Hier stand das nach dem Dorfbrand von 1835 erbaute, vielleicht etwas später erweiterte eingeschossige Wohnhaus des Bauern Nieder mit einem dahinter an der linken Grenze gelegenen Stallgebäude. Das langgestreckte Wohnhaus wies einen zurückhaltenden Fassadenstuck auf. Friedrich Nieder ließ nach dem Abriss des bisherigen Wohnhauses als Geldgeber für seinen Sohn Willy Nieder (1881-1936), einen Gärtnereibesitzer, im Jahre 1909 das viergeschossige Mietwohnhaus Alt-Tegel 30 (früher Hauptstraße 13) wiederum nach einem Entwurf von Johannes Ernst erbauen. Das Haus wurde mit einer vornehmen Fassade im Stil von 1910 versehen.
Im Zweiten Weltkrieg brannte das Haus vollständig aus. Der amtlich festgestellte Schadensgrad betrug 70,3 Prozent. Die solide Bauweise des Gebäudes erlaubte es den Niederschen Erben, das Haus annähernd in der alten Gestaltung durch den Architekten Hans Steinert (Tegel) 1952 wieder aufbauen zu lassen, jedoch musste die Fassade vereinfacht verputzt werden. Seit 1975 gehört das Grundstück der „Gemeinnützigen Wittenauer Wohnungsgesellschaft e.G.“ (jetzt „Gewiwo“ genannt), die 1984 die Dachgeschosswohnungen ausbauen ließ.
In den 1920er- bis 1940-Jahren war in diesen Wirtschaftsgebäuden der Abmelkbetrieb von Karl Klimpel untergebracht. Der Inhaber hielt hier Kühe und verkaufte die frische Milch an die Tegeler Hausfrauen. 1930 beschwerten sich die Hausmieter über die vom Kuhstall ausgehende Geruchsbelästigung und Willy Nieder ließ eine neue Dunglagerstätte einrichten. In einem der Wirtschaftsgebäude war 1941 auch eine Spritzlackiererei tätig.
Im Zweiten Weltkrieg wurden die Wirtschaftsgebäude teilweise zerstört. Die übrigen wurden abgetragen, bevor man hier 1981 den Häuserblock Medebacher Weg 37-37c erbaute.

Krumme Linde

Vor dem Haus Alt-Tegel 30 stand früher auf dem Bürgersteig am Straßenrand die in der Umgebung weithin bekannte „Krumme Linde“. Dieser merkwürdig gewachsene Baum wies nicht nur einen weit gespaltenen Doppelstamm auf, sondern auch einen aus dem Boden wachsenden, fast waagerecht verlaufenden Nebenbaum, der sich über dem Boden mit dem Hauptstamm vereinigte, so das Kinder durch die von beiden Stämmen gebildete Toröffnung hindurchkriechen konnten. Außerdem ritten die Tegeler Kinder auf dem Nebenstamm wie auf einem Kamelrücken, so dass die Linde auch als „Kamelslinde“ bezeichnet wurde. Möglicherweise handelte es sich um zwei verkrüppelte zusammengewachsene Bäume. Die Linde war schon um 1850 weithin bekannt. Später wurde der Torbogen ausgemauert und einer der oberen Stämme entfernt, um den Baum zu erhalten. In den 1950er-Jahren wurde er gefällt. Ob die Linde schon im Mittelalter als Gerichtslinde bei den Sitzungen des Dorfgerichts diente, wie Wietholz (Seite 50) meint, ist nicht nachweisbar.

K. Schlickeiser