Die Vereinigung der Bürobeamten der Amts- und Gemeindeverwaltung Tegel im Jahre 1907

menschWir blicken in eine Zeit, in der das Vereinsleben in voller Blüte stand. So gab es 1907 in Tegel allein nach den Eintragungen im Adressbuch die „Ortsgruppe des Deutschen Flottenvereins“, den Gesang-Verein „Eintracht“, den „Männer-Gesang-Verein Tegel“, den „Grund- und Hausbesitzer-Verein“, den „Ruder-Klub Germania“, die Stenographische Gesellschaft „Roller“, den „Männer-Turn-Verein Tegel“, den „Vaterländischen Frauen- und Jungfrauen-Verein“, den „Verein der Gast- und Schankwirte für Tegel und Umgebung“, den Wanderverein „Froh und Frei“  und nicht zuletzt den bereits 1875 gegründeten „Krieger-Verein Tegel“, in dem später (ab 1917) auch der Chronist von Tegel, August Wietholz, Mitglied war. Die Aufzählung ist unvollständig. So sei nur an den „Lotterie-Verein angehender Millionäre Tegel 1903“ und insbesondere an den zwei Jahre später gegründeten „Tegeler Schützen-Verein“ erinnert.
An dieser Stelle soll über die „Vereinigung der Bürobeamten der Amts- und Gemeindeverwaltung Tegel“ berichtet werden, die am 1.10.1907 ihr drittes Stiftungsfest beging. Hierzu wurde eine Festschrift herausgegeben, der der nachfolgende Beitrag entnommen wurde:

Wie ein jeder im letzten Jahre hervorgetreten ist

festschrift

Das Deckblatt der Festschrift.

