Wer – gerade in der Vorweihnachtszeit – das geschäftige und teilweise auch hektische Treiben in den Einkaufsstraßen, den Läden und den beiden Einkaufscentern Tegels beobachtet, kann sich vermutlich nur schwer vorstellen, wie es am gleichen Ort wohl vor über über 150 Jahren aussah. Einen Eindruck vermittelt das 1855 von Dr. Heinrich Berghaus auf Veranlassung des Staatsministers Flottwell geschriebene „Landbuch der Mark Brandenburg und des Markgrafthums Nieder-Lausitz in der Mitte des 19.Jahrhunderts“, in dem über das Rittergut und das Dorf Tegel berichtet wird. Zu Letztgenanntem heißt es hier:

Die Dorfgemeinde Tegel besteht aus 7 Bauern, 2 Cossäthen, 1 Eisenhammer (seit 1837 von Egels, dem Besitzer der Maschinenbau-Anstalt zu Berlin, angelegt), 1 Windmühle (seit 1833) und 8 Büdnern. Die ganze Feldmark ist nach einer Schätzung 1039 Morgen groß, davon der Kirche 10 und der Pfarre 120 Morgen gehören. In dem Gesammt-Areal sind auch der Main- und der Reiswerder, im Tegelschen See belegen, mit 18 Morgen enthalten. Der Acker ist durchweg sandig und leicht, und die Wiesen sind, bis auf 20 Morgen mittelmäßiger Art, von schlechter Beschaffenheit. Darum sind auch die wirthschaftlichen Verhältnisse der bäuerlichen Güter nicht in bester Lage; aber dennoch befinden sich die in ziemlich guten Vermögens-Verhältnissen, indem die Nähe von Berlin es denselben möglich macht, alle Wirthschafts-Erzeugnisse vortheilhaft zu verwerthen und außerdem Gelegenheit geboten ist, städtisch eingerichtete Wohnungen an Berliner Sommergäste für bedeutende Preise zu vermiethen.

Ergänzend zu dieser Schilderung hier noch eine Statistik über das Dorf Tegel, erhoben im Dezember 1858. Danach gab es:

296 Einwohner19 Morgen Gartenland36 Pferde
54 Ehen609 Morgen Acker73 Rinder
5 öffentliche Gebäude86 Morgen Wiese– Schafe
31 Wohngebäude– Morgen Weide183 Taler Grundsteuer
45 gewerbl. / wirt. Gebäude349 Morgen Wald344 Taler Klassensteuer
10 Gehöfte27 Taler Gewerbesteuer

Sowohl Berghaus´ Schilderung als auch die Statistik zeigen, dass Tegel in den 1850er Jahren noch ausgeprägte bäuerliche Strukturen aufwies, sich aber auch schon Veränderungen allein durch den Betrieb des Egellsschen Eisenhammers abzeichneten. Dies kam zudem in der Einwohnerschaft Tegels zum Ausdruck. Namen wie Ziekow, Marzahn, Schulze, Wilke und Müller standen für die Berufe des Bauern (und sogenannte Alt-Sitzer), des Büdners und des Kossäten. Einen Lehnschulzen (August Ziekow) und einen Schmiedemeister namens Schulze gab es natürlich. Sattlermeister Rackau, Schuhmacher Ruppin, Schneidermeister Voß und Carl Müller als Zimmerpolier vertraten Handwerksberufe. Es wohnten aber auch schon sehr viele Arbeiter, damals als Arbeitsmänner bezeichnet, in dem Dorf.

Göpelanlage

Eine Göpelanlage mit Dreschmaschine aus dem Jahre 1856

Unser Rückblick führt uns nun in das Jahr 1859. Für die Besitzer der bäuerlichen Anwesen, für ihre ihre Knechte und Mägde, war natürlich wie seit eh und je der Verlauf der Arbeiten stark von der Witterung abhängig. Ende März war die Zeit der Frühjahrsbestellung, im Juni der erste und im August/September der zweite Schnitt des Grases für die Heuernte, Mitte Juli begann die Roggenernte,  Anfang  September endete die Getreideernte und im Juli war die Zeit der Ernte der Frühkartoffeln, gefolgt von der weiteren Kartoffelernte im September und Oktober. Die Zeit der Herbstbestellung in denselben Monaten beschloss die Feldarbeiten. Nun endete die Zeit, in der um 4 Uhr aufgestanden, das Vieh gefüttert und von 6 bis 18 Uhr auf dem Feld gearbeitet wurde.
Bauern, die zu dieser Zeit schon eine Göpelanlage besaßen, spannten dann bis zu   zwei Pferde ein, die in unzähligen Runden im Kreis laufen mussten, um eine Dreschmaschine anzutreiben. Dass 1859 in Tegel schon eine solche Anlage stand, ist nicht zu vermuten. Beides zusammen, also Göpelanlage und Dreschmaschine, kostete bei der Firma C. Beermann, vor dem Schlesischen Tor gelegen, 200 Taler! Erst in wesentlich späterer Zeit (ab 1910) setzte Bauer Ziekow in der Hauptstr. 26 eine Göpelanlage ein.

Auch wenn die obige Statistik kein Weideland ausweist, so war im Dorf doch weiterhin der Gemeindehirte Stien für die Viehhütung zuständig.

Die landwirtschaftlichen Erzeugnisse verkaufte die Tegeler Bauern in Berlin. Dazu wurden zweimal in der Woche die Pferde (oder auch Rinder!) früh um 5 Uhr angespannt, um zum Gendarmenmarkt zu fahren. Rückkehr war um 12 oder 13 Uhr. Über solche Fahrten freute sich Chausseegeldeinnehmer Lachmund, der an der Berlin-Ruppiner Chaussee die auf dem Grundstück des Schmiedemeisters Schulze gelegene Hebestelle gepachtet hatte (heute wäre dies Berliner Str. 1 Ecke Alt-Tegel).

Am 11.11.1859 stellte sich in Tegel der erste Frost ein und verkündete damit den nahenden Winter. Die Temperaturen wurden übrigens noch nach Réaumur-Graden gemessen. Im Dezember des Jahres fiel immerhin an 9 Tagen Schnee. Nun nahten die Weihnachtsfeiertage. Zuvor mussten aber noch die Ställe ausgemistet und der Dung auf die Felder verbracht werden, denn solche Arbeiten zwischen Weihnachten und Dreikönigstag verrichtet, brachten kein Glück.

Die Weihnachtsgeschenke für die Familie sowie Kleinigkeiten für die Knechte und Mägde wurden möglichst heimlich in Berlin eingekauft. Silberne Tuchnadeln gab es ab 5 Silbergroschen (Sgr.), silberne Uhrenketten ab 1 Sgr., Pfeifen, Stöcke, Zigarrenspitzen, Regenschirme und Kämme wurden zudem gern verschenkt, während für die Kinder Spielwaren in Blech und Zinn, Baukästen, Puppen oder auch nur Puppenköpfe bzw. -rümpfe als Ersatz für beschädigte Teile in Frage kamen.

Tegeler Dorfkirche

Die Tegeler Dorfkirche um 1834 . Lithographie von Hübner.

Für das Weihnachtsgebäck mussten die besonderen Zutaten gekauft werden. Mehl und frische Butter (im Laden 4 Sgr./Pfund) waren zumindest auf den Bauernhöfen ja vorhanden, ansonsten das Mehl bei der Mehlhändlerin, Frau Thießen, im Dorf erhältlich. Doch die süßen Mandeln (9-10 Sgr./Pfd.), Rosinen (5 Sgr./Pfd.) und der weiße gestoßene Zucker (4 Sgr./Pfd.) oder der weiße harte Zucker (4 ½ Sgr./Pfd. bei Kauf in ganzen „Hüten“) wurden in Berlin erstanden. Champagner, die Flasche für 1 Taler 10 Sgr., war mit Sicherheit nicht für einem Tegeler Gabentisch vorgesehen.
Am Heiligen Abend, wenn es schummrig wurde, besuchten die Tegeler die Christmette, nicht ohne zuvor die Haustiere in den Ställen mit einer Extraportion an Futter versorgt zu haben. Das Gotteshaus war ein massiver Bau mit Ziegeldach aus dem Jahre 1756, im einfachen Barockstil errichtet, der Turm mit einer Uhr versehen. Wohl kaum ein Dorfbewohner ging nicht zur Kirche. Nur der Chausseegeldeinnehmer war verhindert. Er konnte ja nicht einfach den Schlagbaum schließen. Mit den beiden Kirchenvorstehern August Müller und Friedrich Wilke, dem Königlichen Oberförster Seidel, dem Mühlenmeister Wendt, dem Ökonom Carl Buschmann, Rentier Ebers, dem Schmiedemeister Kirschstein vom Eisenhammer und natürlich vom Schlößchen Tegel Frau Minister von Bülow, Gutspächter Ewest und Dampfmühlenbesitzer Henning können hier nur ganz wenige Kirchenbesucher namentlich genannt werden. Eine feste Verteilung der Sitzplätze ist durch eine Königliche Anordnung v. 3.12.1872 überliefert, war aber sicher auch schon 1859 üblich.

