Wer war Florentine Gebhardt? – Teil 1

„Sollte man den Namen kennen?“ Vielleicht war das Ihr Gedanke beim Lesen der Überschrift. Wenn Ihnen hingegen spontan Kinderbücher mit den Titeln „Das Tanzfest auf der Wiese“ und „Knecht Ruprechts Arbeitsstube“ eingefallen sind, dann liegen Sie durchaus richtig. Florentine Gebhardt war lange Zeit als Lehrerin in Tegel tätig und verfasste zudem als Schriftstellerin viele Zeitungsartikel und Gedichte, schrieb über 100 Kinder- und Jugendbücher sowie Romane. Der erste Teil dieses Beitrages widmet sich der Biographie von Florentine Gebhardt, während der zweite Teil auf die Ortsgeschichte von Tegel eingeht, wie sie von ihr um 1900 gesehen, erlebt und überliefert wurde.

Susanne Marie Luise Florentine Gebhardt erblickte am 18.4.1865 in Crossen/Oder das Licht der Welt. Ihr Vater war Goldschmied. In ihrem Buch „Vater Gottfried und die Seinen“, über das später noch zu berichten sein wird, schrieb Florentine Gebhardt 1938 in einem Nachwort, dass er gegen das „Goldschmiedlernen“ nichts einzuwenden hatte, sein Lebensweg aber nicht der rechte war. Nach der Lehrzeit in Frankfurt/Oder, zwei Soldatenjahren in Berlin und fünf Gesellenjahren in Thüringen und dem Rheinland machte er sich als junger Meister „in einem benachbarten Oderstädtchen“ (Crossen) trotz mehrfacher Konkurrenz selbständig. Er hatte ein Leben lang „mit Brotsorgen“ zu kämpfen.

In Crossen, der Kreisstadt im Regierungsbezirk Frankfurt/Oder mit 6489 Einwohnern (Dez. 1875) besuchte Gebhardt die gehobene städtische Mädchenschule. Später, 1930, beschrieb sie in ihren „Blättern aus dem Lebensbilderbuch“ ausführlich, wie sie in ihrer Geburtsstadt die Sedanfeiern erlebte. Wenn aus diesem Anlass die Kinder Spiele austrugen, dann verdankte sie nach ihren Erinnerungen Preise mehr dem Wohlwollen ihrer Lehrerin als dem eigenen Geschick. „Denn in körperlichen Übungen war ich ungeschickt und viel zu schüchtern …“ Noch ahnte das Kind nicht, dass es Jahre später einmal selbst Turnen unterrichten würde.

Nach dem Besuch der Schule blieb Gebhardt zunächst im Elternhaus. Sie eignete sich Kenntnisse und Fähigkeiten in Haushaltsführung und Handarbeit an. Durch Erteilung von Nachhilfeunterricht und Ausführung von Stickerei-Arbeiten trug sie zum Einkommen der Familie bei. Sie finanzierte damit auch im bescheidenen Rahmen das Theologie-Studium ihres Bruders Erich (geb. 24.10.1861, verst. 22.2.1919). Dieser war v. 11.5.1892 bis zu seinem Tod Pfarrer an der in Vang/Norwegen ganz aus Holz gebauten Stabwerkkirche, die dort abgebrochen und nach Wiederaufbau in Brückenberg/Schlesien 1844 eingeweiht wurde. Ein schlichtes Holzkreuz erinnert noch heute an Erich Gebhardt.

Ausbildung1891 war Florentine Gebhardt für kurze Zeit als Direktrice in Herrnhut tätig. Doch sie  konnte sich hier nicht behaupten. Dies führte sie in ihrem Denken zurück zum Beruf der Lehrerin, den sie bereits in der Vergangenheit gehegt hatte. So zog es Florentine Gebhardt (evangelischen Glaubens)  nach Berlin, ins „Kreuzberg-Viertel“, um in der Stadt ab 4.1.1892 an einem Kursus zur Ausbildung als Industrie-Lehrerin teilzunehmen. Die Gewerbeschule, die sich besuchte, gehörte dem „unter dem Protektorat Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin des Deutschen Reiches und von Preußen“ stehenden Lette-Verein, der sich in Berlin SW, Königgrätzerstr. 90 befand. Die Ausbildung endete am 15.3.1893. Am 21.3.1893 bestätigte ihr Anna Schepeler-Lette als Vorsitzende des Vorstandes des Lette-Vereins die Lehrbefähigung mit „gut“.

Zwischenzeitlich hatte Gebhardt noch v. 4.4.-28.6.1892 „auf Anordnung des Herrn Ministers der geistlichen Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten an der Königlichen Turnlehrer-Bildungsanstalt an einem Kursus zur Ausbildung von Turnlehrerinnen teilgenommen, und zwar

1. an dem theoretischen Unterrichte mit teils recht gutem, teils gutem,
2. an dem praktischen Unterrichte in den Frei- und Ordnungsübungen mit genügendem und in den Geräteübungen mit genügendem,
3. an den Lehrübungen mit genügendem Erfolg. Sie erhielt damit am 28.6.1892 die Bestätigung zur Erteilung von Turnunterricht an Mädchenschulen. Im September 1892 legte sie zudem beim Königlichen Provinzial-Schul-Kollegium eine Prüfung für Handarbeits-Lehrerinnen ab. Als Zensuren erhielt sie hier
1. für eingereichte Probearbeiten: sehr gut,
2. mündliche Prüfung über die Handarbeiten und den Unterricht in denselben: gut,
3. Ausfall der Lehrprobe: gut.

Damit war Florentine Gebhardt zur Erteilung des Unterrichts in den weiblichen Handarbeiten an mittleren und höheren Mädchenschulen befähigt.
Wohl in dieser Zeit sprach sie zum ersten Mal das Wort „Tegel“ aus. Ihre Freundin und ihre Kusine, beide zusammen in Kreuzberg wohnend, schwärmten davon, wie schön es doch in dem Ort sei. Da aber eine Omnibus- und ab Weidendammer Brücke eine anschließende Pferdestraßenbahnfahrt hin und zurück allein 1 Mark nur an Fahrgeld verschlungen hätte, ging der Gedanke an Tegel auch wieder aus dem Sinn. Noch ahnte sie nicht, dass sie einmal rund 27 Jahre dort leben und arbeiten würde.

Vielmehr konnte die angehende Lehrerin zur didaktischen Ausbildung jetzt auf Antrag Unterricht an der gehobenen 9-stufigen Mädchenschule ihrer Geburtsstadt Crossen erteilen. Ihr wurden v. 13.4.-14.7.1893 Unterrichtsstunden in Handarbeit in der II. Klasse und Turnen in den Klassen IV und Va (kombiniert) übertragen. Ihr wurde „Treue und Berufsfreudigkeit“ bescheinigt. In Handarbeit war es „ihr eifriges Bemühen“, den Forderungen des Klassenunterrichts entsprechend alle Schülerinnen gleichmäßig zu führen und sowohl Fertigkeit als Einsicht zu bilden. Ihr Turnunterricht hatte „die nötige Frische.“

In zeitlicher Überschneidung zur Arbeit in Crossen ließ sich Gebhardt noch v. 3.-6.7.1893 in Berlin in einem Kursus für Lehrerinnen zur Ausbildung in Jugendspielen der Mädchen unterrichten.
Einer kurzen Tätigkeit als Industrielehrerin in Görlitz folgte ab 1.1.1894 eine Arbeit als Lehrerin an der Industrieschule der Geschwister Breidenstein in Halberstadt. „Durch Verhältnisse wurden wir gezwungen, ihr diese Stellung zum 1.5.1894 wieder zu kündigen.“ Die „Verhältnisse“ wurden nicht näher genannt. Im Zeugnis wurde ihr aber ein „äußerst bescheidenes Wesen“ bestätigt. Es wurde in ihr eine Lehrerin gesehen, die besonders zum Unterricht in der Methodik und den Handarbeiten befähigt war. Ihre Fähigkeit im Zeichnen wurde sehr anerkannt.
Von Weihnachten 1893 bis Ostern 1894 bereitete eine gewisse Elisabeth Trotschke in Halberstadt ihr Handarbeits-Examen vor. Sie dankte Gebhardt für anschaulichen und gründlichen Unterricht, der es ihr ermöglichte, in so kurzer Zeit das Examen mit „gut“ bestanden zu haben.

Vom 20.-22.9.1894 wurde Florentine Gebhardt dann nach Maßgabe der bestehenden Prüfungsvorschriften vor der Königlichen Prüfungs-Kommission zu Frankfurt/Oder für das Lehramt geprüft. Aufgrund des Ergebnisses erhielt sie am 22.9.1894 die Befähigung für den Unterricht an Volksschulen zuerkannt.

Es folgte eine Beschäftigung als Lehrerin für die Unterstufe (drei Klassen zusammengefasst) in Handarbeit, Turnen, Zeichnen und in Elementarfächern an der höheren Privat-Töchterschule Tiede in Sprottau/Niederschlesien. Von dort aus bewarb sie sich am 10.5.1895 bei „Einer Wohllöblischen städtischen Schuldeputation des Magistrats zu Hannover-Münden“ für eine vakante Stelle einer Turn-, Handarbeits- und Zeichenlehrerin nicht ohne den Hinweis, sich evtl. auch zu verpflichten, etwaigen Haushaltungsunterricht zu übernehmen.

Florentine Gebhardt

Eidesformel Die Eidesformel, wie sie von Florentine Gebhardt 1895 unterschrieben wurde.

Rektor Boese zu Münden lud die Bewerberin aus Sprottau ein, zwei Lehrproben abzuhalten, denen auch der Bürgermeister sowie die meisten Mitglieder der Schulkommission beiwohnten. Das Ergebnis fiel „in jeder Beziehung recht befriedigend“ aus. So entschied der Magistrat der Stadt zu Münden, Gebhardt ab 18.10.1895 als Lehrerin an der dortigen Stadtschule zu ernennen. Den Eid, den sie zu leisten hatte, nahm der Rektor im Beisein der Lehrer Rausch und Rümenapf ab. Die Eidesformel musste von ihr „mit aufgehobenen drei Schwurfingern der rechten Hand körperlich abgeleistet werden.“ Ihr Jahresgehalt lag bei 900 Mark.

Im Juli 1896, es waren Schulferien, besuchte die Junglehrerin ihre Mutter. Gemeinsam begaben sich die Damen zu einer Jugendfreundin von Florentine G. Dort befanden sich gerade als Hausgäste der Bruder der Besuchten, Fritz K., sowie dessen Braut. Im Gespräch fiel wieder der Name Tegel. Fritz K. war nämlich als dritter Lehrer an der dortigen (einzigen) Volksschule angestellt. Seine Braut war die Tochter des Tegeler Amtsvorstehers Brunow. Halb im Scherz, aber auch ernsthaft fragte Florentine Gebhardt, ob nicht in Tegel auch eine Lehrerin gebraucht würde. Fritz K. versprach, den Schwiegervater einmal zu fragen.

Eigentlich glaubte Gebhardt nicht an einen Erfolg, doch sie wünschte ihn sich schon. Dabei spielte allein ihre Mutter eine Rolle, die nicht ins ferne Hannover übersiedeln wollte. Auch ihre Schwester fand sicher im nahen Berlin eher eine Berufsausbildung. Nicht zuletzt versprach sich Gebhardt ein besseres Vorankommen in ihren schriftstellerischen Bestrebungen, wenn sie die Nähe der Reichshauptstadt nutzen konnte.

Ihr Traum sollte Wahrheit werden. Ende Oktober 1896 wurde sie von Tegel aus dorthin berufen, nachdem die Königliche Regierung, Abt. für Kirchen- und Schulwesen in Hildesheim sich am 15.10. mit der Entlassung der Lehrerin aus dem dortigen Volksschuldienst zum 1.1.1897 einverstanden erklärte. Allerdings erhielt die in Tegel geschaffene erste Lehrerinnenstelle eine ganz junge Kollegin, weil Gebhardt erst ab Januar 1897 wechseln konnte.

Tegel Anzeiger

Täglicher Anzeiger für die Gemeinde Hermsdorf v. 13.2.1897

Die sechsklassige Tegeler Volksschule befand sich in der Schöneberger Str. 4 (heutiger Medebacher Weg). Seit 1892 wurde sie vom Ersten oder Hauptlehrer Steller geleitet. Das zweigeschossige Gebäude war gerade erst im Vorjahr um ein Geschoss aufgestockt worden. Es gab noch gemischte Klassen. Die Mädchen erhielten Handarbeitsunterricht durch eine ältere Dame, die eine kleine Familienschule leitete. Erst später übernahm Gebhardt von ihr diesen Unterricht. 80 Kinder mussten im Nähen oder gar in den Strickanfängen unterwiesen werden! Klassenunterricht in Handarbeit war zwar, als die neue Lehrerin nach Tegel versetzt wurde, bereits vorgeschrieben, aber noch nicht eingeführt.  Gebhardt hatte eine 3. Klasse der Mädchenabteilung, aber auch Jungen und gemischte Klassen zu unterrichten. „Es war gut, daß ich schon bei der Mündener Jugend den Bakel (Schulmeisterstock) zu schwingen gelernt hatte“, so die spätere Äußerung. Über den Hauptlehrer, der ab 17.7.1899 durch den Rektor Maertens abgelöst wurde, schrieb Florentine Gebhardt 1928 in ihren Erinnerungen: „Mein Vorgesetzter war … ein biederer, wohlgesinnter, sehr arbeitseifriger, aber etwas originaler Mann, der nur sehr nervös war und unter der damals noch üblichen geistlichen Ortsschulinspektion (Pastor L. Suttkus) zu leiden hatte“.

Mit dem Kollegium war Gebhardt zufrieden. Es gab „im ganzen“ ein gutes Einvernehmen, das sich z. B. auch in gemeinsamen Spaziergängen ausdrückte. Im Januar, als der Tegeler See mit einer dicken Eisdecke überzogen war, unternahm man gar zusammen eine Partie bis nach Spandau. Da „die Neue“ keine Schlittschuhläuferin war, schob sie ein jüngerer Kollege im Stuhlschlitten dorthin. Ein anderer wurde in diesen Tagen gerade 25 Jahre alt.

Schule Treskowstr

Das bereits erweiterte Schulgebäude in der Treskowstr. im Jahre 1908.

Lehrer 1922

Die Lehrer und Lehrerinnen der 2. Gem.-Schule im Jahre 1922

Im ersten Quartal des Jahres 1897 beging die Tegeler Volksschule eine große öffentliche Feier, wenngleich nicht einmal eine Aula zur Verfügung stand. Als Ersatz wurden zwei durch eine Tür verbundene Klassenräume genutzt. Lehrer und Schüler, die Reden hielten, mussten sich am Türrahmen hinstellen. Abends war dann die öffentliche Feier im Restaurant von Ewest (später Hamuseck in der Hauptstr. (heute Alt-Tegel). Betroffen musste Gebhardt feststellen, dass der Besuch recht dürftig war, obwohl die Knaben ein Matzdorffsches Stück aufführten und die Mädchen ein von ihr verfasstes. Letzteres wurde natürlich zuvor vom Ortspfarrer und Ortsschulinspektor gnädig begutachtet und zugelassen.

