Wer war Florentine Gebhardt? – Teil 2

Als am 28.12. 2009 die ersten Schneeflocken fielen  und Berlin ab 30.12. unter einer geschlossenen Schneedecke lag, ahnte wohl keiner, dass in den folgenden gut sieben Wochen ein strenger Winter mit viel Schnee und zum Teil tiefen zweistelligen Minusgraden herrschen würde. So ähnlich war auch der Winter 1896/97, als Florentine Gebhardt in den ersten Januartagen ihrer Einzug in die künftige Heimat Tegel nahm, um die neue Stelle als Lehrerin an der Volksschule anzutreten.

Als harten, strengen Gesell bezeichnete sie den Winter. Hoch wie eine Mauer türmte sich der Schnee an den Seiten der 1893 eingeweihten Kremmener Bahn, die damals noch ihren Ausgangpunkt am Nordbahnhof hatte. Vom Zentrum Berlins aus war er mit einem Omnibus zu erreichen. Gebhardt fuhr indes mit der Pferdestraßenbahn nach Tegel, die sich zuweilen mit vier Rossen durch die Schneemassen durcharbeiten musste. Die Fenster der Straßenbahn waren bin oben hin zugefroren, so dass von der Umgebung nichts zu sehen war. Endlich in Tegel angekommen, schritt Gebhardt von der Hauptstr. (später Alt-Tegel) auf kürzestem Wege zur Schlieperstr. Die Straßen waren nur lückenhaft bebaut. Die Abkürzung war ebenso vereist wie die eigentlichen Wege. Die Giebelwohnung, die sie erwartete, war bitter kalt. Sie gehörte zuvor ihrem Kollegen, dem Schwiegersohn des Amtsvorstehers, der ihr ja, wie bereits berichtet, die Tegeler Lehrerstelle vermittelt hatte. Er war ausgezogen, nachdem er geheiratet hatte.

In der Folgezeit machte sich Florentine Gebhardt die Nähe Berlins zu nutze. Doch erst in den Märztagen, als die gefrorenen Scheiben der Pferdebahn etwas tauten, sah sie, dass sich an der Bahnstrecke Kiefernwälder entlang zogen. Ostwärts über den Baumwipfeln lugte der Turm der Russischen Kirche hervor, während westwärts in der Ferne die Essen des Berliner Wasserwerks zu sehen waren. Ganz dicht an der Straße entstanden gerade die Bauten des künftigen Borsigwerkes.

Knapp 3000 Einwohner hatte Tegel zu dieser Zeit. Zwischen Egellsstr. und Veitstr. klaffte eine große Lücke. Zu den vorhandenen alten Fabriken gehörte die Kruppsche Germaniawerft. Vereinzelt waren Häuser vorhanden, auch ein paar Villen. In der Veitstr. stand das kleine Amtsgebäude der Gemeinde sowie an der Südseite die Häusergruppe Ecke Schöneberger Str. (Medebacher Weg).

Gebhardt AdressenZwischenzeitlich sah sich Florentine Gebhardt nach einer größeren, familiengerechten Wohnung um, die sie im Mai 1897 in der Schloßstr. 29/30 fand. Nun konnten auch ihre Mutter sowie ihre Schwester nach Tegel übersiedeln. Letztere bereitete sie zusammen mit anderen Examensschülerinnen zur Handarbeitsprüfung vor. Die Schwester besuchte zudem Haushaltskurse und dann die Kunstschule, um das Zeichenexamen zu absolvieren. Übrigens wohnte in der Schloßstr. 29/30 auch der bekannte Marinemaler Willy Stöwer, der 1900 ein Haus weiter zur Schloßstr. 31 zog.
Als der Frühling eingezogen war, unternahmen die Gebhardt-Geschwister in der näheren Umgebung Ausflüge. So liefen sie entlang des Fließes und der Malche wie auch unter herrlichen alten Buchen. Flugs war ein Blumenstrauß aus Veilchen, Schattenblumen und Maililien gesammelt, der der Mutter überreicht wurde. Mit den reichen Blumenschätzen der Natur fühlten sich die Geschwister in Tegel wie zu Hause.

