Meine schlanke Cäcilie

Von Erich Vogeler

Ich habe mir eine Freundin angeschafft, denn es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Ich habe lange gesucht: Gott, man wird so wählerisch mit den Jahren. Was sie auch alles für Tugenden haben sollte. Die Hauptsache war aber doch die Schlankheit. Schlank, sehr schlank. Zwar warnte mich der sachverständige Mann, den ich um Rat fragte, und durch dessen Hände schon sehr viele gegangen. „Die Schlanken,“ sagte er, „die Schlanken haben gewiss ihre ästhetischen Reize, aber, aber – sie sind ein bisschen gefährlich.“ Ich lächelte. „Spiel und Gefahr, dass ist´s doch, was der echte Mann sucht.“

Wir gingen am Ufer des Tegeler Sees entlang, den Pappel- und Weidenweg am Kran und der Bootsbauerei vorüber. Es war im Frühjahr, und ein leiser, zitternder Sprühschauer bog die schlanken, schmächtigen Pappeln … „Ich liebe nun mal die Schlankheit,“ sagte ich.

Ein paar Wochen später hatte ich meine schlanke Freundin. Nun ja, es gab Augenblicke, wo ich an die Warnung recht peinlich erinnert wurde, wo ich mich glatt reingefallen fand. Aber was macht das! Spiel und Gefahr, spricht Zarathustra1. Dazu hatte ich sie mir doch angeschafft. Sie ist so schön, meine Freundin, meine schlanke Freundin.

Cäcilie heißt sie. Könnte sie mit diesem Namen dick und rund sein und breit wie eine Flunder? Könnte man auf eine Flunder solche schmelzenden Cäcilianen dichten, wie ich auf meine Freundin? Und wie wundervoll ihre Schönheit im Rahmen steht, wie sie ins Bild, in die Milieustimmung passt!

Im Gebirge, ich gebe zu, im Gebirge würde sie etwas deplaciert, vielleicht sogar lächerlich wirken. Aber hier in Tegel mit dem blauen See und dem weichen Dunkel seiner Uferbüsche und den Lichtern und der Musik des Abends ringsherum, hier ist sie zu Haus, ein Tegeler Kind. Man muss sie sehen, wenn sie im lichten, weißen, leicht geblühten Kleid am Strand steht im sonnigen Wind, auf dem Hintergrund des perlmutterschimmernden Sees. Sie wiegt sich leise in den Hüften. Oder Abends, wenn sie still wird, und ihr Gang so etwas Nachdenkliches bekommt, wie ein verspätetes Lied. Wie schön ist dieses Bild, dieses weiße vergleitende Bild vor dem Dunkel des Sees!

Bei dem Segelboot Höhe Liebesinsel handelte es sich wohl nicht um die von Erich Vogeler beschriebene „schlanke Cäcilie“.

O, und man muss sie tanzen sehen. Diese Leichte, Federnde, Sichere, ein Tänzeln, ein Spielen, ein schimmerndes wiegendes Lächeln; ich brauche sie gar nicht zu führen. Aber dann kommt plötzlich die Leidenschaft über sie und mit geblähten, zitternden Nüstern jagt sie dahin. Ah, Rasse hat das Mädel. Wie ein Schrei der Sehnsucht, mit dieser jähen, scharfen, schneidenden Grazie. Da lieb´ ich sie am meisten, wenn sie gefährlich wird. Sie wirft sich nach rechts und wirft sich nach links, eine rauschende Wildheit. Durchgehen möchte sie am liebsten. Aber ich halt´ sie im Zaum, mit sicherer Hand, ich, der Mann …

Wie sie sich ergibt, der Wirbel ist verweht, es wird Abend, und die Stille kommt und die Sterne. O, wie wundervolle Nächte! Dann kommt etwas Träumerisches über sie, und eine Zärtlichkeit. Am Rande der „Liebesinsel“ liegen wir, ich hab´ mich ausgestreckt in ihren gebogenen Arm und schaute in den Mond und die Stirne. Sie wiegt mich ganz leise und summt ein Lied zu der Musik, die von ferne kommt …

Wenn sie nur nicht immer wieder so launenhaft wäre. Aber diese Weiber! Sie können nicht anders. Plötzlich wollen sie durchaus nicht so wie unsereins. Dann werden sie böse: Man soll kein Träumer sein, handeln soll man, ein Mann soll man sein! Ha, sie ergrimmt, sie reißt sich hoch, und eh´ ich mich versehe, hat sie mich boshaft ins Wasser geworfen. Und dann kommt natürlich das gute Gemüt in ihr auf, sie stürzt sich sofort nach, den Kopf voran, und trägt mich auf ihrem Rücken ans Land.

An Regentagen ist nicht viel mit ihr zu wollen, dann bekommt sie leicht ihre melancholischen Anfälle, wird sentimental und fängt an, mich zu plagen: „O, du liebst mich lange nicht so zärtlich mehr! Du bist mir nicht treu genug. Ich weiß, du denkst daran, dass du mich bald wieder loswerden willst.“ Gott ja, bei Regenwetter kann sie einen schon langweilen. Bloß Unkosten und kein Vergnügen. Und wenn nun gar erst der Winter kommt. Im Winter liebt man das Häusliche und Mollige. Da ist meine schlanke Freundin nicht zu gebrauchen. Sie ahnt schon richtig; ich denke bereits manchmal daran, wie ich sie zu gegebener Zeit wieder auf anständige Weise wieder loswerden kann. Wenn sie meine Tante Ida wäre, würde ich ihr einfach Räder untersetzen und sie an die Autobusgesellschaft veräußern. Aber meine schlanke Cäcilie? Zwar sagte mir der sachverständige Mann, man könnte ihr für den Winter Schlittenkufen besorgen, und dann könnte ich, wenn der Tegeler See hält, mit ihr Segelschlitten fahren. Aber ich weiß doch nicht, ob meine schlanke Freundin ohne weiteres mit sich Schlittenfahren lässt.

Manchmal, ach, manchmal befällt mich auch eine trübe Ahnung, dass sie mir vielleicht noch eher untreu werden könnte, als ich ihr. Sie sieht bisweilen so voll schmachtender Unruhe in die Ferne. Diese modernen Weiber warten alle so auf das „Wunderbare“. Und vielleicht kommt wirklich eines Tages solch ein märchenhafter blauer Wundervogel und entführt mir die Freundin.

Und am nächsten Tage steht in dem „Tegeler Anzeiger“ zu lesen: „Zwangsversteigerung. Ein schlankes Segelboot meistbietend zu verkaufen. Der Gerichtsvollzieher.“

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Anmerkung:

Bei dem Artikel handelt es sich um den Nachdruck eines 1913 in deutscher Sprache im „Scranton Wochenblatt“ (gegründet 1865) veröffentlichten Beitrages. Scranton ist eine US-amerikanische Stadt im Bundesstaat Pennsylvania.

Gerhard Völzmann

1Lehrte im 2. oder 1. Jahrtausend v. Chr. als Priester.

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