Wer den Namen Borsig liest, der denkt sicher zunächst an den einstigen Lokomotivbau. In der Zeit um 1923 war das Werk für eine Jahresproduktion von 600 Lokomotiven in 42 Lokomotivständen eingerichtet. Zuvor wurde 1918 die 10000. und 1922 die 11000. Lokomotive fertiggestellt. Doch wir wollen uns hier weder mit der Lokomotivmontage noch mit den weiteren Borsig-Produkten beschäftigten, die von vollständigen Anlagen für die chemische Industrie bis zum Haushaltsstaubsauger reichten. Vielmehr wird hier über die Werkschule berichtet, die das Unternehmen bis zur Ausbombung des Gebäudes im Jahre 1943 unterhielt.

Die Volksschule und spätere Werkschule in der Schöneberger Straße 30 im Jahre 1911

Bekanntlich bestand vor rund 100 Jahren (wie ja auch heute noch) für Jugendliche unter 18 Jahren von der Schulentlassung an eine Pflicht zu einem Besuch einer von der Stadt Berlin oder der Handelskammer eingerichteten Berufsschule. Diese Schulpflicht dauerte normal sechs Schulhalbjahre. Sie ruhte jedoch, solange der Schulpflichtige eine von der Schulaufsichtsbehörde als Ersatz der Berufsschule anerkannte Schule besuchte. Ein solcher Ersatz waren in Berliner Werkschulen von Großbetrieben wie Siemens, AEG und Borsig. Siemens hatte zum Beispiel seit 1906 eine Werkschule, die Firma Borsig seit 1.4.1919. Während der erste Standort der Borsigschen Werkschule nicht bekannt ist, wurde sie (wohl 1923) in die Schöneberger Straße 30 verlegt. Während es eine Schöneberger Straße auf dem einstigen Borsiggelände längst nicht mehr gibt, trägt die damals durchgehende Straße heute die Namen Medebacher Weg und Sterkrader Straße. In der Schöneberger Straße 30 wurde bereits 1909 in einem neu erbauten Gebäude eine Volksschule eingerichtet, zuletzt war hier bis 1923 mit 12 Klassen das Lyzeum Tegel beheimatet.
In der Folgezeit diente der Gebäudekomplex der Firma Borsig für die Ausbildung von Lehrlingen, Praktikanten und Gehilfen als Werkschule. An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass Gewerbebetriebe mit eigener staatlich anerkannter Werkschule für ihre jugendlichen Arbeiter grundsätzlich Schulbeiträge zu entrichten hatten, wenn die Zahl der die Werkschule besuchenden Jugendlichen unter 10 % der beschäftigten Arbeiter betrug. Bei Borsig waren um 1923 etwa 5500 Arbeiter und 1300 „Beamte“ beschäftigt, mithin mussten bei zusammen 450 Schülern (die ja nicht alle unter 18 Jahre alt waren) Schulbeiträge entrichtet werden. Auf weitere Einzelheiten hierzu wird verzichtet.

Borsigs Werkschule hatte anfangs 5 hauptamtliche und 16 nebenamtliche Lehrkräfte beschäftigt. Vorhanden waren 4 Klassenräume, 1 Physikklasse mit Lehrmittelraum, 1 Vortragssaal mit Kino, Epidiaskop und Projektionsapparat, 1 Raum für Eignungsprüfungen, 2 Büroräume, 2 Lehrmittelzimmer, 1 Lehrerzimmer und 1 Turnhalle.

Ein Schuljahr umfasste 40 Unterrichtswochen, in jeder Woche wurden 11 – 12 Stunden Unterricht erteilt. Eine Klasse bestand aus 20 – 30 Schülern. Der Unterricht orientierte sich stark an der praktischen Tätigkeit. Bürgerkunde, Deutsch, Fachkunde, Naturlehre, gewerbliches Rechnen, Mathematik, Fachzeichnen und Turnen waren die Unterrichtsfächer, die sich zusammen dem Lehrplan der Berufsschulen anpassten. Einzig Arbeitsburschen hatten weder Fachkunde noch Naturlehre, Mathematik und Fachzeichnen. Dem Turnen wurde in der Werkschule im Vergleich zur Berufsschule offensichtlich ein höherer Stellenwert eingeräumt, wie wir nachfolgend noch sehen werden.

Die Werkschule besaß eine ausgezeichnete Lehrmittelsammlung, zahlreiche Maschinenteile und Werkzeuge für das Fachzeichnen, je eine mathematische und technologische Sammlung, Karten für den Bürger- und fachkundlichen Unterricht sowie eine Sammlung von Prüfapparaten. Die Lehrlingsausbildung endete natürlich mit einer schriftlichen und mündlichen Prüfung. Wiesen Lehrlinge irgendwelche Lücken auf, so konnten sie diese nach Schluss der Lehrzeit in der Schule ausfüllen. War hingegen ein Lehrling besonders tüchtig, dann ermöglichte ihm ein Fond den Besuch einer höheren Fachschule.

Lehrlinge bei Borsig im Jahre 1924

Kommen wir nun zum bereits erwähnten Turnunterricht. Für Berufsschulen regelte 1925 ein Ortsgesetz, dass „in mindestens 1 Stunde wöchentlich die körperliche Ausbildung – Turnen, Wandern, Schwimmen, Rudern, Gartenbau usw. – gepflegt wird.“

„Aus der Erkenntnis heraus, daß zur Ausübung eines praktischen Berufes ein Mensch erforderlich ist, der gesundheitlich vollkommen auf der Höhe ist, um sein fachliches Können voll zur Auswirkung zu bringen, hat die Werksleitung der Firma A. Borsig neben der beruflichen Ausbildung ihrer Lehrlinge seit vielen Jahren ihre ganz besondere Aufmerksamkeit auf die körperliche Ertüchtigung gerichtet.“ So der einleitende Satz des Artikels „Leibesübungen in der Werkschule A. Borsig, Berlin-Tegel“ in einem Buch aus dem Jahre 1927. Hieraus sind auch die weiter folgenden Informationen entnommen.

