Das Jahr 1919 im Rückblick: Was vor 100 Jahren in Tegel geschah

Das als Reserve-Lazarett genutzte Restaurant Kaiser-Pavillon.

Im November 1918 ging bekanntlich der Weltkrieg zu Ende. Der Kaiser dankte ab, Friedrich Ebert bildete eine provisorische Regierung, Wahlen zu einer verfassungsgebundenen Nationalversammlung im Januar 1919 wurden angesetzt. Für viele Bewohner Berlins und der Nachbarschaftsvororte weckte dies die Hoffnung auf eine friedvolle Zukunft und auf ein persönliches Wohlergehen. Doch schnell sollte sich zeigen, dass dies 1919 und darüber hinaus Illusionen blieben. Spartakusaufstand, Mangelwirtschaft bei der Lebensmittel- und Energieversorgung, Streiks, Teuerungen und Wohnungsmangel prägten die Folgezeit. Welche Auswirkungen dies für die Einwohner von Tegel hatte, soll die nachfolgende unvollständige Chronik zeigen.

Etwa 200 Männer befanden sich zur Monatsmitte im Tegeler Gefängnis. Es waren Spartakisten, die bei den Kämpfen im Zeitungsviertel und um das Polizeipräsidium gefangen genommen wurden. Unter ihnen waren auch Plünderer, die bei der Ausraubung eines Juweliergeschäftes in der Großen Frankfurter Straße gefasst wurden. Natürlich wollte keiner geschossen, geraubt oder geplündert haben. Sie bezeichneten sich teils als „harmlose Passanten“.
Der Gastwirt Hans Sager war verstorben. Er hatte das Pfingsten 1903 von Georg Johnke eingeweihte Restaurant Kaiser-Pavillon mit Plätzen für 3000-4000 Gäste um 1907 übernommen. Im Krieg diente das Haus als Reservelazarett.
Zum Monatsende hin erhielt die Industrie fast keine Kohlen mehr. In erster Linie wurden Werkstätten beliefert, die Lokomotiven und Eisenbahnmaterial reparierten, die Nahrungsmittelindustrie und die Zeitungspapierfabrikanten. Die Gaswerke hatten im Durchschnitt für 10 Tage Kohlen. Das Tegeler Werk war noch für neun Tage mit Kohlen versorgt.
Das Feinkostgeschäft von Hermann Loewa Nachfolger, Inhaber Fritz Paege, Berliner Straße 12 Ecke Brunowstraße, ging an Anna Brüggemann, geb. Schmidt über.

Die „Rote Fahne“ behauptete, dass die im Tegeler Gefängnis einsitzenden Spartakisten durch schlechte Verpflegung langsam verhungern müssten. Ein Hungerstreik stände bevor. Die Gefängnisleitung bestritt die Angaben. Im Gefängnis befanden sich nach deren Auskunft 170 – 180 Spartakisten, die sich als Untersuchungsgefangene mit richterlicher Genehmigung für eigenes Geld Lebensmittel kaufen könnten. Dies geschah bisher nicht. Sie erhielten Verpflegung wie alle Gefängnisinsassen, ja sogar einen Zuschuss aus den Gefängnisbeständen. Als Untersuchungsgefangene trugen sie private Kleidung. Wäsche wurde vom Gefängnis dann gestellt, wenn eigene nicht mehr vorrätig war. Die Zentralheizung lieferte ihnen 16 – 17 Grad Wärme.
Im Humboldt-Gymnasium gab der Direktor den Schülern ab der Untersekunda bekannt, dass sie sofort das Zeugnis zum Einjährig-freiwilligen-Dienst bekommen würden, wenn sie sich sofort zum freiwilligen Dienst bei den Regierungstruppen zur Verfügung stellen würden. Der größte Teil der Schüler war 16 Jahre alt, fast alle waren 1918 als Erntehelfer auf dem Land beschäftigt. Durch den Unterrichtsausfall fehlten ihnen die für eine Prüfung erforderlichen Kenntnisse. Trotzdem sollten sie ungeprüft ein Zeugnis erhalten, wenn sie sich zu den Waffen melden würden. Keiner der Schüler ließ sich „fangen“.
Vom 24.2.-2.3. lieferten die Tegeler Kleinhandelsgeschäfte auf Abschnitt 100 der Lebensmittelkarte 3 Suppenwürfel á 10 Pf. und auf Abschnitt 104 500 g Marmelade für 1 M. In der Gemeindeverkaufsstelle gab es auf Abschnitt 22 der Sonderlebensmittelkarte für Kinder bis zu 2 Jahren und auf Abschnitt 17 für ältere Einwohner über 70 Jahre 250 g Haferflocken für 38 Pf., Kinder und ältere Einwohner erhielten die Ware am Mittwoch.
In der 1. Klasse (Fußball) besiegte am 23.2. Wacker Tegel Germania Berlin mit 6:0.

