auf Veranlassung des Staatsministers Flottwell geschriebene „Landbuch der Mark Brandenburg und des Markgrafthums Nieder-Lausitz in der Mitte des 19.Jahrhunderts“, in dem über das Rittergut und das Dorf Tegel berichtet wird. Zu Letztgenanntem heißt es hier:

Die Dorfgemeinde Tegel besteht aus 7 Bauern, 2 Cossäthen, 1 Eisenhammer (seit 1837 von Egels, dem Besitzer der Maschinenbau-Anstalt zu Berlin, angelegt), 1 Windmühle (seit 1833) und 8 Büdnern. Die ganze Feldmark ist nach einer Schätzung 1039 Morgen groß, davon der Kirche 10 und der Pfarre 120 Morgen gehören. In dem Gesammt-Areal sind auch der Main- und der Reiswerder, im Tegelschen See belegen, mit 18 Morgen enthalten. Der Acker ist durchweg sandig und leicht, und die Wiesen sind, bis auf 20 Morgen mittelmäßiger Art, von schlechter Beschaffenheit. Darum sind auch die wirthschaftlichen Verhältnisse der bäuerlichen Güter nicht in bester Lage; aber dennoch befinden sich die in ziemlich guten Vermögens-Verhältnissen, indem die Nähe von Berlin es denselben möglich macht, alle Wirthschafts-Erzeugnisse vortheilhaft zu verwerthen und außerdem Gelegenheit geboten ist, städtisch eingerichtete Wohnungen an Berliner Sommergäste für bedeutende Preise zu vermiethen.

Ergänzend zu dieser Schilderung hier noch eine Statistik über das Dorf Tegel, erhoben im Dezember 1858. Danach gab es:

296 Einwohner19 Morgen Gartenland36 Pferde
54 Ehen609 Morgen Acker73 Rinder
5 öffentliche Gebäude86 Morgen Wiese– Schafe
31 Wohngebäude– Morgen Weide183 Taler Grundsteuer
45 gewerbl. / wirt. Gebäude349 Morgen Wald344 Taler Klassensteuer
10 Gehöfte27 Taler Gewerbesteuer

Sowohl Berghaus´ Schilderung als auch die Statistik zeigen, dass Tegel in den 1850er Jahren noch ausgeprägte bäuerliche Strukturen aufwies, sich aber auch schon Veränderungen allein durch den Betrieb des Egellsschen Eisenhammers abzeichneten. Dies kam zudem in der Einwohnerschaft Tegels zum Ausdruck. Namen wie Ziekow, Marzahn, Schulze, Wilke und Müller standen für die Berufe des Bauern (und sogenannte Alt-Sitzer), des Büdners und des Kossäten. Einen Lehnschulzen (August Ziekow) und einen Schmiedemeister namens Schulze gab es natürlich. Sattlermeister Rackau, Schuhmacher Ruppin, Schneidermeister Voß und Carl Müller als Zimmerpolier vertraten Handwerksberufe. Es wohnten aber auch schon sehr viele Arbeiter, damals als Arbeitsmänner bezeichnet, in dem Dorf.

Göpelanlage

Eine Göpelanlage mit Dreschmaschine aus dem Jahre 1856

Unser Rückblick führt uns nun in das Jahr 1859. Für die Besitzer der bäuerlichen Anwesen, für ihre ihre Knechte und Mägde, war natürlich wie seit eh und je der Verlauf der Arbeiten stark von der Witterung abhängig. Ende März war die Zeit der Frühjahrsbestellung, im Juni der erste und im August/September der zweite Schnitt des Grases für die Heuernte, Mitte Juli begann die Roggenernte,  Anfang  September endete die Getreideernte und im Juli war die Zeit der Ernte der Frühkartoffeln, gefolgt von der weiteren Kartoffelernte im September und Oktober. Die Zeit der Herbstbestellung in denselben Monaten beschloss die Feldarbeiten. Nun endete die Zeit, in der um 4 Uhr aufgestanden, das Vieh gefüttert und von 6 bis 18 Uhr auf dem Feld gearbeitet wurde.
Bauern, die zu dieser Zeit schon eine Göpelanlage besaßen, spannten dann bis zu   zwei Pferde ein, die in unzähligen Runden im Kreis laufen mussten, um eine Dreschmaschine anzutreiben. Dass 1859 in Tegel schon eine solche Anlage stand, ist nicht zu vermuten. Beides zusammen, also Göpelanlage und Dreschmaschine, kostete bei der Firma C. Beermann, vor dem Schlesischen Tor gelegen, 200 Taler! Erst in wesentlich späterer Zeit (ab 1910) setzte Bauer Ziekow in der Hauptstr. 26 eine Göpelanlage ein.

