Ein Stück Tegel unter den Füßen

sperber3Der Berliner liebt seinen Kiez; so auch der Tegeler. Und selbst am Wannsee träumt er vom Tegeler See. Welch Glück, dass er auch dort in gewisser Wei se Tegeler Boden betreten kann. Er braucht dazu nur mit dem Motorschiff „Sperber“ der Sternund Kreisschiffahrt eine Rundfahrt zu machen.

Der „Sperber“ wurde 1907 als Dampfer auf der Klawitter Werft in Danzig mit der Baunummer 322 erbaut und gehörte der Spandauer Dampfschiffahrts- Gesellschaft für Oberhavel und Tegeler See. Gleichzeitig entstand auf dersel ben Werft sein Schwesterschiff „Falke“. Beide Dampfer waren 26 m lang und 5,25 m breit und für 287 Personen zugelassen. Die Compound Maschine leis tete 125 PS und trieb zwei Schrauben an. Als Baupreis wurden je Einheit 58000 Mark genannt. Wie damals üblich, wurde das Schiff mit einem durch gehenden Deck erbaut, auf dem Bänke für die Fahrgäste standen. Als Dach diente eine Persenning. Unter Deck gab es vorn und hinten je einen Fahrgas traum. In der Mitte befand sich die Maschine.

Schon wenige Wochen nach seinen ersten Einsätzen wechselte das Schiff seinen Besitzer, da die gesamte Reederei mit all ihren Schiffen, Anlegestellen und weiteren Werten von der Spree- Havel-Dampfer Schiffahrtsgesellschaft Stern (SHDG Stern) erworben wurde. Zuerst änderte sich nichts an der Fahrtroute. Der Dampfer wurde bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges weiter hauptsächlich auf der Linie Tegel – Tegelort – Heiligensee eingesetzt.

sperber2Bis 1927 fuhr das Schiff im Originalzustand, dann wurde die Persenning durch ein festes Dach ersetzt. Auch wurde der Maschinenraum über Deck verkleidet und der Schornstein erneuert. 1930 fand eine Überholung auf der Tegelorter Werft statt. Das Schiff gehörte immer der „Stern“ Reederei; allerdings änderten sich der Name der Reederei und deren Besitzverhältnisse. Aus der SHDG Stern wurde zusammen mit der Teltower Kreisschiffahrt – ein Betrieb der Teltow-Kanal AG (TAG) – 1934 die Stern- und Kreis schiffahrt. Bis zum Krieg 1939 befuhr es die Oberhavel. Während des Krieges wurde die Fahrgastschifffahrt eingestellt. Das Schiff konnte aber als Schlepper weiterhin eingesetzt werden, da Kohle für den Antrieb noch vorhanden war. Motorschiffe waren während des Krieges nicht in Betrieb, da der Treibstoff ausschließlich militärisch genutzt wurde.

Bei einem Fliegerangriff am 2. Dezember 1943 wurde der „Sperber“ schwer getroffen. Nach einer provisorischen Reparatur konnte er ab April 1944 wie der als Schlepper ein gesetzt werden, bis er im Feb ruar 1945 wegen Kessel schaden ausfiel. Bis 1949, nach Ende der Blockade, lag das Schiff auf der Teltow-Werft und konnte nicht eingesetzt werden. Dies erwies sich durchaus als Vorteil, da er nicht wie alle anderen Schiffe der Reederei an die sowjetischen bzw. ostzonalen Organe abgegeben werden musste.

Nach der Blockade konnte man mit dem Wiederaufbau des Schiffes begin nen. Im Mai 1951 wurde es auf der Teltow-Werft mit einem hölzernen Mittel aufbau und einem kleinen Sonnendeck versehen. Das Einsatzgebiet des Schiffes war nun allerdings nicht mehr der Tegeler See, sondern der Wannsee, da die sich im Wiederaufbau befindliche Reederei bis 1953 nicht auf dem Tegeler See präsent war. Nach Konsolidierung der Reederei konnte wieder eine Linie mit dem „Sperber“ nach Tegel eingerichtet werden. Doch schon vorher gab es einige Rundfahrten ohne Halt nach Tegel.

Bei einem erneuten Umbau – ebenfalls auf der Teltow-Werft der TAG – in den Jahren 1953/54 veränderte der Dampfer sein Aussehen. Die Aufbauten wurden völlig geschlossen und der Bug dem Zeitgeschmack angepasst. Das Schiff wuchs dadurch um einen Meter auf insgesamt 27 m Länge. Der Innenausbau erfolgte auf der Betriebsstelle Beelitzhof.

1958 kam der „Sperber“ in die Schlagzeilen der Tagespresse, als er bei Gatow ein Segelboot rammte. Dabei stürzte der Mast des Seglers um und durchschlug ein Fenster. Zwei Fahrgäste wurden leicht verletzt. Erst an der Freibrücke kam der „Sperber“ zum Stehen. Beim Schiffsführer (Kapitäne gibt es nur auf hoher See) wurde Trunkenheit am Steuerrad festgestellt. Daraufhin enthob die Reederei ihn des Postens, wodurch die Reederei gleichzeitig auch ihren Betriebsratsvorsitzenden verlor.

Probleme mit dem Dampfkessel beendeten im Jahre 1963 vorerst die Karriere des Schiffes. Es gab viele Pläne, das Schiff umzubauen; mindestens acht mögliche Bauvarianten waren im Gespräch. Am 3. April 1968 kam der „Sper ber“ wieder in Fahrt. Er war nun 11 m länger und als Motorschiff mit einem 307 PS starken Dieselmotor versehen. Der alte Bug, „Europasteven“ genannt, wurde beibehalten. Auch innen wurde viel verändert, so dass nun 300 Fahrgäste Platz fanden. Nach diesen umfangreichen Umbauten wurde der „Sperber“ nur noch auf der Linie 1, Wannsee – Glienicker Brücke, eingesetzt und musste sich endgültig von Tegel verabschieden.

postkarteEine besondere Ehre wurde dem Schiff zuteil, als es auf einer Briefmarke verewigt wurde, die 1975 von der Berliner Landespostdirektion herausgegeben wurde. Der 75. Geburtstag 1982 wurde mit einer Zehlendorfer Seniorengruppe, die zu einer Gratisfahrt eingeladen wurde, begangen. Noch heute, nun immerhin 110 Jahre alt, tut das Schiff als heimlicher Botschafter Tegels seinen Dienst. Der „Sperber“ ist eines der wenigen Schiffe in Berlin, das im Laufe der vielen Jahre seinen Namen nicht änderte.

sperberAls Tegeler muss man natürlich nicht erst zum Wannsee fahren, um eine Dampferfahrt zu machen. Die Schiffe „Feengrotte“, „Berlin“ und „Reinickendorf“ sowie die Schiffe der Stern und Kreisschiffahrt liegen an der Greenwich promenade zur Rundfahrt auf dem Tegeler See und der Havel sowie zu weiter entfernten Zielen bereit.

 

Manfred Bluhm 2016

 

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