In den später Nachmittagsstunden des 3.3. begann ein Generalstreik in Groß-Berlin, der einen Sturm auf die Lebensmittelgeschäfte und hier insbesondere auf die Bäckereien auslöste. Bei Borsig in Tegel wurde in der Frühe des Folgetages noch gearbeitet. Die Arbeiter erklärten, sich erst im Laufe des Vormittags zu äußern. Kurzfristig wurde dann auch hier gestreikt, aber in der Frühe des 10.3. die Arbeit wieder aufgenommen. Die Beamten des Betriebes traten hingegen wegen Gehaltsforderungen in den Ausstand.
Die Spartakustage in Groß-Berlin hatten den Verkehr schwer beeinträchtigt. Aus dem Straßenbahndepot in Tegel konnten auch am 14.3. die Wagen nicht ausfahren, weil Straßen noch abgesperrt bzw. Oberleitungen noch zerschossen waren und wieder hergestellt werden mussten. Aus dem Turmwagendepot in der Markusstraße konnten erst am genannten Tag Turmwagen für die Reparaturen herausfahren.
Das Amtsgericht Wedding versagte bei einer Versteigerung einen Zuschlag für das in der Treskowstraße 3 – 4 gelegene, dem Peter Lihme gehörige, 19,96 a große Grundstück mit einem Nutzungswert von 19600 Mark. Ein neuer Termin sollte folgen.
Zwei Soldaten brachten in einem Straßenbahnwagen einen Zivilgefangenen nach Tegel, der in das Gefängnis eingeliefert werden sollte. Der Gefangene sprang plötzlich vom Straßenbahnwagen und ergriff die Flucht. Die Soldaten gaben mehrere Schüsse ab, sie trafen den Flüchtenden tödlich.
Eine Auflassung staatlichen Siedlungslandes an den Wohnungsverband sollte bis spätestens 1. August erfolgen. Mit der Erschließung und Bebauung durfte sofort (Ende März) begonnen werden. In Tegel waren dies am Hermsdorfer Fließ 10 Hektar. Der Fiskus zahlte an den Wohnungsverband einen Zuschuss (nicht nur Tegel betreffend) in Höhe von 1960000 Mark.
Der Niederbarnimer Kreistag trat am 31.3. zu einer Haushaltssitzung zusammen. Er beschäftigte sich auch mit einer von der Regierung angeordneten Neuwahl von 69 Abgeordneten. In Tegel waren 3 Abgeordnete zu wählen.