Schule TegelErgänzend zu den Erinnerungen von Florentine Gebhardt über ihr erstes Jahr an der Tegeler Schule sei bemerkt, dass am 12.8.1902 in der Treskowstr. 26-31 ein neues Schulgebäude mit 22 Klassenräumen, Aula, Schuldienerwohnung und Turnhalle (auf dem Hof) eingeweiht wurde. 1904 und 1906 erfolgten Erweiterungen. Die nun 2 Schulen waren die I. evangelische (Knaben-) Schule und die II. evangelische (Mädchen-) Schule. Gebhardt unterrichtete an der Mädchenschule.

Während 1908 an der II. Schule bereits 12 Lehrer und 10 Lehrerinnen 1008 Mädchen unterrichteten, waren es 1914 13 Lehrer, 16 Lehrerinnen und 1212 Mädchen.

Weitere Einzelheiten, die Florentine Gebhardt in einem Zeitungsartikel aus dem Jahre 1928 rückblickend auf ihr erstes Jahr in Tegel berichtete, stellen zwar auch einen Teil ihrer Biographie dar, werden aber im zweiten Teil dieses Beitrages beschrieben. Sie betreffen mehr die Geschichte des Ortes.

1924 schied Gebhardt aus dem Schuldienst aus. Zur einstigen Tätigkeit als Lehrerin abschließend noch aus den genannten Erinnerungen folgende Sätze:
Heute sind von all jenen Kollegen nur noch drei im Dienst: Herr Organist und jetzt Konrektor Hermann Schüler (schied am 30.9.1928 aus), Herr Franz Schmiedchen und der heutige Rektor der Katholischen Schule zu Tegel (M. Jaehnert), außerdem ein in Reinickendorf tätiger Rektor, der bald nach meinem Amtsantritt aus Tegel fort ging. Meine damalige Kollegin hat bald geheiratet.
Vater Gottfried und die SeinenMit dem Beginn des Ruhestandes verfügte sie sie nun über die Zeit, die sie sich mit Sicherheit gewünscht hatte, um sich verstärkt der Schriftstellerei widmen zu können. Auch während ihrer Berufstätigkeit griff sie ja bereits „zur Feder“. Sie schrieb Gedichte, Erzählungen für die Jugend, ein Kriegsgebet (!), auch einen Beitrag in einem Buch über die Provinz Brandenburg. Doch die Vielzahl ihrer Werke an Romanen, Novellen, Sagen und Mären „für die reifere Jugend“ bis hin zu Sachbüchern über das Sticken verfasste sie nach 1924. Teilweise gab sie statt ihres Namens nur ein Pseudonym an, z. B. Rolf, A. oder Hardt, Tino. Die Aufstellung der von Florentine Gebhardt geschriebenen Bücher erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ihre Werke sind teilweise in der „Liste der von den Nationalsozialisten verbotenen Schriften unerwünschten Schrifttums“ enthalten. Auch nach dem zweiten Weltkrieg finden sich in einer Liste auszusondernder Literatur der „Deutschen Verwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone“ Buchtitel von Gebhardt.

Zwei Bücher sollen im Rahmen dieses Beitrages näher Erwähnung finden. Zum einen ist es „Die Provinz Brandenburg in Wort und Bild“. In dem 1900 vom Pestalozzi-Verein der Provinz Brandenburg herausgegebenen und 1998 vom Weltbild Verlag als Faksimile-Ausgabe erschienenen Buch hat u. a. Gebhardt unter dem Titel „Ein ehemaliges Gelehrtenheim“ einen knapp 5-seitigen Beitrag über Tegel und die Humboldts verfasst. Hierauf wird im Teil 2 der Abhandlung näher eingegangen.

Das zweite Buch ist das 1938 unter dem Titel „Vater Gottfried und die Seinen“ veröffentlichte Werk. Es erscheint insofern interessant, weil die Schriftstellerin hier in der Form eines Romans die Lebensgeschichten ihrer Altvorderen aufgeschrieben hat. Mit Vater Gottfried ist Gottfried Gebhardt (geb. 1763, verst. April 1843), Urgroßvater der Florentine Gebhardt, gemeint. Die Gebhardts waren Anfang des 18. Jahrhunderts, zur Zeit  des Großen Kurfürsten, aus dem Rhein-Main-Gebiet nach Brandenburg eingewandert. Sie wurden in Frankfurt/Oder und dem Lebuser Kreis beheimatet. Ein Gebhardt wurde sogar Hoffiskal in Frankfurt, der Vater von Gottfried hingegen Dreihüfner, Erbkrüger, Bauer und Gerichtsschulze in Kliestow. Gottfried Gebhardt kaufte und bewirtschaftete das Frankfurter Vorwerk, während einer seiner Brüder, Friedrich, in der Stadt „auf der Nuhne“ sesshaft wurde.

Subscribenten

Friedrich Gebhardt, Bruder des Gottfried, Käufer der „Müllerschen Nuhne“. Abbildung aus einem vorausbestellten, 1829 erschienenen Buch.

Ausführlich schildert Florentine Gebhardt in ihrem Buch, teils in patriotischen Sätzen,  wie ihre Vorfahren ganz direkt die Freiheitskriege gegen Napoleon, den Durchmarsch und die Einquartierungen der Franzosen, erlebten. Einer der Söhne Gottfrieds, Ferdinand, zog es mit 18 Jahren freiwillig nach Breslau zum Heer des Königs. Er erlebte die Schlachten bei Lützow und Bautzen, kämpfte auch und wurde verwundet in Frankreich. 1835 starb Anne-Sophie, genannt Fieken, die Urgroßmutter von Florentine Gebhardt. Deren Mann, „Vater Gottfried“, starb 1843 auf tragische Art durch den Tritt von Pferdehufen. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, auf weitere Lebensläufe von Personen aus der Dynastie der Gebhardt einzugehen. Erwähnt sei jedoch aus dem Nachwort des Buches der Florentine Gebhardt die vielleicht schon resignierende Feststellung, dass vom Zweig, der aus dem Stammes des Gottfried Gebhardt erwuchs, nur noch drei alternde Töchter im ehelosen Stande leben, die den Namen des Geschlechts tragen. Die Zweige Friedrichs und Christians (Brüder des Gottfried) würden hingegen (1938) noch grünen.
Zu bemerken ist zudem, dass Florentine Gebhardt nach Beendigung ihrer Lehrerinnen-Tätigkeit im Laufe des Jahres 1927 Tegel als Wohnort aufgab. Sie zog zunächst nach Kreuzberg. Hier wohnte sie mit ihrer (jüngeren) Schwester zusammen, die ebenfalls schriftstellerisch tätig war. Beide zogen später noch nach Steglitz um. Florentine Gebhardt starb wohl am 10.7.1941. Das Stadtarchiv in Frankfurt/Oder besitzt Unterlagen aus ihrem Nachlass, zu denen auch Fotos gehören.

Wer war Florentine Gebhardt? – Teil 2

Als am 28.12. 2009 die ersten Schneeflocken fielen  und Berlin ab 30.12. unter einer geschlossenen Schneedecke lag, ahnte wohl keiner, dass in den folgenden gut sieben Wochen ein strenger Winter mit viel Schnee und zum Teil tiefen zweistelligen Minusgraden herrschen würde. So ähnlich war auch der Winter 1896/97, als Florentine Gebhardt in den ersten Januartagen ihrer Einzug in die künftige Heimat Tegel nahm, um die neue Stelle als Lehrerin an der Volksschule anzutreten.

Als harten, strengen Gesell bezeichnete sie den Winter. Hoch wie eine Mauer türmte sich der Schnee an den Seiten der 1893 eingeweihten Kremmener Bahn, die damals noch ihren Ausgangpunkt am Nordbahnhof hatte. Vom Zentrum Berlins aus war er mit einem Omnibus zu erreichen. Gebhardt fuhr indes mit der Pferdestraßenbahn nach Tegel, die sich zuweilen mit vier Rossen durch die Schneemassen durcharbeiten musste. Die Fenster der Straßenbahn waren bin oben hin zugefroren, so dass von der Umgebung nichts zu sehen war. Endlich in Tegel angekommen, schritt Gebhardt von der Hauptstr. (später Alt-Tegel) auf kürzestem Wege zur Schlieperstr. Die Straßen waren nur lückenhaft bebaut. Die Abkürzung war ebenso vereist wie die eigentlichen Wege. Die Giebelwohnung, die sie erwartete, war bitter kalt. Sie gehörte zuvor ihrem Kollegen, dem Schwiegersohn des Amtsvorstehers, der ihr ja, wie bereits berichtet, die Tegeler Lehrerstelle vermittelt hatte. Er war ausgezogen, nachdem er geheiratet hatte.

In der Folgezeit machte sich Florentine Gebhardt die Nähe Berlins zu nutze. Doch erst in den Märztagen, als die gefrorenen Scheiben der Pferdebahn etwas tauten, sah sie, dass sich an der Bahnstrecke Kiefernwälder entlang zogen. Ostwärts über den Baumwipfeln lugte der Turm der Russischen Kirche hervor, während westwärts in der Ferne die Essen des Berliner Wasserwerks zu sehen waren. Ganz dicht an der Straße entstanden gerade die Bauten des künftigen Borsigwerkes.

Knapp 3000 Einwohner hatte Tegel zu dieser Zeit. Zwischen Egellsstr. und Veitstr. klaffte eine große Lücke. Zu den vorhandenen alten Fabriken gehörte die Kruppsche Germaniawerft. Vereinzelt waren Häuser vorhanden, auch ein paar Villen. In der Veitstr. stand das kleine Amtsgebäude der Gemeinde sowie an der Südseite die Häusergruppe Ecke Schöneberger Str. (Medebacher Weg).

Gebhardt AdressenZwischenzeitlich sah sich Florentine Gebhardt nach einer größeren, familiengerechten Wohnung um, die sie im Mai 1897 in der Schloßstr. 29/30 fand. Nun konnten auch ihre Mutter sowie ihre Schwester nach Tegel übersiedeln. Letztere bereitete sie zusammen mit anderen Examensschülerinnen zur Handarbeitsprüfung vor. Die Schwester besuchte zudem Haushaltskurse und dann die Kunstschule, um das Zeichenexamen zu absolvieren. Übrigens wohnte in der Schloßstr. 29/30 auch der bekannte Marinemaler Willy Stöwer, der 1900 ein Haus weiter zur Schloßstr. 31 zog.
Als der Frühling eingezogen war, unternahmen die Gebhardt-Geschwister in der näheren Umgebung Ausflüge. So liefen sie entlang des Fließes und der Malche wie auch unter herrlichen alten Buchen. Flugs war ein Blumenstrauß aus Veilchen, Schattenblumen und Maililien gesammelt, der der Mutter überreicht wurde. Mit den reichen Blumenschätzen der Natur fühlten sich die Geschwister in Tegel wie zu Hause.

Weitere, oft stundenlange Sonntagsausflüge folgten, teils zusammen mit den Familien der Arbeitskollegen.  Wo später das Gaswerk der Stadt Berlin errichtet wurde, am Rande der Schießstände des Tegeler Schießplatzes, waren in den Kiefernwäldern die Pflänzchen Wintergrün in vier Arten zu finden. Orchideen wuchsen in den Eichenschonungen am Tegelorter Weg und die blaue Küchenschelle im Wald nach Schulzendorf.

Als besonders reizvoll wurde Florentine Gebhardt das Dorf Heiligensee beschrieben. Also ging es zusammen mit der Schwester an einem Julitag – es waren Ferien – dorthin. Zunächst folgten beide einem Pflasterweg, der ihnen endlos lang erschien. Etwa dort, wo sich später das Restaurant „Rotkäppchen“ befand, blickten die beiden jungen Frauen etwas rat- und mutlos in Richtung der sich ihnen nun öffnenden sandigen Straße vorwärts. Plötzlich trat rechts ein Mann aus dem Gebüsch heraus. Mit Schuhen an einem Hakenstock über der Schulter, einem struppigen Graubart und einem staubbedeckten, etwas schäbigen Anzug sah er wie ein Vagabund aus. Nur die Brille mit goldener Fassung schien nicht zu ihm zu passen.

Der Unbekannte gab den Gebhardts die gewünschte Richtungsauskunft, so dass sie ihr Ziel erreichten. Von Heiligensee aus fuhren sie dann mit dem kleinen Motorboot „Ländler“ nach Tegel zurück. Die kleine Nussschale ratterte arg und roch stark nach Petroleum, brachte aber die beiden müden Wanderinnen zum Ausgangspunkt zurück.

Erst später erfuhr Florentine Gebhardt, wer ihnen beiden am Waldrand Auskunft gegeben hatte. Es war der Chemiker Professor Jacobsen, ein Freund Heinrich Seidels. Dieser hatte in seinem Roman „Leberecht Hühnchen“ Jacobsen als Tegeler Original „Dr. Havelmüller“ verewigt.

Wenn Florentine Gebhardt in späteren Jahren und Jahrzehnten durch die Tegeler Wälder streifte, mit Pflanzen, Pilzen und Beeren beladen und dabei auch nicht gerade elegant bekleidet, mögen andere Wanderer über die Frau gelächelt haben, ganz so, wie es ihr einst bei der Begegnung mit „Dr. Havelmüller“ erging. Der Wald aber hatte sich derweil gelichtet, manche Pflanzenart war verschwunden.

Soweit  der Rückblick von Florentine Gebhardt, wie sie ihn in einem Zeitungsartikel im Januar 1928 festhielt. Den Beitrag „Ein ehemaliges Gelehrtenheim“ verfasste sie hingegen für das Buch „Die Provinz Brandenburg in Wort und Bild“, das 1900 herausgegeben wurde. Einschließlich zweier Fotos von der Grabstätte der Familien von Humboldt und von Bülow in Tegel und dem Schloss Tegel wird hier auf knapp 5 Seiten die Geschichte des Ortes beschrieben. Sie erzählt, dass ein Quitzow mit seinen Scharen an der Tegeler Wassermühle „ernstlich aufs Haupt geschlagen wurde“. Sie hielt das kleine Fischerdorf Tegel, still, abgelegen und unbekannt in der großen Welt, als ein rechtes Asyl für weltflüchtende Gelehrte oder träumerische Poeten. Nichts störte die Stille als das Blöken der Schafe und Rinder, das Schnattern der Enten und Gänse und zu Zeiten der gleichmäßige Takt des Dreschflegels von den Strohscheunen her.

Grab HumboldtTegels Stolz und Ruf, so Gebhardt, knüpft sich an den Namen zweier Männer, deren Heimat das Schlösschen war, nämlich an Wilhelm von Humboldt, den Staatsmann, und an Alexander von Humboldt, den Forscher. Beide ruhen inmitten des Schlossparks, die würdig-einfache Grabstätte von eine schlanken Marmorsäule überragt, die auf dem Kapitel eine weibliche Idealgestalt trägt, die die Hoffnung versinnbildlicht.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand in Tegel eine erste Fabrik, die Kesselschmiede von Egells. Später, nach 1870, erhoben sich einzelne Villen vermögender Berliner. Ländliche Stille und gesunde Luft ließ sie hier die Sommermonate verbringen. Eine beliebte Sommerfrische wurde Tegel, als (1881) die Pferdeeisenbahn den Verkehr von und nach Berlin erleichterte. Doch ein Riesenarm streckte sich gierig gen Norden. „Bald wird statt der Pferdekraft der elektrische Funke in kurzer Zeit die räumlichen Hemmnisse überwinden“, schrieb Gebhardt Ende 1899. Schon ragte der gewaltige Schornstein der neuen Borsigwerke in die Höhe, beständig von einer dicken schwarzen Rauchwolke umschwebt, vermischt mit weißen Wölkchen der niedrigeren Schlote. Das Dröhnen, Hämmern und Klirren des geschlagenen Metalls übertönte noch die Geräusche der ehemaligen Egellsschen Fabrik, die nun (1900) Krupp besaß.