Friedländer

Eintrag im Berliner Adressbuch 1857

Alle Gottesdienstbesucher waren bestimmt, ohne darüber zu sprechen, gespannt, wie Wilhelm Füllgraf  zur Christmette predigen würde. Zum neuen Pfarrer der Parochie Dalldorf (Wittenau), zu der Tegel als Filiale gehörte, war er erst in diesem Jahr (1859) berufen worden. Lange Zeit, nämlich von 1828-1859, war Pfarrer Horn als sein Vorgänger hier bekannt.
Den Gottesdienst am Heiligen Abend begleitete Schullehrer und Küster Born auf dem Harmonium. In ihrem Testament vom Febr. 1855 hatte „Frau Generalin“ von Hedemann, geb. von Humboldt, der Tegeler Kirche für „eine gute, der kleinen Kirche angemessenen Orgel“ 400 Taler vermacht. Sie selbst hatte dann bei der Berliner Firma Julius Friedländer ein Harmonium mit 14 Registern zum Preis von 300 Talern bestellt und den Wunsch geäußert, dass das Instrument zur Feier ihrer Beisetzung erstmals gespielt werden sollte. Dies geschah tatsächlich, nachdem das Harmonium am 6.1.1857, gleich nach ihrem Tod, in der Kirche aufgestellt wurde. Noch verbliebene 67 Taler, Spenden des Generals von Hedemann von 13 Talern und der Kirchengemeinde Tegel von 20 Talern dienten dann der Instandhaltung des Harmoniums, während die Zinsen der insgesamt 100 Taler zusammen mit Roggenspenden der Bauern den Küster für seine Arbeit als Organist entschädigten.

Nun spielte also zur Christmette am 24.12.1859 Küster Born auf dem Harmonium, dessen Bedienung er sich zwischenzeitlich angeeignet hatte. Zum Gottesdienst am ersten Weihnachtsfeiertag sang zudem der Schulchor.

Nach dem Gottesdienst am Heiligen Abend fand in den guten Stuben der Dorfbewohner die Bescherung statt. Dazu wurden natürlich die farbigen „Brillant-Parafin-Pyramiden-Kerzen“, von denen das Dutzend immerhin 10 Sgr. kostete, angezündet. Hier ist zu bemerken, dass 1859 die Tanne oder Fichte als Weihnachtsbaum (z. B. geschmückt mit Baum-Konfekt für 8 Sgr./Pfd.) zwar schon bekannt war, sich aber noch nicht in vielen Wohnstuben durchgesetzt hatte. Vielmehr stand in der Wohnzimmerecke eine Weihnachtspyramide, aus vier Eckhölzern, einem Mittelholz und zwei oder drei drehbaren Scheiben versehen, die kleine Figuren, Tiere und andere Gegenstände trugen. Die Kerzenwärme brachte dann durch ein Flügelrad die beweglichen Teile der Pyramide zum Drehen. Auch in heutiger Zeit werden ja wieder derartige Pyramiden gern aufgestellt. Damals hing vielleicht noch eine Weihnachtskrone in einer Tegeler Bauernstube. Caroline von Humboldt schrieb hierzu in ihrem Weihnachtsbrief von 1815:

Mein Weihnachten wird diesmal ungemein brillant werden, die Krone wird, seitdem sie im Salon hängt, hier zum ersten Mal angesteckt werden, und darunter der Tisch mit allen Geschenken.
Zum Heiligen Abend gehörte auch in Tegel ein Weihnachtsmann, der von Haus zu Haus zog, die artigen Kinder (andere gab es sicher nicht) beschenkte und nicht als verkleideter Dorfbewohner erkannt wurde.

Leider muss nun aber auch berichtet werden, dass in dem Dorf mit dem 1. Weihnachtsfeiertag die ruhige und friedvolle Weihnachtszeit des Jahres 1859 endete. Warum dies so war, zeigt der folgende Teil dieses Beitrages auf.

Natürlich sollte am zweiten Weihnachtsfeiertag die festliche Stimmung weiter vorherrschen, aber auch die Unterhaltung nicht zu kurz kommen. Aus diesem Grunde hatte der Wirt des Alten Dorfkrugs in „Tegel 3“ (gegenüber der Dorfkirche gelegen), C. F. Marzahn, Vorbereitungen getroffen. So hatte er für den 26.12.1859 eine Tanzkapelle verpflichtet und genügend „auf dem Kerbholz“. Letztgenannte Redewendung, heute mit negativer Bedeutung versehen, hatte damals einen ganz anderen Sinn. Die Bierkutscher benutzten seinerzeit nämlich zur Abrechnung mit den Gastwirten Kerbhölzer, die an der Kutschenseite in Ledertaschen steckten. Die Zahl der gelieferten und abgenommenen Bierfässer wurde durch Einschnitte (Kerben) auf den Hölzern kenntlich gemacht. Der Kunde, also der Gastwirt, besaß ein dazu passendes Holzstück mit identischen Einkerbungen. Mit „Dinte“ (Tinte) geschwärzte Kerben waren der Nachweis für die Bezahlung der Getränkefässer. Die Kerbhölzer wurden selbst vom Kammergericht in einem Prozess als Beweismittel anerkannt.

Alter Dorfkrug

Alter Dorfkrug 1917

Doch zurück zu Marzahn. Er hatte also genügend Getränke für den zweiten Weihnachtsfeiertag vorrätig. Im Krug vergnügten sich Dorfbewohner, aber auch  fünf Soldaten eines hiesigen Regiments beim Tanz, bis ein Streit entstand. Die jungen Bauernsöhne „erachteten es nicht für eine Ehre“, dass ihnen die Soldaten fortgesetzt auf die Füße traten. Es gab Schimpfreden, bis ein Müllergeselle, „um seine beleidigten Zehe zu rächen“, ausholen wollte. Sein Gegenüber war aber mit seinem Säbel schneller und versetzte ihm einen Hieb über das Gesicht. Der Schlag, so ein Zeitungsbericht, „spaltete den Schädel fast in zwei Teile“. Nun ergriffen insbesondere sieben starke Tegeler Bauernsöhne Schemelbeine, Tischfüße und „andere Holzinstrumente“, mit denen sie den Soldaten ihre Waffen abnehmen und sie vor die Tür drängen konnten. Ein Soldat war so klug, ganz zu verschwinden. Nun erschien ein herbeigerufener Schutzmann, übernahm die Säbel und machte sich auf den Nachhauseweg. Doch er wurde von den nun vier Soldaten angegriffen und zog sich deshalb wieder zum Dorfkrug zurück. Hier wurde ihm natürlich „namhafte Hülfe“ gewährt. Die abgenommenen Waffen wurden dem Kommandeur ausgehändigt. Über die verhängten Strafen – sie fielen sicher drastisch aus –  ist nichts überliefert.

Damit endet unsere Schilderung über die Tegeler Weihnachtszeit des Jahres 1859. Sie zeigt, dass es auch damals nicht nur eine „gute alte Zeit“ gab, wie es in Rückblicken gelegentlich gern formuliert wird.

Gerhard Völzmann

Bekanntlich lässt sich der Ortsteil Tegel in verschiedene Bereiche aufteilen. Zunächst denkt man sicher an das Zentrum oder  den Kernbereich, der insbesondere Alt-Tegel, die Berliner Straße, den Fußgängerabschnitt der Gorkistraße sowie die angrenzenden Nebenstraßen beinhaltet. Die Bezeichnungen Tegel-Nord und Schlossbezirk sind heute vielleicht nicht mehr ganz so geläufig. Es handelt sich dabei um die Villengegend am Humboldtschloss. Die einst in der Campestraße 11 gelegene Abteilung Hospital des Städt. Humboldt-Krankenhauses trug zum Beispiel im Namen auch die Angabe Tegel-Nord.

Von einem „zweiten Tegel“ schrieben Zeitungen, als jenseits der Bahnlinie in Richtung Wittenau nach dem ersten Weltkrieg zunächst die Kleinhaussiedlung „Am Steinberg“ und später durch die Baugesellschaft „Roland“ ganze Wohnblöcke entstanden. Aus dem „zweiten Tegel“ wurde Neu-Tegel.

Über eine „kommende Landhaussiedlung auf der Tegeler Bauernheide“ berichtete eine Zeitung im August 1932, als die Groß-Berliner Boden- und Bau-Gesellschaft unweit der Bernauer Straße mit dem Verkauf von Parzellen für eine Siedlung „Waldidyll am Tegeler See“ begann. In der Folgezeit entwickelte sich hier der Ortsteil Tegel-Süd. Auch das hier einmal in der Bernauer Straße 96 gelegene Städt. Krankenhaus Tegel-Süd trug in seinem Namen die genaue Ortsteil-Angabe.

Der Vollständigkeit halber seien an dieser Stelle auch die in Richtung Waidmannslust erbaute St. Joseph-Siedlung und die Freie Scholle genannt, für die sich kein gemeinsamer Bereichsname entwickelt hat.