Auch wenn die obige Statistik kein Weideland ausweist, so war im Dorf doch weiterhin der Gemeindehirte Stien für die Viehhütung zuständig.

Die landwirtschaftlichen Erzeugnisse verkaufte die Tegeler Bauern in Berlin. Dazu wurden zweimal in der Woche die Pferde (oder auch Rinder!) früh um 5 Uhr angespannt, um zum Gendarmenmarkt zu fahren. Rückkehr war um 12 oder 13 Uhr. Über solche Fahrten freute sich Chausseegeldeinnehmer Lachmund, der an der Berlin-Ruppiner Chaussee die auf dem Grundstück des Schmiedemeisters Schulze gelegene Hebestelle gepachtet hatte (heute wäre dies Berliner Str. 1 Ecke Alt-Tegel).

Am 11.11.1859 stellte sich in Tegel der erste Frost ein und verkündete damit den nahenden Winter. Die Temperaturen wurden übrigens noch nach Réaumur-Graden gemessen. Im Dezember des Jahres fiel immerhin an 9 Tagen Schnee. Nun nahten die Weihnachtsfeiertage. Zuvor mussten aber noch die Ställe ausgemistet und der Dung auf die Felder verbracht werden, denn solche Arbeiten zwischen Weihnachten und Dreikönigstag verrichtet, brachten kein Glück.

Die Weihnachtsgeschenke für die Familie sowie Kleinigkeiten für die Knechte und Mägde wurden möglichst heimlich in Berlin eingekauft. Silberne Tuchnadeln gab es ab 5 Silbergroschen (Sgr.), silberne Uhrenketten ab 1 Sgr., Pfeifen, Stöcke, Zigarrenspitzen, Regenschirme und Kämme wurden zudem gern verschenkt, während für die Kinder Spielwaren in Blech und Zinn, Baukästen, Puppen oder auch nur Puppenköpfe bzw. -rümpfe als Ersatz für beschädigte Teile in Frage kamen.

Tegeler Dorfkirche

Die Tegeler Dorfkirche um 1834 . Lithographie von Hübner.

Für das Weihnachtsgebäck mussten die besonderen Zutaten gekauft werden. Mehl und frische Butter (im Laden 4 Sgr./Pfund) waren zumindest auf den Bauernhöfen ja vorhanden, ansonsten das Mehl bei der Mehlhändlerin, Frau Thießen, im Dorf erhältlich. Doch die süßen Mandeln (9-10 Sgr./Pfd.), Rosinen (5 Sgr./Pfd.) und der weiße gestoßene Zucker (4 Sgr./Pfd.) oder der weiße harte Zucker (4 ½ Sgr./Pfd. bei Kauf in ganzen „Hüten“) wurden in Berlin erstanden. Champagner, die Flasche für 1 Taler 10 Sgr., war mit Sicherheit nicht für einem Tegeler Gabentisch vorgesehen.
Am Heiligen Abend, wenn es schummrig wurde, besuchten die Tegeler die Christmette, nicht ohne zuvor die Haustiere in den Ställen mit einer Extraportion an Futter versorgt zu haben. Das Gotteshaus war ein massiver Bau mit Ziegeldach aus dem Jahre 1756, im einfachen Barockstil errichtet, der Turm mit einer Uhr versehen. Wohl kaum ein Dorfbewohner ging nicht zur Kirche. Nur der Chausseegeldeinnehmer war verhindert. Er konnte ja nicht einfach den Schlagbaum schließen. Mit den beiden Kirchenvorstehern August Müller und Friedrich Wilke, dem Königlichen Oberförster Seidel, dem Mühlenmeister Wendt, dem Ökonom Carl Buschmann, Rentier Ebers, dem Schmiedemeister Kirschstein vom Eisenhammer und natürlich vom Schlößchen Tegel Frau Minister von Bülow, Gutspächter Ewest und Dampfmühlenbesitzer Henning können hier nur ganz wenige Kirchenbesucher namentlich genannt werden. Eine feste Verteilung der Sitzplätze ist durch eine Königliche Anordnung v. 3.12.1872 überliefert, war aber sicher auch schon 1859 üblich.