Häuschen Kirchplatz

„Altes Häuschen am Kirchplatz“ – Federzeichnung W. Zadow

Der Wald zwischen Berlin und Tegel war gefällt oder zumindest für die Axt bestimmt. Noch vor dem Borsigwerk lag das neue Strafgefängnis, auch hier war zuvor Wald. Wo vor wenigen Jahren Felder mit „goldig wogenden“ Saaten zu sehen waren, entstanden Bauplätze, auf denen „in märchenhaft kurzer Zeit“ moderne fünfstöckige Mietskasernen mit prahlenden Läden im Erdgeschoss emporwuchsen. Aus dem Wald jenseits der Bahnlinie lugte nun kastellartig der neue Wasserturm der Gemeinde Tegel hervor. Nur der Platz um die kleine Kirche mit den einstöckigen schmucken Häuschen mahnte noch an das Tegel von ehedem. Noch waren ein paar strohgedeckte Lehmscheunen mit hölzernen Pferdeköpfen über dem Giebel zu sehen. Hingegen war das Kaiser-Wilhelm-Denkmal vor der Kirche bereits ein Werk der neuesten Zeit (1897).

Moderner Unternehmungsgeist hatte sich bereits in das „geheiligte Gebiet des Schlossparks“ gewagt. Anlagen zu einem Villenviertel entstanden. Eine erste Villa stand schon unter Dach, andere sollten folgen. Gebhardt befürchtete, dass der idyllische Friede des Schlossparks auch während der Wochentage dahin wäre.

Tausende „geputzter“ Berliner fuhren sonntags mit Pferdebahnen, Vorortzügen, Kremsern und Droschken „ins Jrüne“, zogen lachend und schwatzend durch den Humboldtpark, kamen an der „Dicken Marie“ und dem Forsthaus Tegelsee vorbei, um nach 1 ½ Stunden die Kolonie Tegelort zu erreichen. Von hier aus erreichten sie per Boot oder Dampfer Valentinswerder oder das aus Restaurants bestehende Saatwinkel.

An schönen Tagen erreichte der Fremdenverkehr nach Tegel, Schulzendorf und Heiligensee gar 15000 bis 20000 Menschen, die zahlreichen Radler nicht einmal mitgezählt. Abends setzte dann ein schon fast harter Kampf um ein Mitkommen in den Verkehrsmitteln ein.

Im Hinblick auf ein Schwinden des „Idylls“ hoffte Florentine Gebhardt, dass „die Königlichen Forsten nach der Havel zu und nordwärts vor der Axt und der eindringenden Industrie, die überall hin ihre Fabriken baut, vorläufig noch gesichert seien“. Zum Ende ihres Beitrages hin stellte die Schriftstellerin die Frage: Wenn ein Jahrzehnt vergangen sein wird – ob dann das Tegel von heute, das ja auch gegen das vor zehn Jahren ein gewaltig verändertes Bild zeigt, noch zu erkennen sein wird?

Heute wird wohl jede Leserin, jeder Leser dieser Zeilen mit einem Abstand von über 100 Jahren seit Erstellung der Aufzeichnungen durch Florentine Gebhardt zu der Feststellung kommen, dass sich sehr viel verändert hat. Es sei nur erinnert, dass die Städt. Gasanstalt, einst größtes Werk in Europa, nicht mehr vorhanden ist (1953). Die Straßenbahn wurde durch die U-Bahn ersetzt (1958). Die Humboldtmühle dient nicht mehr der Getreideverarbeitung (1988). Tegel verfügt über einen Flughafen (1948 bzw. 1974), der aber auch in einer 2014 noch nicht genau absehbarer Zeit der Geschichte angehören wird. Eine Autobahn wurde erbaut (1987), und, und …
Florentine Gebhardt hätte Mühe, sich im Tegel der heutigen Zeit zurecht zu finden.

Gerhard Völzmann
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Quellennachweis:
Geschichte des ehem. Bisthums Lebus. 1829
Acta betr. die Anstellung des Fräuleins Florentine Gebhardt. 1895
Die Provinz Brandenburg in Wort und Bild. 1900, Nachdruck 1998
Tegel-Hermsdorfer Zeitung v. 27. und 28.1.1928

Dank der Stadt Hann. Münden – Stadtarchiv – für freundlich zur Verfügung gestellte Aktenauszüge.

Worüber im 19.Jahrhundert in Tegel auch gesprochen wurde

Es ist nicht der verheerende Brand von 1835, es sind nicht andere große Themen, über die hier berichtet werden soll. Vielmehr sind es zumeist unspektakuläre Begebenheiten, die sich im Dorf oder in der Umgebung von Tegel zutrugen. Über sie wurde vermutlich im Alten Dorfkrug oder bei der Feldarbeit gesprochen. Auch bei den gelegentlichen Fahrten nach Berlin wurden Neuigkeiten erfahren und weiter erzählt. Hier einige Beispiele aus dem vorletzten Jahrhundert, was in Tegel geschah und sicher für Gesprächsstoff sorgte.

Das zweite Garde-Regiment zu Fuß rückte im Januar 1857 aus seinen „Kasernements“ zu einer Marschübung bis in die Gegend von Tegel aus und kehrte nachmittags wieder dorthin zurück.

Mit sechs Wochen Gefängnis wurde im August 1857 der Arbeitsbursche Johann Friedrich Zapf wegen Unterschlagung bestraft. Er sollte für einen Betrag von 1 Taler 17 ½ Silbergroschen Mehl aus der Tegeler Mühle holen. Doch mit dem sogenannten Zweischeffelsack ergriff dieser die Flucht, verbrauchte das Geld für sich und brachte den Sack bei Seite. Vor Gericht behauptete Zapf, auf dem Weg nach Tegel in der Pankower Heide geschlafen zu haben, während ihm der Mehlsack und das Geld gestohlen wurden. Das Gericht glaubte ihm nicht.

1859 verstarb bekanntlich Alexander Freiherr von Humboldt. Das von dem Naturforscher und Ehrenbürger Berlins hinterlassene Inventar ging in den Besitz seines Dieners Seyffert über. Hierzu gehörte auch ein kostbarer Zobelpelz, welchen Humboldt vom Kaiser von Russland als Geschenk im Wert von 3000 Rubel erhalten hatte. Seyffert wollte den Pelz für 1000 Taler verkaufen, doch Pelzhändler boten nur bis zu 800 Taler. „Wohlhabenden Verehrern Humboldts bietet sich Gelegenheit zum Erwerb einer interessanten Reliquie, denn Humboldt hatte den Pelz häufig getragen“, hieß es im November 1871.

Auf dem Weg von Schulzendorf über Tegel in Richtung Berlin haben der Ehemann Melzer und seine Frau aus Pangeritz ihr einziges Kind getötet. Die Eheleute behaupteten, das Kind sei verstorben. Sie verscharrten es auf dem Artillerieschießplatz im Sand. Die zunächst steckbrieflich Gesuchten wurden im August 1864 gefasst und in Haft genommen.

Die Spekulation mit Papieren wurde nach und nach auch auf dem Land heimisch. Bis Ende 1870 wurden im Dörfchen Tegel mit seinen kaum 200 Einwohnern für 21000 Taler „Rumänier“ (rumänische Aktien) angemeldet. Zu dieser Zeit wurden die meisten (insbesondere Brauerei-) Aktien in kleinen Städten und in Dörfern abgesetzt. Die Berliner waren in dieser Hinsicht zurückhaltender.

Der Kaufmann und Mühlenbesitzer Kemnitz zu Schloss Tegel fuhr im März 1873 nachts in seiner Equipage in der Müllerstraße in Richtung Tegel, als er bemerkte, dass ein Mann auf den Wagen kletterte. Er forderte ihn mehrfach auf, den Wagen zu verlassen. Als dieser nicht reagierte, gab Kemnitz mit seinem Revolver einen Schuss ab, mit dem er den Oberarm des Unbekannten traf. Der Verletzte war ein Kanonier der Versuchskompanie. So jedenfalls die Schilderung des Kemnitz, während der Soldat angab, dass vom Wagen aus ohne Grund auf ihn geschossen wurde, als er sich Höhe Schulstraße auf dem Rückweg zu seinem Quartier in Tegel befand.

Schauplatz eines groben Exzesses war das Dorf Tegel im Mai 1875. Mit Hilfe des Amtsdieners verhaftete Tegels Gendarm im Mönch´schen Gasthaus zwei Skandalmacher, während die Genossen des Verhafteten auf Schlimmste die Beamten bedrängten und sogar in die Wohnung des Amtsvorstehers eindringen wollten. Als die Arrestanten im Amtsbüro untergebracht waren, erfolgte ein Stein-Bombardement gegen die Fensterläden des Hauses. Erst der Einsatz der Seitengewehre der Beamten schaffte Ruhe. Am Folgetag wurden sieben Rädelsführer verhaftet.

Im Juli 1876 veröffentlichte das Amtsblatt, dass in Tegel bei Berlin eine Apotheke angelegt werden soll. Am 20.10.1876 wurde die Konzession erteilt. Es folgte die Eröffnung der Adler-Apotheke in der Schloßstraße 11.

Im Jahre 1876 wurden im Amtsbezirk Tegel, insbesondere in der Jungfernheide, 19 Selbstmörder und Selbstmörderinnen aufgefunden, von denen 10 der Person nach ermittelt werden konnten. 9 Menschen mussten unbekannt beerdigt werden.

Im Interesse einer besseren Postverbindung der nächsten Ortschaften mit Berlin wurde zum 1.10.1882 ein besonderer Dienst mit einspännigen Kariolposten eingerichtet. Sieben Kariolposten-Reviere wurden geschaffen. Das vierte Revier umfasste die Tour von Charlottenburg über Moabit, Stadtpostamt Nr. 39, Gesundbrunnen, Pankow, Reinickendorf, Dalldorf, Tegel, Tegeler Landstraße, Plötzensee, „Martinsfeld“. Sie endete wieder in Charlottenburg.

Im Januar 1889 kam es zu einem Oleum-Attentat in Tegel. Als der Ingenieur St. seine Wohnung verließ, schüttete ihm eine „Frauensperson“ ein Gefäß mit Oleum über den Kopf. Die breite Krempe seines Hutes schützte den Überfallenen vor schweren Verletzungen, insbesondere der Augen. Nur der untere Teil des Gesichts erhielt Verbrennungen. Die Attentäterin war die verlassene Geliebte des Ingenieurs.

In eine fatale Situation gerieten im Mai 1890 zwei Berliner Damen, die in der Sommerfrische von Tegel in aller Frühe ein Bad im Tegeler See nahmen. An einem stillen Plätzchen im Tegeler Wald legten sie ihre Kleidung ab und gingen ins Wasser. Als sie in den Wald zurückkehrten, waren bis auf die Morgenschuhe alle Kleidungsstücke verschwunden. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als wieder in das Wasser zu gehen und einen vorbeifahrenden Schiffer um Hilfe zu bitten. Dieser holte andere Kleidungsstücke aus den Wohnungen der Damen.

Vor dem Schöffengericht des Landgerichts II mussten sich im Februar 1895 acht 12 – 14-jährige Schuljungen aus Tegel wegen Störung des Gottesdienstes verantworten. Die Kinder hatten in der Kirche gelacht, laut gesprochen, sich gestoßen, einander Prosit zugerufen usw. Der Amtsanwalt wollte die Rüpelei mit Gefängnis geahndet wissen, doch durch Fürsprache von Pastor Suttkus kamen die Jungen mit einem Verweis davon.

Im Dezember 1897 kam es auf dem Neubau der Borsig´schen Fabrik zu einem schrecklichen Unfall. Der Schornsteinbauer Franke, 27 Jahre alt, errichtete einen Schornstein, der zu dieser Zeit alle in Berlin und Umgebung an Höhe übertraf. Der fast fertige Schornstein hatte außen einen Aufstieg für die Arbeiter und innen einen Aufzug für das Material. Franke wollte den Aufstieg vermeiden und benutzte trotz Verbot des Maschinisten den Aufzug. Doch der Polier, der mit der Aufzugbedienung nicht vertraut war, brachte den Aufzug oben nicht zum Halt. Franke sah die Gefahr, vom Räderwerk zermalmt zu werden. Er sprang in die Schachttiefe und verletzte sich tödlich.

Gerhard Völzmann

Schießplatz-Episoden

Über viele Jahrzehnte gab es im Norden von Berlin einen Exerzier- und Schießplatz, der zwischen dem Wedding (Louisenbad) und Reinickendorf neben den Wurzelberg und Wiesenberg genannten Höhen lag (Areal Reinickendorfer-, Exercier- und Seestraße) und durch die Garde-Artillerie für ihre Übungen genutzt wurde. Ein Polygon (Vieleck) aus aufgeschütteten Sandwällen diente dem Kugelfang. Im Herbst 1773 und in den Folgejahren nahm hier König Friedrich II. „Revue ab“, sah sich das „Schießen und Werfen“ der Artilleristen an. Bei dieser Gelegenheit logierte er „auf dem Gesundbrunnen“, übernachtete hier also. So auch anlässlich der großen Artillerie-Übungen im Herbst 1785. In diesem Zusammenhang schrieb der König in einer Ordre an General-Major von Holtzendorff u. a.:

Da Ich Morgen nach Berlin hinkomme und gegen Abend gegen 6 Uhr dorten auf dem Gesundbrunnen eintreffen werde, so könnet Ihr so gut sein, alsdann auf den Brunnen zu Mich zu kommen und Eure beiden Obristen mitzubringen.

Ich bin Euer wohl affektionirter König
Potsdam, den 8ten September 1785.      Friedrich.

Der Schießplatz trug übrigens auch die Bezeichnung Tempelhofer Schanze, wohl benannt nach dem berühmten General und Militär-Schriftsteller Tempelhof.
Die Nutzung des Platzes wurde eingestellt, nachdem er – auch im Hinblick auf die zunehmende Reichweite von Geschossen – nicht mehr groß genug war. Jetzt (so schrieb 1831 L. Freiherr von Zedlitz in seinem „Wegweiser durch den Preussischen Staat …“) ist der Schiessplatz nach einem dazu ausgehauenen Platz der Heide vor Tegel verlegt. Unter dem Stichwort Artillerie-Schießplatz steht dort weiter, dass derselbe seit 1830 in die Gegend verlegt wurde, wo das Chausseehaus vor Tegel stand. Er lag damit links der Kunststraße 1 Meile von Berlin, am nordöstlichen Ende desselben stand der Meilenstein.

August Wietholz, der Chronist von Tegel, nennt das Jahr 1828 als Zeitpunkt der Anlage des Schießplatzes in der Jungfernheide. Wann der Platz tatsächlich erstmals durch das  2. Garde-Regiment zu Fuß sowie eine Escadron Garde du Corps und Ulanen genutzt wurde, ist nicht bekannt. In Ost-West-Richtung hatte der 1856 und in den 1870er Jahren erweiterte Schießplatz eine Länge von etwa 6 km, die Breite betrug am östlichen Ende ca. 1,5 km und am westlichen Ende etwa 3 km einschließlich eines Sicherheitsgürtels.

