Einst zur Winterzeit in Tegel (Teil 2)

Januar 1881

Januar 1883

Im 19. Jahrhundert gaben die Pächter von Kunst- und Natureisbahnen ihren Anlagen gern Namen. Sie hießen dann Russische, Sibirische, Nordische, Schwedische, Riesen-, Monstre- oder Germania-Eisbahn. Fr. Scheka und F. Pusch , in den 1880-er Jahren Pächter der Bahn von der Plötzenseer Schleuse bis Saatwinkel, Tegel, Spandau, Valentinswerder und Heiligensee, nannten sie Victoria-Eisbahn. Wurden vielleicht noch Militärkonzerte angeboten und die Bahnen abends illuminiert, war der Besuch tausender Freunde des Eislaufes gewiss. Die königliche Regierung in Potsdam verpachtete die Touren- (Natur-) Eisbahnen für eine Dauer von jeweils sechs Jahren. Ende der 1880-er Jahre hatte die Eisbahn der Oberhavel von Spandau bis Tegel der Spandauer Restaurateur Adami für einen Preis von 3600 Mark pro Jahr gepachtet. In früheren Jahren betrug die Pacht sogar bis zu 6000 Mark pro Jahr. Dafür wurde dem Pächter das Recht erteilt, eine Gebühr von den Personen zu erheben, die die Eisbahn beschritten. Adami legte 20 Pfg. pro Person fest. Die Einnahmen eines Tages, beispielsweise am Sonntag, den 9.1.1887, konnten für den Pächter durchaus etwa 1000 Mark betragen.

Doch verschiedene Personen weigerten sich, die 20 Pfg. zu zahlen, u. a. die Bewohner der Insel Valentinswerder und auch der beim Wasserwerk Tegel beschäftigte Materialverwalter Gallo. Gegen den Letztgenannten klagte Adami beim Amtsgericht II in Berlin und gewann den Prozess. Hingegen entschied das Landgericht II auf die Berufung Gallos zu dessen Gunsten, weil es sich um einen öffentlichen Fluss handelte, der für Jedermann freistand (1890).

Die Bewohner von Valentinswerder passierten die Linie der Fähre über das Eis unentgeltlich.

Der Spandauer W. Mahnkopf inserierte am 31.12.1892, dass die von ihm gepachtete Eisbahn zwischen Spandau, Saatwinkel und Tegel eröffnet wurde. Auch er nahm 20 Pfg. pro Person, von Kindern unter 14 Jahren 10 Pfg.

War die Eisbahn auf dem Tegeler See schneefrei und spiegelblank, dann lockte sie sonntags aus Berlin die „mit stählernen Kothurn“1 Beladenen „in hellen Haufen“ an. Mitte Februar 1886 hatte das Eis zum Beispiel eine Stärke von 11 Zoll erreicht. Es konnte selbst mit Pferd und Wagen befahren werden. Ansonsten zog die von Gendarmen beaufsichtigte und mit Strohwischen abgegrenzte Eisfläche auch „Velociped-Reiter“2, Frauen und Kinder auf Familienschlitten sowie einzelne Piekschlitten-Fahrer3 an. Alle möglichen Uniformen von Soldaten der nahen Schießschule waren zu sehen. Zur Masse der Schlittschuhläufer gesellten sich Freunde des Segelschlittensports. Sie hatten sich aus zwei leichten Stangen und einem Stück Leinwand ein dreieckiges (sogenanntes lateinisches) Segel gefertigt. Die Vertikalstange erhielt oben einen ledernen Handgriff, die Horizontalstange am Ende eine Fangschnur. Während die Vertikalstange, am Gürtel befestigt, mit einer Hand nach oben gehalten wurde, hielt die andere Hand das Segel an der Fangleine. Ein paar Stöße, die Füße nebeneinander, und schon setzte sich der Wind in das Segel und trieb den Läufer mit bedeutender Schnelligkeit voran. Hinzu kamen Rennwolf-Fahrer, die ihr Gefährt selbst herstellten. Dazu waren zwei Stangen, zwei Meter lang, an einem Ende etwas gebogen, erforderlich. Wie die Schienen eines Schlittens nebeneinander gelegt, vorn durch eine Querleiste verbunden, dahinter ein niedriges Joch und einen halben Meter weiter eine starke und breite Querleiste, um darauf zu stehen. Vor der letztgenannten Querleiste noch ein höheres Joch für das Abstützen der Hände – fertig war der Rennwolf. Stützte man sich nun nach vorn auf das Joch und stieß mit einem Fuß kräftig nach hinten aus, dann schoss der Rennwolf pfeilschnell über Schnee und Eis. Auch große Gepäckstücke ließen sich so gut transportieren.

