Friedrich Dühn besaß Tegels älteste Mineralwasserfabrik mit elektrischem Betrieb

Der folgende heimatkundliche Rückblick schildert die Lebensgeschichten der Tegeler Familien Dühn und Schulz. Hierfür wurden insbesondere Aussagen benutzt, die Frau Erna Schulz im Jahre 1990, damals bereits 88 Jahre alt, über ihre Angehörigen gemacht hatte. Leider wurden Fragen, die sich in diesem Zusammenhang ergaben, nicht zeitnah gestellt. Sie lassen sich nach zwischenzeitlich vergangenen fast 25 Jahren nicht mehr klären. Umgekehrt sind jetzt allein durch die Nutzung des Internets Angaben überprüfbar, die bei den Schilderungen der Frau Schulz nur vage im Gedächtnis waren.

Ihr Großvater August Dühn erblickte in Staffelde das Licht der Welt. Das einstige Allodial-Rittergut und Dorf hatte 1859 70 Wohnhäuser und 144 andere Gebäude, hier wurden 520 Seelen gezählt. Die Ortschaft gehörte seinerzeit zum Kreis Osthavelland, während Staffelde heute ein Ortsteil von Kremmen ist und damit im Kreis Oberhavel liegt.

Schloßrestaurant

Das Foto zeigt das Schloßrestaurant (heute Restaurant „Alter Fritz“). Neben dem Pferdewagen der Restaurateur Triller, mit Umhang und Melone bekleidet. Zwischen den Wagendeichseln Friedrich Dühn.

August Dühn war nach Aussagen ihrer Enkelin der letzte Pferdeomnibusfahrer (mit Horn, ganz wichtig!) auf der Strecke von Cremmen nach Berlin. Das Oranienburger Tor soll der Endpunkt für den Omnibus gewesen sein. Hier war Ausspann und Fütterung der Pferde. Am nächsten Tag soll es nach Cremmen (so die damalige Schreibweise) zurückgegangen sein. Es bestehen jedoch Zweifel, ob diese Angaben im vollen Umfang zutreffen. Nachgewiesen ist, dass mit der Fertigstellung der Chaussee von Berlin, Oranienburger Tor, über Tegel, Hennigsdorf und Kremmen nach Neuruppin ab 1.4.1851 eine zweispännige Personenpost mit sechssitzigen Wagen eingerichtet wurde. Die Kutschen fuhren in Berlin täglich um 11 Uhr abends ab und waren zwischen 3 Uhr und 10 oder 20 Minuten früh in Kremmen. Nach Berlin fuhren sie um 10 Uhr abends in Neuruppin ab, passierten Kremmen zwischen 1 Uhr und 25 oder 35 Minuten in der Nacht, um ihr Ziel um 5 Uhr und 45 Minuten zu erreichen. Die Personenpost nahm auch unterwegs Fahrgäste auf. Ab 15.3.1878 wurde die Personenpost zwischen Berlin und Neuruppin aufgehoben. Stattdessen wurde eine viersitzige Personenpost zwischen Kremmen und Berlin eingerichtet, die um 10 Uhr abends Berlin verließ und um 2 Uhr und 20 Minuten in Kremmen eintraf. Umgekehrt verließ sie Kremmen um 4 Uhr in der Frühe und erreichte Berlin um 8 Uhr und 20 Minuten. Beiwagen wurden nach Bedarf gestellt.

Das ab 1.1.1880 ermäßigte Personengeld betrug für die Strecke von Kremmen nach Berlin oder umgekehrt 2,50 Mark. Personen-Beiwagen wurden nun nicht mehr eingesetzt, dafür statt des viersitzigen ein sechssitziger Hauptwagen.