Freund Baum teilte sich außerdienstlich das Jahr folgendermaßen ein: Sonntag nach Tegelort, Montag nach Berlin, Dienstag zum Singen, Mittwoch zum Singen, Donnerstag zum Kegeln,, Freitag nach Berlin, Sonnabend nach Berlin, Sonntag nach Tegelort u.s.f. Er ist verlobt und wird sich demnächst verheiraten. Boehr befand sich auf einer Studienreise nach Goslar und Umgebung. Er mußte erfahren, daß es unangenehm ist, ein von Muttern mit Wurst und Schinken vollgepferchtes Packet mit einem fremden Packet unbekannten Inhalts zu vertauschen. Rülicke versuchte zu heiraten; es gelang ihm aber nicht. Krosch suchte vergeblich nach einer Frau, die jung, hübsch, zahm, klug, rein, anhänglich und kräftig sei. Er zählte oft diese Eigenschaften auf, hob dabei seine Hand, bewegte sie elastisch taktmäßig und und schnalzte mit der Zunge. Er ist unglücklich, sein Ideal nicht gefunden zu haben. Thiele hat mit einem Berliner Stockgeschäft ein Abkommen getroffen, in einem Jahr mindestens 100 Stöcke an einem gewissen Körperteile zerplatzen zu lassen. Er soll kein schlechtes Geschäft gemacht haben. Platzende Hose ist von dem Traktierenden zu ersetzen. Heßler kam von Dresden nach Tegel und brachte den Wohllaut der sächsischen Sprache mit. Ziebell stand oft am Ufer des Tegeler Seees und überlegte, ob er sich nicht ein Ruderboot kaufe, um seine Leibesstärke ohne Karlsbad erzwingen zu können. Fohl, ein beleibter Mann mit sepassionistischem Unterbau, verbrieft gern Verse und phantasiert bis in die höchsten Regionen hinein. Er hat früher einmal an der Spitze aller deutschen Truppen gestanden – Train – und trug dort allezeit die Fahne voran. Heut sitzt er noch als trefflichster Reiter auf dem wackligsten Schemel der … (ein Wort ist unleserlich) „hinter geweisten Mauern“. Zieger gab sich in Zeiten wirtschaftlichen Tiefstandes dem Studium von Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung“ hin und fand, daß die Empfindungen für leibliche Genüsse mit dem Willen des Individuums bedenkliche Kämpfe zu führen vermögen. Radke wurde, damit er nicht so weit zum Rechnungsrat hat, das Rechnungsbüro übertragen. Er hat sich dort, um Zugänglichkeiten zu entgehen, mit Tischen, Pulten und Regalen verbarrikadiert. Er kam noch nicht zum Heiraten. Es müssen noch Hindernisse vorhanden gewesen sein. Holz war einige Wochen ohne Frau. Ludwig machte, um seine geographischen Kenntnisse zu bereichern und um die Seekrankheit zu studieren, eine Reise durch die Ost- und Nordsee. Der vaterländische Frauenverein gab ihm das Geleit. Roehl ging fleißig zur Jagd auf Mensch und Tier. Menschen jagte er nur in Gestalt kleiner Mädchen, dies er geschickt mit Netz und Lasso zu fangen verstand. Für Ermittelung von Namen und Stand scheute er die Mühe nicht, die Meldeblätter von A – Z durchzustöbern. Manche Beute kostete ihn täglich 3 – 4 Gläser Rotwein. Die Jagd auf Tiere erstreckte sich nur auf das Totschießen von Mücken, die in Hennigsdorf von ihm in der Meinung, es seien Enten, zu Hunderten erlegt wurden.
Bergé orgelt noch immer in der evangelischen Kirche zu Tegel. Lehmann I konnte der Tegeler See nicht mehr imponieren, weshalb er der Ostsee einen Besuch abstattete. Miegel zog nach dem Teutoburger Walde, die Stelle zu besuchen, wo Varus seine Legionen verloren hatte. Herrmann soll vor Schreck das Schwert fallen gelassen haben, als Miegel vor ihm stand. Der Aufenthalt in Bielefeld war für ihn und Radke insofern von besonderer Bedeutung, als sie beide dort in die „Wache“ kamen. Liehr patroullierte jeden Morgen am See entlang und hatte Gefallen daran, daß die Gewächse in seinem Garten täglich um ein Beträchtliches wuchsen. Schließlich war er sich jedoch nicht mehr recht klar darüber, ob er Gemüse oder Unkraut angebaut hatte. Er ging mit dem Gedanken um, eine Ausstellung der seltensten Exemplare von Kohlköpfen zu eröffnen. Schwartzkopf  vergräbt sich tief hinein in den Wulst von Akten und Büchern. Man befürchtet, daß er einmal in den Beständen der Registratur verschwindet, um vielleicht in später Zeit als Mumie wieder ausgegraben zu werden. Er wartet immer noch auf den ersten – – – Apfel, der von seinem Baume fällt. Walter zu Ehren gedenkt das Trainbataillon  No. 3 in jedem Jahre einen sogenannten „Walter-Tag“ zu feiern. Es sollen Reiterfestspiele aufgeführt werden, an welchen sich Chargierte der schneidigsten Qualität beteiligen dürfen. Die Kapelle soll dabei eine Phantasie auf „Meine Freud ist die“ spielen. Rohde hatte kolossales Glück bei den Weibern. Man sah ihn mit Rudeln hübscher Mädchen daher kommen. Er machte Bekanntschaften nur nach dem Abendbrot. Sonntags früh ging er oft mit Cylinder. Illinger vertauschte seinen Aufenthalt im trockenen Stralau mit dem des feuchtfröhlichen Tegel. Er sorgte in kulantester Weise für Theaterbillets, mit Vorliebe für „Unsere Köche“ im Lustspielhause. Lehmann II hat in 16 Jahren eine heiratsfähige Tochter, weshalb er sich nach einem passenden Schwiegersohn umsieht, den er bis dahin zu einem ordentlichen Menschen gemacht haben will. Jädick verliebt sich bis hinter die Ohren, hat die beste Anwartschaft auf einen in Tegel zukünftig etwa freiwerdenden Tanzmeisterposten. Er kennt alle „Tänze“. Für Burkhardt gelangte in letzter Zeit aus Berlin eine Wagenladung Pelzsachen etc. Er wird sich kommenden Winter nicht in anderen Büros sehen lassen können, da das Herauskriechen aus dem warmen Gehäuse und das Wiederhineinschlüpfen mit Schwierigkeiten verbunden ist. Im Sommer konnte man ihn während seines Urlaubes in Gesellschaft alter Frauen in der Heide Beeren pflücken  sehen. Gödel fand das Leben in Berlin und Umgebung riesig „scheene“. Er soll sich vom Ausfluge am Himmelfahrtstage Kopfschmerzen geholt haben. Zwiebell brachte zu Freude der Tegeler Damenwelt 2 Bataillone Infanterie und 1 Schwadron Kürassiere während einer Nacht unter. Das Vormundschaftsgericht und die Armenbehörde werden es ihm mal nicht danken. Voß fuhr während seines Urlaubs nach Baden-Baden um festzustellen, ob die Allee, in der Frau Molitor ermordet wurde, eine Buchen- oder Linden-Allee sei. Gley komponierte einen Marsch, den die Kapelle der Dresdener Garde-Reiter zufolge der verlangten schwierigen Besetzung nicht zu spielen vermochte. Brunow studierte neben der Seelenaktion der Heiligensee´er Burschenschaft die Qualitäten der einzelnen Biere und kam zu dem Resultat, daß man sich an alles gewöhnen kann. Es folge nun eine Unfall-Statistik des letzten Jahres: Es haben sich verheiratet Fahrenkrog, Käden, Teske, Beer und Schink. Bezüglich Schink sei nur zu vermerken, daß man beobachten kann, wie er jeden Morgen auf dem Gange nach dem Büro ein Ei fallen läßt, d. h. ein ausgetrunkenes. Wo die vielen Hüllen des gelbweißen Kräftigungsmittels herkommen, ist nicht näher bekannt.

rathaus

Der Alt- und Neubau des Rathauses sowie die dort Beschäftigten im Jahre 1907

Soweit der Auszug aus der Festschrift mit dem Jahresrückblick auf die einzelnen Mitglieder der Vereinigung. Ob jeder der Genannten die Anmerkung zu seiner Person mit Schmunzeln zur Kenntnis nahm, ist nicht überliefert.

 

Abschließend noch ein Hinweis auf die oben erwähnte Frau Molitor. Sie wurde am Abend des 6.11.1906 in Baden-Baden auf der Promenade meuchlings erschossen. Die 62 Jahre alte Medizinalträtin besaß in dem Badeort eine prachtvolle Villa und war sehr vermögend. Der Tat verdächtigt wurde ihr Schwiegersohn, der Universitätsprofessor und amerikanische Rechtsanwalt Dr. Karl Hau. Das Verbrechen erregte damals größtes Aufsehen. In einem Gerichtsverfahren kamen die Geschworenen des Gerichtshofes zu der Überzeugung, dass Dr. Hau des Mordes schuldig war. Er wurde zum Tode verurteilt, jedoch durch den Großherzog von Baden zu lebenslanger Zuchthausstrafe begnadigt.

 

Gerhard Völzmann

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