Am 2.5.1894 trat im Amtsbezirk Tegel eine Polizeiverordnung in Kraft, nach der das Betreten des Eises nur innerhalb der durch Pfähle bezeichneten Grenzen der polizeilich zugelassenen Eisbahnen gestattet war. Später (1904) wurde eine „Eispolizei“ geschaffen. 13 „Eispolizeibezirke“ entstanden für die Spree, Havel und Dahme sowie die Seen der Umgebung. Damit sollten bei Geldstrafen bis zu 60 Mark Unglücksfälle auf den Eisflächen verhütet werden. Zudem erschien im Januar 1905 zum Preis von nur 60 Pfg. eine Eislaufkarte der Havel von Tegel bis Ketzin. Hier wurden gefährliche Stellen in blauer Farbe und empfohlene Touren durch rote Linien dargestellt. Eisenbahnstrecken, Chausseen und Wirtschaften am Ufer fehlten auch nicht.

In der Zwischenzeit traten Veränderungen ein. Ende Dezember 1899 schrieb eine Zeitung:
„Die großen Eisbahnen der Havel, oberhalb von Spandau bis Tegel und Heiligensee und unterhalb Spandaus nach Potsdam sind zu Weihnachten eröffnet worden, nachdem sie seit nahezu zehn Jahren wegen der milden Winter nicht mehr in voller Ausdehnung benutzt werden konnten.“

1901 betrug die Pacht für eine Eisbahn nur noch 1000 Mark/Jahr, wobei ein Pächter Mühe hatte, selbst diesen Betrag zu vereinnahmen. Ein Grund war auch der möglichst lange Verkehr von „Fabrikdampfern“ auf den zufrierenden Gewässern.

Soweit unsere eher positiven Betrachtungen vergangener Winterzeiten in Tegel. Es gab aber auch Berufe und Geschehnisse, die die unangenehmen Seiten von Frost und Schnee widerspiegelten.

Als am 3.3.1871 das Königliche Domainen-Polizei-Amt Spandau „die große und kleine Garnfischerei auf der Ober- und Unterhavel bei Spandau, auf dem Tegelschen und Malchow-See, sowie den Stintefang und die Rohrnutzung auf dem Tegelschen See“ für die Zeit v. 1.6.1871 – 1.6.1877 zur Pacht ausschrieb, erhielt der weiter oben bereits erwähnte Fischer Mahnkopf als Meistbietender den Pachtzuschlag. Während seiner Berechtigung hatte Mahnkopf u. a. im Januar 1876 eine Luhme in das Eis geschlagen und diese mit aufgehauenem Eis und Wasserpflanzen vor einer möglichen Gefahr gesichert. Ein Gendarm hielt die Vorsichtsmaßnahme für ungenügend und zeigte den Fischer an. Mahnkopf rechtfertigte sich vor dem Polizeirichter des Kreisgerichts damit, dass der Tegeler See keine öffentliche Straße sei und dass „die Schlittschuhläufer nicht für ein denselben benutzendes Publicum zu erachten seien“. Hilfsweise wurde noch vorgebracht, dass die um die Luhme gelegten Eisstücke und Wasserpflanzen doch den gesetzlichen Sicherheitsmaßregeln entsprochen hätten. Der Richter bejahte die erste Frage und verneinte die zweite. Mahnkopf erhielt 20 Mark Geldstrafe, ersatzweise zwei Tage Haft.

Im Januar 1901 erfolgte ein gewaltiger Fischzug bei einer Eisfischerei auf der Oberhavel zwischen Tegel und Spandau. Über 80 Zentner Karpfen und Bleie, durchweg stattliche Exemplare, wurden zu Tage gefördert. Der Aufwand war aber auch erheblich. 16 kräftige Männer hielten das große Garn durch zahlreiche in das Eis geschlagene Löcher in Bewegung, um es schließlich mit den Fischen an die Oberfläche zu befördern. Selbst damals bekannte „älteste Bewohner“ der Fischerdörfer konnten sich nicht an eine solche Ausbeute erinnern.

An den Gewässern der Umgebung von Berlin wurden damals auch Ernten ganz anderer Art vorgenommen. Gemeint sind Natureis-Ernten zu einer Zeit, als der Lebensmittelhandel, die Gaststätten und die Haushalte noch keine Kühlschränke hatten. In Tegel, am See gelegen, gab es bereits in den 1860-er Jahren einen dem Rentier Müller aus der Berliner Wasserthorstraße gehörenden hölzernen Eisschuppen. Der leerstehende, unversicherte Schuppen brannte vor der Winterzeit am 25.9.1869 ab. Im Dezember 1890 ereignete sich in Tegelort beim Bau eines Eisschuppens ein schwerer Unfall. Durch den Einsturz des Neubaus verletzten Trümmer 10 Arbeiter schwer, einer von ihnen verstarb.

