Der Name Waldhaus erinnert vielleicht spontan an eine im Grünen gelegene Ausflugsgaststätte. Auch in Tegel gab es über Jahrzehnte ein Waldhaus, bei dem es sich jedoch um eine Privat-Heil- und Pflegeanstalt für nerven- und gemütskranke Frauen handelte. Dieser kleine heimatkundliche Beitrag beschäftigt sich mit der Chronik der Einrichtung.

Unser Rückblick führt uns in die Zeit um 1890. Ein Fräulein Anna Thiede hatte in Westend, Spandauer Berg 2, die zuvor Aschteonloff´sche Privat-Irrenanstalt, so die damalige Bezeichnung, übernommen. Sie leitete ihren neuen Besitz als Vorsteherin. Doch schon bald reiften Pläne, nach Tegel zu gehen. Sie erwarb ein Grundstück in der Bernauer Straße, die zu dieser Zeit bis auf das Städtische Wasserwerk mit seinem Beamtenwohnhaus und dem Restaurant zum Waldkater von Bernhard Korla noch unbebaut war. Amtsvorsteher Ludwig Brunow hatte im März 1894 eine Baugenehmigung für die Errichtung eines zweistöckigen Gebäudes an der Ecke zur Spandauer Straße (heutige Neheimer Straße) erteilt. Im Zusammenhang mit dem Neubau schien die Wasserversorgung des Neubaus ein Problem zu werden. Die Gemeinde Tegel besaß nämlich zu dieser Zeit noch kein Wasserwerk. Doch ganz in der Nähe befand sich ja das Wasserwerk der Stadt Berlin. Es belieferte aber über eine Druckrohrleitung nach Westend von dort aus nur die Bewohner Berlins mit Trinkwasser. Anna Thiede richtete am 24.6.1894 ein Ersuchen an das Kuratorium der städtischen Wasserwerke, ihre künftige konzessionierte Krankenanstalt mit Trinkwasser des diesseitig gelegenen Wasserhebewerks zu versorgen. Die Stadtverordnetenversammlung beschloss nach dem Antrag des Magistrats am 20.12. d. J. die Lieferung von Wasser nach dem für Berlin geltenden Tarif. Die Rohrleitung vom Grundstück des Wasserwerks bis zu ihrem Neubau musste Thiede auf eigene Kosten verlegen lassen und zudem eine Kaution zur Sicherung der Wasserlieferung stellen. Aus der späteren Zeitspanne v. 1.4.1898 – 31.3.1899 ist bekannt, dass das Waldhaus, wie die Vorsteherin ihre Heilanstalt nannte, 1060 m3 Wasser verbrauchte.

Sehen wir uns nun die Gebäude und das Grundstück an. Im Keller des Haupthauses befanden sich eine Waschküche und Vorratsräume, im Erdgeschoss die Thiede´sche Wohnung sowie Patienten-Aufenthaltszimmer. Im Obergeschoss lagen (vergitterte!) Patientenzimmer, ein Speisesaal, je ein Lazarett-, Wäsche- und Isolieraum sowie ein Badezimmer. Das ausgebaute Dachgeschoss verfügte über Patientenräume, zwei Zimmer für Wärterinnen und einige, die als Reserve dienten.

Ein Stallgebäude konnte ein Pferd, eine Kuh, Schweine und Hühner aufnehmen. Ferner war eine Leichenhalle vorhanden.

Lageplan aus dem Jahre 1908

 

Das Grundstück hatte hinter den genannten Gebäuden einen Garten für die Patientinnen, während davor, also an der Bernauer Straße gelegen, ein Garten für leichter Erkrankte, ein Garten für Privat-Patientinnen(!) und vor dem Stallgebäude ein Gemüsegarten angelegt waren.

1902 wandte sich Anna Thiede an den Berliner Magistrat, um einen Grundstückstausch vorzuschlagen. Es handelte sich um eine 52 m² große Parzelle ihres Grundstücks, die mit zwei Spitzen in das Grundstück der im Entstehen begriffenen neuen Städt. Gasanstalt hineinragte. Umgekehrt besaß der Magistrat ein gleich großes Terrain in der Form eines dreieckigen, an der Bernauer und Spandauer Straße gelegenen Zipfels. Die Stadtverordnetenversammlung war im Januar 1903 mit dem Tausch einverstanden. Beide Seiten übernahmen die Hälfte der Kosten und Gebühren.

Für die Jahre ab 1904 stehen – mit Unterbrechungen – Statistiken über das Waldhaus zur Verfügung.

Jahr Ort und Name der Anstalt Eingerichtete Plätze Verpflegte Gestorbene
1904 Tegel. Thiede, Irrenanstalt 50 50 2
1905 Tegel. Thiede, Irrenanstalt 50 50 4
1907 Tegel, Sanatorium Waldhaus 50 59 1
1908 Tegel, Sanatorium Waldhaus 64 81 5
1909 Tegel, Sanatorium Waldhaus 64 99 14
1910 Tegel, Sanatorium Waldhaus 64 104 7

Danach überstieg zumindest ab 1907 die Zahl der (nur für Frauen!) eingerichteten Plätze die der Verpflegten. Offenbar wurden Patientinnen auch ambulant betreut. Auffällig ist die hohe Zahl der 1909 Verstorbenen.

1907 ließ Frl. Thiede noch einen dreigeschossigen Erweiterungsbau mit Patientinnen-Zimmern errichten. Im gleichen Jahr übernahm der jüdische Dr. med. Paul Cohn, genannt Horn, als Besitzer und leitender Arzt das Waldhaus als Privat-Heil- und Pflegeanstalt für nerven- und gemütskranke Damen. Unter Amt Tegel Nr. 28 war die Einrichtung telefonisch zu erreichen.