Am 11.9.1880 veröffentlichte die Kaiserliche Ober-Postdirektion, dass vom 20. 9. an „die Stationen für regelmäßige Posten und Beiwagen in Cremmen und Hennigsdorf sowie die tägliche Personenpost zwischen Berlin und Cremmen aufgehoben“ werden. Von diesem Tage an wurde durch das Fuhrunternehmen Fahle und Wendland  zu Velten ein täglich zweimal verkehrendes Privat-Personenfuhrwerk zwischen Berlin und Velten eingesetzt. Es beförderte auch sämtliche Postsendungen. Das Fuhrwerk verkehrte wie folgt:

Ab Berlin (Hof-Postamt) 7 Uhr früh und 6 Uhr abends, Ankunft in Velten 10 Uhr 15 Minuten  vormittags und 9 Uhr 15 Minuten abends.
Ab Velten 4 Uhr früh und 4 Uhr nachmittags, Ankunft in Berlin (Hof-Postamt) 7 Uhr 15 Minuten früh und 7 Uhr 15 Minuten abends.

Über welchen Zeitraum diese Personenbeförderung erfolgte, müsste noch geklärt werden. Zu vermuten ist, dass spätestens 1893 mit der Inbetriebnahme der Eisenbahnstrecke von Berlin nach Velten, der sogenannten Kachelbahn, die Einstellung erfolgte.

Doch zurück zu August Dühn und seiner Tätigkeit als Pferdeomnibusfahrer. Es ist gut denkbar, dass er diese Arbeit bei Fahle und Wendland verrichtete, auch wenn dies nicht genau den Erinnerungen ihrer Enkelin entsprach. Sie nannte ja als Ausgangspunkt der Fahrten Kremmen und als Ziel das Oranienburger Tor in Berlin.

Unsere Betrachtungen führen uns jetzt zu Friedrich Dühn und Ehefrau, die Eltern von Erna Schulz. Friedrich Dühn war nach Angaben der Tochter 14 Jahre im Schloss Tegel als Pferdepfleger und Hausdiener beschäftigt. Ihre Mutter war Erzieherin bei einer jüdischen Familie in Charlottenburg, die drei Töchter hatte. Diese Familie machte regelmäßig Urlaub in einem Haus, das zum Tegeler Schloss gehörte. Dadurch lernten sich 1901 die Eltern von Frau Schulz kennen und heirateten ein Jahr später. 1902 erblickte in der Schloßstraße 12 das Kind Erna das Licht der Welt, dem später zwei weitere Mädchen mit den Namen Charlotte und Käthe folgten. Das Haus Schloßstraße 12, in dem Friedrich Dühn 1903 unter der Berufsbezeichnung Hausdiener gemeldet war, gehörte übrigens dem Regierungsrat von Heinz (Kyritz).

Frau Erna Schulz, geb. Dühn, berichtete weiter, dass ihr Vater – auch durch Erhalt von Trinkgeldern – eisern gespart hatte. Angeblich waren es in den 14 Jahren zu Schloss Tegel 10000 Mark. Wesentlich später wurde dadurch ein Hauskauf möglich, von dem weiter unten berichtet wird. Frau Schulz erzählte auch davon, dass zu Schloss Tegel „absolut keine Hemdsärmel“ geduldet wurden. Alle Leute mussten immer perfekt gekleidet sein. Ob damit die Personen gemeint waren, die auf dem Schloss arbeiteten, oder aber die in das Schlossrestaurant einkehrenden Gäste, wurde nicht nachgefragt. Vermutlich war letztere Personengruppe gemeint, denn im weiteren Zusammenhang folgte die Aussage, dass es gegenüber, in der Waldschänke, immer lustig zuging. Hier erhielten die Pferde aus einem Trog ihr Wasser und jeder Gast sein Bier. Erna, die älteste Tochter der Dühns, wurde noch in der alten (1911 abgerissenen) Tegeler Dorfkirche getauft, während die Konfirmation durch Pfarrer Rieß in der (1912 eingeweihten) neuen Kirche erfolgte.

SchlieperstrIn der Schlieperstraße 44 (nahe der Spandauer Straße, dem heutigen Eisenhammerweg) entstand vor 1898 ein Wohngebäude, welches dem Rentier F. Krause aus Stralau gehörte. 1904 ging es in das Eigentum des Bierverlegers A. Baesekow über, der das Gewerbe für eine kurze Zeitspanne an den Bierverleger K. Dittmann abgab. 1908 übernahm dann Friedrich Dühn den Betrieb, in dem er eine Mineralwasserfabrikation einrichtete. Zu dieser Zeit gab es in Tegel noch drei weitere Fabriken, die Selterwasser, wie man damals auch sagte, herstellten. Trotz der Konkurrenz entwickelte sich das Unternehmen gut, sicher nicht zuletzt dadurch, dass die ganze Familie mithalf. Auch die Kinder trugen Arbeitskleidung, zum Beispiel Schürzen. Nebenbei wurden eine Ziege und ein Ziegenbock gehalten, die von den beiden jüngeren Geschwistern zu deren Leidwesen auf einer Wiese am Tegeler See gehütet wurden. Hingegen wurde eine Badeanstalt in der Nähe gern und regelmäßig besucht. Auch eine Hafenkantine gab es.