Weitere, oft stundenlange Sonntagsausflüge folgten, teils zusammen mit den Familien der Arbeitskollegen.  Wo später das Gaswerk der Stadt Berlin errichtet wurde, am Rande der Schießstände des Tegeler Schießplatzes, waren in den Kiefernwäldern die Pflänzchen Wintergrün in vier Arten zu finden. Orchideen wuchsen in den Eichenschonungen am Tegelorter Weg und die blaue Küchenschelle im Wald nach Schulzendorf.

Als besonders reizvoll wurde Florentine Gebhardt das Dorf Heiligensee beschrieben. Also ging es zusammen mit der Schwester an einem Julitag – es waren Ferien – dorthin. Zunächst folgten beide einem Pflasterweg, der ihnen endlos lang erschien. Etwa dort, wo sich später das Restaurant „Rotkäppchen“ befand, blickten die beiden jungen Frauen etwas rat- und mutlos in Richtung der sich ihnen nun öffnenden sandigen Straße vorwärts. Plötzlich trat rechts ein Mann aus dem Gebüsch heraus. Mit Schuhen an einem Hakenstock über der Schulter, einem struppigen Graubart und einem staubbedeckten, etwas schäbigen Anzug sah er wie ein Vagabund aus. Nur die Brille mit goldener Fassung schien nicht zu ihm zu passen.

Der Unbekannte gab den Gebhardts die gewünschte Richtungsauskunft, so dass sie ihr Ziel erreichten. Von Heiligensee aus fuhren sie dann mit dem kleinen Motorboot „Ländler“ nach Tegel zurück. Die kleine Nussschale ratterte arg und roch stark nach Petroleum, brachte aber die beiden müden Wanderinnen zum Ausgangspunkt zurück.

Erst später erfuhr Florentine Gebhardt, wer ihnen beiden am Waldrand Auskunft gegeben hatte. Es war der Chemiker Professor Jacobsen, ein Freund Heinrich Seidels. Dieser hatte in seinem Roman „Leberecht Hühnchen“ Jacobsen als Tegeler Original „Dr. Havelmüller“ verewigt.

Wenn Florentine Gebhardt in späteren Jahren und Jahrzehnten durch die Tegeler Wälder streifte, mit Pflanzen, Pilzen und Beeren beladen und dabei auch nicht gerade elegant bekleidet, mögen andere Wanderer über die Frau gelächelt haben, ganz so, wie es ihr einst bei der Begegnung mit „Dr. Havelmüller“ erging. Der Wald aber hatte sich derweil gelichtet, manche Pflanzenart war verschwunden.

Soweit  der Rückblick von Florentine Gebhardt, wie sie ihn in einem Zeitungsartikel im Januar 1928 festhielt. Den Beitrag „Ein ehemaliges Gelehrtenheim“ verfasste sie hingegen für das Buch „Die Provinz Brandenburg in Wort und Bild“, das 1900 herausgegeben wurde. Einschließlich zweier Fotos von der Grabstätte der Familien von Humboldt und von Bülow in Tegel und dem Schloss Tegel wird hier auf knapp 5 Seiten die Geschichte des Ortes beschrieben. Sie erzählt, dass ein Quitzow mit seinen Scharen an der Tegeler Wassermühle „ernstlich aufs Haupt geschlagen wurde“. Sie hielt das kleine Fischerdorf Tegel, still, abgelegen und unbekannt in der großen Welt, als ein rechtes Asyl für weltflüchtende Gelehrte oder träumerische Poeten. Nichts störte die Stille als das Blöken der Schafe und Rinder, das Schnattern der Enten und Gänse und zu Zeiten der gleichmäßige Takt des Dreschflegels von den Strohscheunen her.