Ende 1893 ließen zwei Berliner Brauereien auf einem 4 ½ Morgen großen Gelände am Tegeler See (ganz in der Nähe der später errichteten „Sechserbrücke“) durch 200 Maurer ein 600000 Zentner Eis fassendes massives Gebäude bauen. Schon im Januar 1894 beförderten vier durch Dampfkraft getriebene Schleppwerke täglich 30000 Zentner Eis in das Bauwerk. Im Januar 1904 verstarb hier bei der Eisernte ein Arbeiter dieses Werkes. Der selbständige Schiffer, dessen Boot in Plötzensee lag, bugsierte mit Haken Eisschollen in den sog. Eiswerkkanal. Dabei sprang er im Übermut trotz Verbot des Eiswerkbesitzers von einer Scholle zur anderen. Schließlich rutschte er aus, versank sofort und kam durch einen Schlaganfall zu Tode.

Wenn über eine längere Zeit Frost und damit eine starke Eisbildung einsetzte, dann konnte dies auch Auswirkungen auf Mühlenbetriebe haben. Über den Tegeler See und den Mühlengraben (das Fließ) war die Humboldtmühle darauf angewiesen, dass Lastkähne Getreide anlieferten und Mehl abholten. Ende Januar 1889 war beides nicht möglich. Sowohl die Borsig-Mühle in Berlin wie auch die Humboldtmühle in Tegel kamen zum Stillstand.

In die Winterzeit fiel natürlich stets der Handel mit Weihnachtsbäumen an. Im Dezember 1871 hatten Forstbeamte im Spandauer Forst, der Jungfernheide und dem Grunewald in aller Stille einen großen Teil der ihnen am besten als Christbäume geeigneten Stämme markiert und vor dem Fest in Begleitung von Schutzleuten Razzien auf den Verkaufsstellen vorgenommen. Eine nicht unerhebliche Zahl an gekennzeichneten Bäumen wurde in Beschlag genommen.

Landbriefträger Lucke mit einem Piekschlitten.

Auf die Winterzeit hatten sich Landbriefträger einzustellen. In Tegel erwies sich Briefträger Lucke „als wackerer Bote Stephans“4. Ende November 1884 versank er bei der Zustellung bis zur Hüfte im Schnee. Trotzdem legte er wie gewohnt seine Tour über Schulzendorf, Heiligensee, Laakenberge (chem. Fabrik), Konradshöhe und Tegelort zurück, wenn auch vielleicht mit einer Stunde Verspätung. Auch zum Abend hin trat er seine Tour noch einmal an, musste dann aber hinter Schulzendorf auf dem Weg Richtung Heiligensee doch umkehren. Der Kreisgang machte 25 – 30 km aus!

Zwei Landbriefträger waren für die tägliche Zustellung der Postsendungen von Spandau aus nach Valentinswerder, Saatwinkel, Sägewerk, Salzhof, Hakenfelde usw. zuständig. Bei ausreichender Eisbildung wie im Januar 1887 fuhren die tüchtigen Läufer mit den um die Hüften geschnallten Postsendungen auf Schlittschuhen über spiegelglatte Eisflächen zu den Zustellorten. Schneller als sonst erhielten die Adressaten ihre Post, denn die Briefträger ersparten sich die sonst langen Wege auf dem Land. Das Eis hatte Mitte des Monats eine solche Stärke, dass die Gastwirte bereits ihre Eiskeller füllten.

Als im Juni 1881 eine (Pferde-) Straßenbahnlinie zwischen Berlin und Tegel eingerichtet wurde, fand dies viel Zustimmung bei den Großstädtern wie bei den Bewohnern des Dorfes. In der Winterzeit sollten sich dann aber auch die Nachteile zeigen. So meldete am 15.1.1895 eine Zeitung, dass sich auf der Tegeler Linie geheizte Wagen vorzüglich bewährt haben. Im Inneren war eine um 10 – 12 Grad höhere Temperatur als im Freien. Allerdings wurde in diesem Winter erst zweimal geheizt! Am 6.2.1897 hatten die Pferdestraßenbahnen unter starkem Schneefall zu leiden. Einzelne Linien nach den Vororten mussten ihren Betrieb einschränken. Nach Tegel wurden die Fahrgäste mit Schlitten befördert! Im Dezember 1902 bestand die Vorschrift, dass Straßenbahnwagen ab einer Temperatur von – 1 Grad C zu heizen waren. Doch die Schaffner erhielten zu kleine Kohlenmengen. Am 1.12.1902 beschwerte sich ein Fahrgast beim Schaffner um 10 Uhr morgens über die empfindliche Kälte auf der Linie Tegel – Oranienburger Tor. Der Schaffner erwiderte, dass sein Vorrat bereits verbrannt sei und er vom Depot trotz Bitte keine weiteren Kohlen erhalten habe. Im Januar 1903 mussten Schulkinder und andere Personen bei starker Kälte auf den Verdecksitzen Platz nehmen.

Damit enden unsere unvollständigen Betrachtungen einstiger Winterzeiten in Tegel.

1 Eigentlich ein hoher Schnürschuh, Bühnenstiefel.

2 Radfahrer.

3 Zum Piekschlitten gehörten zwei Stäbe, unten mit eisernen Stacheln, die der Fortbewegung dienten.

4 Heinrich von Stephan (1831-1897) war Generalpostdirektor.

 

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