Tegel richtete am 1.4. ein Wohnungsamt ein, das seine Tätigkeit aber erst am 1.9. begann.
Für die in Tegel, Schulzendorf, Heiligensee, Sandhausen, Jörsfelde, Tegelort und einem Teil von Reinickendorf-West wohnhaften oder versicherungspflichtig beschäftigten Personen richtete die AOK Niederbarnim in Tegel, Brunowstraße 23 ab 13.4. eine Zweigstelle ein.
Auf Abschnitt 14 der Groß-Berliner Lebensmittelkarte kam ab 16.4. ohne Voranmeldung 250 g amerikanisches Weizenmehl zur Ausgabe. Der Preis für das halbe Pfund betrug 1,09 Mark. 150 g Haferflocken für 38 Pf., 150 g Teigwaren für 20 Pf., 250 g amerikanisches Weizenmehl für unverändert 1,09 M. und 100 g gedörrter Weißkohl für 44 Pf. mussten hingegen bis zum 22.3. beim Kleinhändler angemeldet und am 26.3. abgeholt werden.
Der Gesamtetat Tegels schloss mit 8975100 M. ab. Der Kommunalsteuerzuschlag betrug 260 %, die Grundwertsteuer 3 pro Mille für bebaute und 7 ½ pro Mille für unbebaute Grundstücke und die Gewerbesteuer für die 1. und 2. Klasse 400 %. Die Gemeinde übernahm künftig bei Beerdigungen die Kosten für Gruft, Einbettung und einfache Schmückung der Grabhügel.
40000 M. brachten die Gemeindevertreter in Ansatz für freie Lernmittel der Volksschüler, 20000 M. für öffentliche Gesundheitspflege und 400000 M. für Mehrkosten an Besoldung und Löhnen der Beamten, Lehrer und Gemeindearbeiter.
Zum Ankauf von Baumaterialien für eine geplante Siedlung von 70 – 80 Einfamilienheimstätten mit ca. 300 qm Garten wurden 200000 M. bewilligt.
Der Arbeiterschwimmverein „Delphin“ erhielt 300 M. zur Erteilung unentgeltlichen Schwimmunterrichts für unbemittelte Schulkinder.
10 Hilfspolizeibeamte sollten wegen der allgemeinen Unsicherheit und zur Erreichung des 8-Stunden-Tages angestellt werden.
Ein dringlicher Antrag wurde angenommen, bei den Behörden wegen sofortiger Aufhebung des Belagerungszustandes vorstellig zu werden. Bürgermeister Stritte hatte keine Bedenken, zumal in Tegel die Ordnung nie gestört war. Man war ja froh, als die Regierungstruppen wieder abzogen.
Lebensmittelzuteilungen mit Anmeldung bis 28.4. und Ausgabe am 3.5.: 250 g „Amerikamehl“ für 1,09 M., 100 g Teigwaren für 14 Pf., 100 g Dörrweißkohl für 44 Pf., 125 g „Amerikaspeck“ für 1,65 M., 100 g Bratfett für 1,20 M. und 40 g Butter für 56 Pf. Außerdem für ältere Einwohner Tegels ½ Pfund Nährhefe für 90 Pf. und 250 g Haferflocken für 38 Pf., für Kinder bis 7 Jahren ½ Pfund Haferflocken für 38 Pf. und für Jugendliche ½ Pfund Morgentrank für 45 Pf., abzuholen bei der Gemeindeverkaufsstelle Bahnhofstraße 7 (heutige Grußdorfstraße).
Gerügt wurden zwei Händler. Nehring in der Brunowstraße 30 e hatte amerikanisches Mehl gefälscht und Kusserow in der Schlieperstraße 4 sich mittels zerschnittener und falscher Marken zuviel Waren beschafft. Beiden wurden die Gemeindewaren entzogen.

In Tegel verlief eine Maifeier der Sozialdemokraten mit über 1500 Teilnehmern „in würdiger Weise“.
Die Hafengebühr stieg um 50 %. Im Polizeidienst waren 4 etatmäßige Stellen frei geworden, 9 weitere Personen sollten noch eingestellt werden. Das Gehalt der Hilfsbeamten wurde auf 450 M. festgesetzt. Insgesamt 20 Beamte sollten dann den Sicherheitsdienst „notdürftig aufrechterhalten“.
Auf Abschnitt 21 der Groß-Berliner Lebensmittelkarte gab es 200 g Teigwaren für 27 Pf. und auf Abschnitt 286 der Gemeindewirtschaftskarte 100 g gedörrte Möhren für 48 Pf. sowie schließlich auf der Einfuhrzusatzkarte 250 g amerikanisches Weizenmehl für 1,09 M. Eine Woche später konnte die Tegeler Hausfrau 500 g Marmelade, 150 g Graupen, 100 g getrocknete Möhren und 100 g getrockneten Weißkohl bis 19. d. Mts. anmelden und am 23. kaufen.
Die Gemeindevertreter beschäftigten sich mit dem bereits seit 1914 vertagten Thema der Höherlegung des Bahnkörpers und der Verlegung des Güterbahnhofs in das Fließgelände. Hiergegen gab es Einsprüche auch von der Gemeinde Tegel.
Berliner Ecke August-Müller-Straße (heutige Gorkistraße) wurde eine Rettungsstation eingerichtet.
Die Umpflasterung einer Reihe von Straßen und die Verlegung der Kanalisation wurde beschlossen.

