Onkel Paul und Baden-Baden

Die Tegeler Reederei Paul Bauer

Wenn von Schiffen die Rede ist, denkt man sofort an die großen Ozeanliner oder an große Segelschiffe. Wenn dann die Rede auf Tegel kommt, fällt einem vielleicht der MOBY DICK oder der HAVELSTERN ein. Weniger bekannt sind die vielen kleinen Reedereien, für die der Tegeler See in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen ein wahres Paradies war. Einer der bekanntesten dieser Betriebe war die Reederei Paul Bauer. Alle Schiffe dieser Reederei waren klein, zusammen kamen die fünf Schiffe auf 415 Fahrgäste. Soviel kann ein MOBY DICK bequem alleine transportieren. Bis Anfang der 1960iger war der Tegeler See das Mekka der kleineren Fahrgastschiffe. Die großen der Stern und Kreisschiffahrt und der Reederei Winkler kamen erst zu dieser Zeit auf den See.

Die Reederei Paul Bauer mit ihren ONKEL PAUL 1 bis 5 genannten kleinen Booten war auch ein echter Tegeler Betrieb. Keins ihrer Schiffe war über zwanzig Meter lang, trotzdem war Bauers Reederei fast allen Tegelern bekannt. Mit Bauers Schiffen konnten auch für den kleinen Geldbeutel Dampferfahrten gemacht werden. Nicht die Große Rundfahrt (Tegel- Wannsee) stand auf dem Programm, sondern es ging von Tegel zum Strandbad, oder zum Forsthaus Tegel.

Die Reederei Bauer existierte seit 1930. Wie es sich für einen typischen Berliner gehört, stammte Paul Bauer natürlich nicht aus Berlin. Geboren wurde er 1896 in Potsdam. Als Sohn einer in Fürstenwalde/Spree ansässigen Schifferfamilie kam er frühzeitig mit der Schifffahrt in Berührung. Der Betrieb des Vaters war mit einem hölzernen Kahn mit dem Transport von Kies beschäftigt. Meist fuhr er für die Rauensche Ziegelei in Fürstenwalde. Daneben wurde auch Abraum gefahren und Formlehm für die Gießerei nach Tegel zu den Borsigwerken gebracht. Noch nicht zwanzig Jahre alt, erwarb Paul Bauer einen eigenen Kahn, mit dem er dieselben Strecken wie sein Vater befuhr. Bis in die zwanziger Jahre hinein führte Bauer dieses recht mühselige, unstete Schifferleben.

Nach seiner Heirat 1924 und dem Rückgang der Kahntransporte musste er sich neue Gedanken für sein weiteres Leben machen. Die Kenntnisse der Situation in Tegel, einem für den Ausflugsverkehr wie geschaffenen Gebiet, ließen ihn mit seiner Familie nach Tegel ziehen und mit einem 1930 vom Rhein gekauften Fahrgastschiff einen Ausflugsverkehr eröffnen. Dieses Boot, das den Namen ONKEL PAUL bekam, war für 91 Personen zugelassen.In Königswinter 1914 auf der bekannten Schiffswerft Jean Stauf erbaut, war es zunächst in Mainz in Fahrt. Von der Französischen Besatzungsmacht requiriert, fuhr es als Kontrollboot für die alliierte Kontrollkommission bei Königswinter. 1929 kam es nach Köln, wo Paul Bauer es erwarb und per Bahn nach Berlin Tegel brachte.