Soweit in aller Kürze Angaben zu den verschiedenen Bereichen von Tegel. Blicken wir nun  ausführlicher nach Neu-Tegel, womit aber nicht der oben genannte Teil von Tegel gemeint ist. Vielmehr führen uns die Betrachtungen zu einem Terrain, das im Nordwesten von Berlin beiderseits der Chaussee nach Oranienburg zwischen den Dörfern Dalldorf (Wittenau) und Hermsdorf lag. Heute wären dies Teile des Straßenzuges Oranienburger Straße und Oraniendamm. Es waren die 1870-er Jahre, als nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 in Berlin eine Entwicklung einsetzte, die Otto Glagau bereits 1875 in einem Artikel in der Zeitschrift „Die Gartenlaube“ mit Begriffen wie Börsen- und Gründungsschwindel, Häuserschacher und Baustellenwucher zutreffend beschrieb. Unzählige Bauvereine, -gesellschaften und -banken wurden gegründet. Viele von ihnen bauten nicht, hatten dies auch gar nicht vor. Sie erstellten Baupläne und lockten Kunden, die sich durch eine Baubank Geld beschafften. Selbst während der „Bauzeit“ wurden ihnen Zinsen versprochen. Viele Baubanken der Gründerjahren mussten schon bald Konkurs anmelden; die Anleger verloren ihr Kapital.

Anfang 1872 wurde die Central-Bank für Bauten mit einem Kapital von 550.000 Talern mit Sitz in der Berliner Friedrichstraße 105 a von Dr. A. Stort (Aufsichtsrat), Leo Wollenberger, Hugo Mamroth, G.H.W. Bergmann, Geh. Admiralitätsrat Wandel und weiteren Personen   gegründet. Weitaus drastischer formulierte dies Glagau mit dem Satz: Eine der größten Blasen, die aus dem Hexenkessel emporstiegen, war die ´Centralbank für Bauten´, die zum Verfasser Herrn Eduard Mamroth hat.

Das Grundkapital der Bank wurde schon bald aufgestockt, bis es zuletzt 5.500.000 Taler betrug. Noch im Jahre 1872 gründete die Bank verschiedene weitere Aktien- (Bau-) Gesellschaften, unter anderem am 25.10. die Bau-Gesellschaft „Cottage“. Sie warb damit, dass an der Oranienburger Chaussee, einer „von jeher für Landpartien beliebten Gegend“, nach Eröffnung der Berliner Nord-Eisenbahn und einer Reinickendorfer Pferdebahn ein zu „Villegiaturen“ (sinngemäß: Ferien, Landaufenthalt) geeignetes Terrain zur Verfügung steht. Zum Terrain der „Cottage“ gehörte der höchste Punkt der Rollberge, „von wo aus man die schönste Fernsicht genießt, die in der Nähe Berlins zu finden sein dürfte“.

311 Baustellen wies der vom Königlichen Gartenbau-Direktor Neide entworfene Bebauungsplan aus. Grundsätzlich waren die einzelnen Stellen 1 Morgen groß, um – wie es hieß – den ländlichen Charakter zu waren. Je nach Lage der Parzellen waren 10-15 Taler pro Quadratrute (rund 14 m²) zu bezahlen, wobei ein Viertel bis ein Drittel des Kaufpreises bar anzuzahlen war.

Neu-TegelNatürlich übernahm die Bau-Gesellschaft die Herstellung von Villen in jeder beliebigen Größe „unter den coulantesten Bedingungen“. Die Herren Kaiser und von Grossheim, Architekten der „Cottage“, hatten bereits eine Reihe von „äußerst geschmackvollen Entwürfen“ für Baulustige gefertigt.

Im August 1873 berichtete eine Berliner Zeitung über die Aktivitäten der Bau-Gesellschaft. Danach schritt die Entwicklung der Villenkolonie „rüstig“ vorwärts. Soweit der Bau von Landhäusern in Angriff genommen wurde, sollten noch im gleichen Jahr 10 – 12 Villen im Rohbau fertig werden. Während des Ausstechens eines Teiches stießen die Arbeiter auf ein Torfvorkommen. Der Torf wurde einer chemischen Analyse unterzogen mit dem Ergebnis, dass er in der Qualität dem aus Linum gleichkam. Während des Torfabbaus wurden gleichzeitig Wasseranlagen verknüpft, um dem Areal ein parkartiges Aussehen zu verleihen.

Im Oktober 1873 kam es zwischen der Berliner Nordbahn und „Cottage“ zu einer Einigung, nach der die Bau-Gesellschaft Terrain für eine Haltestelle der Bahn in Dalldorf (heutiger S-Bahnhof Wittenau, Wilhelmsruher Damm) abgab, um damit die neue Kolonie zu erschließen. Mit der Bahn sollte dann „Neu-Tegel“ von Berlin aus so schnell zu erreichen sein wie Steglitz.
Ende 1873 warb die Bau-Gesellschaft auch damit, dass sie bis zu der im nächsten Sommer (1874) stattfindenden Eröffnung der Nord-Eisenbahn einen eigenen Omnibusdienst von Berlin aus einrichten würde. Wie wir wissen, wurde die Nordbahn viel später, nämlich erst am 1.10.1877 in Betrieb genommen.

Blicken wir nun noch einmal auf die Ausführungen von Glagau in der „Gartenlaube“. Danach wurden die Aktien der „Central-Bank für Bauten“ bereits im April 1873, kurz vor dem Krach an der Börse, mit einem Kurs von 420 % (!) gehandelt. Glagau schildert weiter, dass dann der Kurs binnen 6 Monaten auf unter 50 % abstürzte. Trotzdem verteilte die Bank eine Dividende von 43 %. Mit einer solchen Ausschüttung sollten weitere Aktienkäufer gelockt werden.

Als der Kurs der Bank bei etwa 12 % stand, lag der der Bau-Gesellschaft „Cottage“ bei 0. Das Terrain von „Neu-Tegel“ wurde auf einen Wert von nur noch 44.000 Talern geschätzt, auf dem Schafe weideten und Löwenzahn wuchs. Die Blüten der wuchernden Blume wurden nach dem Börsenkrach auch „Gründerblume“ genannt.

Schließlich wurde im April 1881 über die Central-Bank für Bauten ein Konkursverfahren eröffnet. Noch im gleichen Jahr wurde das Grundstück mit dem Firmensitz der Bank in der Friedrichstraße 105a für 523.000 Mark an die Gothaer Grund-Creditbank verkauft. Die darauf lastende Hypothek war höher. Während die Aktionäre leer ausgingen, soll Vorstandsmitglied Eduard Mamroth, auch durch andere Aktivitäten, ein reicher Mann geworden sein. Ab 1884 war in dem Haus Friedrichstraße 105 a unter anderem auch die  Schiff- und Maschinenbau-Actiengesellschaft „Germania“ ansässig. Bekanntlich hatte diese in Tegel die Egellssche Fabrik „Eisenhammer“ übernommen.

Eine zwischen Dalldorf und Hermsdorf gelegene Villenkolonie mit dem Namen „Neu-Tegel“ ist im Ergebnis nicht entstanden. Damit konnte auch später in Tegel ein Ortsteilbereich diese Bezeichnung erhalten, ohne dass er bereits vorhanden war und zu Verwechslungen hätte führen können.

Gerhard Völzmann

Der heimatkundliche Rückblick führt uns in die Sommerzeit des Jahres 1892. In Berlin hatte sich eine Gruppe von 20 Personen zu einem Ausflug in die nördliche Umgebung der Stadt verabredet. Treffpunkt war die am Bahnhof Friedrichstraße gelegene Weidendammer Brücke, um von dort mit der Pferdestraßenbahn nach Tegel zu fahren. Nun folgte eine Wanderung durch den Wald. Ziel war Konradshöhe.

Amtsblatt2Die Ansiedlung war zu dieser Zeit den Berlinern noch weitgehend unbekannt. Am 22.3.1865 hatte der Kupferschmiedemeister August Friedrich Theodor Rohmann aus der Berliner Auguststraße 49a von dem Heiligenseer Bauern Christian Friedrich Lemcke für 3000 Mark Land erworben, um darauf – zunächst ohne Baugenehmigung – eine größere Kupferschmiede zu errichten. Später, am 20.10.1868, genehmigte die Königliche Regierung zu Potsdam, dass Rohmanns Gehöft mit etwa 45 Morgen Areal nach dem ältesten Sohn des Kupferschmiedemeisters den Namen „Conradshöhe“ führen durfte. Nach 25 Jahren gab Rohmann aus wirtschaftlichem Grund sein „Dampfwerk für eiserne Verschraubungen und Apparatringe“ auf. Nun entstand 1891 auf dem Gelände an der einmal nach Rohmann benannten Straße (heutige Falkenhorststraße) eine Gaststätte für Ausflügler. Sie hieß zunächst „Konradshöher Terrassen“, zuletzt bis zum Abriss 1979 „Feengrotte.“

Rohmann hatte schnell erkannt, dass er für seine Gäste auch eine Dampferbrücke benötigte, die in den Dampferfahrplan als Station mit aufgenommen werden musste. Sowohl die Errichtung der Brücke auf seinem Grund und Boden wie auch die Einbeziehung in den Fahrplan waren kein Problem. Doch der Restaurateur hatte eine falsche Vorstellung von der Nutzung der Brücke. Da sie auf seinem Anwesen lag und ihm gehörte, war er der Meinung,  dass sie auch nur seine Gäste benutzen dürften. Jedem, der nichts bei ihm verzehrte, glaubte er das Betreten der Brücke verbieten zu dürfen.

Dieses Verbot traf nun in schroffer Weise unsere 20-köpfige Wandergruppe. Sie hatte nichts bei Rohmann gegessen, wollte aber den bereits wartenden Dampfer über die Dampferbrücke betreten. Während sich die Gesellschaft nicht zurückhalten ließ, rief ihnen der Wirt nach, er wolle sie mit Hunden hetzen oder gar niederschießen.