Schießplatz Tegel

Der Tegeler Artillerie-Schießplatz auf einem Plan von 1884

Die Geschichte des Tegeler Schießplatzes ist eng mit den Geschichten jener Personen verbunden, die sich dort aufhielten. Einerseits war das natürlich das Militär. Zum anderen suchten aber auch viele Männer und Frauen, ja selbst Kinder, den Schießplatz wie die gesamte Jungfernheide auf. Vom Vogelfänger über den Kugelsammler bis hin zu dreisten Dieben von Geschützrohren waren dies Menschen, die sich ganz bewusst in Gefahr für Leib und Leben begaben. Die zumeist aus Not und Elend heraus begangenen Taten erscheinen uns aus heutiger Sicht teilweise tragikomisch. So etwa jene Frau, die mehrfach wegen Kugeldiebstahl vor dem Richter stand und von diesem stets gefragt wurde, ob sie nicht die Tafeln gelesen hätte, die das Betreten des Areals und das Metallsammeln verbieten würden. Wieder war die Frau angeklagt. Diesmal hatte sie erst Warnschilder verbrannt und anschließend Kugeln eingesammelt. Der Richter konnte sie nun ja nicht mehr fragen, ob sie die Schilder nicht gelesen hatte! Verurteilt wurde sie trotzdem zu 10 Tagen Gefängnis.

Nachfolgend nun in chronologischer Reihenfolge einige Schießplatz-Episoden, die sich mühelos um weitere Geschehnisse ergänzen ließen.

Großartige Feuerwerke „für Militär und Zivil“. Von Zeit zu Zeit wurden auf dem Schießplatz großartige Feuerwerke abgebrannt, die den Kenntnisstand der zur Feuerwerkerschule abgeordneten Artilleristen zeigen sollten. Dies geschah auch im August 1860. Das Ereignis war lange Zeit vorher angekündigt. So strömten trotz der kalten, unfreundlichen Witterung zu den Abendstunden hin unzählige Neugierige mit Wagen, zu Pferd oder zu Fuß in Richtung Schießplatz, um sich das Spektakel nicht entgehen zu lassen. Artilleristen stellte den anwesenden Damen sogar teilweise Stühle zur Verfügung.

Als die prachtvolle magische Beleuchtung einsetzte, brach Jubel aus. Das Abbrennen der  Leuchtkugeln, Schwärmer, Raketen usw. dauerte etwa zwei Stunden. Kein Zuschauer verließ das Spektakel vorzeitig, auch wenn eine Erkältung zu erwarten war. Am Ende der Veranstaltung entwickelten sich tumultartige Szenen, als sich die Gäste so, wie sie gekommen waren, in völliger Finsternis auf den Heimweg machten. Es war schon erstaunlich, dass alle Anwesenden mit gesunden Gliedmaßen und heiler Haut den Rückweg überstanden.
Die Darbietungen sahen sich viele Generälen und auch der russische Militärbevollmächtigte, Graf Adlerberg, an.

Findergeld für Kugeln. Unzählige Male wurde in Zeitungen und Amtsblättern sowie auf Tafeln vor dem Betreten des Schießplatzes gewarnt. Scheinbar im Gegensatz hierzu folgender Zeitungsartikel vom Mai 1863:
Wenn Jemand in der Jungfernheide spazieren geht, kann es ihm leicht passieren, daß er dort einen Fund macht, nämlich eine der Kugeln, die aus den gezogenen Geschützen auf den Artillerieübungs-Plätzen abgefeuert sind. Diese Kugeln unterscheiden sich von den andern dadurch, daß sie eine mehrere Pfund schwere Bleiumhüllung haben, Wollte aber der Finder glauben, daß er den Fund ohne weiteres als sein Eigenthum betrachten könne, so würde er sich sehr irren und, wenn er angezeigt wird, sogar in Strafe verfallen. Jene Kugeln müssen nämlich an das Artillerie-Depot abgeliefert werden und dieses zahlt  für das zur Ablieferung kommende Blei ein Findergeld von drei Pfennigen, für das Eisen zwei Pfennige pro Pfund.

Eine Kanone als Geschenk. Im Dezember 1867 wurde auf der Industrie-Ausstellung in Paris eine damals große Sensation gezeigt. Es war eine Kanone, ein sog. Krupp´scher Tausendpfünder. Allein das Rohr mit einem Bohrungsdurchmesser von 14 Zoll englisch wog 1000 Zentner, die Pulverladung 1 Zentner. Die Lafette hatte ein Gewicht von 30000 Pfund  und der Rahmen, auf dem sie sich bewegte, 50000 Pfund. In eine Granate wurden 16 Pfund Pulver gefüllt, das sich beim Anschlagen selbst entzündete und die Granate zersprengte.
Die Kanone kostete komplett 145000 Taler, jeder Schuss 800 Taler. Krupp hatte das riesige Geschoss dem König zum Geschenk gemacht. Es traf am 3.1.1868 in Berlin ein und wurde am Folgetag vom Potsdamer Bahnhof aus mit einem von 12 Pferden gezogenen Borsig´schen Maschinenwagen zum Tegeler Artillerie-Schießplatz gebracht, um die Schießfähigkeit zu prüfen.

Granaten gestohlen. Am 20.11.1869 fand in Tegel ein Schießen statt. Es wurden achtzöllige Mörsergranaten verfeuert, die zwar mit 15 Pfund Pulver scharf geladen, aber nicht mit Zündvorrichtung versehen waren. Nach Beendigung des Schießens wurden fünf der Mörsergranaten nicht wieder aufgefunden. Sie wurden wohl gestohlen. Zur Verhütung von Unglücksfällen wurde das „Publikum“ hierüber unterrichtet.

Schießplatz 1870

Auf dem Schießplatz im Jahre 1870

Ein „Regen der colossalsten Geschosse“ über dem Tegeler See. Es waren schon viele schlimme Tage, doch der 29.8.1871 war der schlimmste Tag. Das vom Schießplatz aus vorgenommene Bombardement nahm außergewöhnliche Dimensionen an. Betroffenen waren der Tegeler See und die Inseln, von denen Scharfenberg besonders bedacht wurde. Auf einer Wiese wurde ein Loch von derartiger Tiefe gerissen, dass die umherfliegenden Rasen- und Baumwurzelstücke ausgereicht hätten, Menschen zu erschlagen. Alle Feldarbeiten mussten eingestellt werden. Auch Valentinswerder war nicht sicher. Auf dem Weg dorthin brausten die Geschosse zudem über die Lokale von Saatwinkel.

Schießversuche vom Schäfersee zum Schießplatz. Im September 1871 waren Versuche vorgesehen, mit Geschützen eine Meile (7532 m) weit zu schießen. Die Geschosse sollten von der Gegend des Schäfersees aus im Bogen über die damals noch vorhandenen Felder und die Tegeler Chaussee (heutige Scharnweberstraße) „hinweggeworfen“ werden und auf dem Schießplatz so auffallen, dass sie dort noch in einer Distanz von einer Viertelmeile ihre Wirkung zeigten. Gleichzeitig waren auf dem Schießplatz Schüsse auf 12-zöllige Panzerplatten, noch verstärkt durch ebenfalls 12-zöllige Holzplanken vorgesehen. Für den Transport der schweren Geschütze sollte vom Hamburger Bahnhof aus durch die  Jungfernheide bis zum Schießplatz eine Pferdebahn eingerichtet werden. Ob dies tatsächlich geschah, ist nicht bekannt.

Französische Geschütze umgegossen. Auf dem Tegeler Schießplatz waren bis August 1873 französische Geschütze aufgestellt, die im Krieg von 1870/71 erbeutet wurden. Das aus Bronze bestehende Geschützmaterial wurde in der Folgezeit in der Spandauer Geschützgießerei in bronzene Rohre preußischen Kalibers umgegossen.

Warntafel

Warntafel am Rand des Schießplatzes (Fotomontage)

Hehler-Preise für Kugeln. Hehler, die Kugeldieben ihre Beute abkauften, gab es unweit des Schießplatzes. Im Januar 1874 zahlten sie für eine „crepirte“ Kugel etwa 7 Silbergroschen, für eine noch intakte 14 – 16 Silbergroschen. Letztere musste dann aber erst von dem Finder unter Lebensgefahr entladen werden. Im Vorjahr hatte der Handelsmann Mönch, Müllerstraße 130, eine angekaufte Granate selbst zertrümmern wollen. Das Geschoss barg jedoch noch seine Sprengladung in sich, die sich entzündete. Die Granate zersplitterte mit starker Detonation. Mönch, seine Frau und das Dienstmädchen verletzten sich erheblich. Bei dieser Gelegenheit wurden unter einem Düngerhaufen mehrere Körbe mit weiteren Kugeln gefunden.

Ein Geschenk für die Veteranin der Kugelsucherzunft? Im Januar 1876 stand die 78-jährige fast völlig taube Witwe Müller vor der Deputation des Berliner Kreisgerichts. Wie bereits in der Vergangenheit mehrfach geschehen, hatte sie den Artillerie-Schießplatz betreten und verschossene Munition mitgenommen. Sie wurde wegen „strafbaren Eigennutzes“ abermals zu drei Tagen Gefängnis verurteilt. Auf die Bitte der alten Frau, ihr doch diesen Fehltritt „zu schenken“, antwortete der Vorsitzende: „Hier wird nichts geschenkt“.

Das Wasserwerk trafen „eiserne Sendboten des Krieges“. Im Mai 1876 berichtete eine Berliner Zeitung, dass „weyland eine naseweise Kanonenkugel bekanntlich eine gemüthliche Kaffeegesellschaft in Tegel dadurch erschreckte, daß sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel fast mitten auf den gemeinsamen Tisch fuhr und die leider nicht gepanzerten Tassen und Teller kurz und klein schlug“. Ähnlich schlug eine Anzahl an Projektilen, so die Zeitung weiter, auf dem Gelände der neuen Städtischen Wasserwerke (Bernauer Straße) ein. Die dort tätigen Arbeiter gaben samt und sonders Fersengeld. Der Magistrat zu Berlin wandte sich daraufhin an das Kriegsministerium, sofort Maßregeln zu treffen, das neue Wasserwerk in Zukunft vor den „etwas unangenehmen Besuchen dieser eisernen Sendboten des Krieges zu schonen“.

16 Zentner schweres Geschützrohr gestohlen. Es ist kaum zu glauben, dass im Februar 1880 vom Tegeler Militärschießplatz ein 16 Zentner schweres Geschützrohr, ein sogenannter Zwölfpfünder, gestohlen wurde. Einer der Täter war der einarmige (!) Schlosser Göbel. Er hatte den Arm „in Ausübung seines Gewerbes“,  des Kugeldiebstahls,  durch die Explosion einer Granate verloren. Zwei weitere Männer, der Arbeiter Binder und der Kutscher Albur, waren beim Geschützrohr-Diebstahl mit beteiligt. Einen Einspänner hatte ein Fuhrherr  aus der Ackerstraße mit den Worten: „Macht was ihr wollt – Ich will es nicht wissen“ zur Verfügung gestellt.
Als auf dem Schießplatz ein auf Unterlagen ruhendes Geschütz von der Lafette auf den Pferdewagen gehoben werden sollte, zerbrach die Unterlage der Kanone. Für ein Aufladen der Kanone vom Erdboden auf den Wagen war nun das Gewicht zu groß. Bei einer zweiten Kanone gelang die Aktion. Nun musste das Pferd, von den drei Männern unterstützt, den Wagen durch den tiefen Sand des Schießplatzes bis zur Ackerstraße ziehen. Die Beute wurde zunächst bei dem Fuhrherrn zwischengelagert und dann in der Anklamer Straße in die Werkstatt des Schlossers Schmidt gebracht. Mit einem Meißel wurde das Rohr geteilt. Noch während dieser Arbeit erfolgte die Verhaftung der Diebe. Übrigens lag der Metallwert des Geschützrohres bei 2500 Mark. Aus Sicht der Täter hätte dieser Betrag die großen, übermenschlichen Anstrengungen gelohnt.

Wohnort Jungfernheide, Kiefernreisig-Hütte. Zu den „Kugelsuchern von Profession“ auf dem Schießplatz gehörten in den 1880er Jahren auch mehrere Frauen, von denen sich zwei eine Hütte von Kiefernreisig mit Mooslager errichtet hatten. Wochenlang nächtigten sie hier bis in den November hinein. In der Nähe befand sich ihre „Niederlage“ von Bleikugeln und -mänteln, die sie während des Tages zusammengesucht und von schweren Geschossen abgeschlagen hatten. Abends pflegten sie die Beute an Abnehmer in der Müllerstraße abzuliefern

Luftschiffer auf dem Weg nach Tegel. Viel Aufsehen erregten die Luftschiffer, wenn sie – wie am 14.11.1885 – mit zwei Wagen vom Rande Tempelhofs aus durch die Potsdamer Straße in Berlin nach Tegel zum dortigen Schießplatz zogen. In den Wagen waren alle Utensilien verstaut, die sie für die Luftschifffahrt benötigten, also Ballon, Gondeln, Netze, Stricke usw. Den Wagen folgten die Mannschaften des  Militär-Ballon-Detachements in Reih und Glied. Der Dienst in Tegel war für die Mannschaften erschwert, weil der Ballon nach jeder Nutzung gefüllt bzw. gefesselt in Tegel verblieb und bewacht werden musste. Das Detachement zählte, außer Offizieren und Unteroffizieren, nur 20 Mann. Bis 1901 nutzten die Luftschiffer noch das Gelände an der heutigen General-Pape-Straße, bis sie dann auf Dauer nach Tegel verlegt wurden.

Ballon der Luftschiffer beim Pferdebahn-Depot gefüllt. Im November 1887 befand sich die Luftschiffer-Abteilung an zwei Tagen wie schon oft in der Vergangenheit auf dem Gelände des Tegeler Schießplatzes. Vom Ballon aus sollten Flugbahnen von Geschossen und Treffer beobachtet werden. Der Ballon war neu aus Gummimasse mit imprägniertem Seidenstoff gefertigt. Die Gasfüllung erfolgte beim Depot der Pferdebahn in der Müllerstraße. Bereits im Vorjahr war zu diesem Zwecke ein Gasrohr dorthin verlegt worden.

Kaserne SchießplatzZieldorf abgebrannt. Am Vormittag des 22.8.1892 wurde die Freiwillige Feuerwehr West-Reinickendorf durch dichte Rauchwolken alarmiert. Wie eine Zeitung später berichtete, war an dem Tegeler Artillerieschießplatze die „Waldlisiére“ (der Waldsaum) unweit des Zieldorfes in Brand geraten. Die aus Holz und Pappe hergestellten Häuser des Dorfes wie auch etwa ein Morgen Waldbestand wurden ein Raub der Flammen.
Als die Feuerwehr eintraf, waren bereits zwei Kompanien Pioniere durch schnelles Ausheben von Gräben erfolgreich damit beschäftigt, ein weiteres Ausbreiten der Flammen zu verhindern. Der kommandierende Hauptmann des Schießplatzes sprach der Feuerwehr Dank und Anerkennung aus. Der Feuerwehr-Einsatz erfolgte genau am ersten Jahrestag der Gründung der Wehr.
Später wurde die abgebrannt Attrappen-Anlage unter dem Namen Neu-Zieldorf wieder aufgebaut.