Die folgende weitere Tabelle beinhaltet auch Angaben, für die keine Erklärungen möglich sind. So ist nicht bekannt, warum von 1910 zu 1911 die Zahl der eingerichteten Plätze um 50 reduziert wurde. Auffällig ist zudem die für 1917 genannte Zahl von 19 verstorbenen Patientinnen.

Jahr Ort und Name der Anstalt Eingerichtete Plätze Verpflegte Verpflegungstage Gestorbene
1911 Tegel. Sanatorium Waldhaus 14 27 3410 2
1914 Tegel. Sanatorium Waldhaus 18 32 4861 ?
1915 Tegel, Sanat. „Waldhaus“, Irrenanstalt 18 33 7217 2
1916 Tegel, Sanatorium Waldhaus 23 45 7183 5
1917 Tegel, Sanatorium Waldhaus 64 69 16491 19

Im Waldhaus wie in anderen vergleichbaren Häusern kam es gelegentlich vor, dass Patientinnen die Einrichtung eigenmächtig verließen. So berichtete eine Berliner Zeitung am 10.12.1916:

Die geisteskranke Frau Martha H. aus Neukölln, die seit Sonntag früh dem Sanatorium Waldhaus in Tegel entwichen ist, irrt anscheinend noch immer in den Straßen Groß-Berlins umher. . . . Der Ehemann bittet, die Kranke schonend anzuhalten und sie dem nächsten Polizeibureau zu übergeben.

Die abgebildete Kleinanzeige vom Dezember 1917 sagt aus, dass das Waldhaus zu dieser Zeit nicht voll belegt war. Die Wortwahl „freiwillige Pensionäre“ bedeutete möglicherweise auch, dass jetzt nicht nur Frauen aufgenommen wurden.

Zumindest kurzfristig (1920) praktizierte Dr. Horn als Arzt für nervöse und seelische Leiden zusätzlich in seiner „Sprechstunde Berlin, Bayreuther Straße 43“ täglich außer montags und donnerstags in der Zeit von 17.30 bis 19 Uhr.

Dr. Horn wird bis zur Ausgabe 1938 der Adressbücher als Eigentümer des Waldhauses aufgeführt. Er verstarb 1937 oder 1938. In einer am 25.4.1938 vom Oberbürgermeister Dr. Lippert gefertigten „Vorlage an die Ratsherren über den Erwerb des im Ortsteil Tegel, Bernauer Straße 128 bis 130, Ecke Eisenhammerweg, belegenen Sanatoriums Waldhaus“ wurde über das genannte Grundstücks in Größe von 10346 m² berichtet. Von den Hornschen Erben war es zu einem Preis von 130000 RM nach Maßgabe der urkundlichen Vertragsangebote v. 14.12.1937, 21.2.1938 und 28.3.1938 zum Kauf vorgesehen. Die Erwerbskosten erhöhten sich noch um 7500 RM durch Nebenkosten und Grunderwerbssteuer.

Der nicht mehr wirtschaftliche Betrieb, so die Angabe in der Vorlage, wurde von dem inzwischen verstorbenen jüdischen Nervenarzt der Stadt zum Kauf angeboten. Der Preis von 130000 RM einschließlich Inventar wurde als niedrig bezeichnet. Grund und Boden, die Baulichkeiten und die Einrichtung hatten nach Feststellung der Bezirksverwaltung einen Gesamtwert von 200000 RM. Die Gebäude mit etwa 40 Räumen, die Stallungen und eine Garage wurden als im guten Zustand befindlich angesehen. Eine Liegewiese, ein Wirtschaftsgarten und Parkanlagen wurden mit erwähnt. Das Landes-Wohlfahrts- und Jugendamt schlug eine weitere Nutzung als Altersheim vor. Notwendige Umbauten wurden mit nur 7500 RM Kostenaufwand beziffert, eine erste Einrichtung mit 11500 RM. Die Stadt sollte die Auflassung schulden- und lastenfrei bis zum 1.8.1938 übernehmen. Dazu war aber eine Verlegung der Kranken auf Kosten der Verkäufer bis zum genannten Tag erforderlich. 1000 RM konnte die Stadt für die Erfüllung dieser Verpflichtung bis zur Schlüsselübergabe vom Kaufpreis einbehalten.

Zu dieser Zeit waren im Sanatorium ein Mann und 11 Frauen beschäftigt. Der Stadt blieb es überlassen, diese Kräfte evtl. zu übernehmen.

Es ist davon auszugehen, dass das Waldhaus so unter den geschilderten Bedingungen verkauft wurde. Bei der Differenz zwischen dem Verkaufspreis von 130000 RM und dem Schätzwert von 200000 RM dürfte eine Rolle gespielt haben, dass hier jüdisches Eigentum verkauft bzw. gekauft wurde.

Nachfolgend wurde die Baulichkeit als Altersheim genutzt. Im Kriege beschädigt, erfolgte nach einer Instandsetzung eine Einrichtung als Kinderheim. Dann war das Haus bis zum Abriss im Jahre 1970 erneut eine Unterkunft für alte Menschen. Heute stehen an dieser Stelle auf einem erweiterten Gelände Wohnhochhäuser.

Mehr über die Geschichte Tegels einschließlich der des Waldhauses kann dem kürzlich vom Förderkreis für Bildung, Kultur und internationale Beziehungen herausgegebenen zwei Bänden „Tegel“ aus der Reihe „Chronik des Bezirkes Reinickendorf“ von Klaus Schlickeiser entnommen werden.

Gerhard Völzmann

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