Welches Gesprächsthema bei der Dampferfahrt nach Tegel und sicher auch bei der anschließenden Fahrt in der überfüllten Straßenbahn nach Berlin vorherrschte, kann man sich bestimmt vorstellen. Unter den Ausflüglern war ein Redakteur einer Berliner Zeitung. Es wurde abgesprochen, dass er in der Zeitung unter „Eingesandt“ zur Warnung anderer Besucher den Vorfall schildern sollte. Einer der Teilnehmer der Gruppe sollte seinen Namen unter den beabsichtigten Text setzen. Der Abdruck geschah am 7.8.1892. Von einem sicher ironisch gemeinten „liebenswürdigen Wirt“ und einer „Grobe-Gottliebs-Station“ war die Rede.

Conradshöher TerrassenRohmann reichte prompt Klage beim Amtsgericht I in Berlin ein gegen die Person, die den Leserbrief unterschrieben hatte. In einem ersten Termin stellte sich der Wahrheitsgehalt des „Eingesandt“ heraus. Zusätzlich kam heraus, dass Rohmann schon einmal eine Gesellschaft mit Frauen und Kindern am Betreten des Dampfers hinderte. Diese Gruppe musste dadurch eine Nacht in einer Scheune zubringen. Das Gericht kam zu der Auffassung, der Kläger habe mit der Aufnahme in den öffentlichen Fahrplan sich des Rechts begeben, willkürlich über die Dampferbrücke zu verfügen. Gleichwohl musste der Beklagte wegen Beleidigung des Restaurateurs verurteilt werden. Das Urteil lautete aber nur über 3 Mark Geldstrafe.

Trotzdem legte der Verurteilte Berufung ein. Rechtsanwalt Dr. Schoeps machte für seinen Mandanten geltend, dass dieser gar nicht den Leserbrief geschrieben hatte. Vielmehr handelte es sich bei dem „Eingesandt“ um den Wortlaut eines „redakteurlichen Herzensergusses“. Dem Redakteur wurde nur die Genehmigung erteilt,  den Namen eines der Ausflügler zu benutzen. Dieser Sachverhalt war neu und erwies sich als richtig.  Das Berufungsgericht sprach deswegen den in erster Instanz Beklagten frei. Dem ursprünglichen Kläger, also Rohmann, wurden nun die Kosten des Verfahrens auferlegt. Der Zeitungsredakteur konnte (im April 1895) nicht mehr strafrechtlich belangt werden, weil die Angelegenheit bereits verjährt war.

Mit dem Ergebnis konnte Rohmann natürlich nicht zufrieden sein. Ihm waren 74,45 M. Gerichtskosten, 97,70 M. Anwaltskosten und 1,50 M. Vollmachtsstempel-Gebühren, zusammen also 173,65 M. Unkosten entstanden. Den Betrag klagte er jetzt von dem zuvor Freigesprochenen ein mit der Begründung, dass zwischen dem Redakteur und dem angeblichen Artikelschreiber ein abgekartetes Spiel bestand. Er, Rohmann, sollte bewusst auf eine falsche Fährte gelenkt und zur Klage veranlasst. Durch Hinhalten sollte dann die Sache so lange verzögert werden, dass der schuldige Redakteur nicht mehr belangt werden könne.

Rechtsanwalt Dr. Schoeps bestritt natürlich die unterstellte Arglist. Er verwies darauf, dass  über die Kostenfrage bereits rechtsgültig entschieden wurde. Zudem warf er dem Kläger (Rohmann) ein grobes Versehen vor,  weil er im ersten Verfahren nicht den Redakteur sondern den (vermeintlichen) Schreiber des Leserbriefes beklagt hatte. Das Gericht wies Rohmanns Klage ab. Zudem wurden dem Gastwirt die Kosten des Verfahrens auferlegt und das Urteil für vorläufig vollstreckbar erklärt. Das Gericht erklärte, dass das erste Strafurteil auch hinsichtlich der Kostenpunkte alle am Verfahren Beteiligte binde.

Im Ergebnis wurden mithin drei Gerichtsverfahren betrieben, dessen erstes Urteil Rohmann zwar Recht gab. Trotzdem musste er die entstandenen nicht unerheblichen Kosten selbst tragen.

Gerhard Völzmann

Der Berliner Verein für Luftschiffahrt wurde im Jahre 1881 gegründet, konnte mithin im Jahre 1906 sein 25-jähriges Jubiläum feiern. Vereinslokal war der „Klub der Landwirte“ in der Dessauer Str. 14. Hier trafen sich die Vereinsmitglieder an jedem letzten Montag eines Monats um 19.30 Uhr zur Sitzung. Während der Geheime Regierungsrat Professor Busley den Vorsitz führte, war Alfred Hildebrandt, Hauptmann beim Luftschiffer-Bataillon in Tegel, als Schriftführer tätig. Vermutlich war es Hildebrandt, der den Vereinsmitgliedern vorschlug, zum Jubiläum eine besondere öffentlichkeitswirksame Veranstaltung in Form von Ballonfahrten durchzuführen, die von Automobilen verfolgt werden sollten. Dabei sollten die Autos in vorgeschriebener Zeit den jeweiligen gelandeten Ballon erreichen.

Das Wetter mit Temperaturen von 6° C morgens und 12° C mittags war sicher nicht schuld daran, dass die für Mittwoch, den  10.10.1906 geplante Veranstaltung unter keinem guten Stern stand. So wurde Hauptmann Hildebrandt, der als sportlicher und organisatorischer Leiter des Wettbewerbs fungierte, vormittags noch vor Beginn der Jubiläumsfahrten direkt vor der Kaserne des Luftschiffer-Bataillons von einer Automobil-Droschke angefahren. Durch den Unfall erlitt er einen Bruch des linken Fußes. Der Hauptmann ließ sich aber nicht davon abbringen, trotzdem den Aufstieg der Ballons zu leiten, um sich erst dann mit einem Auto in seine Wohnung in der Charlottenburger Kirchstr. 2 bringen zu lassen.

Der erste Ballon mit einem weißen Erkennungszeichen wurde pünktlich um 12.30 Uhr abgelassen. Der 1200 m³ Gas fassende Ballon stand unter der Leitung des Hauptmanns von Schulz und nahm, der Windrichtung entsprechend, Fahrt in Richtung Havel auf. Er war noch lange zu sehen. Allerdings mag sich die Zahl der Zuschauer in Grenzen gehalten haben, denn es war ja kein Sonntag, der zu Ausflügen einlud.

Ballonfahrt

Mit dem Ballonaufstieg starteten zugleich 5 Automobile, deren Insassen bis auf eine Person alle Freiherrn oder Doktoren waren oder einen militärischen Rang innehatten. Nach 10 Minuten stieg der Ballon „Nachtigall“, von Hauptmann Neumann geführt, auf. Der mit einem roten Erkennungszeichen versehene Ballon hatte ein Fassungsvermögen von 700 m³ Gas. Er schwebte ebenfalls in Richtung seines Vorgängers. Sofort starteten 4 Autos zur Verfolgungsjagd.

Erneut 10 Minuten später stieg der Ballon „Möwe“ mit seinem gelben Erkennungszeichen unter Führung von Oberleutnant George in den Himmel. Der gleichfalls 700 m³ Gas fassende Ballon wurde von 4 Autos verfolgt. Als letztes Luftfahrzeug verließ dann um 13 Uhr die „Lerche“ (700 m³) mit blauem Zeichen den Tegeler Schießplatz.

Kurz nach 13 Uhr ereignete sich ein Auto-Unfall. Das Automobil des Direktors Sierse aus Hannover, in dem auch Freiherr von Schleinitz als „Unparteiischer“ saß, verfolgte den Ballon „Nachtigall“. Es hatte gerade Schloss Tegel passiert, als es auf der Chaussee in Richtung Velten kurz vor Schulzendorf in schneller Fahrt auf einer glatten Stelle der Fahrbahn schleuderte und mit einem Rad in den Straßengraben geriet. Der vordere Teil des Autos flog gegen einen Baum und zertrümmerte, während 4 Insassen aus dem Fahrzeug fielen. Chauffeur Gustav Brandt wurde mit gebrochenem rechten Schenkel zwischen Baum und Autotrümmern eingeklemmt. Karl Hintze zog sich eine tiefe Wunde über dem rechten Auge und eine schwere Gehirnerschütterung zu, er war zeitweise bewusstlos. Nur gut, dass in Tegel, Hauptstr. 3 der praktische Arzt Dr. A. Ehlert erreichbar war. „Bis auf weiteres“ blieben hier die Unfallopfer.

Doch wie ging die Jubiläumsveranstaltung aus? Sieger waren die Ballonfahrer. Alle 4 Ballons landeten sicher, und zwar zwei bei Wittstock/Dosse, einer bei Wusterhausen und einer bei der Ortschaft Buschhof. Nur dem Automobil des de la Croix gelang es, den Ballon „Lerche“ in der vorgeschriebenen Zeit nördlich von Wusterhausen einzuholen. Mehrere Automobilfahrer mussten hingegen aus der Umgebung von Neuruppin, Wittstock und Wusterhausen die Aufgabe der Verfolgung bekanntgeben.