Vom Militärposten erschossen. Es war im Januar 1895, an einem Nachmittag um 4 Uhr, als ein am neuen Laboratorium in der Jungfernheide seinen Dienst verrichtender Militärposten einen Mann bemerkte, der sich am Fenster eines Schuppens zu schaffen machte. Vom Wachposten nach dem Grund befragt, erwiderte der Ertappte, dass ihn dies nichts anginge. Anschließend ergriff er die Flucht. Sowohl der Wachposten als auch seine gerade eintreffende Ablösung verfolgten den Flüchtenden und forderten ihn mehrmals ohne Erfolg zum Anhalten auf. Nun gab einer der Soldaten zwei Schüsse ab. Der zweite Schuss war ein tödlicher Schuss in den Hinterkopf des Flüchtenden, wie ein kurz danach eintreffender Arzt feststellte. Bei dem Erschossenen handelte es sich um einen 1863 geborenen Mann namens Friedrich Müller, bei dem auch ein Militärpass gefunden wurde. Die Meldung in der Zeitung endete mit dem Hinweis, dass er die Instruktionen für Militärposten hätte kennen müssen.

Als am 18.1.1908 bei einer Scharfschießübung des 1. Garde-Feldartillerie-Regiments eine fehlgeleitete Granate in das Anwesen des Gastwirtes Märten in Saatwinkel einschlug, wurde das Geschütz-Schießen 1909 endgültig eingestellt. Bei dem Vorfall kamen Personen nicht zu Schaden. Märten gab seiner Gaststätte daraufhin den Namen „Zur eingeschlagenen Granate“, musste dies aber schon bald wieder rückgängig machen, weil es für den Militärfiskus abträglich war.

Gerhard Völzmann

Tegeler Weihnachten im Jahre 1859

Wer – gerade in der Vorweihnachtszeit – das geschäftige und teilweise auch hektische Treiben in den Einkaufsstraßen, den Läden und den beiden Einkaufscentern Tegels beobachtet, kann sich vermutlich nur schwer vorstellen, wie es am gleichen Ort wohl vor über über 150 Jahren aussah. Einen Eindruck vermittelt das 1855 von Dr. Heinrich Berghaus auf Veranlassung des Staatsministers Flottwell geschriebene „Landbuch der Mark Brandenburg und des Markgrafthums Nieder-Lausitz in der Mitte des 19.Jahrhunderts“, in dem über das Rittergut und das Dorf Tegel berichtet wird. Zu Letztgenanntem heißt es hier:

Die Dorfgemeinde Tegel besteht aus 7 Bauern, 2 Cossäthen, 1 Eisenhammer (seit 1837 von Egels, dem Besitzer der Maschinenbau-Anstalt zu Berlin, angelegt), 1 Windmühle (seit 1833) und 8 Büdnern. Die ganze Feldmark ist nach einer Schätzung 1039 Morgen groß, davon der Kirche 10 und der Pfarre 120 Morgen gehören. In dem Gesammt-Areal sind auch der Main- und der Reiswerder, im Tegelschen See belegen, mit 18 Morgen enthalten. Der Acker ist durchweg sandig und leicht, und die Wiesen sind, bis auf 20 Morgen mittelmäßiger Art, von schlechter Beschaffenheit. Darum sind auch die wirthschaftlichen Verhältnisse der bäuerlichen Güter nicht in bester Lage; aber dennoch befinden sich die in ziemlich guten Vermögens-Verhältnissen, indem die Nähe von Berlin es denselben möglich macht, alle Wirthschafts-Erzeugnisse vortheilhaft zu verwerthen und außerdem Gelegenheit geboten ist, städtisch eingerichtete Wohnungen an Berliner Sommergäste für bedeutende Preise zu vermiethen.

Ergänzend zu dieser Schilderung hier noch eine Statistik über das Dorf Tegel, erhoben im Dezember 1858. Danach gab es:

296 Einwohner19 Morgen Gartenland36 Pferde
54 Ehen609 Morgen Acker73 Rinder
5 öffentliche Gebäude86 Morgen Wiese– Schafe
31 Wohngebäude– Morgen Weide183 Taler Grundsteuer
45 gewerbl. / wirt. Gebäude349 Morgen Wald344 Taler Klassensteuer
10 Gehöfte27 Taler Gewerbesteuer

Sowohl Berghaus´ Schilderung als auch die Statistik zeigen, dass Tegel in den 1850er Jahren noch ausgeprägte bäuerliche Strukturen aufwies, sich aber auch schon Veränderungen allein durch den Betrieb des Egellsschen Eisenhammers abzeichneten. Dies kam zudem in der Einwohnerschaft Tegels zum Ausdruck. Namen wie Ziekow, Marzahn, Schulze, Wilke und Müller standen für die Berufe des Bauern (und sogenannte Alt-Sitzer), des Büdners und des Kossäten. Einen Lehnschulzen (August Ziekow) und einen Schmiedemeister namens Schulze gab es natürlich. Sattlermeister Rackau, Schuhmacher Ruppin, Schneidermeister Voß und Carl Müller als Zimmerpolier vertraten Handwerksberufe. Es wohnten aber auch schon sehr viele Arbeiter, damals als Arbeitsmänner bezeichnet, in dem Dorf.

Göpelanlage

Eine Göpelanlage mit Dreschmaschine aus dem Jahre 1856

Unser Rückblick führt uns nun in das Jahr 1859. Für die Besitzer der bäuerlichen Anwesen, für ihre ihre Knechte und Mägde, war natürlich wie seit eh und je der Verlauf der Arbeiten stark von der Witterung abhängig. Ende März war die Zeit der Frühjahrsbestellung, im Juni der erste und im August/September der zweite Schnitt des Grases für die Heuernte, Mitte Juli begann die Roggenernte,  Anfang  September endete die Getreideernte und im Juli war die Zeit der Ernte der Frühkartoffeln, gefolgt von der weiteren Kartoffelernte im September und Oktober. Die Zeit der Herbstbestellung in denselben Monaten beschloss die Feldarbeiten. Nun endete die Zeit, in der um 4 Uhr aufgestanden, das Vieh gefüttert und von 6 bis 18 Uhr auf dem Feld gearbeitet wurde.
Bauern, die zu dieser Zeit schon eine Göpelanlage besaßen, spannten dann bis zu   zwei Pferde ein, die in unzähligen Runden im Kreis laufen mussten, um eine Dreschmaschine anzutreiben. Dass 1859 in Tegel schon eine solche Anlage stand, ist nicht zu vermuten. Beides zusammen, also Göpelanlage und Dreschmaschine, kostete bei der Firma C. Beermann, vor dem Schlesischen Tor gelegen, 200 Taler! Erst in wesentlich späterer Zeit (ab 1910) setzte Bauer Ziekow in der Hauptstr. 26 eine Göpelanlage ein.

Auch wenn die obige Statistik kein Weideland ausweist, so war im Dorf doch weiterhin der Gemeindehirte Stien für die Viehhütung zuständig.

Die landwirtschaftlichen Erzeugnisse verkaufte die Tegeler Bauern in Berlin. Dazu wurden zweimal in der Woche die Pferde (oder auch Rinder!) früh um 5 Uhr angespannt, um zum Gendarmenmarkt zu fahren. Rückkehr war um 12 oder 13 Uhr. Über solche Fahrten freute sich Chausseegeldeinnehmer Lachmund, der an der Berlin-Ruppiner Chaussee die auf dem Grundstück des Schmiedemeisters Schulze gelegene Hebestelle gepachtet hatte (heute wäre dies Berliner Str. 1 Ecke Alt-Tegel).

Am 11.11.1859 stellte sich in Tegel der erste Frost ein und verkündete damit den nahenden Winter. Die Temperaturen wurden übrigens noch nach Réaumur-Graden gemessen. Im Dezember des Jahres fiel immerhin an 9 Tagen Schnee. Nun nahten die Weihnachtsfeiertage. Zuvor mussten aber noch die Ställe ausgemistet und der Dung auf die Felder verbracht werden, denn solche Arbeiten zwischen Weihnachten und Dreikönigstag verrichtet, brachten kein Glück.

Die Weihnachtsgeschenke für die Familie sowie Kleinigkeiten für die Knechte und Mägde wurden möglichst heimlich in Berlin eingekauft. Silberne Tuchnadeln gab es ab 5 Silbergroschen (Sgr.), silberne Uhrenketten ab 1 Sgr., Pfeifen, Stöcke, Zigarrenspitzen, Regenschirme und Kämme wurden zudem gern verschenkt, während für die Kinder Spielwaren in Blech und Zinn, Baukästen, Puppen oder auch nur Puppenköpfe bzw. -rümpfe als Ersatz für beschädigte Teile in Frage kamen.

Tegeler Dorfkirche

Die Tegeler Dorfkirche um 1834 . Lithographie von Hübner.

Für das Weihnachtsgebäck mussten die besonderen Zutaten gekauft werden. Mehl und frische Butter (im Laden 4 Sgr./Pfund) waren zumindest auf den Bauernhöfen ja vorhanden, ansonsten das Mehl bei der Mehlhändlerin, Frau Thießen, im Dorf erhältlich. Doch die süßen Mandeln (9-10 Sgr./Pfd.), Rosinen (5 Sgr./Pfd.) und der weiße gestoßene Zucker (4 Sgr./Pfd.) oder der weiße harte Zucker (4 ½ Sgr./Pfd. bei Kauf in ganzen „Hüten“) wurden in Berlin erstanden. Champagner, die Flasche für 1 Taler 10 Sgr., war mit Sicherheit nicht für einem Tegeler Gabentisch vorgesehen.
Am Heiligen Abend, wenn es schummrig wurde, besuchten die Tegeler die Christmette, nicht ohne zuvor die Haustiere in den Ställen mit einer Extraportion an Futter versorgt zu haben. Das Gotteshaus war ein massiver Bau mit Ziegeldach aus dem Jahre 1756, im einfachen Barockstil errichtet, der Turm mit einer Uhr versehen. Wohl kaum ein Dorfbewohner ging nicht zur Kirche. Nur der Chausseegeldeinnehmer war verhindert. Er konnte ja nicht einfach den Schlagbaum schließen. Mit den beiden Kirchenvorstehern August Müller und Friedrich Wilke, dem Königlichen Oberförster Seidel, dem Mühlenmeister Wendt, dem Ökonom Carl Buschmann, Rentier Ebers, dem Schmiedemeister Kirschstein vom Eisenhammer und natürlich vom Schlößchen Tegel Frau Minister von Bülow, Gutspächter Ewest und Dampfmühlenbesitzer Henning können hier nur ganz wenige Kirchenbesucher namentlich genannt werden. Eine feste Verteilung der Sitzplätze ist durch eine Königliche Anordnung v. 3.12.1872 überliefert, war aber sicher auch schon 1859 üblich.

Friedländer

Eintrag im Berliner Adressbuch 1857

Alle Gottesdienstbesucher waren bestimmt, ohne darüber zu sprechen, gespannt, wie Wilhelm Füllgraf  zur Christmette predigen würde. Zum neuen Pfarrer der Parochie Dalldorf (Wittenau), zu der Tegel als Filiale gehörte, war er erst in diesem Jahr (1859) berufen worden. Lange Zeit, nämlich von 1828-1859, war Pfarrer Horn als sein Vorgänger hier bekannt.
Den Gottesdienst am Heiligen Abend begleitete Schullehrer und Küster Born auf dem Harmonium. In ihrem Testament vom Febr. 1855 hatte „Frau Generalin“ von Hedemann, geb. von Humboldt, der Tegeler Kirche für „eine gute, der kleinen Kirche angemessenen Orgel“ 400 Taler vermacht. Sie selbst hatte dann bei der Berliner Firma Julius Friedländer ein Harmonium mit 14 Registern zum Preis von 300 Talern bestellt und den Wunsch geäußert, dass das Instrument zur Feier ihrer Beisetzung erstmals gespielt werden sollte. Dies geschah tatsächlich, nachdem das Harmonium am 6.1.1857, gleich nach ihrem Tod, in der Kirche aufgestellt wurde. Noch verbliebene 67 Taler, Spenden des Generals von Hedemann von 13 Talern und der Kirchengemeinde Tegel von 20 Talern dienten dann der Instandhaltung des Harmoniums, während die Zinsen der insgesamt 100 Taler zusammen mit Roggenspenden der Bauern den Küster für seine Arbeit als Organist entschädigten.

Nun spielte also zur Christmette am 24.12.1859 Küster Born auf dem Harmonium, dessen Bedienung er sich zwischenzeitlich angeeignet hatte. Zum Gottesdienst am ersten Weihnachtsfeiertag sang zudem der Schulchor.

Nach dem Gottesdienst am Heiligen Abend fand in den guten Stuben der Dorfbewohner die Bescherung statt. Dazu wurden natürlich die farbigen „Brillant-Parafin-Pyramiden-Kerzen“, von denen das Dutzend immerhin 10 Sgr. kostete, angezündet. Hier ist zu bemerken, dass 1859 die Tanne oder Fichte als Weihnachtsbaum (z. B. geschmückt mit Baum-Konfekt für 8 Sgr./Pfd.) zwar schon bekannt war, sich aber noch nicht in vielen Wohnstuben durchgesetzt hatte. Vielmehr stand in der Wohnzimmerecke eine Weihnachtspyramide, aus vier Eckhölzern, einem Mittelholz und zwei oder drei drehbaren Scheiben versehen, die kleine Figuren, Tiere und andere Gegenstände trugen. Die Kerzenwärme brachte dann durch ein Flügelrad die beweglichen Teile der Pyramide zum Drehen. Auch in heutiger Zeit werden ja wieder derartige Pyramiden gern aufgestellt. Damals hing vielleicht noch eine Weihnachtskrone in einer Tegeler Bauernstube. Caroline von Humboldt schrieb hierzu in ihrem Weihnachtsbrief von 1815:

Mein Weihnachten wird diesmal ungemein brillant werden, die Krone wird, seitdem sie im Salon hängt, hier zum ersten Mal angesteckt werden, und darunter der Tisch mit allen Geschenken.
Zum Heiligen Abend gehörte auch in Tegel ein Weihnachtsmann, der von Haus zu Haus zog, die artigen Kinder (andere gab es sicher nicht) beschenkte und nicht als verkleideter Dorfbewohner erkannt wurde.

Leider muss nun aber auch berichtet werden, dass in dem Dorf mit dem 1. Weihnachtsfeiertag die ruhige und friedvolle Weihnachtszeit des Jahres 1859 endete. Warum dies so war, zeigt der folgende Teil dieses Beitrages auf.

Natürlich sollte am zweiten Weihnachtsfeiertag die festliche Stimmung weiter vorherrschen, aber auch die Unterhaltung nicht zu kurz kommen. Aus diesem Grunde hatte der Wirt des Alten Dorfkrugs in „Tegel 3“ (gegenüber der Dorfkirche gelegen), C. F. Marzahn, Vorbereitungen getroffen. So hatte er für den 26.12.1859 eine Tanzkapelle verpflichtet und genügend „auf dem Kerbholz“. Letztgenannte Redewendung, heute mit negativer Bedeutung versehen, hatte damals einen ganz anderen Sinn. Die Bierkutscher benutzten seinerzeit nämlich zur Abrechnung mit den Gastwirten Kerbhölzer, die an der Kutschenseite in Ledertaschen steckten. Die Zahl der gelieferten und abgenommenen Bierfässer wurde durch Einschnitte (Kerben) auf den Hölzern kenntlich gemacht. Der Kunde, also der Gastwirt, besaß ein dazu passendes Holzstück mit identischen Einkerbungen. Mit „Dinte“ (Tinte) geschwärzte Kerben waren der Nachweis für die Bezahlung der Getränkefässer. Die Kerbhölzer wurden selbst vom Kammergericht in einem Prozess als Beweismittel anerkannt.