Mit Anmeldung bis 10.6. und Warenausgabe am 14.6. wurden lediglich 250 g amerikanisches Weizenmehl und 150 g Haferflocken aufgerufen. Später folgten 100 g Teigwaren, 250 g Nährsuppe und je 100 g getrockneter Weißkohl und getrocknete Möhren. Ältere Einwohner Tegels erhielten 250 g Haferflocken und 1 Briefchen Süßstoff.
In der Hammerschmiede des Borsigwerkes explodierte eine Sauerstoffflasche. Durch umherfliegende Stücke starben 3 Arbeiter sofort, 3 kamen im Besorgnis erregenden Zustand ins Krankenhaus.
Bürgermeister Stritte wurde in den Kreisausschuss gewählt.

Dem Berliner Zoo wurden einmalig 1500 M. als Kriegsbeihilfe gewährt. Dafür sollten die Schulkinder von Tegel durch die Schulen freien Eintritt haben.
Gemeindevertreter erhielten für die Teilnahme an Sitzungen mindestens 3 und höchstens 4 M.
Für die Kleinhaussiedlung wurden vom Groß-Berliner Wohnungsverband 783328 M. als erste Beihilfe bewilligt. Von den Gesamtkosten in Höhe von 2 Mio. M. bewilligten die Tegeler Gemeindevertreter 1 Mio. M. als Baukosten. Zudem wurde das benötigte Land hergegeben. 62 Einfamilienhäuser mit Garten und Zubehör waren vorgesehen.
Eine Erhöhung des Steuerzuschlages auf 300 % wurde beabsichtigt.
An Lebensmitteln wurden für eine Woche 100 g Haferflocken, 1 Pfund Graupen und ¼ Pfund Reis zugeteilt.
Bei der Einkommensbesteuerung sollten Einkommen bis 1500 M. frei bleiben und solche über 6500 M. höher herangezogen werden.
Im Tegeler Strafgefängnis bestand während des Weltkrieges eine riesige Schneiderwerkstatt, in der täglich 1000 m Stoff für Arbeiterschutzkleidung für das Artilleriedepot und für technische Truppen verarbeitet wurden. In diesem Bereich war ein Häftling namens Plügge als Maschinennäher und Schreiber tätig. Im Frühjahr 1918 stellte die Kriminalpolizei fest, dass eine „Frau Lazar“ in umfangreichster Weise diese Kleidung verschob. Tatsächlich handelte es sich bei „Frau Lazar“ um die Ehefrau des Plügge, der Heeresgut im Wert von vielen tausend Mark beiseite geschafft hatte. Es kam zu einem Gerichtsverfahren, bei dem im Juli sämtliche Gefängnisbeamte zu Gegenüberstellungen vorgeladen wurden.
Die Gemeindevertreter stimmten der Errichtung eines Freibades am Nordufer des Tegeler Sees zu. Strandlänge 120 m, Kosten ca. 6000 M. Der Zweckverband hatte für 3 Jahre die Genehmigung erteilt. Den Betrieb sollte der Arbeiter-Schwimmverein „Delphin“ übernehmen. Eintritt und Kleideraufbewahrung je 10 Pf., Übersetzen mit dem Motorboot 20 Pf. für die einfache und 30 Pf. für die Hin- und Rückfahrt.
Die Gemeinde hatte schon zur Jahresmitte 308000 M. Mehrkosten durch erhöhte Gehälter und Arbeitslöhne.
Über den Gesetzentwurf zur Bildung Groß-Berlins wurde diskutiert. Bürgermeister Stritte schilderte in den schwärzesten Farben die Nachteile der Überstimmung der Vororte.
Hinsichtlich der Lebensmittelzuteilung seien hier nur für ältere Einwohner ¼ Pfund Reis und 2 Päckchen Milchsüßspeise oder 2 Päckchen Puddingpulver und für Jugendlich die gleiche Menge Reis, aber nur 1 Päckchen Süßspeise oder Puddingpulver genannt.
Bei Borsig standen die Lokomotivschmiede im Ausstand. Sie verlangten 4 M. Stundenlohn, obwohl der Metallarbeiterverband nur 3,50 M. forderte. Die Hammerschmiede standen schon längere Zeit im Streik. Borsig hatte sie nun gekündigt, wollte gar das ganze Werk schließen. Am 25. d. Mts. unterwarf sich die Firma einem Schiedsspruch „im Interesse der Produktion“.
Kopazick in der Egellsstraße 56 färbte das Paar Glacéhandschuhe „wie neu“ in 12 Stunden für 1 M.