Geschwister Dühn

Die Schwestern Charlotte, Käthe und Erna Dühn

Die Kinder der Dühns wurden stets angehalten, zu allen Leuten freundlich zu sein. Bis hin zum Straßenkehrer war jeder zu grüßen, auch wenn dies nicht alle Leute taten. Der Vater wollte es so.
Erna Dühn besuchte die sechsklassige Volksschule in der Treskowstraße 26-31. Später wechselte sie zur Höheren Mädchenschule, die sich anfangs ebenfalls auf dem Grundstück der Volks- bzw. Gemeindeschule befand, dann in der Schöneberger Straße 30 (heutiger Medebacher Weg). Die Einrichtung, später Lyzeum genannt, hatte auch eine Aula und zwei Turnhallen. Doch diese Schule musste sie wieder verlassen, weil sie oft krank war. Eine Mitschülerin von ihr war Lieschen Müller. Ihr Vater Wilhelm Müller, Berliner Straße 90, gab den Berlin-Tegeler Anzeiger, das Amtliche Publikationsorgan für den Amts- und Gemeindebezirk Tegel und den Gemeindebezirk Heiligensee heraus. 1913 erschienen in Tegel noch vier weitere Zeitungen.

Übrigens wohnte in der Schlieperstraße 61 ein Wilhelm Dühn. Im Adressbuch des Jahres 1904 wird sein Beruf mit „Maurer“ angegeben. Im Jahre 1909 war er Molkereibesitzer (14 Kühe standen im Stall) und Kohlenhändler in derselben Straße, nun aber Haus-Nummer 24. August Wietholz, der Chronist von Tegel, nennt in seinem Buch „Geschichte des Dorfes und Schlosses Tegel“ in einer Liste der im ersten Weltkrieg Gefallenen auch den  Kohlenhändler Wilhelm Dühn, geb. 18.5.1876, gefallen durch einen Kopfschuss am 29.3.1915 bei Tauroggen. Er war wohl ein jüngerer Bruder von August Dühn, dem Pferdeomnibusfahrer mit dem Horn.

Pferdefuhrwerk

Getränkeauslieferung mit dem Pferdefuhrwerk. Stolz präsentiert sich die Familie Dühn vor dem Haus Schlieperstraße 44

Während des ersten Weltkrieges, der bekanntlich am 2.8.1914 begann, verletzte sich Erna Dühn am Arm durch eine tiefe Schnittwunde. Ihre Mutter band den Arm sofort ab, gemeinsam liefen Mutter und Kind dann zum ehemaligen Restaurant Kaiserpavillon. Hier war jetzt ein Lazarett für die im Krieg verwundeten Soldaten eingerichtet. Erna wurde dort behandelt. Später ging man dann immer zu Dr. Albert Froehlich, ein jüdischer praktischer Arzt in der Berliner Straße 98. In demselben Haus war auch lange Zeit die Eisenwarenhandlung von O. Staschke.

Es war wohl im Jahre 1926, als Erna Dühn Wilhelm Schulz, geb. 29.10.1896, heiratete. Kennen gelernt hatten sich beide im Kriegerverein Tegel, den Erna als sehr wichtig für die Gemeinde und als „absoluten“ Heiratsmarkt erwähnte. Schulz kam 1920 nach Tegel. Er war Lagerverwalter für den gesamten Bürobedarf bei  Borsig. Er stellte in der Dühnschen Mineralwasserfabrikation den Betrieb auf eine automatische Produktion um. Die jüngere Schwester von Erna Schulz, wie sie nun hieß, Charlotte, heiratete 1927 Willy Hochfeld, der als Gastwirt in der Hauptstraße 17 a (heute Alt-Tegel) das Restaurant Tusculum besaß. Oft war Erna Schulz bei ihrer Schwester Charlotte Hochfeld zu Besuch. Im ersten Stock des Gebäudes war eine schöne große Wohnung, von deren Balkon aus die Schwestern auch in den Garten von August Ziekow, Rechtsanwalt und Notar, wohnhaft Hauptstraße 18, blicken konnten.
Käthe Dühn, weitere bereits erwähnte Schwester von Erna, heiratete einen Herrn Laube.

