Tegeler Weihnachten im Jahre 1859

Wer – gerade in der Vorweihnachtszeit – das geschäftige und teilweise auch hektische Treiben in den Einkaufsstraßen, den Läden und den beiden Einkaufscentern Tegels beobachtet, kann sich vermutlich nur schwer vorstellen, wie es am gleichen Ort wohl vor über über 150 Jahren aussah. Einen Eindruck vermittelt das 1855 von Dr. Heinrich Berghaus auf Veranlassung des Staatsministers Flottwell geschriebene „Landbuch der Mark Brandenburg und des Markgrafthums Nieder-Lausitz in der Mitte des 19.Jahrhunderts“, in dem über das Rittergut und das Dorf Tegel berichtet wird. Zu Letztgenanntem heißt es hier:

Die Dorfgemeinde Tegel besteht aus 7 Bauern, 2 Cossäthen, 1 Eisenhammer (seit 1837 von Egels, dem Besitzer der Maschinenbau-Anstalt zu Berlin, angelegt), 1 Windmühle (seit 1833) und 8 Büdnern. Die ganze Feldmark ist nach einer Schätzung 1039 Morgen groß, davon der Kirche 10 und der Pfarre 120 Morgen gehören. In dem Gesammt-Areal sind auch der Main- und der Reiswerder, im Tegelschen See belegen, mit 18 Morgen enthalten. Der Acker ist durchweg sandig und leicht, und die Wiesen sind, bis auf 20 Morgen mittelmäßiger Art, von schlechter Beschaffenheit. Darum sind auch die wirthschaftlichen Verhältnisse der bäuerlichen Güter nicht in bester Lage; aber dennoch befinden sich die in ziemlich guten Vermögens-Verhältnissen, indem die Nähe von Berlin es denselben möglich macht, alle Wirthschafts-Erzeugnisse vortheilhaft zu verwerthen und außerdem Gelegenheit geboten ist, städtisch eingerichtete Wohnungen an Berliner Sommergäste für bedeutende Preise zu vermiethen.

Ergänzend zu dieser Schilderung hier noch eine Statistik über das Dorf Tegel, erhoben im Dezember 1858. Danach gab es:

296 Einwohner19 Morgen Gartenland36 Pferde
54 Ehen609 Morgen Acker73 Rinder
5 öffentliche Gebäude86 Morgen Wiese– Schafe
31 Wohngebäude– Morgen Weide183 Taler Grundsteuer
45 gewerbl. / wirt. Gebäude349 Morgen Wald344 Taler Klassensteuer
10 Gehöfte27 Taler Gewerbesteuer

Sowohl Berghaus´ Schilderung als auch die Statistik zeigen, dass Tegel in den 1850er Jahren noch ausgeprägte bäuerliche Strukturen aufwies, sich aber auch schon Veränderungen allein durch den Betrieb des Egellsschen Eisenhammers abzeichneten. Dies kam zudem in der Einwohnerschaft Tegels zum Ausdruck. Namen wie Ziekow, Marzahn, Schulze, Wilke und Müller standen für die Berufe des Bauern (und sogenannte Alt-Sitzer), des Büdners und des Kossäten. Einen Lehnschulzen (August Ziekow) und einen Schmiedemeister namens Schulze gab es natürlich. Sattlermeister Rackau, Schuhmacher Ruppin, Schneidermeister Voß und Carl Müller als Zimmerpolier vertraten Handwerksberufe. Es wohnten aber auch schon sehr viele Arbeiter, damals als Arbeitsmänner bezeichnet, in dem Dorf.