Friedländer

Eintrag im Berliner Adressbuch 1857

Alle Gottesdienstbesucher waren bestimmt, ohne darüber zu sprechen, gespannt, wie Wilhelm Füllgraf  zur Christmette predigen würde. Zum neuen Pfarrer der Parochie Dalldorf (Wittenau), zu der Tegel als Filiale gehörte, war er erst in diesem Jahr (1859) berufen worden. Lange Zeit, nämlich von 1828-1859, war Pfarrer Horn als sein Vorgänger hier bekannt.
Den Gottesdienst am Heiligen Abend begleitete Schullehrer und Küster Born auf dem Harmonium. In ihrem Testament vom Febr. 1855 hatte „Frau Generalin“ von Hedemann, geb. von Humboldt, der Tegeler Kirche für „eine gute, der kleinen Kirche angemessenen Orgel“ 400 Taler vermacht. Sie selbst hatte dann bei der Berliner Firma Julius Friedländer ein Harmonium mit 14 Registern zum Preis von 300 Talern bestellt und den Wunsch geäußert, dass das Instrument zur Feier ihrer Beisetzung erstmals gespielt werden sollte. Dies geschah tatsächlich, nachdem das Harmonium am 6.1.1857, gleich nach ihrem Tod, in der Kirche aufgestellt wurde. Noch verbliebene 67 Taler, Spenden des Generals von Hedemann von 13 Talern und der Kirchengemeinde Tegel von 20 Talern dienten dann der Instandhaltung des Harmoniums, während die Zinsen der insgesamt 100 Taler zusammen mit Roggenspenden der Bauern den Küster für seine Arbeit als Organist entschädigten.

Nun spielte also zur Christmette am 24.12.1859 Küster Born auf dem Harmonium, dessen Bedienung er sich zwischenzeitlich angeeignet hatte. Zum Gottesdienst am ersten Weihnachtsfeiertag sang zudem der Schulchor.

Nach dem Gottesdienst am Heiligen Abend fand in den guten Stuben der Dorfbewohner die Bescherung statt. Dazu wurden natürlich die farbigen „Brillant-Parafin-Pyramiden-Kerzen“, von denen das Dutzend immerhin 10 Sgr. kostete, angezündet. Hier ist zu bemerken, dass 1859 die Tanne oder Fichte als Weihnachtsbaum (z. B. geschmückt mit Baum-Konfekt für 8 Sgr./Pfd.) zwar schon bekannt war, sich aber noch nicht in vielen Wohnstuben durchgesetzt hatte. Vielmehr stand in der Wohnzimmerecke eine Weihnachtspyramide, aus vier Eckhölzern, einem Mittelholz und zwei oder drei drehbaren Scheiben versehen, die kleine Figuren, Tiere und andere Gegenstände trugen. Die Kerzenwärme brachte dann durch ein Flügelrad die beweglichen Teile der Pyramide zum Drehen. Auch in heutiger Zeit werden ja wieder derartige Pyramiden gern aufgestellt. Damals hing vielleicht noch eine Weihnachtskrone in einer Tegeler Bauernstube. Caroline von Humboldt schrieb hierzu in ihrem Weihnachtsbrief von 1815:

Mein Weihnachten wird diesmal ungemein brillant werden, die Krone wird, seitdem sie im Salon hängt, hier zum ersten Mal angesteckt werden, und darunter der Tisch mit allen Geschenken.
Zum Heiligen Abend gehörte auch in Tegel ein Weihnachtsmann, der von Haus zu Haus zog, die artigen Kinder (andere gab es sicher nicht) beschenkte und nicht als verkleideter Dorfbewohner erkannt wurde.

Leider muss nun aber auch berichtet werden, dass in dem Dorf mit dem 1. Weihnachtsfeiertag die ruhige und friedvolle Weihnachtszeit des Jahres 1859 endete. Warum dies so war, zeigt der folgende Teil dieses Beitrages auf.