Dühn

Auf dem Hof der Mineralwasserfabrik von Friedrich Dühn

Kehren wir nun zu Friedrich Dühns Mineralwasserfabrik zurück. In den 1930er Jahren warb er damit, Tegels älteste Fabrik mit elektrischem Betrieb zu sein. Eine Niederlage der gothaischen Kohlensäurewerke, sämtlicher Hochschulbiere, Landré-Weißbier und Harzer-Sauerbrunnen gehörten zudem zum Unternehmen. Erfolgte die Auslieferung der Getränke anfangs mit Pferdefuhrwerken, stellte Dühn später den Fuhrpark auf Mercedes-LKW um. Es waren vermutlich drei Fahrzeuge.

Dass das Unternehmen viel einbrachte, beweist auch die folgende Begebenheit, die Erna Schulz berichtete.

Briefbogen

Der Kopf eines Geschäftsbogens aus den 1930-er Jahren.

1938 gingen eines Tages Friedrich Dühn und seine drei Töchter Unter den Linden spazieren. Vor einer Verkaufsniederlassung von BMW blieben sie stehen und bestaunten ein schönes Auto. „Wollen wir das kaufen?“, fragte Dühn seine Kinder. Eine Woche später stand das Auto dann schon vor der Haustür in der Schlieperstraße. Wie es der Zufall wollte, besaß einer der drei in der Berliner Straße niedergelassenen Zahnärzte  ebenfalls ein solches BMW-Auto. Er soll daraufhin sehr eifersüchtig gewesen sein. Doch es kam noch schlimmer: Mit Kriegsbeginn 1939 wurden viele Auto beschlagnahmt, auch das des Zahnarztes, während Dühn seinen BMW noch behalten durfte. Daraufhin klagte der Zahnarzt in einem lange währenden Prozess mit dem Ergebnis, dass Dühn seinen Wagen an ihn abgeben musste. Es soll dann auch lange gedauert haben, bis die Dühns Geld für das Auto bekamen.

Im Jahre 1942 verkaufte Friedrich Dühn seinen Betrieb. Im Adressbuch 1943 ist das Unternehmen aber noch unverändert verzeichnet. Das Branchen-Adressbuch 1951 nannte Else Krüger als Nachfolgerin der Mineralwasserfabrikation.

Der Mann von Erna Schulz, geb. Dühn, verstarb am 28.1.1968. Frau Schulz verkaufte das Haus in der Schlieperstraße 44 um 1970 und zog in das Märkische Viertel, lebte hier in einer 1-Zimmer-Wohnung und versorgte sich trotz des hohen Alters noch selbst. Wann Frau Schulz verstarb, ist nicht bekannt.

Mineralwasserbetriebe verwendeten früher glasklare, durchsichtige Pfandflaschen mit Porzellan-Verschlüssen. Die Flaschen, oft auch die Verschlüsse, waren mit den Hersteller-Angaben versehen. Das war sicher auch bei Dühn der Fall. Ob sich wohl in einer Kellerecke eine solche Flasche, ein beschrifteter Porzellanverschluss oder zumindest ein Foto noch ermitteln lässt?
Wie bereits einleitend angedeutet, wurden 1990 durch Befragung der Frau Schulz Aufzeichnungen gefertigt, die für diesen Artikel verwendet wurden. Die Recherchen nahm Frau Margot Weiß, Tegel, vor. Frau Weiß stellte sie nebst Reproduktionen der abgebildeten Fotos dankenswerterweise dem Verfasser dieses heimatkundlichen Beitrages zur Verfügung.

Gerhard Völzmann

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