Göpelanlage

Eine Göpelanlage mit Dreschmaschine aus dem Jahre 1856

Unser Rückblick führt uns nun in das Jahr 1859. Für die Besitzer der bäuerlichen Anwesen, für ihre ihre Knechte und Mägde, war natürlich wie seit eh und je der Verlauf der Arbeiten stark von der Witterung abhängig. Ende März war die Zeit der Frühjahrsbestellung, im Juni der erste und im August/September der zweite Schnitt des Grases für die Heuernte, Mitte Juli begann die Roggenernte,  Anfang  September endete die Getreideernte und im Juli war die Zeit der Ernte der Frühkartoffeln, gefolgt von der weiteren Kartoffelernte im September und Oktober. Die Zeit der Herbstbestellung in denselben Monaten beschloss die Feldarbeiten. Nun endete die Zeit, in der um 4 Uhr aufgestanden, das Vieh gefüttert und von 6 bis 18 Uhr auf dem Feld gearbeitet wurde.
Bauern, die zu dieser Zeit schon eine Göpelanlage besaßen, spannten dann bis zu   zwei Pferde ein, die in unzähligen Runden im Kreis laufen mussten, um eine Dreschmaschine anzutreiben. Dass 1859 in Tegel schon eine solche Anlage stand, ist nicht zu vermuten. Beides zusammen, also Göpelanlage und Dreschmaschine, kostete bei der Firma C. Beermann, vor dem Schlesischen Tor gelegen, 200 Taler! Erst in wesentlich späterer Zeit (ab 1910) setzte Bauer Ziekow in der Hauptstr. 26 eine Göpelanlage ein.

Auch wenn die obige Statistik kein Weideland ausweist, so war im Dorf doch weiterhin der Gemeindehirte Stien für die Viehhütung zuständig.

Die landwirtschaftlichen Erzeugnisse verkaufte die Tegeler Bauern in Berlin. Dazu wurden zweimal in der Woche die Pferde (oder auch Rinder!) früh um 5 Uhr angespannt, um zum Gendarmenmarkt zu fahren. Rückkehr war um 12 oder 13 Uhr. Über solche Fahrten freute sich Chausseegeldeinnehmer Lachmund, der an der Berlin-Ruppiner Chaussee die auf dem Grundstück des Schmiedemeisters Schulze gelegene Hebestelle gepachtet hatte (heute wäre dies Berliner Str. 1 Ecke Alt-Tegel).

Am 11.11.1859 stellte sich in Tegel der erste Frost ein und verkündete damit den nahenden Winter. Die Temperaturen wurden übrigens noch nach Réaumur-Graden gemessen. Im Dezember des Jahres fiel immerhin an 9 Tagen Schnee. Nun nahten die Weihnachtsfeiertage. Zuvor mussten aber noch die Ställe ausgemistet und der Dung auf die Felder verbracht werden, denn solche Arbeiten zwischen Weihnachten und Dreikönigstag verrichtet, brachten kein Glück.

Die Weihnachtsgeschenke für die Familie sowie Kleinigkeiten für die Knechte und Mägde wurden möglichst heimlich in Berlin eingekauft. Silberne Tuchnadeln gab es ab 5 Silbergroschen (Sgr.), silberne Uhrenketten ab 1 Sgr., Pfeifen, Stöcke, Zigarrenspitzen, Regenschirme und Kämme wurden zudem gern verschenkt, während für die Kinder Spielwaren in Blech und Zinn, Baukästen, Puppen oder auch nur Puppenköpfe bzw. -rümpfe als Ersatz für beschädigte Teile in Frage kamen.

Tegeler Dorfkirche

Die Tegeler Dorfkirche um 1834 . Lithographie von Hübner.