Die einzelnen Meldungen über die Ergebnisse trafen gegen 20 Uhr in Berlin ein. Die Preisverleihung fand im Zoologischen Garten statt. Sie wurde trotz seiner Verletzung von Hauptmann Alfred Hildebrandt (!) vorgenommen.

Gerhard Völzmann

Ballonfahrt2

Die Abbildung vermittelt einen Eindruck vom Areal des Luftschiffer-Bataillons auf dem Tegeler Schießplatz

 

Sie hießen Hedi, Frieda oder Käte, nannten sich aber alle Brigitte.

Handarbeits-Brigitten-Club

Das (zweite) Buch des Handarbeits-Brigitten-Clubs „Harmonie“ mit Eintragungen ab 13.11.1935. Die Beschriftung befindet sich auf Seite 1 des Buchinneren.

Es waren sieben jüngere Frauen, die sich am 14.9.1932 zur Gründung eines Hand­arbeits- und Kaffeekränzchenkreises zusammenfanden. Handarbeits-Brigitten-Club „Harmonie“ nannten sie ihre Vereinigung. Obwohl keine der Damen den Vornamen Brigitte trug, führte der Clubname dazu, dass sie sich untereinander alle als Brigitte bezeichneten. Zur Unterscheidung wurde noch der zutreffende Nachname hinzugefügt. Später, als man sich näher kennen lernte und duzte, wurde neben dem Vornamen Brigitte der tatsächliche Vorname ergänzend erwähnte, also beispielsweise Brigitte Käte. Die „eingetragenen Brigitten“ wohnten in Tegel, Wittenau, Hermsdorf, Reinickendorf und Berlin N sowie Berlin S. Leider ist nicht überliefert, wie sie zur Gründung des Clubs zusammenfanden.

Der Handarbeits-Brigitten-Club „Harmonie“ hatte natürlich auch „Bedingungen“. Sie besagten, dass der Club jeden Mittwoch ab 3 Uhr tagte. Dies geschah abwechselnd bei jeder Brigitte. Pünktliches Erscheinen war erwünscht. Bei jedem Treffen waren 10 Pfg. zu entrichten. Neben einer Kassiererin, die das Geld einsammelte, gab es auch eine Bannerführerin sowie eine Schriftführerin. Letzterer ist es zu verdanken, dass durch ein erhalten gebliebenes Buch über den Club und damit auch über ein kleines Kapitel Zeitgeschichte der Jahre 1935 – 1942 berichtet werden kann.

Das schwarz eingebundene Buch mit aufgeklebten Stickereien wurde vom Ehemann einer Brigitte eigenhändig gefertigt und als Spende überreicht. Es begann mit Eintragungen ab 13.11.1935, überwiegend nur Anwesende, Beitragszahlungen und den Kassenbestand aufführend. Das erste Buch des Clubs, die Zeit v. 14.3.1933 bis 6.11.1935 betreffend, liegt übrigens leider nicht vor.

Am heutigen Tage war es mehr ein Plaudern als Handarbeiten, da jede soviel von den verlebten Feiertagen zu berichten wusste.

Dieser Eintrag erfolgte am 8.1.1936. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass die Aufzeichnungen sonst keine Hinweise liefern, welche – vielleicht auch besonderen – Handarbeiten gefertigt wurden. Am 22.1.1936 war zu berichten, dass bei unserer Kränzchen-Schwester … ein kleines Mädchen das Licht der Welt erblickt hat. Der kleine Nachkömmling wurde dann am 26.2. vorgestellt. Am 4.3. war die Zusammenkunft sehr gemütlich und Klein- … wurde gebührend bewundert, da auch sie schon für Unterhaltung sorgte.

Beim Treffen am 11.3. war die Brigitte … entschuldigt, weil sie drei Tage zuvor einem kleinen Stammhalter das Leben geschenkt hatte.

Am 27.3. verlebten die Damen den Nachmittag „am See“ (sicher am Tegeler See) und tranken dort auch Kaffee. Alle Brigitten waren am 29.7. versammelt, um den „fäl­ligen“ Sommerausflug zu besprechen. Es galt, das neue Wochenendhaus der Brigitte … in Fichtengrund (Oranienburg) einzuweihen. Hierzu erhielt jede Brigitte aus der Kasse einen Betrag von 3,50 M ausgezahlt.

Der Termin 9.8. wurde  wegen der Olympiade auf den 6.9. verlegt.

Über den Ausflug nach Fichtengrund berichtete die Schriftführerin am 13.9. folgendes:

Schon bei Nennung des Namens Fichtengrund vermeint man einen angenehmen Nadelgeruch zu empfinden. Und wenn dazu heller, klarer Sonnenschein dieses Empfinden krönt, wer freut sich da nicht in freier Natur, unbeschwert von Sorgen einen frohen Sonntag zu verleben. Man möchte bald sagen, verschwenderisch war dieser Tag an Sonnenschein. Kein Wunder, daß sämtliche Teilnehmer nicht nur pünktlich, ja sogar vorzeitig an den Treffpunkten erschienen waren. Andeutungsweise wußten wir von Familie …, daß ihr Besitztum unweit der Bahnhofstr. liegt, trotzdem waren wir noch auf einen etwas längeren Fußweg vorbereitet. Doch kaum 50 m vom Bahnhof waren wir schon am Ziel. Nach kurzer Geländeinformation und Bereitstellen von Sitzgelegenheiten aus dem nett erbauten Wochenendhäuschen galt es natürlich, erst mal ein kräftiges Frühstück einzunehmen. Wo wir schon mal an dem Tisch saßen, ist es erklärlich, daß wir Männer einen kleinen Skat eröffneten, hingegen die Frauen einen Ausflug in die Umgebung unternahmen. Es muß doch beiden Gruppen großen Spaß gemacht haben, denn als die Frauen gegen 1 Uhr kamen, sah man allerseits nur frohe Gesichter, sogar hübsch gerötet. Wir Männer hielten Stand bis 4 Uhr, während dessen die Frauen gymnastische Übungen auf der dem Grundstück anschließenden Wiese ausführten. Es gab viel heitere Momente angesichts der erzielten Stellungen und Darbietungen, die mehrfach Anlaß gaben, davon Aufnahmen zu machen als bleibender Beweis froher, vergnügter Stunden. Besonders zu erwähnen ist noch der von Familie … anlässlich der Einweihung ihres Wochenendhäuschens spendierte Kaffee und Pflaumenkuchen. Ich weiß nicht, wer dazu angeregt hatte, jedenfalls vernahmen wir vom Frauentisch her ein kleines Hallo mit Tassengeklirr – was war geschehen – die Brigitten hatten sich Brüderschaft getrunken. Wer zweifelt da noch, ob es lustig herging? Besonders Spaß machte es uns noch, als Zuschauer des Herrn … zu fungieren, wie er mühselig versuchte, aus seinem Gartenboden die im Frühjahr eingelegten … (hier fehlt ein Wort) wieder zu finden, denn die sonst üblichen „Neuen“ waren so groß, daß ein Ausheben derselben meist nicht lohnte.
Das Maß der Gastfreundschaft der Familie … war für diesen Tag noch gar nicht erschöpft, denn zu unserem allgemeinen Erstaunen ließ sich Herr … nicht nehmen, einige Lagen Getränke im später aufgesuchten Lokal auf seine Rechnung zu spendieren. Selbstredend läßt man sich nicht erst die Krawatte abreißen und trinkt, lacht und scherzt eben mit. In dieser Beziehung konnte auch Herr … seinen guten trockenen Witz gut anbringen.
Abschließend kann gesagt werden, daß ein jeder von uns überaus mit dem Erlebten zufrieden war. Heiterer klarer Sonnenschein über Natur und Menschen, Lachen und Frohsinn von Anfang bis Schluß.

Bei der Zusammenkunft am 16.9. war der Ausflug noch einmal Gesprächsthema. Alle Fotos lagen vor und wurden für gut befunden.

Am 7.10. wurde über das geplante 5. Stiftungsfest gesprochen. Es sollte am 10.10. stattfinden. Hierfür erhielt jede Brigitte 1,70 M aus der Vereinskasse. Das Fest wurde im „Clou“ begangen, doch die hierfür vorgesehenen Seiten im Buch des Clubs blieben leer. Was war wohl der Grund?

Der Nachmittag des 14.10. blieb jedenfalls Erzählungen über das so schön verlebte Stiftungsfest vorbehalten. An diesem Tag wurde auch beschlossen, den Beitrag ab sofort von 10 auf 50 Pfg. pro Woche zu erhöhen.

Am 11.11. erscholl bei Brigitte … der Schlachtruf: „Keinen Kuchen mitbringen, den gebe ich“, was auch in reichem Maße anlässlich der Taufe der kleinen … geschah.

Wir erfahren dadurch, dass sonst zum Treffen jede Brigitte den Kuchen selbst mitbrachte, während den Kaffee sicher die Gastgeberin spendierte.

Da die Kasse am 27.1.1937 einen Betrag von 20,90 M auswies, wurde sogleich ein Ausgang bzw. ein Faschings- oder Bockbierfest beschlossen. Vorschläge sollten eingereicht werden. Im Ergebnis plante man aber dann doch eine Spreewaldfahrt im Mai.

Am 10.3. konnte bereits der erste Geburtstag des Sohnes der Brigitte … mit Kaffee und Kuchen gefeiert werden.