Alter Dorfkrug

Alter Dorfkrug 1917

Doch zurück zu Marzahn. Er hatte also genügend Getränke für den zweiten Weihnachtsfeiertag vorrätig. Im Krug vergnügten sich Dorfbewohner, aber auch  fünf Soldaten eines hiesigen Regiments beim Tanz, bis ein Streit entstand. Die jungen Bauernsöhne „erachteten es nicht für eine Ehre“, dass ihnen die Soldaten fortgesetzt auf die Füße traten. Es gab Schimpfreden, bis ein Müllergeselle, „um seine beleidigten Zehe zu rächen“, ausholen wollte. Sein Gegenüber war aber mit seinem Säbel schneller und versetzte ihm einen Hieb über das Gesicht. Der Schlag, so ein Zeitungsbericht, „spaltete den Schädel fast in zwei Teile“. Nun ergriffen insbesondere sieben starke Tegeler Bauernsöhne Schemelbeine, Tischfüße und „andere Holzinstrumente“, mit denen sie den Soldaten ihre Waffen abnehmen und sie vor die Tür drängen konnten. Ein Soldat war so klug, ganz zu verschwinden. Nun erschien ein herbeigerufener Schutzmann, übernahm die Säbel und machte sich auf den Nachhauseweg. Doch er wurde von den nun vier Soldaten angegriffen und zog sich deshalb wieder zum Dorfkrug zurück. Hier wurde ihm natürlich „namhafte Hülfe“ gewährt. Die abgenommenen Waffen wurden dem Kommandeur ausgehändigt. Über die verhängten Strafen – sie fielen sicher drastisch aus –  ist nichts überliefert.

Damit endet unsere Schilderung über die Tegeler Weihnachtszeit des Jahres 1859. Sie zeigt, dass es auch damals nicht nur eine „gute alte Zeit“ gab, wie es in Rückblicken gelegentlich gern formuliert wird.

Gerhard Völzmann

Zwischen Dalldorf und Hermsdorf sollte Neu-Tegel entstehen

Bekanntlich lässt sich der Ortsteil Tegel in verschiedene Bereiche aufteilen. Zunächst denkt man sicher an das Zentrum oder  den Kernbereich, der insbesondere Alt-Tegel, die Berliner Straße, den Fußgängerabschnitt der Gorkistraße sowie die angrenzenden Nebenstraßen beinhaltet. Die Bezeichnungen Tegel-Nord und Schlossbezirk sind heute vielleicht nicht mehr ganz so geläufig. Es handelt sich dabei um die Villengegend am Humboldtschloss. Die einst in der Campestraße 11 gelegene Abteilung Hospital des Städt. Humboldt-Krankenhauses trug zum Beispiel im Namen auch die Angabe Tegel-Nord.

Von einem „zweiten Tegel“ schrieben Zeitungen, als jenseits der Bahnlinie in Richtung Wittenau nach dem ersten Weltkrieg zunächst die Kleinhaussiedlung „Am Steinberg“ und später durch die Baugesellschaft „Roland“ ganze Wohnblöcke entstanden. Aus dem „zweiten Tegel“ wurde Neu-Tegel.

Über eine „kommende Landhaussiedlung auf der Tegeler Bauernheide“ berichtete eine Zeitung im August 1932, als die Groß-Berliner Boden- und Bau-Gesellschaft unweit der Bernauer Straße mit dem Verkauf von Parzellen für eine Siedlung „Waldidyll am Tegeler See“ begann. In der Folgezeit entwickelte sich hier der Ortsteil Tegel-Süd. Auch das hier einmal in der Bernauer Straße 96 gelegene Städt. Krankenhaus Tegel-Süd trug in seinem Namen die genaue Ortsteil-Angabe.

Der Vollständigkeit halber seien an dieser Stelle auch die in Richtung Waidmannslust erbaute St. Joseph-Siedlung und die Freie Scholle genannt, für die sich kein gemeinsamer Bereichsname entwickelt hat.

Soweit in aller Kürze Angaben zu den verschiedenen Bereichen von Tegel. Blicken wir nun  ausführlicher nach Neu-Tegel, womit aber nicht der oben genannte Teil von Tegel gemeint ist. Vielmehr führen uns die Betrachtungen zu einem Terrain, das im Nordwesten von Berlin beiderseits der Chaussee nach Oranienburg zwischen den Dörfern Dalldorf (Wittenau) und Hermsdorf lag. Heute wären dies Teile des Straßenzuges Oranienburger Straße und Oraniendamm. Es waren die 1870-er Jahre, als nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 in Berlin eine Entwicklung einsetzte, die Otto Glagau bereits 1875 in einem Artikel in der Zeitschrift „Die Gartenlaube“ mit Begriffen wie Börsen- und Gründungsschwindel, Häuserschacher und Baustellenwucher zutreffend beschrieb. Unzählige Bauvereine, -gesellschaften und -banken wurden gegründet. Viele von ihnen bauten nicht, hatten dies auch gar nicht vor. Sie erstellten Baupläne und lockten Kunden, die sich durch eine Baubank Geld beschafften. Selbst während der „Bauzeit“ wurden ihnen Zinsen versprochen. Viele Baubanken der Gründerjahren mussten schon bald Konkurs anmelden; die Anleger verloren ihr Kapital.

Anfang 1872 wurde die Central-Bank für Bauten mit einem Kapital von 550.000 Talern mit Sitz in der Berliner Friedrichstraße 105 a von Dr. A. Stort (Aufsichtsrat), Leo Wollenberger, Hugo Mamroth, G.H.W. Bergmann, Geh. Admiralitätsrat Wandel und weiteren Personen   gegründet. Weitaus drastischer formulierte dies Glagau mit dem Satz: Eine der größten Blasen, die aus dem Hexenkessel emporstiegen, war die ´Centralbank für Bauten´, die zum Verfasser Herrn Eduard Mamroth hat.

Das Grundkapital der Bank wurde schon bald aufgestockt, bis es zuletzt 5.500.000 Taler betrug. Noch im Jahre 1872 gründete die Bank verschiedene weitere Aktien- (Bau-) Gesellschaften, unter anderem am 25.10. die Bau-Gesellschaft „Cottage“. Sie warb damit, dass an der Oranienburger Chaussee, einer „von jeher für Landpartien beliebten Gegend“, nach Eröffnung der Berliner Nord-Eisenbahn und einer Reinickendorfer Pferdebahn ein zu „Villegiaturen“ (sinngemäß: Ferien, Landaufenthalt) geeignetes Terrain zur Verfügung steht. Zum Terrain der „Cottage“ gehörte der höchste Punkt der Rollberge, „von wo aus man die schönste Fernsicht genießt, die in der Nähe Berlins zu finden sein dürfte“.

311 Baustellen wies der vom Königlichen Gartenbau-Direktor Neide entworfene Bebauungsplan aus. Grundsätzlich waren die einzelnen Stellen 1 Morgen groß, um – wie es hieß – den ländlichen Charakter zu waren. Je nach Lage der Parzellen waren 10-15 Taler pro Quadratrute (rund 14 m²) zu bezahlen, wobei ein Viertel bis ein Drittel des Kaufpreises bar anzuzahlen war.

Neu-TegelNatürlich übernahm die Bau-Gesellschaft die Herstellung von Villen in jeder beliebigen Größe „unter den coulantesten Bedingungen“. Die Herren Kaiser und von Grossheim, Architekten der „Cottage“, hatten bereits eine Reihe von „äußerst geschmackvollen Entwürfen“ für Baulustige gefertigt.

Im August 1873 berichtete eine Berliner Zeitung über die Aktivitäten der Bau-Gesellschaft. Danach schritt die Entwicklung der Villenkolonie „rüstig“ vorwärts. Soweit der Bau von Landhäusern in Angriff genommen wurde, sollten noch im gleichen Jahr 10 – 12 Villen im Rohbau fertig werden. Während des Ausstechens eines Teiches stießen die Arbeiter auf ein Torfvorkommen. Der Torf wurde einer chemischen Analyse unterzogen mit dem Ergebnis, dass er in der Qualität dem aus Linum gleichkam. Während des Torfabbaus wurden gleichzeitig Wasseranlagen verknüpft, um dem Areal ein parkartiges Aussehen zu verleihen.

Im Oktober 1873 kam es zwischen der Berliner Nordbahn und „Cottage“ zu einer Einigung, nach der die Bau-Gesellschaft Terrain für eine Haltestelle der Bahn in Dalldorf (heutiger S-Bahnhof Wittenau, Wilhelmsruher Damm) abgab, um damit die neue Kolonie zu erschließen. Mit der Bahn sollte dann „Neu-Tegel“ von Berlin aus so schnell zu erreichen sein wie Steglitz.
Ende 1873 warb die Bau-Gesellschaft auch damit, dass sie bis zu der im nächsten Sommer (1874) stattfindenden Eröffnung der Nord-Eisenbahn einen eigenen Omnibusdienst von Berlin aus einrichten würde. Wie wir wissen, wurde die Nordbahn viel später, nämlich erst am 1.10.1877 in Betrieb genommen.

Blicken wir nun noch einmal auf die Ausführungen von Glagau in der „Gartenlaube“. Danach wurden die Aktien der „Central-Bank für Bauten“ bereits im April 1873, kurz vor dem Krach an der Börse, mit einem Kurs von 420 % (!) gehandelt. Glagau schildert weiter, dass dann der Kurs binnen 6 Monaten auf unter 50 % abstürzte. Trotzdem verteilte die Bank eine Dividende von 43 %. Mit einer solchen Ausschüttung sollten weitere Aktienkäufer gelockt werden.

Als der Kurs der Bank bei etwa 12 % stand, lag der der Bau-Gesellschaft „Cottage“ bei 0. Das Terrain von „Neu-Tegel“ wurde auf einen Wert von nur noch 44.000 Talern geschätzt, auf dem Schafe weideten und Löwenzahn wuchs. Die Blüten der wuchernden Blume wurden nach dem Börsenkrach auch „Gründerblume“ genannt.

Schließlich wurde im April 1881 über die Central-Bank für Bauten ein Konkursverfahren eröffnet. Noch im gleichen Jahr wurde das Grundstück mit dem Firmensitz der Bank in der Friedrichstraße 105a für 523.000 Mark an die Gothaer Grund-Creditbank verkauft. Die darauf lastende Hypothek war höher. Während die Aktionäre leer ausgingen, soll Vorstandsmitglied Eduard Mamroth, auch durch andere Aktivitäten, ein reicher Mann geworden sein. Ab 1884 war in dem Haus Friedrichstraße 105 a unter anderem auch die  Schiff- und Maschinenbau-Actiengesellschaft „Germania“ ansässig. Bekanntlich hatte diese in Tegel die Egellssche Fabrik „Eisenhammer“ übernommen.

Eine zwischen Dalldorf und Hermsdorf gelegene Villenkolonie mit dem Namen „Neu-Tegel“ ist im Ergebnis nicht entstanden. Damit konnte auch später in Tegel ein Ortsteilbereich diese Bezeichnung erhalten, ohne dass er bereits vorhanden war und zu Verwechslungen hätte führen können.

Gerhard Völzmann

Eine Dampferfahrt von der „Grobe-Gottliebs-Station“ in Konradshöhe nach Tegel

Der heimatkundliche Rückblick führt uns in die Sommerzeit des Jahres 1892. In Berlin hatte sich eine Gruppe von 20 Personen zu einem Ausflug in die nördliche Umgebung der Stadt verabredet. Treffpunkt war die am Bahnhof Friedrichstraße gelegene Weidendammer Brücke, um von dort mit der Pferdestraßenbahn nach Tegel zu fahren. Nun folgte eine Wanderung durch den Wald. Ziel war Konradshöhe.

Amtsblatt2Die Ansiedlung war zu dieser Zeit den Berlinern noch weitgehend unbekannt. Am 22.3.1865 hatte der Kupferschmiedemeister August Friedrich Theodor Rohmann aus der Berliner Auguststraße 49a von dem Heiligenseer Bauern Christian Friedrich Lemcke für 3000 Mark Land erworben, um darauf – zunächst ohne Baugenehmigung – eine größere Kupferschmiede zu errichten. Später, am 20.10.1868, genehmigte die Königliche Regierung zu Potsdam, dass Rohmanns Gehöft mit etwa 45 Morgen Areal nach dem ältesten Sohn des Kupferschmiedemeisters den Namen „Conradshöhe“ führen durfte. Nach 25 Jahren gab Rohmann aus wirtschaftlichem Grund sein „Dampfwerk für eiserne Verschraubungen und Apparatringe“ auf. Nun entstand 1891 auf dem Gelände an der einmal nach Rohmann benannten Straße (heutige Falkenhorststraße) eine Gaststätte für Ausflügler. Sie hieß zunächst „Konradshöher Terrassen“, zuletzt bis zum Abriss 1979 „Feengrotte.“

Rohmann hatte schnell erkannt, dass er für seine Gäste auch eine Dampferbrücke benötigte, die in den Dampferfahrplan als Station mit aufgenommen werden musste. Sowohl die Errichtung der Brücke auf seinem Grund und Boden wie auch die Einbeziehung in den Fahrplan waren kein Problem. Doch der Restaurateur hatte eine falsche Vorstellung von der Nutzung der Brücke. Da sie auf seinem Anwesen lag und ihm gehörte, war er der Meinung,  dass sie auch nur seine Gäste benutzen dürften. Jedem, der nichts bei ihm verzehrte, glaubte er das Betreten der Brücke verbieten zu dürfen.

Dieses Verbot traf nun in schroffer Weise unsere 20-köpfige Wandergruppe. Sie hatte nichts bei Rohmann gegessen, wollte aber den bereits wartenden Dampfer über die Dampferbrücke betreten. Während sich die Gesellschaft nicht zurückhalten ließ, rief ihnen der Wirt nach, er wolle sie mit Hunden hetzen oder gar niederschießen.

Welches Gesprächsthema bei der Dampferfahrt nach Tegel und sicher auch bei der anschließenden Fahrt in der überfüllten Straßenbahn nach Berlin vorherrschte, kann man sich bestimmt vorstellen. Unter den Ausflüglern war ein Redakteur einer Berliner Zeitung. Es wurde abgesprochen, dass er in der Zeitung unter „Eingesandt“ zur Warnung anderer Besucher den Vorfall schildern sollte. Einer der Teilnehmer der Gruppe sollte seinen Namen unter den beabsichtigten Text setzen. Der Abdruck geschah am 7.8.1892. Von einem sicher ironisch gemeinten „liebenswürdigen Wirt“ und einer „Grobe-Gottliebs-Station“ war die Rede.

Conradshöher TerrassenRohmann reichte prompt Klage beim Amtsgericht I in Berlin ein gegen die Person, die den Leserbrief unterschrieben hatte. In einem ersten Termin stellte sich der Wahrheitsgehalt des „Eingesandt“ heraus. Zusätzlich kam heraus, dass Rohmann schon einmal eine Gesellschaft mit Frauen und Kindern am Betreten des Dampfers hinderte. Diese Gruppe musste dadurch eine Nacht in einer Scheune zubringen. Das Gericht kam zu der Auffassung, der Kläger habe mit der Aufnahme in den öffentlichen Fahrplan sich des Rechts begeben, willkürlich über die Dampferbrücke zu verfügen. Gleichwohl musste der Beklagte wegen Beleidigung des Restaurateurs verurteilt werden. Das Urteil lautete aber nur über 3 Mark Geldstrafe.

