Im Herbst 1983 fanden sich etwa 25 Tegeler Einwohner und Einwohnerinnen unter dem Dach der Volkshochschule zusammen, um sich in Kursen dem Thema „Bürger erforschen ihren Ortsteil“ zu widmen. Nach vier Jahren präsentierten sie in einer Ausstellung sowie einem Ausstellungskatalog die Ergebnisse ihrer Recherchen zur Geschichte Tegels, während zeitgleich Berlin eine 750-Jahr-Feier beging. Ein Teilnehmer des „Ortsgeschichtlichen Arbeitskreises Tegel“ war Kurt Kersten. Er verfasste 1985 einen Artikel über die einstige Verkehrslage in Tegel, der hier nachfolgend ohne jegliche Änderungen zu lesen ist. Es wurde lediglich eine Abbildung hinzugefügt.

Fischers Restaurant „Lindengarten“ in der Berliner Straße

Seit alters her führte die Poststraße nach Neuruppin und Hamburg von Berlin aus am Dorf Tegel vorbei. Der damals „Neue Krug“, heute „Alter Fritz“, war genauso eine Ausspanne, wie wir sie zum Beispiel im Osthavelland in Ziegenkrug im Krämer fanden. Die Post benutzte die gleiche Ausfallstraße, wie wir sie eigentlich noch heute kennen. Von Berlin ging die Provinzialstraße durch die Scharnweberstraße, Seidelstraße, bis sie am Feldwebelhäuschen am Schießplatz Tegel, heute Flughafen Tegel, die Gemarkung Tegel erreichte.
Die Zeit der Postkutschen ist lange vorbei. Die Pferdebahn nach Tegel gehört der Vergangenheit an. Das Auto hat aber in den 1920er-Jahren die Pferdefuhrwerke noch nicht vollends verdrängt. Ich erinnere mich an die Situation damals, also vor 50 – 60 Jahren. Die Elektrische, wie damals die Straßenbahn genannt wurde, verbindet die Stadt Berlin mit der Vorstadt Tegel. Die Linien 25, 26, 27, 31, 41 und bis Tegelort bzw. Heiligensee 28 und 128 waren neben der S-Bahn für die Tegeler die Verbindung zur Stadt. Von dort bis zur Seestraße wurde in aller Regel die U-Bahn benutzt. Dann dauerte es noch etwa 20 Minuten, um mit der Straßenbahn die Gemarkung von Tegel zu erreichen. Hatte man erst Reinickendorf-West im Rücken, so sah man über die Siedlung Gartenfreunde hinweg die Silhouette des Gaswerkes mit den zwei riesigen Gasbehältern zur Rechten und links die strengen Bauten des Gefängnisses, von zwei Türmen der Gefängniskirche gekrönt. Für Schaffner mit echt Berliner Herz begann oft eine typische Ansage. „Heilanstalt aus hölzernen Löffel“ war identisch mit Gefängnis Tegel. Der nächste Halt wurde mit „Stinkfabrik“ als Gaswerk-typisch angekündigt. Zwei weitere Stationenund der Ausruf „Knochenmühle“ repräsentierte das Borsigwerk.
Nun nur noch zwei Stationen und die Bahnen nach Tegel hatten beim Restaurant „Rasum“, heute „Leiser-Haus“, ihre Endstation erreicht und quietschten in die Hauptstraße, heute Alt-Tegel, hinein. Die genannten Linien waren nicht nur die tägliche, lebenswichtige Verbindung der Tegeler mit der Reichshauptstadt, nein, sie waren auch zum Wochenende die hauptsächliche Verbindung vieler tausender Berliner, um in Tegel neue Kräfte für die oft harte Arbeitswoche zu tanken. In Tegel konnten die Familien Kaffee kochen.
Es ist noch früh am Morgen. Ich stehe an der südlichen Grenze der Gemarkung Tegel und wundere mich über die vielen „Heuwagen“, die in Richtung Berlin fahren. Bald erfahre ich, dass nicht Heu, sondern Kacheln der eigentliche Grund der Transporte sind. Nur 17 km von Tegel entfernt liegt Velten/Mark. Dieser Ort ist als die Heimat des Kachelofens in die Geschichte eingegangen. Von dort fahren die Leiterwagen in der Nacht nach Berlin los, um morgens ihre Fracht zu entladen und gleich anschließend gemächlich die Rückfahrt anzutreten. Jeder Kutscher, jedes Gespann hatte irgendwo eine Raststätte.
Ich erinnere mich, viele Fuhrwerke, die mittags am kleinen „Starkasten“, heute U-Bahnhof Holzhauser Straße, oder am „Lindengarten“, gegenüber Egellsstaße bei Fischer, heute Berliner Straße 65 Ecke Wittestraße, Halt machten. Eine Erfrischung für den Kutscher und einen Beutel Hafer für die lieben Pferde gaben die Kraft für die Heimfahrt. Die Pferde kannten ihren Halt und fanden ihren Weg. Oft übermannte die Müdigkeit die Kutscher und ließ sie selig schlummern. Die Pferde hielten vor ihrem Halt an und die Kutscher wachten auf.
Früh vor Geschäftsöffnung trabten vom Großmarkt aus Berlin kommend die Fleischer und Gemüsehändler, damals Grünkramhändler, mit leichten Kutschwagen Richtung Tegel.
Auf den Straßenbahnschienen konnten die Wagen glatt dahinrollen und kamen auf größere Geschwindigkeiten, als es sonst auf dem Kopfsteinpflaster möglich war. Zur selben Stunde rollten erst Pferdewagen, etwas später Elektroautos von Bolle nach Tegel. Frische Milch, Sahne etc. wurde von den „Bimmel-Bolle-Jungens“ ausgerufen. Der Bolle-Junge saß mit dem Kutscher bzw. Fahrer vorn auf dem Bock. Als Schuljungens versuchten wir die hinteren Plätze zu ergattern. Speziell am Mittag bei der Heimfahrt gelang es oft, bei Bolle mitzufahren. Erwähnt sei hier noch, dass die Regel eingehalten wurde, dass die Jungen mit dem weitesten Schulweg den Vorzug vor allen anderen genossen.
Pferdefuhrwerke aus dem Osthavelland, Vehlefanz, Marwitz und Kremmen erreichten Tegel von Norden her, um die Bewohner mit frischem Landbrot oder im Herbst auch mit Einkellerungskartoffeln zu versorgen. Zu all diesen vielen Wagen gesellten sich mehr und mehr Autos und Motorräder.
Erwähnenswert soll bei diesem Rückblick noch der jeweilige Himmelfahrtstag, Vatertag, betrachtet werden. Ganze Wagenkolonnen von Kremsern brachten die Väter zum Ziel ihrer Sehnsucht und abends zurück zum nicht immer fröhlichen Abschluss des Vatertages. Die öffentlichen Verkehrsmittel der BVG beförderten damals den Fahrgast von zum Beispiel „Alter Fritz“ bis zum Gaswerk oder von Tegel, Endstation, bis zum Eichborndamm für ganze 10 Pfennige.

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