Nun rückte der Ausflug in den Spreewald näher. Am Sonntag, den 23.5., traf man sich um 5.45 Uhr in der Seestraße. Die Schriftführerin berichtete:

Außer Frau …, welche diese Tour bereits gemacht hat, kannte von uns anderen Teilnehmern niemand dieses schöne Fleckchen Erde Deutschlands. Und vorweg gesagt, es ist auch nur jedem Schaffenden zu empfehlen, dessen Nerven Entspannung brauchen, und dies irgend ermöglichen können, sich diesen Genuss zu verschaffen: „Fahre zum Spreewald“.
Es ist geradezu erstaunlich, wie fabelhaft an diesem Tage alles geklappt hat, und zwar vom Aufstehen bis zum zu Bett gehen. Sei es Wetter, Treffen, Verpflegung, Kosten, Fahrt, Kahnwahl und Rückfahrt, es ging absolut nichts schief. Schon auf der Hinfahrt durch das märkische Gelände mit der Bimmelbahn von Lübben nach Burg schienen uns die Bahnbeamten erwartet zu haben, ein Abteil eigens für uns reserviert, wonach der Schaffner als Kiebitz beim Skatspiel der Männer, und weiter als Erklärer der Frauen über Gelände-Schönheiten fungierte.
Zum Kirchausgang in Burg kamen wir gerade noch zurecht, die malerischen Trachten der Dorfjugend und der älteren Jahrgänge in Augenschein zu nehmen. Anschließende Innenbesichtigung der Kirche ergab nachher das Fehlen eines jungen Paares aus unserer Mitte, und zwar Frau … mit Herrn …, vorsorglich hatte sich dieses Paar Herrn … als Zeugen mit zurückbehalten. Angeblich hatten sie unser übrigen Herausgehen nicht gesehen, so daß sie 10 Min. Fremdengottesdienst beiwohnten. Hoffen wir´s als gutes Omen für die Zukunft. Anschließend um 12 Uhr nahmen wir in einem kleinen Gartenrestaurant unser Mittagsmahl in Burg ein.
Und nun beginnt mit der Kahnfahrt von Burg nach Lübbenau der schönste Teil des ganzen Tages. Es machte einige Schwierigkeiten, einen Kahn für 11 Personen zu bekommen, da sonst die Kähne nur für 8 Personen eingerichtet sind. Wir hatten Glück, einen Kahnführer zu erhaschen, der ruhig, sicher, aufklärend und angenehm uns für 6 Stunden in seine Führung nahm. 6 Stunden lang langsam, vollkommen geräuschlos ohne jegliche Anstrengung über das Wasser gleitend, durch Wiese, Wald an Häusern, Gärten vorbei, leichte Unterhaltung führend, gibt den Nerven eine Beruhigung und Wohlbehagen, wie es bald nicht schöner sein kann. Es gelang uns, den Alltag mit all seinen Sorgen auszuschalten und brachten uns diese Stunden eine wirkliche Erholung.
Nur durch eine Übersetz- und Kaffeepause im Forsthaus zur Schleuse wurde diese Fahrt unterbrochen. Stunde um Stunde stakte unser Bootsführer unermüdlich vorwärts dem Ziele entgegen. Um 18.30 Uhr kamen wir in Lübbenau an, auch hier bot sich dem Besucher ein herrliches Bild. Nach der Besichtigung von Schloß und Parkanlagen ging es zu einem Lokal zum Abendessen.
Die Sonne neigte sich bedenklich und mahnte zu Aufbruch und Rückfahrt. Froh bewegt, nur für Frau … viel zu früh, die nur mit Widerwillen folgte, zogen wir zum Bahnhof. Auch hier fanden wir wieder zwei vollkommene Abteile für uns, wo in dem einen bei den Männern die letzten Skatrunden folgten, während die Brigitten unter sich Lachstürme entfachten durch allerlei heitere Darbietungen. Um 10 Uhr langten wir wieder in Berlin, Görlitzer Bahnhof an.
Nach einem kühlen Abschiedsschoppen, von Herrn … spendiert, der den schönen Tag beschloß, trennten wir uns zufrieden und glücklich nach dieser schönen Fahrt. Eine schöne Aufnahme haben wir als bleibendes Andenken.

Mit Kind und Kegel zogen am 20.6. alle Brigitten (erneut) nach Fichtengrund. Doch gleich nach Tisch bezog sich der Himmel und ein Dauerregen setzte ein. Man verzog sich in das Innere des Wochenendhauses. Die Männer spielten Skat, die Frauen plauschten. Brigitte … spendierte Kaffee, den man dann im Restaurant (!) einnahm. Als der Regen nachließ, wurde noch ein einstündiger Spaziergang unternommen, der zu nassen Füßen führte. Der Wettergott hatte unseren schönen Ausflug zunichte gemacht.

Der 23.10. wurde beim Kränzchen am 6.10. als Termin für das Stiftungsfest im „Clou“ festgelegt. Bei der Zusammenkunft am 13.10. waren sich alle Damen einig, den Beitrag auf 50 Pfg. zu erhöhen. Zudem erhielt die Schriftführerin den Auftrag, schriftlich festzulegen, daß das Kränzchen bei der Mitgliederzahl von 7 verbleiben soll.

Bei Musik und Tanz sollte das 6. Stiftungsfest im „Clou“1 festlich begangen werden, wurde aber zu einem Reinfall. Wir lesen hierzu:

Keine rechte Stimmung wollte aufkommen, und auch unserem Namen „Harmonie“ wurde durch einen Zwischenfall keine Ehre eingelegt. Daraufhin trennten wir uns schon vorzeitig sehr enttäuscht, da allen Anwesenden die Laune verdorben wurde.

Über Hintergründe schwieg sich die Schriftführerin höflich aus. Nachfolgende Treffen ließen jedenfalls keinen Missklang erkennen.

Am 23.3.1938 wurde beschlossen, eine Fahrt in den Frühling, und zwar einen Ausflug zur Schorfheide zu planen.

Ein „richtiges“ Kaffeekränzchen fand am 6.4. in Anbetracht der Einsegnung des Sohnes … der Brigitte … statt. Die Bewirtung erfolgte mit Kaffee und Kuchen, Likör und auch Wein. Es wurden aber auch die Osterferien festgelegt und beginnt unser Kränzchen wieder am 27.4., da auch der 20. d. M. in Anbetracht von Führers Geburtstag ausfällt.

Der bereits bekannte Treffpunkt in der Seestraße, diesmal um 8.30 Uhr, galt am 15.5. für die Fahrt in die Schorfheide. Auch hierüber berichtet das Clubbuch ausführlich. So lesen wir:

Bei strahlendem Sonnenschein trafen sich … pünktlich an der Seestraße. Bereits 10 Minuten nach 9 Uhr waren wir am Zoo, wo uns schon Herr und Frau … erwarteten und auch schon für uns im Autobus Plätze reserviert hatten. Leider nahm aus verschiedenen Gründen nur der halbe Verein an unserer Fahrt teil.
Um 10 Uhr setzte sich der Autobus in Bewegung, voll besetzt mit Menschen in froher Stimmung, er fuhr mit uns allen in den Frühling. Zuerst fuhren wir durch die Stadt über Weißensee nach Lanke am Obersee. Dort hatten wir eine Pause von 10 Minuten zur Besichtigung des Sees. Von dort ging es über Bernau die Reichsautobahn entlang über Eberswalde nach Altenhof am Werbellinsee. Ankunft um 12 Uhr. Nun hatten wir 2 Stunden Mittagsrast.
Am schönen Werbellinsee ließen wir uns im schattigen Garten unser Mittagsbrot gut munden. Spezialität war: Aal in Grün, welchen wir im „Märkischen Hof“ mit Genuss verzehrten.


1) Ursprünglich eine Markthalle, ab 1910 mit Eingängen Mauerstr. 82 und Zimmerstr. 90/91 als Konzerthalle genutzt. Laut Wikipedia ein Lokal, in dem sich nachmittags zum “Promenadenkonzert“ (freier Eintritt) das kleinbürgerliche Berlin mit Strickstrumpf und Häkelarbeit versammelte.

Wie doch die Zeit vergeht. Am 31.5. 2010 sind bereits 52 Jahre vergangen, seit die U-Bahn über den Kurt-Schumacher-Platz hinaus nach Tegel verlängert wurde. Lesen Sie nachfolgend einen kleinen Rückblick auf das Ereignis.
Am 31.1.1912 wurde die landespolizeiliche Genehmigung zum Bau einer U-Bahn in Nordsüd-Richtung erteilt, deren Inbetriebnahme als Teilstrecke Hallesches Tor – Stettiner Bahnhof – Seestraße allerdings bis 1923 dauerte. In den Jahren 1924 – 30 folgte der gabelförmige Ausbau in südöstlicher Richtung bis Neukölln und in südlicher Richtung bis Tempelhof.
1929 schlug der damalige Stadtrat für Verkehrswesen, Ernst Reuter, eine Verlängerung der U-Bahnlinie C in nordwestlicher Richtung bis zur Scharnweberstraße in Reinickendorf vor. Tatsächlich wurden Bauarbeiten aufgenommen und Tunnelstücke fertig, doch die Arbeiten wurden wieder eingestellt. Erst am 17.8.1953 beschloss der Senat von Berlin, eine Verlängerung der U-Bahnlinie über Seestraße hinaus in Richtung Tegel vorzunehmen und zunächst mit einer Teilstrecke bis zum Kurt-Schumacher-Platz zu beginnen. Der erste Rammschlag in der Seestraße erfolgte am 26.10.1953. Die 2,4 km lange Verlängerung konnte am 3.5.1956 in Betrieb genommen werden.