Trotzdem legte der Verurteilte Berufung ein. Rechtsanwalt Dr. Schoeps machte für seinen Mandanten geltend, dass dieser gar nicht den Leserbrief geschrieben hatte. Vielmehr handelte es sich bei dem „Eingesandt“ um den Wortlaut eines „redakteurlichen Herzensergusses“. Dem Redakteur wurde nur die Genehmigung erteilt,  den Namen eines der Ausflügler zu benutzen. Dieser Sachverhalt war neu und erwies sich als richtig.  Das Berufungsgericht sprach deswegen den in erster Instanz Beklagten frei. Dem ursprünglichen Kläger, also Rohmann, wurden nun die Kosten des Verfahrens auferlegt. Der Zeitungsredakteur konnte (im April 1895) nicht mehr strafrechtlich belangt werden, weil die Angelegenheit bereits verjährt war.

Mit dem Ergebnis konnte Rohmann natürlich nicht zufrieden sein. Ihm waren 74,45 M. Gerichtskosten, 97,70 M. Anwaltskosten und 1,50 M. Vollmachtsstempel-Gebühren, zusammen also 173,65 M. Unkosten entstanden. Den Betrag klagte er jetzt von dem zuvor Freigesprochenen ein mit der Begründung, dass zwischen dem Redakteur und dem angeblichen Artikelschreiber ein abgekartetes Spiel bestand. Er, Rohmann, sollte bewusst auf eine falsche Fährte gelenkt und zur Klage veranlasst. Durch Hinhalten sollte dann die Sache so lange verzögert werden, dass der schuldige Redakteur nicht mehr belangt werden könne.

Rechtsanwalt Dr. Schoeps bestritt natürlich die unterstellte Arglist. Er verwies darauf, dass  über die Kostenfrage bereits rechtsgültig entschieden wurde. Zudem warf er dem Kläger (Rohmann) ein grobes Versehen vor,  weil er im ersten Verfahren nicht den Redakteur sondern den (vermeintlichen) Schreiber des Leserbriefes beklagt hatte. Das Gericht wies Rohmanns Klage ab. Zudem wurden dem Gastwirt die Kosten des Verfahrens auferlegt und das Urteil für vorläufig vollstreckbar erklärt. Das Gericht erklärte, dass das erste Strafurteil auch hinsichtlich der Kostenpunkte alle am Verfahren Beteiligte binde.

Im Ergebnis wurden mithin drei Gerichtsverfahren betrieben, dessen erstes Urteil Rohmann zwar Recht gab. Trotzdem musste er die entstandenen nicht unerheblichen Kosten selbst tragen.

Gerhard Völzmann

Tegeler Ballonfahrten mit Automobilverfolgung vor 105 Jahren

Der Berliner Verein für Luftschiffahrt wurde im Jahre 1881 gegründet, konnte mithin im Jahre 1906 sein 25-jähriges Jubiläum feiern. Vereinslokal war der „Klub der Landwirte“ in der Dessauer Str. 14. Hier trafen sich die Vereinsmitglieder an jedem letzten Montag eines Monats um 19.30 Uhr zur Sitzung. Während der Geheime Regierungsrat Professor Busley den Vorsitz führte, war Alfred Hildebrandt, Hauptmann beim Luftschiffer-Bataillon in Tegel, als Schriftführer tätig. Vermutlich war es Hildebrandt, der den Vereinsmitgliedern vorschlug, zum Jubiläum eine besondere öffentlichkeitswirksame Veranstaltung in Form von Ballonfahrten durchzuführen, die von Automobilen verfolgt werden sollten. Dabei sollten die Autos in vorgeschriebener Zeit den jeweiligen gelandeten Ballon erreichen.

Das Wetter mit Temperaturen von 6° C morgens und 12° C mittags war sicher nicht schuld daran, dass die für Mittwoch, den  10.10.1906 geplante Veranstaltung unter keinem guten Stern stand. So wurde Hauptmann Hildebrandt, der als sportlicher und organisatorischer Leiter des Wettbewerbs fungierte, vormittags noch vor Beginn der Jubiläumsfahrten direkt vor der Kaserne des Luftschiffer-Bataillons von einer Automobil-Droschke angefahren. Durch den Unfall erlitt er einen Bruch des linken Fußes. Der Hauptmann ließ sich aber nicht davon abbringen, trotzdem den Aufstieg der Ballons zu leiten, um sich erst dann mit einem Auto in seine Wohnung in der Charlottenburger Kirchstr. 2 bringen zu lassen.

Der erste Ballon mit einem weißen Erkennungszeichen wurde pünktlich um 12.30 Uhr abgelassen. Der 1200 m³ Gas fassende Ballon stand unter der Leitung des Hauptmanns von Schulz und nahm, der Windrichtung entsprechend, Fahrt in Richtung Havel auf. Er war noch lange zu sehen. Allerdings mag sich die Zahl der Zuschauer in Grenzen gehalten haben, denn es war ja kein Sonntag, der zu Ausflügen einlud.

Ballonfahrt

Mit dem Ballonaufstieg starteten zugleich 5 Automobile, deren Insassen bis auf eine Person alle Freiherrn oder Doktoren waren oder einen militärischen Rang innehatten. Nach 10 Minuten stieg der Ballon „Nachtigall“, von Hauptmann Neumann geführt, auf. Der mit einem roten Erkennungszeichen versehene Ballon hatte ein Fassungsvermögen von 700 m³ Gas. Er schwebte ebenfalls in Richtung seines Vorgängers. Sofort starteten 4 Autos zur Verfolgungsjagd.

Erneut 10 Minuten später stieg der Ballon „Möwe“ mit seinem gelben Erkennungszeichen unter Führung von Oberleutnant George in den Himmel. Der gleichfalls 700 m³ Gas fassende Ballon wurde von 4 Autos verfolgt. Als letztes Luftfahrzeug verließ dann um 13 Uhr die „Lerche“ (700 m³) mit blauem Zeichen den Tegeler Schießplatz.

Kurz nach 13 Uhr ereignete sich ein Auto-Unfall. Das Automobil des Direktors Sierse aus Hannover, in dem auch Freiherr von Schleinitz als „Unparteiischer“ saß, verfolgte den Ballon „Nachtigall“. Es hatte gerade Schloss Tegel passiert, als es auf der Chaussee in Richtung Velten kurz vor Schulzendorf in schneller Fahrt auf einer glatten Stelle der Fahrbahn schleuderte und mit einem Rad in den Straßengraben geriet. Der vordere Teil des Autos flog gegen einen Baum und zertrümmerte, während 4 Insassen aus dem Fahrzeug fielen. Chauffeur Gustav Brandt wurde mit gebrochenem rechten Schenkel zwischen Baum und Autotrümmern eingeklemmt. Karl Hintze zog sich eine tiefe Wunde über dem rechten Auge und eine schwere Gehirnerschütterung zu, er war zeitweise bewusstlos. Nur gut, dass in Tegel, Hauptstr. 3 der praktische Arzt Dr. A. Ehlert erreichbar war. „Bis auf weiteres“ blieben hier die Unfallopfer.

Doch wie ging die Jubiläumsveranstaltung aus? Sieger waren die Ballonfahrer. Alle 4 Ballons landeten sicher, und zwar zwei bei Wittstock/Dosse, einer bei Wusterhausen und einer bei der Ortschaft Buschhof. Nur dem Automobil des de la Croix gelang es, den Ballon „Lerche“ in der vorgeschriebenen Zeit nördlich von Wusterhausen einzuholen. Mehrere Automobilfahrer mussten hingegen aus der Umgebung von Neuruppin, Wittstock und Wusterhausen die Aufgabe der Verfolgung bekanntgeben.

Die einzelnen Meldungen über die Ergebnisse trafen gegen 20 Uhr in Berlin ein. Die Preisverleihung fand im Zoologischen Garten statt. Sie wurde trotz seiner Verletzung von Hauptmann Alfred Hildebrandt (!) vorgenommen.

Gerhard Völzmann

Ballonfahrt2

Die Abbildung vermittelt einen Eindruck vom Areal des Luftschiffer-Bataillons auf dem Tegeler Schießplatz

 

Vom Handarbeits-Brigitten-Club „Harmonie“

Sie hießen Hedi, Frieda oder Käte, nannten sich aber alle Brigitte.

Handarbeits-Brigitten-Club

Das (zweite) Buch des Handarbeits-Brigitten-Clubs „Harmonie“ mit Eintragungen ab 13.11.1935. Die Beschriftung befindet sich auf Seite 1 des Buchinneren.

Es waren sieben jüngere Frauen, die sich am 14.9.1932 zur Gründung eines Hand­arbeits- und Kaffeekränzchenkreises zusammenfanden. Handarbeits-Brigitten-Club „Harmonie“ nannten sie ihre Vereinigung. Obwohl keine der Damen den Vornamen Brigitte trug, führte der Clubname dazu, dass sie sich untereinander alle als Brigitte bezeichneten. Zur Unterscheidung wurde noch der zutreffende Nachname hinzugefügt. Später, als man sich näher kennen lernte und duzte, wurde neben dem Vornamen Brigitte der tatsächliche Vorname ergänzend erwähnte, also beispielsweise Brigitte Käte. Die „eingetragenen Brigitten“ wohnten in Tegel, Wittenau, Hermsdorf, Reinickendorf und Berlin N sowie Berlin S. Leider ist nicht überliefert, wie sie zur Gründung des Clubs zusammenfanden.

Der Handarbeits-Brigitten-Club „Harmonie“ hatte natürlich auch „Bedingungen“. Sie besagten, dass der Club jeden Mittwoch ab 3 Uhr tagte. Dies geschah abwechselnd bei jeder Brigitte. Pünktliches Erscheinen war erwünscht. Bei jedem Treffen waren 10 Pfg. zu entrichten. Neben einer Kassiererin, die das Geld einsammelte, gab es auch eine Bannerführerin sowie eine Schriftführerin. Letzterer ist es zu verdanken, dass durch ein erhalten gebliebenes Buch über den Club und damit auch über ein kleines Kapitel Zeitgeschichte der Jahre 1935 – 1942 berichtet werden kann.

Das schwarz eingebundene Buch mit aufgeklebten Stickereien wurde vom Ehemann einer Brigitte eigenhändig gefertigt und als Spende überreicht. Es begann mit Eintragungen ab 13.11.1935, überwiegend nur Anwesende, Beitragszahlungen und den Kassenbestand aufführend. Das erste Buch des Clubs, die Zeit v. 14.3.1933 bis 6.11.1935 betreffend, liegt übrigens leider nicht vor.

Am heutigen Tage war es mehr ein Plaudern als Handarbeiten, da jede soviel von den verlebten Feiertagen zu berichten wusste.

Dieser Eintrag erfolgte am 8.1.1936. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass die Aufzeichnungen sonst keine Hinweise liefern, welche – vielleicht auch besonderen – Handarbeiten gefertigt wurden. Am 22.1.1936 war zu berichten, dass bei unserer Kränzchen-Schwester … ein kleines Mädchen das Licht der Welt erblickt hat. Der kleine Nachkömmling wurde dann am 26.2. vorgestellt. Am 4.3. war die Zusammenkunft sehr gemütlich und Klein- … wurde gebührend bewundert, da auch sie schon für Unterhaltung sorgte.

Beim Treffen am 11.3. war die Brigitte … entschuldigt, weil sie drei Tage zuvor einem kleinen Stammhalter das Leben geschenkt hatte.

Am 27.3. verlebten die Damen den Nachmittag „am See“ (sicher am Tegeler See) und tranken dort auch Kaffee. Alle Brigitten waren am 29.7. versammelt, um den „fäl­ligen“ Sommerausflug zu besprechen. Es galt, das neue Wochenendhaus der Brigitte … in Fichtengrund (Oranienburg) einzuweihen. Hierzu erhielt jede Brigitte aus der Kasse einen Betrag von 3,50 M ausgezahlt.

Der Termin 9.8. wurde  wegen der Olympiade auf den 6.9. verlegt.

Über den Ausflug nach Fichtengrund berichtete die Schriftführerin am 13.9. folgendes:

Schon bei Nennung des Namens Fichtengrund vermeint man einen angenehmen Nadelgeruch zu empfinden. Und wenn dazu heller, klarer Sonnenschein dieses Empfinden krönt, wer freut sich da nicht in freier Natur, unbeschwert von Sorgen einen frohen Sonntag zu verleben. Man möchte bald sagen, verschwenderisch war dieser Tag an Sonnenschein. Kein Wunder, daß sämtliche Teilnehmer nicht nur pünktlich, ja sogar vorzeitig an den Treffpunkten erschienen waren. Andeutungsweise wußten wir von Familie …, daß ihr Besitztum unweit der Bahnhofstr. liegt, trotzdem waren wir noch auf einen etwas längeren Fußweg vorbereitet. Doch kaum 50 m vom Bahnhof waren wir schon am Ziel. Nach kurzer Geländeinformation und Bereitstellen von Sitzgelegenheiten aus dem nett erbauten Wochenendhäuschen galt es natürlich, erst mal ein kräftiges Frühstück einzunehmen. Wo wir schon mal an dem Tisch saßen, ist es erklärlich, daß wir Männer einen kleinen Skat eröffneten, hingegen die Frauen einen Ausflug in die Umgebung unternahmen. Es muß doch beiden Gruppen großen Spaß gemacht haben, denn als die Frauen gegen 1 Uhr kamen, sah man allerseits nur frohe Gesichter, sogar hübsch gerötet. Wir Männer hielten Stand bis 4 Uhr, während dessen die Frauen gymnastische Übungen auf der dem Grundstück anschließenden Wiese ausführten. Es gab viel heitere Momente angesichts der erzielten Stellungen und Darbietungen, die mehrfach Anlaß gaben, davon Aufnahmen zu machen als bleibender Beweis froher, vergnügter Stunden. Besonders zu erwähnen ist noch der von Familie … anlässlich der Einweihung ihres Wochenendhäuschens spendierte Kaffee und Pflaumenkuchen. Ich weiß nicht, wer dazu angeregt hatte, jedenfalls vernahmen wir vom Frauentisch her ein kleines Hallo mit Tassengeklirr – was war geschehen – die Brigitten hatten sich Brüderschaft getrunken. Wer zweifelt da noch, ob es lustig herging? Besonders Spaß machte es uns noch, als Zuschauer des Herrn … zu fungieren, wie er mühselig versuchte, aus seinem Gartenboden die im Frühjahr eingelegten … (hier fehlt ein Wort) wieder zu finden, denn die sonst üblichen „Neuen“ waren so groß, daß ein Ausheben derselben meist nicht lohnte.
Das Maß der Gastfreundschaft der Familie … war für diesen Tag noch gar nicht erschöpft, denn zu unserem allgemeinen Erstaunen ließ sich Herr … nicht nehmen, einige Lagen Getränke im später aufgesuchten Lokal auf seine Rechnung zu spendieren. Selbstredend läßt man sich nicht erst die Krawatte abreißen und trinkt, lacht und scherzt eben mit. In dieser Beziehung konnte auch Herr … seinen guten trockenen Witz gut anbringen.
Abschließend kann gesagt werden, daß ein jeder von uns überaus mit dem Erlebten zufrieden war. Heiterer klarer Sonnenschein über Natur und Menschen, Lachen und Frohsinn von Anfang bis Schluß.

Bei der Zusammenkunft am 16.9. war der Ausflug noch einmal Gesprächsthema. Alle Fotos lagen vor und wurden für gut befunden.