Bis 1934 erweiterte sich der Betrieb um zwei weitere Boote. Aus Ückermünde konnte Bauer ein zweites Schiff erwerben, das er ONKEL PAUL II nannte. Nun bekam auch das erste Schiff eine Nummer hinter dem Namen, es hieß nun ONKEL PAUL I. Das dritte Boot, logischerweise ONKEL PAUL III benannt, war ein altes Tegeler Boot. Als OSTENDE war es bei Carl Pieper in Fahrt und brachte Badegäste auf die Insel Hasselwerder zum dortigen Strandbad. Wie hieraus zu sehen ist, muss sich Bauers kleiner Betrieb gut entwickelt haben. Trotz der Konkurrenz auf dem See, setzte sich seine Idee eines Ausflugsbetriebes, mit dem von seinen Schiffen Badegäste und Ausflügler zu den Tegeler Strandbädern und Gaststätten gebracht wurden, recht gut durch. Die vier Stationen, die Bauer anlief, Strandbad Tegel, Tegelort, Jörsfelde und Saatwinkel, kollidierten wenig mit denen der anderen Reedereien. Seine Abfahrtstelle, etwas abseits unter der Tegeler Hafenbrücke, erwies sich in dieser Hinsicht auch als günstig. Bauers Reederei, „Motorboote Onkel Paul“ entwickelte sich zu einem äußerst beliebten und zuverlässigen Betrieb.

So kam es, dass schon 1935 die Reederei mit zwei weiteren Booten erweitert werden konnte, die dann neben den Namen ONKEL PAUL die Nummern IV und V bekamen. Diese beiden Boote kamen vom Straussee bei Strausberg. Zu dieser Zeit wechselte Bauer seine Abfahrtstelle auch an das Seeufer zwischen dem Bootshafen und der Sechserbrücke. Nun konnte er an Sonn- und Feiertagen alle 25 Minuten (!) eine Abfahrt ab Tegel anbieten. Bis 1963 existierte die Reederei Paul Bauer in Tegel, er starb 1966.

Das ONKEL PAUL IV erwarb Günter Taube, ONKEL PAUL I wurde 1963 abgebrochen, ONKEL PAUL II überstand den Krieg nicht, es wurde von den Wehrmacht in Russland und Polen eingesetzt und ist dort verschollen. ONKEL PAUL V wurde 1962 zum Sportboot. Lediglich ONKEL PAUL VI hatte in Berlin noch eine längere Zeit vor sich, zuerst als ONKEL PAUL (ohne Nummer), dann als Verkaufsboot PRÄPELBOOT I. Neben Linienfahrten standen natürlich auch Rund- und Kaffeefahrten auf dem Programm. Ihre Strecke, ab Tegel ging es nach Tegelort, angefahren wurde neben Strandbad Tegel auch der Badestrand Forsthaus, war besonders für Kinder attraktiv. Die kleinen Preise und der urige Käptn, der immer mit den Kinder seinen „Ärger“ hatte, wollten die doch das Schiff zum schaukeln bringen, sorgten für gute Stimmung. Mit ein paar strengen Worten kehrte aber schnell wieder Ruhe ein. Das wusste auch Paul Bauer und freute sich jedes Mal auf die Kinder.

MS Baden-Baden

Auf eine lange Geschichte blickt die heute nicht mehr existierende Reederei Lahe aus Saatwinkel zurück, als Reederei auf dem Tegeler See aber erst seit kurz vor dem zweiten Weltkrieg. Als Fährbetreiber begannen Teile de Familie Lahe auf dem Tegeler See. Mit dem Bau eines Fährbootes wurde 1903 der Betrieb der Werft gegründet. Neben Yachten wurden auch kleine Fahrgastschiffe gebaut. So wurde auch die Tegeler Reederei Bigalke Kunde bei Lahe. Durch diesen Kunden kam die Werft dann zu ihrem ersten Fahrgastschiff – quasi wie die Jungfrau zum Kinde.