Ein hauptamtlich angestellter Turn- und Sportlehrer erteilte wöchentlich zwei Pflichtturnstunden. Eine Befreiung konnte nur durch ein ärztliches Attest erfolgen. Für den Turn- und Sportbetrieb gab es auf dem Schulgrundstück eine Turnhalle mit vorbildlicher Ausstattung und im Schulgebäude selbst einen Gymnastik- und Boxraum mit modernsten Geräten. Auf dem Schulhof boten sich kleinere Spiele an und auf einem dem Werk gegenüberliegenden Spielplatz Rasenspiele. Ein städtischer, neu angelegter Sportplatz stand für Leichtathletik zur Verfügung. Der nahe Tegeler See ließ einen geordneten Schwimmbetrieb zu. Der Wald lockte im Herbst zum Waldlauf und im Winter zum Rodeln, wobei natürlich Schlitten vorhanden waren. Im Erdgeschoss der Schule, durch einen gedeckten Gang von der Turnhalle erreichbar, lag das Schülerbad. 30 Duschen lieferten warmes und kaltes Wasser. Die Duschen mussten am Ende jeder Turnstunde benutzt werden.
Schon zu Beginn der Lehre wurden von jedem Lehrling Größe und Gewicht ermittelt, um dann in regelmäßigen Abständen die körperliche Entwicklung zu verfolgen. Jede Turnstunde begann mit einem Turnerlied, anfangs einem Liederbuch entnommen, bis der Text auswendig bekannt war. Es folgten Haltungs- und Atmungsübungen als Freiübungen oder aber Übungen am Gerät. Zu jeder Stunde gehörte zudem ein fröhliches Spiel. Das abschließende Duschen wurde bereits erwähnt.

Von Anfang Mai bis Mitte Juli standen leichtathletische Übungen im Vordergrund, so insbesondere der Lauf mit langsamer Steigerung, aber auch Wurf- und Sprungübungen. „Kampf dem nassen Tod!“ war ein Motto der Schule, jeder musste Schwimmen lernen. Lag der Anteil der Schwimmer 1924 bei 59,6 %, so erhöhte er sich 1925 bereits auf 83,75 %. Wurden im Sommer Faust- und Schlagballspiele bevorzugt, so wurden im Herbst ruhige Waldläufe sowie Hand- und Fußballspiele bevorzugt. Jeder Junge wurde dabei auch mal zum Amt des Schiedsrichters herangezogen. Damit wurden objektive Urteile geweckt. Fiel der erste Schnee, ging es mit den Rodelschlitten in den Tegeler Wald. Der Apolloberg in Schulzendorf lockte mit seiner Höhe von 65 m zu „sausenden Fahrten“.

Bei ungünstiger Witterung gehörten zum Hallenturnen Gymnastik, Seilspringen, Geräteturnen, Ringen usw. Beliebt waren auch Schwimmabende im Hallenbad. Damit noch nicht genug. Mit Wettspielen der verschiedensten Ballspielarten wurden die Kräfte der Jungen untereinander gemessen. Bei allgemeinen Wettkämpfen erzielten die Borsigschen Werkschüler eine große Anzahl an ersten und zweiten Preisen. So nahmen sie zum Beispiel am 29.6.1927 im Plötzensee an einem Schwimmfest für die Werkschüler der Berliner Großindustrie sowie am 26.1.1930 an Schwimmwettkämpfen im Stadtbad Wedding, Gerichtsstraße, teil. Veranstalter war hier der Lehrlingssportverband Groß-Berlin, die Turn- und Sportgemeinschaft der Berliner Werkschulen.
Im Turnbetrieb in der Werkschule durfte der Turnboden nur in kurzer Turnhose, Hemd und Turnschuhen betreten werden. Die Kleidungsstücke beschaffte die Firma Borsig und gab sie dann zum Selbstkostenpreis ab. In kleinen Beträgen wurde die Gesamtsumme später wöchentlich vom Lohn einbehalten. Die Schüler trugen bei Wettkämpfen gern die mit besonderem Abzeichen und den Anfangsbuchstaben der Schule versehenen Kleidungsstücke. Alle Schüler waren übrigens bei einer privaten Gesellschaft gegen Unfälle bei Ausübung des Sports versichert.
Als Folge des Turnunterrichts waren die Werkschüler bestrebt, im Laufe der Lehrzeit das damalige Reichsjugendabzeichen zu erwerben. Jugendliche, die über 18 Jahre alt waren, konnten sich auch für die Prüfung zum Deutschen Turn- und Sportabzeichen vorbereiten. Blicken wir abschließend noch in das Jahr 1938. Die Werkberufsschule Rheinmetall Borsig, wie sie nun hieß, hatte 22 Klassen mit 560 Schülern und eine Handelsschule 2 Klassen mit 42 Schülern. Gewerbeoberlehrer Reich leitete die Schule. Die Namen von Rinno und Rabe sind als weitere Gewerbeoberlehrer und der von Groß als Handelsoberlehrer überliefert.

Die Schule wurde, wie eingangs erwähnt, 1943 durch Bombentreffer zerstört. Nach dem Krieg wurde eine neue Werkschule nicht mehr gegründet.

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