Natürlich sollte am zweiten Weihnachtsfeiertag die festliche Stimmung weiter vorherrschen, aber auch die Unterhaltung nicht zu kurz kommen. Aus diesem Grunde hatte der Wirt des Alten Dorfkrugs in „Tegel 3“ (gegenüber der Dorfkirche gelegen), C. F. Marzahn, Vorbereitungen getroffen. So hatte er für den 26.12.1859 eine Tanzkapelle verpflichtet und genügend „auf dem Kerbholz“. Letztgenannte Redewendung, heute mit negativer Bedeutung versehen, hatte damals einen ganz anderen Sinn. Die Bierkutscher benutzten seinerzeit nämlich zur Abrechnung mit den Gastwirten Kerbhölzer, die an der Kutschenseite in Ledertaschen steckten. Die Zahl der gelieferten und abgenommenen Bierfässer wurde durch Einschnitte (Kerben) auf den Hölzern kenntlich gemacht. Der Kunde, also der Gastwirt, besaß ein dazu passendes Holzstück mit identischen Einkerbungen. Mit „Dinte“ (Tinte) geschwärzte Kerben waren der Nachweis für die Bezahlung der Getränkefässer. Die Kerbhölzer wurden selbst vom Kammergericht in einem Prozess als Beweismittel anerkannt.

Alter Dorfkrug

Alter Dorfkrug 1917

Doch zurück zu Marzahn. Er hatte also genügend Getränke für den zweiten Weihnachtsfeiertag vorrätig. Im Krug vergnügten sich Dorfbewohner, aber auch  fünf Soldaten eines hiesigen Regiments beim Tanz, bis ein Streit entstand. Die jungen Bauernsöhne „erachteten es nicht für eine Ehre“, dass ihnen die Soldaten fortgesetzt auf die Füße traten. Es gab Schimpfreden, bis ein Müllergeselle, „um seine beleidigten Zehe zu rächen“, ausholen wollte. Sein Gegenüber war aber mit seinem Säbel schneller und versetzte ihm einen Hieb über das Gesicht. Der Schlag, so ein Zeitungsbericht, „spaltete den Schädel fast in zwei Teile“. Nun ergriffen insbesondere sieben starke Tegeler Bauernsöhne Schemelbeine, Tischfüße und „andere Holzinstrumente“, mit denen sie den Soldaten ihre Waffen abnehmen und sie vor die Tür drängen konnten. Ein Soldat war so klug, ganz zu verschwinden. Nun erschien ein herbeigerufener Schutzmann, übernahm die Säbel und machte sich auf den Nachhauseweg. Doch er wurde von den nun vier Soldaten angegriffen und zog sich deshalb wieder zum Dorfkrug zurück. Hier wurde ihm natürlich „namhafte Hülfe“ gewährt. Die abgenommenen Waffen wurden dem Kommandeur ausgehändigt. Über die verhängten Strafen – sie fielen sicher drastisch aus –  ist nichts überliefert.

Damit endet unsere Schilderung über die Tegeler Weihnachtszeit des Jahres 1859. Sie zeigt, dass es auch damals nicht nur eine „gute alte Zeit“ gab, wie es in Rückblicken gelegentlich gern formuliert wird.

Gerhard Völzmann

Bekanntlich lässt sich der Ortsteil Tegel in verschiedene Bereiche aufteilen. Zunächst denkt man sicher an das Zentrum oder  den Kernbereich, der insbesondere Alt-Tegel, die Berliner Straße, den Fußgängerabschnitt der Gorkistraße sowie die angrenzenden Nebenstraßen beinhaltet. Die Bezeichnungen Tegel-Nord und Schlossbezirk sind heute vielleicht nicht mehr ganz so geläufig. Es handelt sich dabei um die Villengegend am Humboldtschloss. Die einst in der Campestraße 11 gelegene Abteilung Hospital des Städt. Humboldt-Krankenhauses trug zum Beispiel im Namen auch die Angabe Tegel-Nord.