Als die Reederei Bigalke 1930 einen Neubau, der den Namen BUSSARD bekam, bauen ließ, dachte noch niemand bei den Lahes daran, dass dieses Schiff, der Grundstock für die eigene Flotte werden sollte. Als kurz vor dem Krieg für den BUSSARD ein Umbau vorgesehen war, und Bigalke nicht die Baukosten abzahlen konnte, ging das Schiff an die Bauwerft zurück und bildete den Grundstock des Reedereibetriebes von Erich Lahe (Sen.). Das nun umgebaute Fahrgastschiff, mit einer erhöhten Back und einem Sonnendeck, wurde weiter als BUSSARD eingesetzt. Somit wurde kurz vor dem 2. Weltkrieg die Reederei Lahe gegründet. Erfahrung mit dem Reedereibetrieb hatte die Familie Lahe schon gesammelt, neben dem Fährbetrieb des Onkels gab es schon in den späten dreißiger Jahren vereinzelt Versuche ein Fahrgastschiff einzusetzen bzw. zu vermieten. Eine richtige Reederei gab es aber nicht. Als Werftbetrieb war es für Erich Lahe sen. leicht an neue Schiffe zu kommen.

Recht schnell wurde der Betrieb vergrößert, schon 1949 zählten 5 Schiffe zur Flotte. Da mit der Reederei Bigalke ein Konkurrent ausschied konnte Lahe deren Platz einnehmen. Das Hauptbetätigungsfeld der Reederei wurde naturgemäß der Tegeler See. Anlegestellen gab es aber auch am Landwehrkanal und anderswo. Das Reedereiprogramm bestand aus Liniefahrten auf Tegeler See und Oberhavel, Sonderfahrten nach Berlin und Schiffsvermietungen.

Der BUSSARD konnte 1969/70 umgebaut werden, hierbei wurde das Schiff größer und war nicht mehr zu erkennen. Als BADEN- BADEN kam es wieder in Fahrt. Bis 1990 wurde es von Erich Lahe betrieben. Als letztes kleineres Rundfahrtschiff auf dem See. Nach Aufgabe der Reederei Lahe 1992 wurde die BADEN- BADEN an die Reederei Bethke verkauft und zuerst noch weiter als BADEN-BADEN betrieben. Die etwas trostlose Entwicklung am See bewirkte, dass das Schiff nicht mehr gewinnbringend eingesetzt werden konnte, ein Verkauf 2002 bot sich als Lösung an.

Als LATERNA war es nun kein Fahrgastschiff mehr, sondern wurde als schwimmende Discothek und Gaststätte von seinen neuen, türkischen Eignern an der Fennbrücke festgemacht. Bei Gelegenheit sollte es zwar als Partyschiff auch Fahrten machen, aber dazu kam es nicht. Auch das Restaurant lief nicht wie erwartet.

2003 am Steg gesunken, wurde es zwar von der Feuerwehr geborgen, aber als Restaurant war es nicht mehr brauchbar. Der Zustand des Schiffes verschlechterte sich zusehends.

2005 wurde es wieder von der Reederei Bethke erworben, zu neuem Leben erweckt und umgestaltet, der Einsatz erwies sich aber wieder als nicht erfolgreich. So charterte die Reederei Unger das Schiff und gestaltete es im „Piratenlook“ um. Als FREIBEUTER sollten von Tegel aus Fahrten in die Berliner City unternommen werden. Die paar Fahrten die man machen konnte, erwiesen sich aber auch nicht als gewinnbringend. Durch den Verkauf des FREIBEUTERS 2011 an eine Handelsagentur aus Mittenwalde, die bestimmt besondere Pläne hatte, konnte sich Unger vom wenig Einnahmen bringenden Schiff befreien.

Zum Hafen Königswusterhausen verbracht, wartete das Schiff nun auf neue Beschäftigung, die aber nicht kam. Stattdessen liegt das Schiff heute noch verrostend als Wrack im Hafen. Von der S-Bahn, kurz vor erreichen von KW ist es kurz zu sehen. Für die Anrainer ist das 2018 abgesoffene Schiff ein Ärgernis. Nach aufwändiger Bergung liegt es weiterhin im Hafen von Königswusterhausen. So endet vorerst die Geschichte eines der bekanntesten Tegeler See Schiffe äußerst unrühmlich als Ärgernis.

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