Für das Weihnachtsgebäck mussten die besonderen Zutaten gekauft werden. Mehl und frische Butter (im Laden 4 Sgr./Pfund) waren zumindest auf den Bauernhöfen ja vorhanden, ansonsten das Mehl bei der Mehlhändlerin, Frau Thießen, im Dorf erhältlich. Doch die süßen Mandeln (9-10 Sgr./Pfd.), Rosinen (5 Sgr./Pfd.) und der weiße gestoßene Zucker (4 Sgr./Pfd.) oder der weiße harte Zucker (4 ½ Sgr./Pfd. bei Kauf in ganzen „Hüten“) wurden in Berlin erstanden. Champagner, die Flasche für 1 Taler 10 Sgr., war mit Sicherheit nicht für einem Tegeler Gabentisch vorgesehen.
Am Heiligen Abend, wenn es schummrig wurde, besuchten die Tegeler die Christmette, nicht ohne zuvor die Haustiere in den Ställen mit einer Extraportion an Futter versorgt zu haben. Das Gotteshaus war ein massiver Bau mit Ziegeldach aus dem Jahre 1756, im einfachen Barockstil errichtet, der Turm mit einer Uhr versehen. Wohl kaum ein Dorfbewohner ging nicht zur Kirche. Nur der Chausseegeldeinnehmer war verhindert. Er konnte ja nicht einfach den Schlagbaum schließen. Mit den beiden Kirchenvorstehern August Müller und Friedrich Wilke, dem Königlichen Oberförster Seidel, dem Mühlenmeister Wendt, dem Ökonom Carl Buschmann, Rentier Ebers, dem Schmiedemeister Kirschstein vom Eisenhammer und natürlich vom Schlößchen Tegel Frau Minister von Bülow, Gutspächter Ewest und Dampfmühlenbesitzer Henning können hier nur ganz wenige Kirchenbesucher namentlich genannt werden. Eine feste Verteilung der Sitzplätze ist durch eine Königliche Anordnung v. 3.12.1872 überliefert, war aber sicher auch schon 1859 üblich.

Friedländer

Eintrag im Berliner Adressbuch 1857

Alle Gottesdienstbesucher waren bestimmt, ohne darüber zu sprechen, gespannt, wie Wilhelm Füllgraf  zur Christmette predigen würde. Zum neuen Pfarrer der Parochie Dalldorf (Wittenau), zu der Tegel als Filiale gehörte, war er erst in diesem Jahr (1859) berufen worden. Lange Zeit, nämlich von 1828-1859, war Pfarrer Horn als sein Vorgänger hier bekannt.
Den Gottesdienst am Heiligen Abend begleitete Schullehrer und Küster Born auf dem Harmonium. In ihrem Testament vom Febr. 1855 hatte „Frau Generalin“ von Hedemann, geb. von Humboldt, der Tegeler Kirche für „eine gute, der kleinen Kirche angemessenen Orgel“ 400 Taler vermacht. Sie selbst hatte dann bei der Berliner Firma Julius Friedländer ein Harmonium mit 14 Registern zum Preis von 300 Talern bestellt und den Wunsch geäußert, dass das Instrument zur Feier ihrer Beisetzung erstmals gespielt werden sollte. Dies geschah tatsächlich, nachdem das Harmonium am 6.1.1857, gleich nach ihrem Tod, in der Kirche aufgestellt wurde. Noch verbliebene 67 Taler, Spenden des Generals von Hedemann von 13 Talern und der Kirchengemeinde Tegel von 20 Talern dienten dann der Instandhaltung des Harmoniums, während die Zinsen der insgesamt 100 Taler zusammen mit Roggenspenden der Bauern den Küster für seine Arbeit als Organist entschädigten.

Nun spielte also zur Christmette am 24.12.1859 Küster Born auf dem Harmonium, dessen Bedienung er sich zwischenzeitlich angeeignet hatte. Zum Gottesdienst am ersten Weihnachtsfeiertag sang zudem der Schulchor.

Nach dem Gottesdienst am Heiligen Abend fand in den guten Stuben der Dorfbewohner die Bescherung statt. Dazu wurden natürlich die farbigen „Brillant-Parafin-Pyramiden-Kerzen“, von denen das Dutzend immerhin 10 Sgr. kostete, angezündet. Hier ist zu bemerken, dass 1859 die Tanne oder Fichte als Weihnachtsbaum (z. B. geschmückt mit Baum-Konfekt für 8 Sgr./Pfd.) zwar schon bekannt war, sich aber noch nicht in vielen Wohnstuben durchgesetzt hatte. Vielmehr stand in der Wohnzimmerecke eine Weihnachtspyramide, aus vier Eckhölzern, einem Mittelholz und zwei oder drei drehbaren Scheiben versehen, die kleine Figuren, Tiere und andere Gegenstände trugen. Die Kerzenwärme brachte dann durch ein Flügelrad die beweglichen Teile der Pyramide zum Drehen. Auch in heutiger Zeit werden ja wieder derartige Pyramiden gern aufgestellt. Damals hing vielleicht noch eine Weihnachtskrone in einer Tegeler Bauernstube. Caroline von Humboldt schrieb hierzu in ihrem Weihnachtsbrief von 1815:

Mein Weihnachten wird diesmal ungemein brillant werden, die Krone wird, seitdem sie im Salon hängt, hier zum ersten Mal angesteckt werden, und darunter der Tisch mit allen Geschenken.
Zum Heiligen Abend gehörte auch in Tegel ein Weihnachtsmann, der von Haus zu Haus zog, die artigen Kinder (andere gab es sicher nicht) beschenkte und nicht als verkleideter Dorfbewohner erkannt wurde.