Vom 11. – 16. 8. gab es auf Lebensmittelkarten 500 g lose Suppen, 250 g ausländisches Gerstenmehl, 250 g Teigwaren, 500 g Pflaumenmarmelade und für Kinder und ältere Leute ¼ Pfund Reis.
Am 21. d. Mts. wurde die Humboldtmühle im Dachgeschoss, in dem sich 8 Silos befanden, durch eine Mehlstaubexplosion heimgesucht. Durch starke Detonation wurde das Dach in 10 m Breite und 18 m Länge vollständig abgedeckt. 30 m der Straße wurden handhoch mit Ziegelsteinen bedeckt. Eine starke Stichflamme schoss empor, erstickte aber gleich wieder. Die Mannschaft der Tegeler Feuerwehr befand sich gerade auf dem Friedhof zur Beerdigung eines Kameraden. Die Männer eilten zum Depot und zur Mühle, brauchten dort aber nicht einzugreifen.

Bürgermeister Stritte wurde vom Niederbarnimer Kreistag als Amtsvorsteher wieder gewählt.
Der Gaspreis des Gemeindegaswerkes wurde durch höhere Gestehungskosten von 35 auf 47 Pf. erhöht.
Für Bürozwecke mietete die Gemeinde das Grundstück Spandauer Straße 4 (heutiger Eisenhammerweg).
Von einer beabsichtigten Auflösung der Volksküche wurde wegen der unübersichtlichen Lage der Lebensmittel- und Kohlenversorgung Abstand genommen. Die Volksküche sollte in einer neu aufzustellenden Baracke in der Hauptstraße 16 (heutige Straße Alt-Tegel) untergebracht werden. Zur Linderung der Kohlennot wurde 150000 M. als Vorschuss bewilligt.
Teuerungszulagen (Verheiratete 1000 M., ledige Männer 600 M., Frauen über 16 Jahren 500 M. und unter 16 Jahren 250 M.) sollten für Beamte und Arbeiter gezahlt werden. Hierfür war eine Anleihe von 300000 M. erforderlich.
Am 14.9. wurde des 150. Geburtstages des großen Forschers Alexander von Humboldt gedacht.
In Tegel wurde die Vermittlung von Hilferufen durch Fernsprecher eingeführt. Die Verbindung mit der Polizeibehörde wurde selbst dann vorgenommen, wenn der Anrufende keine bestimmte Anschlussnummer verlangte.
V. 22. – 28.9. gab es an Lebensmitteln: 250 g Inlandsmarmelade für 65 Pf., 250 g Maismehl für 1,45 M., 200 g Graupen für 18 Pf., 100 g Maisgrieß für 10 Pf. und 2 Päckchen Milchsüßspeise für 1,10 M.
Mit einer Stellenanzeige suchte die Gemeinde Tegel einen Sozial-Hygieniker für die neu geschaffene Stelle eines Gemeindearztes. Für die Anstellung mit Pensionsberechtigung wurde ein Gehalt von 15 – 18000 M. geboten. Eine Privatpraxis war ausgeschlossen.
Am 29. d. Mts. legten in der größten Lokomotivfabrik Berlins, der Fa. Borsig, die Heizer die Arbeit nieder. Darauf sah die Direktion keine Möglichkeit der Weiterarbeit im Werk. 5000 – 6000 Arbeiter mussten das Unternehmen verlassen. Der Streik der Heizer legte auch die dortigen Wasserwerke und die Feuerwehr lahm.
Die Gemeindevertreter bewilligten Mittel zum Bau einer Volksbadeanstalt sowie 150000 M. , um die Dampferlandungsbrücken durch Betonbrücken zu ersetzen.
Händler, die sich am Demonstrationsstreik für den freien Handel beteiligten, wurden nicht mehr mit Gemeindewaren beliefert.

