Ein zerschlagener Beerentopf und ein Brief Alexander von Humboldts

Über eine Anekdote aus den 1850er-Jahren soll an dieser Stelle berichtet werden. Sie ist nur deswegen überliefert, weil ein Zeitungsleser seine Erinnerung an Alexander von Humboldt Jahrzehnte später einer Berliner Zeitung zum Abdruck schickte. Der Name des Mannes ist nicht bekannt. Nennen wir ihn hier einfach Otto Müller.

Müllers Eltern wohnten damals in der Chausseestraße nahe der Kesselstraße¹. Während der Sommerzeit passierte bei gutem Wetter regelmäßig eine einfache einspännige Kutsche, in der ein alter Herr saß, das Haus. Die gesamte Familie Müller kannte den Mann sehr gut. Es war nämlich Alexander von Humboldt, der von seiner in der Oranienburger Straße gelegenen Wohnung nach Tegel fuhr. Abends gegen 22 Uhr kehrte dann von Humboldt wieder nach Berlin zurück. Wenn Otto und andere Kinder auf der Straße spielten und sich der ihnen bekannte Wagen näherte, stellten sie das Spielen kurz ein und zogen ihre Mützen, während von Humboldt ihren Gruß mit einem freundlichen Kopfnicken erwiderte.

Humboldt-Schloss. Foto um 1930.

Es war ein Sonntag, als Ende Juni 1852 der damals 11 Jahre alte Otto zusammen mit seinem ein Jahr jüngeren Bruder und anderen Jungen zur Tegeler Heide ging, um Erdbeeren zu suchen. Anschließend besuchten sie noch (welche Entfernung von zu Hause!) den Humboldtschen Park in Tegel. Im Park, ganz in der Nähe des Schlosses, hielt sich ein barfüßiger Junge auf, der zwei Töpfe Beesinge² gesammelt hatte. Zwischen Ottos Bruder und diesem Jungen entwickelte sich ein Streit. Otto kam seinem Bruder zu Hilfe. Der immerhin mehrere Jahre ältere Junge wurde von den Brüdern kräftig durchgeprügelt. Zudem warf Ottos Bruder auch noch einen Topf nach dem Barfüßler, so dass die darin gesammelten Beeren zerstreut auf die Erde fielen. Der Junge fing laut zu weinen an, während die Jungen aus der Chausseestraße die Flucht ergriffen.

Ottos Bruder gelang es ja zu entkommen, doch er selbst stand plötzlich wie angewurzelt einem Mann gegenüber; es war Alexander von Humboldt. Der alte Mann fasste Otto am Ohr und fragte: „Warum habt ihr Schlingel dem armen Jungen die Beeren ausgeschüttet?“ Dabei hielt er den 11-Jährigen solange fest, bis dieser seinen Namen und die Anschrift der Eltern verraten hatte. Nun kam auch der um seine Beeren gebrachte Junge näher. Von Humboldt ließ jetzt Ottos Ohr los, griff in seine Tasche und gab dem noch immer wegen seiner fehlenden Beeren lamentierenden Jungen sechs Dreier. Auch er sollte seinen Namen und seine Wohnung sagen. Nun entließ von Humboldt die Kinder mit der Ankündigung, dass Ottos Eltern von der geschilderten „Unart“ erfahren würden.

Am nachfolgenden Tag spielten Otto und sein Bruder im Garten des häuslichen Anwesens. Plötzlich wurden die Brüder in die Wohnung gerufen. Schon beim Betreten der Stube war den beiden Jungen klar, „was die Glocke geschlagen hatte“. Vater Müller hatte nämlich den beiden Kindern nur zu gut bekannten „Kantschu(h)“³ in der Hand. Eine gehörige Tracht Prügel folgte. „Euch Lümmels werde ich für eure Niederträchtigkeit, armen Kindern die Beerentöpfe zu zerschlagen, das Fell mürbe machen!“, so der Vater. Zuvor hatte Alexander von Humboldt ganz spontan einen Brief geschrieben, in dem er Müller von der Ungezogenheit seiner Söhne unterrichtete. Den verhängnisvollen Brief hatte der „alte Seifert“ überbracht. Johann Seifert war über 30 Jahre Diener und Vertrauter Alexander von Humboldts.

Gerhard Völzmann

¹ Heutige Habersaathstraße.
² In Berlin einstige Bezeichnung für Heidelbeeren, Blaubeeren.
³ Riemenpeitsche

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