Leider muss nun aber auch berichtet werden, dass in dem Dorf mit dem 1. Weihnachtsfeiertag die ruhige und friedvolle Weihnachtszeit des Jahres 1859 endete. Warum dies so war, zeigt der folgende Teil dieses Beitrages auf.

Natürlich sollte am zweiten Weihnachtsfeiertag die festliche Stimmung weiter vorherrschen, aber auch die Unterhaltung nicht zu kurz kommen. Aus diesem Grunde hatte der Wirt des Alten Dorfkrugs in „Tegel 3“ (gegenüber der Dorfkirche gelegen), C. F. Marzahn, Vorbereitungen getroffen. So hatte er für den 26.12.1859 eine Tanzkapelle verpflichtet und genügend „auf dem Kerbholz“. Letztgenannte Redewendung, heute mit negativer Bedeutung versehen, hatte damals einen ganz anderen Sinn. Die Bierkutscher benutzten seinerzeit nämlich zur Abrechnung mit den Gastwirten Kerbhölzer, die an der Kutschenseite in Ledertaschen steckten. Die Zahl der gelieferten und abgenommenen Bierfässer wurde durch Einschnitte (Kerben) auf den Hölzern kenntlich gemacht. Der Kunde, also der Gastwirt, besaß ein dazu passendes Holzstück mit identischen Einkerbungen. Mit „Dinte“ (Tinte) geschwärzte Kerben waren der Nachweis für die Bezahlung der Getränkefässer. Die Kerbhölzer wurden selbst vom Kammergericht in einem Prozess als Beweismittel anerkannt.

Alter Dorfkrug

Alter Dorfkrug 1917

Doch zurück zu Marzahn. Er hatte also genügend Getränke für den zweiten Weihnachtsfeiertag vorrätig. Im Krug vergnügten sich Dorfbewohner, aber auch  fünf Soldaten eines hiesigen Regiments beim Tanz, bis ein Streit entstand. Die jungen Bauernsöhne „erachteten es nicht für eine Ehre“, dass ihnen die Soldaten fortgesetzt auf die Füße traten. Es gab Schimpfreden, bis ein Müllergeselle, „um seine beleidigten Zehe zu rächen“, ausholen wollte. Sein Gegenüber war aber mit seinem Säbel schneller und versetzte ihm einen Hieb über das Gesicht. Der Schlag, so ein Zeitungsbericht, „spaltete den Schädel fast in zwei Teile“. Nun ergriffen insbesondere sieben starke Tegeler Bauernsöhne Schemelbeine, Tischfüße und „andere Holzinstrumente“, mit denen sie den Soldaten ihre Waffen abnehmen und sie vor die Tür drängen konnten. Ein Soldat war so klug, ganz zu verschwinden. Nun erschien ein herbeigerufener Schutzmann, übernahm die Säbel und machte sich auf den Nachhauseweg. Doch er wurde von den nun vier Soldaten angegriffen und zog sich deshalb wieder zum Dorfkrug zurück. Hier wurde ihm natürlich „namhafte Hülfe“ gewährt. Die abgenommenen Waffen wurden dem Kommandeur ausgehändigt. Über die verhängten Strafen – sie fielen sicher drastisch aus –  ist nichts überliefert.

Damit endet unsere Schilderung über die Tegeler Weihnachtszeit des Jahres 1859. Sie zeigt, dass es auch damals nicht nur eine „gute alte Zeit“ gab, wie es in Rückblicken gelegentlich gern formuliert wird.

Gerhard Völzmann

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