Von einem „zweiten Tegel“ schrieben Zeitungen, als jenseits der Bahnlinie in Richtung Wittenau nach dem ersten Weltkrieg zunächst die Kleinhaussiedlung „Am Steinberg“ und später durch die Baugesellschaft „Roland“ ganze Wohnblöcke entstanden. Aus dem „zweiten Tegel“ wurde Neu-Tegel.

Über eine „kommende Landhaussiedlung auf der Tegeler Bauernheide“ berichtete eine Zeitung im August 1932, als die Groß-Berliner Boden- und Bau-Gesellschaft unweit der Bernauer Straße mit dem Verkauf von Parzellen für eine Siedlung „Waldidyll am Tegeler See“ begann. In der Folgezeit entwickelte sich hier der Ortsteil Tegel-Süd. Auch das hier einmal in der Bernauer Straße 96 gelegene Städt. Krankenhaus Tegel-Süd trug in seinem Namen die genaue Ortsteil-Angabe.

Der Vollständigkeit halber seien an dieser Stelle auch die in Richtung Waidmannslust erbaute St. Joseph-Siedlung und die Freie Scholle genannt, für die sich kein gemeinsamer Bereichsname entwickelt hat.

Soweit in aller Kürze Angaben zu den verschiedenen Bereichen von Tegel. Blicken wir nun  ausführlicher nach Neu-Tegel, womit aber nicht der oben genannte Teil von Tegel gemeint ist. Vielmehr führen uns die Betrachtungen zu einem Terrain, das im Nordwesten von Berlin beiderseits der Chaussee nach Oranienburg zwischen den Dörfern Dalldorf (Wittenau) und Hermsdorf lag. Heute wären dies Teile des Straßenzuges Oranienburger Straße und Oraniendamm. Es waren die 1870-er Jahre, als nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 in Berlin eine Entwicklung einsetzte, die Otto Glagau bereits 1875 in einem Artikel in der Zeitschrift „Die Gartenlaube“ mit Begriffen wie Börsen- und Gründungsschwindel, Häuserschacher und Baustellenwucher zutreffend beschrieb. Unzählige Bauvereine, -gesellschaften und -banken wurden gegründet. Viele von ihnen bauten nicht, hatten dies auch gar nicht vor. Sie erstellten Baupläne und lockten Kunden, die sich durch eine Baubank Geld beschafften. Selbst während der „Bauzeit“ wurden ihnen Zinsen versprochen. Viele Baubanken der Gründerjahren mussten schon bald Konkurs anmelden; die Anleger verloren ihr Kapital.

Anfang 1872 wurde die Central-Bank für Bauten mit einem Kapital von 550.000 Talern mit Sitz in der Berliner Friedrichstraße 105 a von Dr. A. Stort (Aufsichtsrat), Leo Wollenberger, Hugo Mamroth, G.H.W. Bergmann, Geh. Admiralitätsrat Wandel und weiteren Personen   gegründet. Weitaus drastischer formulierte dies Glagau mit dem Satz: Eine der größten Blasen, die aus dem Hexenkessel emporstiegen, war die ´Centralbank für Bauten´, die zum Verfasser Herrn Eduard Mamroth hat.

Das Grundkapital der Bank wurde schon bald aufgestockt, bis es zuletzt 5.500.000 Taler betrug. Noch im Jahre 1872 gründete die Bank verschiedene weitere Aktien- (Bau-) Gesellschaften, unter anderem am 25.10. die Bau-Gesellschaft „Cottage“. Sie warb damit, dass an der Oranienburger Chaussee, einer „von jeher für Landpartien beliebten Gegend“, nach Eröffnung der Berliner Nord-Eisenbahn und einer Reinickendorfer Pferdebahn ein zu „Villegiaturen“ (sinngemäß: Ferien, Landaufenthalt) geeignetes Terrain zur Verfügung steht. Zum Terrain der „Cottage“ gehörte der höchste Punkt der Rollberge, „von wo aus man die schönste Fernsicht genießt, die in der Nähe Berlins zu finden sein dürfte“.

311 Baustellen wies der vom Königlichen Gartenbau-Direktor Neide entworfene Bebauungsplan aus. Grundsätzlich waren die einzelnen Stellen 1 Morgen groß, um – wie es hieß – den ländlichen Charakter zu waren. Je nach Lage der Parzellen waren 10-15 Taler pro Quadratrute (rund 14 m²) zu bezahlen, wobei ein Viertel bis ein Drittel des Kaufpreises bar anzuzahlen war.