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2Der durch die Tunnelstrecke angefallene Erdaushub wurde bereits für eine Dammaufschüttung eingeplant, die im zweiten Bauabschnitt anfiel. Hinter dem U-Bahnhof Holzhauser Straße schlossen dann im Frühjahr 1956 die Bauarbeiten für das Tunnelstück bis zum Endbahnhof Tegel an. Diese Arbeiten dauerten zwei Jahre. Die Betriebseröffnung des 4,3 km langen Bauabschnittes vom Kurt-Schumacher-Platz bis nach Tegel am 31.5.1958 bedeutete für Bewohner, Beschäftigte und Ausflügler den lange erwünschten Anschluss Tegels an das U-Bahnnetz. Der Abschluss der insgesamt 6,7 km langen Anschlussstrecke in einer Bauzeit von 4 ½ Jahren wurde in Tegel im Rahmen einer Tegeler Woche gefeiert.  Durch die Verlängerung der U-Bahnlinie musste die BVG ihren Wagenpark erweitern. Es wurden 54 Wagen eines neuen Typs zusätzlich in Betrieb genommen. Die Wagen waren ca. 16 m lang und bildeten paarweise eine Zugeinheit mit Führerständen an beiden Enden. So konnten Zwei-, Vier- und Sechs-Wagenzüge eingesetzt werden. Die Wagen verfügten über vollautomatische sog. Scharfenberg-Kupplungen. Zur mechanischen Kupplung einschließlich der Druckluft- und elektrischen Steuerleitungen genügte es, wenn die Wagen leicht aneinander fuhren, zur Entkupplung reichte eine Hebel-Bedienung im Führerstand.

Willy Brandt

Franz Neumann (Hintergrund ganz links), Willy Brandt (mit Kelle) und Adolf Dünnebacke (vorn rechts) anlässlich der Einweihung der U-Bahn nach Tegel am 31.5.1958 in Alt-Tegel

Zwei Motore von je 150 kW Leistung erreichten eine Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h. Leuchtstoffröhren beleuchteten das Wageninnere, eine Notbeleuchtung bei Ausfall des Bahnstroms wurde durch Akkumulatorenbatterien gespeist. Die Zugeinheit bot 72 Sitz- und 228 Stehplätze. Die Umformerstationen konnten die Versorgung von 24 Zügen mit je vier Wagen pro  Stunde auf jedem Gleis leisten. Somit war eine Beförderung von 15000 Fahrgästen pro Stunde und Gleis möglich.

Die Zugfolge war in Abständen von 5 Minuten vorgesehen. Die Fahrzeit vom U-Bahnhof Kurt-Schumacher-Platz bis zum U-Bahnhof Tegel betrug 9 Minuten. Dies entsprach einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 28,6 km/h. Auf der gesamten Strecke wurden 21 Züge benötigt. Die Aufstellgleise am U-Bahnhof Tegel konnten während der Betriebspause 8 Züge im Umfang von Vier-Wagenzügen aufnehmen.

1958 verließ der erste Zug den Bahnhof um 4.59 Uhr, der letzte Zug traf um 0.49 Uhr ein.Es würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen, auf jegliche Veränderungen seit 1958 einzugehen. Genannt seien nur in Stichworten:

  • Linienbezeichnung jetzt U 6 mit Streckenführung nach Alt-Mariendorf,
  • Umbenennung des U-Bahnhofs Tegel in Alt-Tegel (1992),
  • Zuglänge, von Kurzzügen abgesehen, sechs Wagen (seit Ende Sept. 1996),
  • Umbenennung des U-Bahnhofs Seidelstr. in Otisstr. (Jan. 2003),
  • Ausstattung des U-Bahnhofs Alt-Tegel mit einem Aufzug (2006).
  • Zwischen Kurt-Schumacher-Platz und Alt-Tegel Gleisbett-Reparaturen, Einbau neuer Sicherheitstechnik  sowie  Weichen vor dem U-Bahnhof Alt-Tegel (April 2007).

Durch die nachträglich eingebauten Weichen ist es nicht mehr erforderlich, dass die U-Bahnzüge vor der Rückfahrt die weiter nördlich befindliche Kehranlage benutzen.
Rund 50 Jahre liegen zwischen diesen beiden Fotos. Links ein U-Bahnzug um 1958 auf dem U-Bahnhof Borsigwerke, rechts ein Zug im Jahre 2008 auf dem U-Bahnhof Alt-Tegel.

Gerhard Völzmann
Mitglied des Förderkreises für Bildung, Kultur
und internationale Beziehungen Reinickendorf e. V.

Sechserbrücke
Es war schon erstaunlich, wieviel Menschen – nicht nur aus Tegel – am 1.11.2008 den Weg zur Sechserbrücke und zum Hafen fanden, um sich die Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen der Brücke und des Hafens nicht entgehen zu lassen.  Pausenlos bewegten sich auf der Brücke wieder alte Drehkreuze zur Erhebung von „Brückengeld“. Kein Besucher murrte darüber, denn schließlich gab es für den Obolus eine nachgedruckte alte Quittung, und der Erlös dient einem guten Zweck. Am Hafen waren eine Festbühne und viele Marktstände aufgebaut. Im Hafenbecken bildeten zahlreiche historische und moderne Boote einen Korso. Bei Einbruch der Dunkelheit spiegelten die mit Lampions geschmückten Boote herrlich im Wasser. Das Fest endete mit einem kleinen Feuerwerk.

Doch halt! Leider ist die Schilderung ein Scherz, der eigentlich nur am 1. April zulässig ist. Nur an diesem Tag hätte eine „Zeitungsente“ im Tegeler Hafenbecken schwimmen dürfen. Es wurde nicht gefeiert, als am 31.10. die Tegeler Hafenbrücke, wohl überwiegend nur als Sechserbrücke bekannt, und der Hafen auf ihr 100-jähriges Bestehen zurückblicken konnten. Aus diesem Grund soll mit Hilfe eines Artikels an das Jubiläum erinnert werden, wobei der Verfasser dieser Zeilen nun bemüht ist, sich an die bekannten historischen Gegebenheiten zu halten.
Zunächst ein kleiner Rückblick in die stürmische Entwicklung, die die Gemeinde Tegel im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert nahm. So erhielt der Ort 1874 ein erstes Amtshaus, eine Pferdestraßenbahn und ein Telefonnetz wurden eingerichtet (1881), eine Krankenkasse gegründet (1884), eine Eisenbahnlinie nach Kremmen (1893) und ein eigenes Gaswerk (1896) eingeweiht. 1898 folgte die Errichtung eines Gemeinde-Wasser- und -Klärwerks. Die Einwohnerzahl verdoppelte sich fast innerhalb von 5 Jahren von 7487 im Okt. 1901 auf 14432.
Da verwunderte es nicht, dass Tegels Gemeindevertreter unter ihrem Bürgermeister Weigert in einer vertraulichen Sitzung am 31.5.1907 beschlossen, zwischen Schloßstr. und Tegeler See einen Gemeindehafen anzulegen. Auf dem bisherigen Wiesengebiet sollten künftig Schiffe mit 600 Tonnen Ladung anlegen können. Bisher stand (seit 1886) nur ein zwischen Eiswerkkanal und Mühlenfließ-Mündung gelegenes Bohlwerk (auch Bollwerk genannt) zur Verfügung. Kreisbaurat Mirau hatte für das Projekt einen Kostenanschlag erstellt, der für die Gemeinde Tegel Ausgaben von 550 000 Mark für den Hafen vorsah. Hinzu kamen aber noch 1,5 Mio. Mark für Arealerwerb und den Bau einer Industriebahn. Zur Planung gehörte auch eine Geradelegung des Fließes in einer Länge von 160 m.

Am 2.7.1907 beschlossen die Gemeindevertreter noch einen zusätzlichen Arealerwerb von der Schloßstr. bis zur Wittenauer Gemeindegrenze. Hierbei war an eine Möglichkeit für einen weiterführenden schiffbaren Kanal bis nach Wittenau gedacht, aber auch an weitere Bebauungen. Später entstand hier zwar nie der gedachte Kanal (nur der Nordgraben), wohl aber z. B. die Humboldt-Oberrealschule. Die Erwerbssumme für das Areal lag bei 3 Mio. Mark, die Quadratrute damit bei 88 Mark.