Am 7.10. wurde über das geplante 5. Stiftungsfest gesprochen. Es sollte am 10.10. stattfinden. Hierfür erhielt jede Brigitte 1,70 M aus der Vereinskasse. Das Fest wurde im „Clou“ begangen, doch die hierfür vorgesehenen Seiten im Buch des Clubs blieben leer. Was war wohl der Grund?

Der Nachmittag des 14.10. blieb jedenfalls Erzählungen über das so schön verlebte Stiftungsfest vorbehalten. An diesem Tag wurde auch beschlossen, den Beitrag ab sofort von 10 auf 50 Pfg. pro Woche zu erhöhen.

Am 11.11. erscholl bei Brigitte … der Schlachtruf: „Keinen Kuchen mitbringen, den gebe ich“, was auch in reichem Maße anlässlich der Taufe der kleinen … geschah.

Wir erfahren dadurch, dass sonst zum Treffen jede Brigitte den Kuchen selbst mitbrachte, während den Kaffee sicher die Gastgeberin spendierte.

Da die Kasse am 27.1.1937 einen Betrag von 20,90 M auswies, wurde sogleich ein Ausgang bzw. ein Faschings- oder Bockbierfest beschlossen. Vorschläge sollten eingereicht werden. Im Ergebnis plante man aber dann doch eine Spreewaldfahrt im Mai.

Am 10.3. konnte bereits der erste Geburtstag des Sohnes der Brigitte … mit Kaffee und Kuchen gefeiert werden.

Nun rückte der Ausflug in den Spreewald näher. Am Sonntag, den 23.5., traf man sich um 5.45 Uhr in der Seestraße. Die Schriftführerin berichtete:

Außer Frau …, welche diese Tour bereits gemacht hat, kannte von uns anderen Teilnehmern niemand dieses schöne Fleckchen Erde Deutschlands. Und vorweg gesagt, es ist auch nur jedem Schaffenden zu empfehlen, dessen Nerven Entspannung brauchen, und dies irgend ermöglichen können, sich diesen Genuss zu verschaffen: „Fahre zum Spreewald“.
Es ist geradezu erstaunlich, wie fabelhaft an diesem Tage alles geklappt hat, und zwar vom Aufstehen bis zum zu Bett gehen. Sei es Wetter, Treffen, Verpflegung, Kosten, Fahrt, Kahnwahl und Rückfahrt, es ging absolut nichts schief. Schon auf der Hinfahrt durch das märkische Gelände mit der Bimmelbahn von Lübben nach Burg schienen uns die Bahnbeamten erwartet zu haben, ein Abteil eigens für uns reserviert, wonach der Schaffner als Kiebitz beim Skatspiel der Männer, und weiter als Erklärer der Frauen über Gelände-Schönheiten fungierte.
Zum Kirchausgang in Burg kamen wir gerade noch zurecht, die malerischen Trachten der Dorfjugend und der älteren Jahrgänge in Augenschein zu nehmen. Anschließende Innenbesichtigung der Kirche ergab nachher das Fehlen eines jungen Paares aus unserer Mitte, und zwar Frau … mit Herrn …, vorsorglich hatte sich dieses Paar Herrn … als Zeugen mit zurückbehalten. Angeblich hatten sie unser übrigen Herausgehen nicht gesehen, so daß sie 10 Min. Fremdengottesdienst beiwohnten. Hoffen wir´s als gutes Omen für die Zukunft. Anschließend um 12 Uhr nahmen wir in einem kleinen Gartenrestaurant unser Mittagsmahl in Burg ein.
Und nun beginnt mit der Kahnfahrt von Burg nach Lübbenau der schönste Teil des ganzen Tages. Es machte einige Schwierigkeiten, einen Kahn für 11 Personen zu bekommen, da sonst die Kähne nur für 8 Personen eingerichtet sind. Wir hatten Glück, einen Kahnführer zu erhaschen, der ruhig, sicher, aufklärend und angenehm uns für 6 Stunden in seine Führung nahm. 6 Stunden lang langsam, vollkommen geräuschlos ohne jegliche Anstrengung über das Wasser gleitend, durch Wiese, Wald an Häusern, Gärten vorbei, leichte Unterhaltung führend, gibt den Nerven eine Beruhigung und Wohlbehagen, wie es bald nicht schöner sein kann. Es gelang uns, den Alltag mit all seinen Sorgen auszuschalten und brachten uns diese Stunden eine wirkliche Erholung.
Nur durch eine Übersetz- und Kaffeepause im Forsthaus zur Schleuse wurde diese Fahrt unterbrochen. Stunde um Stunde stakte unser Bootsführer unermüdlich vorwärts dem Ziele entgegen. Um 18.30 Uhr kamen wir in Lübbenau an, auch hier bot sich dem Besucher ein herrliches Bild. Nach der Besichtigung von Schloß und Parkanlagen ging es zu einem Lokal zum Abendessen.
Die Sonne neigte sich bedenklich und mahnte zu Aufbruch und Rückfahrt. Froh bewegt, nur für Frau … viel zu früh, die nur mit Widerwillen folgte, zogen wir zum Bahnhof. Auch hier fanden wir wieder zwei vollkommene Abteile für uns, wo in dem einen bei den Männern die letzten Skatrunden folgten, während die Brigitten unter sich Lachstürme entfachten durch allerlei heitere Darbietungen. Um 10 Uhr langten wir wieder in Berlin, Görlitzer Bahnhof an.
Nach einem kühlen Abschiedsschoppen, von Herrn … spendiert, der den schönen Tag beschloß, trennten wir uns zufrieden und glücklich nach dieser schönen Fahrt. Eine schöne Aufnahme haben wir als bleibendes Andenken.

Mit Kind und Kegel zogen am 20.6. alle Brigitten (erneut) nach Fichtengrund. Doch gleich nach Tisch bezog sich der Himmel und ein Dauerregen setzte ein. Man verzog sich in das Innere des Wochenendhauses. Die Männer spielten Skat, die Frauen plauschten. Brigitte … spendierte Kaffee, den man dann im Restaurant (!) einnahm. Als der Regen nachließ, wurde noch ein einstündiger Spaziergang unternommen, der zu nassen Füßen führte. Der Wettergott hatte unseren schönen Ausflug zunichte gemacht.

Der 23.10. wurde beim Kränzchen am 6.10. als Termin für das Stiftungsfest im „Clou“ festgelegt. Bei der Zusammenkunft am 13.10. waren sich alle Damen einig, den Beitrag auf 50 Pfg. zu erhöhen. Zudem erhielt die Schriftführerin den Auftrag, schriftlich festzulegen, daß das Kränzchen bei der Mitgliederzahl von 7 verbleiben soll.

Bei Musik und Tanz sollte das 6. Stiftungsfest im „Clou“1 festlich begangen werden, wurde aber zu einem Reinfall. Wir lesen hierzu:

Keine rechte Stimmung wollte aufkommen, und auch unserem Namen „Harmonie“ wurde durch einen Zwischenfall keine Ehre eingelegt. Daraufhin trennten wir uns schon vorzeitig sehr enttäuscht, da allen Anwesenden die Laune verdorben wurde.

Über Hintergründe schwieg sich die Schriftführerin höflich aus. Nachfolgende Treffen ließen jedenfalls keinen Missklang erkennen.

Am 23.3.1938 wurde beschlossen, eine Fahrt in den Frühling, und zwar einen Ausflug zur Schorfheide zu planen.

Ein „richtiges“ Kaffeekränzchen fand am 6.4. in Anbetracht der Einsegnung des Sohnes … der Brigitte … statt. Die Bewirtung erfolgte mit Kaffee und Kuchen, Likör und auch Wein. Es wurden aber auch die Osterferien festgelegt und beginnt unser Kränzchen wieder am 27.4., da auch der 20. d. M. in Anbetracht von Führers Geburtstag ausfällt.

Der bereits bekannte Treffpunkt in der Seestraße, diesmal um 8.30 Uhr, galt am 15.5. für die Fahrt in die Schorfheide. Auch hierüber berichtet das Clubbuch ausführlich. So lesen wir:

Bei strahlendem Sonnenschein trafen sich … pünktlich an der Seestraße. Bereits 10 Minuten nach 9 Uhr waren wir am Zoo, wo uns schon Herr und Frau … erwarteten und auch schon für uns im Autobus Plätze reserviert hatten. Leider nahm aus verschiedenen Gründen nur der halbe Verein an unserer Fahrt teil.
Um 10 Uhr setzte sich der Autobus in Bewegung, voll besetzt mit Menschen in froher Stimmung, er fuhr mit uns allen in den Frühling. Zuerst fuhren wir durch die Stadt über Weißensee nach Lanke am Obersee. Dort hatten wir eine Pause von 10 Minuten zur Besichtigung des Sees. Von dort ging es über Bernau die Reichsautobahn entlang über Eberswalde nach Altenhof am Werbellinsee. Ankunft um 12 Uhr. Nun hatten wir 2 Stunden Mittagsrast.
Am schönen Werbellinsee ließen wir uns im schattigen Garten unser Mittagsbrot gut munden. Spezialität war: Aal in Grün, welchen wir im „Märkischen Hof“ mit Genuss verzehrten.


1) Ursprünglich eine Markthalle, ab 1910 mit Eingängen Mauerstr. 82 und Zimmerstr. 90/91 als Konzerthalle genutzt. Laut Wikipedia ein Lokal, in dem sich nachmittags zum “Promenadenkonzert“ (freier Eintritt) das kleinbürgerliche Berlin mit Strickstrumpf und Häkelarbeit versammelte.

Vor 52 Jahren wurde die U-Bahn nach Tegel eingeweiht

Wie doch die Zeit vergeht. Am 31.5. 2010 sind bereits 52 Jahre vergangen, seit die U-Bahn über den Kurt-Schumacher-Platz hinaus nach Tegel verlängert wurde. Lesen Sie nachfolgend einen kleinen Rückblick auf das Ereignis.
Am 31.1.1912 wurde die landespolizeiliche Genehmigung zum Bau einer U-Bahn in Nordsüd-Richtung erteilt, deren Inbetriebnahme als Teilstrecke Hallesches Tor – Stettiner Bahnhof – Seestraße allerdings bis 1923 dauerte. In den Jahren 1924 – 30 folgte der gabelförmige Ausbau in südöstlicher Richtung bis Neukölln und in südlicher Richtung bis Tempelhof.
1929 schlug der damalige Stadtrat für Verkehrswesen, Ernst Reuter, eine Verlängerung der U-Bahnlinie C in nordwestlicher Richtung bis zur Scharnweberstraße in Reinickendorf vor. Tatsächlich wurden Bauarbeiten aufgenommen und Tunnelstücke fertig, doch die Arbeiten wurden wieder eingestellt. Erst am 17.8.1953 beschloss der Senat von Berlin, eine Verlängerung der U-Bahnlinie über Seestraße hinaus in Richtung Tegel vorzunehmen und zunächst mit einer Teilstrecke bis zum Kurt-Schumacher-Platz zu beginnen. Der erste Rammschlag in der Seestraße erfolgte am 26.10.1953. Die 2,4 km lange Verlängerung konnte am 3.5.1956 in Betrieb genommen werden.

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2Der durch die Tunnelstrecke angefallene Erdaushub wurde bereits für eine Dammaufschüttung eingeplant, die im zweiten Bauabschnitt anfiel. Hinter dem U-Bahnhof Holzhauser Straße schlossen dann im Frühjahr 1956 die Bauarbeiten für das Tunnelstück bis zum Endbahnhof Tegel an. Diese Arbeiten dauerten zwei Jahre. Die Betriebseröffnung des 4,3 km langen Bauabschnittes vom Kurt-Schumacher-Platz bis nach Tegel am 31.5.1958 bedeutete für Bewohner, Beschäftigte und Ausflügler den lange erwünschten Anschluss Tegels an das U-Bahnnetz. Der Abschluss der insgesamt 6,7 km langen Anschlussstrecke in einer Bauzeit von 4 ½ Jahren wurde in Tegel im Rahmen einer Tegeler Woche gefeiert.  Durch die Verlängerung der U-Bahnlinie musste die BVG ihren Wagenpark erweitern. Es wurden 54 Wagen eines neuen Typs zusätzlich in Betrieb genommen. Die Wagen waren ca. 16 m lang und bildeten paarweise eine Zugeinheit mit Führerständen an beiden Enden. So konnten Zwei-, Vier- und Sechs-Wagenzüge eingesetzt werden. Die Wagen verfügten über vollautomatische sog. Scharfenberg-Kupplungen. Zur mechanischen Kupplung einschließlich der Druckluft- und elektrischen Steuerleitungen genügte es, wenn die Wagen leicht aneinander fuhren, zur Entkupplung reichte eine Hebel-Bedienung im Führerstand.

Willy Brandt

Franz Neumann (Hintergrund ganz links), Willy Brandt (mit Kelle) und Adolf Dünnebacke (vorn rechts) anlässlich der Einweihung der U-Bahn nach Tegel am 31.5.1958 in Alt-Tegel

Zwei Motore von je 150 kW Leistung erreichten eine Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h. Leuchtstoffröhren beleuchteten das Wageninnere, eine Notbeleuchtung bei Ausfall des Bahnstroms wurde durch Akkumulatorenbatterien gespeist. Die Zugeinheit bot 72 Sitz- und 228 Stehplätze. Die Umformerstationen konnten die Versorgung von 24 Zügen mit je vier Wagen pro  Stunde auf jedem Gleis leisten. Somit war eine Beförderung von 15000 Fahrgästen pro Stunde und Gleis möglich.

Die Zugfolge war in Abständen von 5 Minuten vorgesehen. Die Fahrzeit vom U-Bahnhof Kurt-Schumacher-Platz bis zum U-Bahnhof Tegel betrug 9 Minuten. Dies entsprach einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 28,6 km/h. Auf der gesamten Strecke wurden 21 Züge benötigt. Die Aufstellgleise am U-Bahnhof Tegel konnten während der Betriebspause 8 Züge im Umfang von Vier-Wagenzügen aufnehmen.

1958 verließ der erste Zug den Bahnhof um 4.59 Uhr, der letzte Zug traf um 0.49 Uhr ein.Es würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen, auf jegliche Veränderungen seit 1958 einzugehen. Genannt seien nur in Stichworten:

  • Linienbezeichnung jetzt U 6 mit Streckenführung nach Alt-Mariendorf,
  • Umbenennung des U-Bahnhofs Tegel in Alt-Tegel (1992),
  • Zuglänge, von Kurzzügen abgesehen, sechs Wagen (seit Ende Sept. 1996),
  • Umbenennung des U-Bahnhofs Seidelstr. in Otisstr. (Jan. 2003),
  • Ausstattung des U-Bahnhofs Alt-Tegel mit einem Aufzug (2006).
  • Zwischen Kurt-Schumacher-Platz und Alt-Tegel Gleisbett-Reparaturen, Einbau neuer Sicherheitstechnik  sowie  Weichen vor dem U-Bahnhof Alt-Tegel (April 2007).

Durch die nachträglich eingebauten Weichen ist es nicht mehr erforderlich, dass die U-Bahnzüge vor der Rückfahrt die weiter nördlich befindliche Kehranlage benutzen.
Rund 50 Jahre liegen zwischen diesen beiden Fotos. Links ein U-Bahnzug um 1958 auf dem U-Bahnhof Borsigwerke, rechts ein Zug im Jahre 2008 auf dem U-Bahnhof Alt-Tegel.

Gerhard Völzmann
Mitglied des Förderkreises für Bildung, Kultur
und internationale Beziehungen Reinickendorf e. V.