Neu-TegelNatürlich übernahm die Bau-Gesellschaft die Herstellung von Villen in jeder beliebigen Größe „unter den coulantesten Bedingungen“. Die Herren Kaiser und von Grossheim, Architekten der „Cottage“, hatten bereits eine Reihe von „äußerst geschmackvollen Entwürfen“ für Baulustige gefertigt.

Im August 1873 berichtete eine Berliner Zeitung über die Aktivitäten der Bau-Gesellschaft. Danach schritt die Entwicklung der Villenkolonie „rüstig“ vorwärts. Soweit der Bau von Landhäusern in Angriff genommen wurde, sollten noch im gleichen Jahr 10 – 12 Villen im Rohbau fertig werden. Während des Ausstechens eines Teiches stießen die Arbeiter auf ein Torfvorkommen. Der Torf wurde einer chemischen Analyse unterzogen mit dem Ergebnis, dass er in der Qualität dem aus Linum gleichkam. Während des Torfabbaus wurden gleichzeitig Wasseranlagen verknüpft, um dem Areal ein parkartiges Aussehen zu verleihen.

Im Oktober 1873 kam es zwischen der Berliner Nordbahn und „Cottage“ zu einer Einigung, nach der die Bau-Gesellschaft Terrain für eine Haltestelle der Bahn in Dalldorf (heutiger S-Bahnhof Wittenau, Wilhelmsruher Damm) abgab, um damit die neue Kolonie zu erschließen. Mit der Bahn sollte dann „Neu-Tegel“ von Berlin aus so schnell zu erreichen sein wie Steglitz.
Ende 1873 warb die Bau-Gesellschaft auch damit, dass sie bis zu der im nächsten Sommer (1874) stattfindenden Eröffnung der Nord-Eisenbahn einen eigenen Omnibusdienst von Berlin aus einrichten würde. Wie wir wissen, wurde die Nordbahn viel später, nämlich erst am 1.10.1877 in Betrieb genommen.

Blicken wir nun noch einmal auf die Ausführungen von Glagau in der „Gartenlaube“. Danach wurden die Aktien der „Central-Bank für Bauten“ bereits im April 1873, kurz vor dem Krach an der Börse, mit einem Kurs von 420 % (!) gehandelt. Glagau schildert weiter, dass dann der Kurs binnen 6 Monaten auf unter 50 % abstürzte. Trotzdem verteilte die Bank eine Dividende von 43 %. Mit einer solchen Ausschüttung sollten weitere Aktienkäufer gelockt werden.

Als der Kurs der Bank bei etwa 12 % stand, lag der der Bau-Gesellschaft „Cottage“ bei 0. Das Terrain von „Neu-Tegel“ wurde auf einen Wert von nur noch 44.000 Talern geschätzt, auf dem Schafe weideten und Löwenzahn wuchs. Die Blüten der wuchernden Blume wurden nach dem Börsenkrach auch „Gründerblume“ genannt.

Schließlich wurde im April 1881 über die Central-Bank für Bauten ein Konkursverfahren eröffnet. Noch im gleichen Jahr wurde das Grundstück mit dem Firmensitz der Bank in der Friedrichstraße 105a für 523.000 Mark an die Gothaer Grund-Creditbank verkauft. Die darauf lastende Hypothek war höher. Während die Aktionäre leer ausgingen, soll Vorstandsmitglied Eduard Mamroth, auch durch andere Aktivitäten, ein reicher Mann geworden sein. Ab 1884 war in dem Haus Friedrichstraße 105 a unter anderem auch die  Schiff- und Maschinenbau-Actiengesellschaft „Germania“ ansässig. Bekanntlich hatte diese in Tegel die Egellssche Fabrik „Eisenhammer“ übernommen.

Eine zwischen Dalldorf und Hermsdorf gelegene Villenkolonie mit dem Namen „Neu-Tegel“ ist im Ergebnis nicht entstanden. Damit konnte auch später in Tegel ein Ortsteilbereich diese Bezeichnung erhalten, ohne dass er bereits vorhanden war und zu Verwechslungen hätte führen können.

Gerhard Völzmann