Der Arbeiterrat gab bekannt, dass die Arbeiter von Borsig ihren Lohn im Borsig-Kasino am 2.10. erhalten, und zwar Vorschusszahlungen um 9 Uhr und Vollzahlungen um 14 Uhr.
Der frühere Geistliche von Tegel, Pastor W., stand vor der Strafkammer des Landgerichts wegen Verstoßes gegen § 175 StGB. Er wurde beschuldigt, Konfirmanden unzüchtig berührt zu haben. W. war aus dem Amt ausgeschieden und meldete sich als Kriegsfreiwilliger. Als Sachverständiger gab Dr. Magnus Hirschfeld ein Gutachten ab, nach dem beim Angeklagten ein krankhafter Zwang vorlag. Das Gericht erkannte auf Freisprechung.
Eine neue Eisenbahnwochenkarte wurde eingeführt. Für die Strecke Stettiner Bahnhof – Tegel kostete sie 3,30 M. Zum Vergleich: Eine Monatskarte kostete 14 M., war mithin etwas günstiger als die Wochenkarte.
Im Strandschloß Tegel fand sonntags um 16 Uhr und dienstags, donnerstags und freitags um 19 Uhr ein großer Ball statt. Das Ballorchester war mit 7 Musikern besetzt.
Die Tegeler Walderholungsstätte erforderte einen Zuschuss von 26000 M. Ein Drittel trug die Gemeinde.
Von der Errichtung eine Volkshochschule wurde Abstand genommen. Dafür aber alle 3 – 4 Wochen künstlerische Veranstaltungen arrangiert, und zwar erstmals ab 28.10. über „Das Volkslied“. Für belehrende Vorträge wurde ein Kinoapparat beschafft, der auch für die Schulen gedacht war. Der Eintritt für einen Kunstabend betrug 75 Pf. Die Gemeindevertreter beschlossen auch, die Bibliothek auszubauen und zu modernisieren.
Das Grundstück Bahnhofstraße 7 – 8 (heutige Grußdorfstraße) mit dem Gemeindekuhstall sollte für 355000 M. gekauft werden.
Schuldiener und Heizer wurden bisher mit Privatdienstvertrag beschäftigt, künftig mit vierteljährlicher Kündigung als Beamte mit einer Vergütung von 4800 – 5300 M.