Der Tegeler Hafen entstand recht zügig, wobei viele Arbeiter mit ihren Schippen Erdreich in  Kipploren füllten, die von kleinen Dampflokomotiven auf einem Schienengewirr mit Weichen gezogen wurden. Zusätzlich waren an Land und auch auf Schiffen Bagger eingesetzt. Dampframmen vervollständigten den Technikeinsatz. Frachtkähne mit frisch gewaschenen Wäschestücken auf der Leine zeigten, dass in der Bauphase hier auch ganze Familien lebten. Der Hafen, den es noch näher zu beschreiben gilt, konnte am 31.10.1908 feierlich eingeweiht werden.
Zeitgleich mit dem Hafenbau wurde eine Hafenbrücke errichtet. Sie sollte die bisherige Möglichkeit der Überquerung des Fließes durch Übersetzung in einem kleinen Boot und zuletzt durch Nutzung einer kleinen hölzernen Brücke ersetzen. Boots- und später auch Holzbrückennutzung haben bereits 5 Pf. (also einen Sechser) gekostet . Kiesslings Wanderbuch für die Mark Brandenburg aus dem Jahre 1903 schrieb zwar: Überfahrt nach dem Schlosspark beim Strandschloß 10 Pf. Die Betragsangabe war aber sicher ein Irrtum.
Wie es heißt, soll damit Paul Siebert, Fischermeister aus Tegel, einen Nebenerwerb betrieben haben. An anderer Stelle wird erwähnt, dass durch die Benutzung der alten Sechserbrücke die Bodengesellschaft am Tegeler Hafen Jahreseinnahmen von 15 000 Mark verzeichnen konnte. Vielleicht war ja auch Siebert bei der Gesellschaft angestellt.
Über die Bauausführung der neuen Brücke, nun die Hafeneinfahrt und das Fließ überspannend, ist wenig bekannt. Ein Blick in die Denkmalliste Berlin sagt aus:
„Tegeler Hafen, Hafenbrücke, Fußgängerbrücke, 1908-09 von Steffens & Nölle, Brückenkopf-Torbauten, 1921, von Hornig.“ Die Kosten für den Bau der Brücke und den laufenden Betrieb derselben teilten sich die Gemeinde und die Gutsverwaltung Schloß Tegel in einem neu gegründeten Brückenverband. Die zunächst veranschlagten Baukosten von 100 000 Mark wurden nach Fertigstellung um einige zehntausend Mark überschritten.

Mit der gleichzeitigen Hafen- und Brückeneinweihung am 31.10.1908 wurde die zuletzt (wieder) mit einem Boot betriebene Übersetzung über das Fließ eingestellt. „Für den Übergang über die Brücke wird eine Gebühr von 6 Pfennigen erhoben“, schrieb noch im Okt. 1908 eine Berliner Tageszeitung. Tatsächlich waren 5 Pf. zu zahlen oder, wie der Berliner sagt, ein Sechser. Dies ist überliefert aus jener Zeit, als der Groschen noch 12 Pf. hatte. Bei Beginn der Brückengelderhebung waren die Brückenkopf-Torbauten noch nicht fertig. Wohl fast alle Nutzer der Brücke zahlten das Geld ganz gern, weil damit ein großer Umweg erspart blieb. Gelegentlich wurde aus Schabernack auch ein 50 Mark-Schein vorgelegt. Für den Einnehmer war dies aber kaum ein Problem, kamen doch gerade an Sonntagen viele Silber- und Goldmünzen zusammen, die sich bei einem Verkauf von bis zu 28 000 Karten auf Einnahmen von 1400 Mark summierten. Jährlich verblieben der Gemeinde und der Schlossverwaltung Überschüsse von etwa 7000 Mark.

Wo viel Geld eingenommen wurde, war auch die Versuchung zu einem gewaltsamen Griff in die Kasse nicht immer fern. Doch die Brückengeldeinnehmer waren mit Schlag- und sogar Schusswaffen ausgestattet. Bei Radaugruppen verschaffte sich der herbeigerufene „lange Hielscher“, ein in Tegel bekannter Gendarm, schnell Respekt. Als auf der anderen Brückenseite die Wasserschutzpolizei eine Wache einrichtete, hörten die Belästigungen ganz auf. Das Brückengeld musste rund um die Uhr, also auch nachts entrichtet werden, bis Bürgermeister Stritte kurz vor dem ersten Weltkrieg 1914 den Nachtdienst der Einnehmer abschaffte. Die nächtlichen Einnahmen waren ohnehin gering. Übrigens gab es für die Nutzung der Brücke auch Jahreskarten. Leider ist weder auf der Vorder- noch auf der Rückseite dieser Karten aufgedruckt, was sie kosteten. Durch die beginnende Inflation wurde die Brückengeldeinnahme im Februar 1922 eingestellt. Einer der Brückengeldeinnehmer war in der Zeitspanne 1912-1922 der Tegeler Gemeindeangestellte Carl Neumann, dem wir anlässlich seines 80. Geburtstages Angaben in der Nord-Berliner Tagespost v. Febr. 1939 verdanken.

Blicken wir nun wieder zum Hafen. Bei seiner Einweihung hatte er eine Länge von 560 m, war an der Einfahrt 38 m und am Ende 62 m breit. Durch 2,70 m Wassertiefe konnte er von 600 t-Kähnen befahren werden. Die gesamte Hafenanlage betrug 8,3 ha, die Wasserfläche 2,8 ha und die Landfläche 5,5 ha. Die Kailänge lag bei 1100 lfd. m. Bis zu 16 große Kähne konnten einreihig anlegen. Im Winter war er Quartier für etwa 30 große Kähne. Die Nordseite des Hafens war zur Nutzung durch den Kreis Niederbarnim vorgesehen, die Südseite für die Gemeinde Tegel. Vier fahrbare elektrische, mit Greifern versehene Vollportalkräne dienten dem Be- und Entladen von Gütern. Während drei Kräne 5 t Tragfähigkeit hatten, lag diese beim vierten Kran bei 2 t. Sie hatten volle Arbeit zu leisten, als im April 1911 42 000 t Ladung von 162 Schiffen zu löschen war.

Hafenmeister Böhm hatte 1914 ein Jahreseinkommen von 2487 Mark. Im gleichen Jahr erwartete die Gemeinde vom Brückenverband 7950 Mark Gewinnanteil und an Kran- und Lagergeld je 3000 Mark Einnahmen, während der Haushaltsplan für den Bau eines Hafen-Verwaltungsgebäudes Ausgaben von 125 000 Mark vorsah.

Mit dem Hafen- und Brückenprojekt war der Bau einer Industriebahn Tegel-Friedrichsfelde (Magerviehhof) verknüpft. Bereits am 4.5.1906 hatten Tegels Gemeindevertreter einstimmig beschlossen, den Plan der Kreisverwaltung durch unentgeltliche Landhergabe zu unterstützen. Am 12.9.1906 wurde für den Bau und Betrieb der nebenbahnähnlichen Kleinbahn eine Genehmigungsurkunde erteilt. Im Frühjahr 1907 begann der Bau der Bahnlinie. Schon am 16.12.1907 konnte die Teilstrecke Friedrichsfelde-Blankenburg eröffnet werden. Die restliche Strecke bis nach Tegel war am 24.10.1908 fertig und zusammen mit dem Hafen und der Brücke am 31.10. unter Teilnahme vieler Prominenz eingeweiht worden. Der Hafen hatte auf seinem Gelände auch 2 Lokomotivenschuppen für 1 bzw. 3 Dampfloks sowie eine 18 m lange Gleiswaage, die nicht für Fuhrwerke nutzbar war. Die Hafengleise wurden während des ersten Weltkrieges auch durch Lazarettzüge genutzt, die Verwundete zu den Hilfslazaretts am Tegeler See brachten. Hierbei handelte es sich um die einstigen großen Ausflugslokale.
Am 1.7.1925 ging die Industriebahn in das Eigentum der Niederbarnimer Eisenbahn AG über.

1936 erfolgte für zwei Monate eine Sperrung der Sechserbrücke. Störende Schranken, noch aus der Zeit der Brückengelderhebung stammend, wurden entfernt. Während dieser Arbeiten war ein Fährverkehr eingerichtet. Durch den Zweiten Weltkrieg blieb die Brücke nicht vor Schäden bewahrt. Unter anderem  mussten der Bohlenbelag und der nördliche Treppenbereich erneuert werden.
Der Hafenbetrieb endete 1970. 1981 wurde der Tegeler Hafen mit dem Hafen der Humboldt-Mühle durch einen Stichkanal verbunden. Der 165 m lange, 14 m breite und 3 m tiefe Kanal kostete 2,4 Mio. DM. Nun mussten die der Mühle Getreide anliefernden Kähnen nicht mehr das Fließ benutzen.

1985 war Baubeginn für das „Projekt Tegeler Hafen“, ein Demonstrationsschwerpunkt der Internationalen Bauausstellung (IBA) 1987. Es würde zu weit führen, hier auf das Projekt näher einzugehen. In diesem Zusammenhang sei nur erwähnt, dass durch ein fast 11 000 m2 großes und 60 cm tiefes Flachwasserbecken der Bereich des Tegeler Hafens erweitert wurde. Eine Flutung des Beckens (Baukosten rund 21 Mio. DM), fand am 1.6.1987 statt.

Über die Sechserbrücke bleibt abschließend zu berichtet, dass sie 1988 für 1,2 Mio. DM umfassend saniert wurde. Die alten Bohlen wurden durch 8 cm starke Kiefernbohlen erneuert, die gesamte Eisenkonstruktion wurde durch Sandstrahl gereinigt und anschließend mit einem roten Farbanstrich versehen. In den genannten Kosten waren auch die für die Fähre „Odin 2“ enthalten, die vom Mai-Oktober als Ersatz für die gesperrte Brücke diente.
Gerhard Völzmann
Mitglied des Förderkreises für Bildung, Kultur
und internationale Beziehungen Reinickendorf e.V.