Ab 2.11. fiel auf der Bahnstrecke Stettiner Bahnhof – Tegel der Vorortzug 8.30 Uhr ab Stettiner Bahnhof, 9.01 Uhr in Tegel eintreffend, weg.
Es sollte Essen aus der Volksküche ausgegeben werden. In der ersten Woche lagen 133 Anträge für 192 Personen vor (543,90 M.), in der Folgewoche für 349 Personen (2332,40 M.). 50000 M. wurden für den notwendigen Nahrungsmittelkauf zur Verfügung gestellt. Ein gleicher Betrag für den Ausbau von 15 Notwohnungen war bereits aufgebraucht.
Ein Hafenkran im Wert von 300000 M. war zum Kauf vorgesehen.
Für die Grunderwerbssteuer wurde ein Zuschlag beschlossen, und zwar 1 % für bebaute und 1 ½ % für unbebaute Grundstücke.
Durch Mangel an Kohlen entstanden erhebliche Schwierigkeiten bei der Abfertigung der Vorortzüge Berlin – Tegel. Einige Kohlenzüge waren ausgeblieben.
Hebbels „Maria Magdalena“ mit Lucie Höflich als Clara wurde mit der gleichen Besetzung wie im Schauspielhaus in Tegel aufgeführt. Der Eintrittspreis für die teuersten Plätze lag bei 2 M.
Bei Borsig weigerten sich die Heizer, unter den vorgesehenen Bedingungen die Arbeit wieder aufzunehmen. Borsig hatte am 10. d. Mts. die Reihenfolge der Wiederaufnahme der Arbeit durch eine Bekanntmachung festgelegt. Da sich die Heizer weigerten, widerrief Borsig diese Regelung. Die Firma verschickte nun Postkarte mit der Aufforderung zur Arbeits-Wiederaufnahme. Diese Karte musste beim Betreten des Werkes vorgezeigt werden.
Ab 16.11. litt ganz Berlin unter den Folgen eines Schneesturmes, der eine 35 cm hohe Schneedecke verursachte. Bei der Straßenbahn wurden Triebwagen mit Schneepflügen und Salzwagen eingesetzt. In Tegel wurde nichts getan, um den Schnee zu beseitigen. Erst am 17.11. ab 14 Uhr konnten hier Bahnen teilweise wieder fahren.

Der Etat des Wirtschaftsamtes wies Verluste auf, so bei der Volksküche 46637 M., bei der Molkerei 34390 M. und bei der Kartoffelversorgung 47397 M. Die Gemeindeverkaufsstellen hatten hingegen einen Reingewinn von 23000 M. Die Löhne hatten sich im letzten Vierteljahr um 37000 M. erhöht.
Zur Weihnachtsbescherung bedürftiger Kinder wurden 5000 M. bewilligt.
„Zur Befriedigung des Geldbedürfnisses“ nahm die Gemeinde Tegel bei der Schöneberger Sparkasse eine Anleihe von 4 Mio. M. auf.
Bei den Groß-Berliner Sparkassen, zu denen auch die Tegeler Gemeindesparkasse hinzutrat, nahmen die Einzahlungen ab und die Rückzahlungen zu. In Tegel betrug das Mehr an Rückzahlungen gegenüber den Einzahlungen 0,02 Mio. M.
Dr. Pannwitz wurde als Gemeindearzt mit 14 Stimmen (gegenüber 9 Stimmen für den Mitbewerber Dr. Drucker) gewählt und eingestellt. Die Anstellung von 2 Privatangestellten der Gemeinde als Beamte auf Kündigung wurde beschlossen.
Die Lebensmittelzuteilung zur Monatsmitte wies 100 g Graupen und je 250 g Zerealienmehl auf drei Marken sowie für Kinder und ältere Leute je 125 g Kakao aus.
Nach einer neuen Eingruppierung erhielt der Bürgermeister ein Anfangsgehalt von 24000 M., der Beigeordnete 18000 M., die selbständigen Dezernenten und der Baurat je 11000 M.
Nach einer neuen Friedhofsordnung wurden Erbbegräbnisse nicht mehr genehmigt. Die Grabstelle und die Beerdigung waren frei, der Grabhügel wurde von der Gemeinde mit Rasen versehen.
700 Kranke im Reservelazarett Tegel erhielten 2000 M. zur Weihnachtsbescherung. Als Weihnachtsbeihilfe wurden 85 M. an Verheiratete und 50 M. an Unverheiratete gezahlt, die in den letzten 2 Monaten länger als 4 Wochen arbeitslos waren. Das galt auch für Bezieher von Armenunterstützung.
Gerhard Völzmann

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