Grab HumboldtTegels Stolz und Ruf, so Gebhardt, knüpft sich an den Namen zweier Männer, deren Heimat das Schlösschen war, nämlich an Wilhelm von Humboldt, den Staatsmann, und an Alexander von Humboldt, den Forscher. Beide ruhen inmitten des Schlossparks, die würdig-einfache Grabstätte von eine schlanken Marmorsäule überragt, die auf dem Kapitel eine weibliche Idealgestalt trägt, die die Hoffnung versinnbildlicht.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand in Tegel eine erste Fabrik, die Kesselschmiede von Egells. Später, nach 1870, erhoben sich einzelne Villen vermögender Berliner. Ländliche Stille und gesunde Luft ließ sie hier die Sommermonate verbringen. Eine beliebte Sommerfrische wurde Tegel, als (1881) die Pferdeeisenbahn den Verkehr von und nach Berlin erleichterte. Doch ein Riesenarm streckte sich gierig gen Norden. „Bald wird statt der Pferdekraft der elektrische Funke in kurzer Zeit die räumlichen Hemmnisse überwinden“, schrieb Gebhardt Ende 1899. Schon ragte der gewaltige Schornstein der neuen Borsigwerke in die Höhe, beständig von einer dicken schwarzen Rauchwolke umschwebt, vermischt mit weißen Wölkchen der niedrigeren Schlote. Das Dröhnen, Hämmern und Klirren des geschlagenen Metalls übertönte noch die Geräusche der ehemaligen Egellsschen Fabrik, die nun (1900) Krupp besaß.

Häuschen Kirchplatz

„Altes Häuschen am Kirchplatz“ – Federzeichnung W. Zadow

Der Wald zwischen Berlin und Tegel war gefällt oder zumindest für die Axt bestimmt. Noch vor dem Borsigwerk lag das neue Strafgefängnis, auch hier war zuvor Wald. Wo vor wenigen Jahren Felder mit „goldig wogenden“ Saaten zu sehen waren, entstanden Bauplätze, auf denen „in märchenhaft kurzer Zeit“ moderne fünfstöckige Mietskasernen mit prahlenden Läden im Erdgeschoss emporwuchsen. Aus dem Wald jenseits der Bahnlinie lugte nun kastellartig der neue Wasserturm der Gemeinde Tegel hervor. Nur der Platz um die kleine Kirche mit den einstöckigen schmucken Häuschen mahnte noch an das Tegel von ehedem. Noch waren ein paar strohgedeckte Lehmscheunen mit hölzernen Pferdeköpfen über dem Giebel zu sehen. Hingegen war das Kaiser-Wilhelm-Denkmal vor der Kirche bereits ein Werk der neuesten Zeit (1897).

Moderner Unternehmungsgeist hatte sich bereits in das „geheiligte Gebiet des Schlossparks“ gewagt. Anlagen zu einem Villenviertel entstanden. Eine erste Villa stand schon unter Dach, andere sollten folgen. Gebhardt befürchtete, dass der idyllische Friede des Schlossparks auch während der Wochentage dahin wäre.

Tausende „geputzter“ Berliner fuhren sonntags mit Pferdebahnen, Vorortzügen, Kremsern und Droschken „ins Jrüne“, zogen lachend und schwatzend durch den Humboldtpark, kamen an der „Dicken Marie“ und dem Forsthaus Tegelsee vorbei, um nach 1 ½ Stunden die Kolonie Tegelort zu erreichen. Von hier aus erreichten sie per Boot oder Dampfer Valentinswerder oder das aus Restaurants bestehende Saatwinkel.

An schönen Tagen erreichte der Fremdenverkehr nach Tegel, Schulzendorf und Heiligensee gar 15000 bis 20000 Menschen, die zahlreichen Radler nicht einmal mitgezählt. Abends setzte dann ein schon fast harter Kampf um ein Mitkommen in den Verkehrsmitteln ein.

Im Hinblick auf ein Schwinden des „Idylls“ hoffte Florentine Gebhardt, dass „die Königlichen Forsten nach der Havel zu und nordwärts vor der Axt und der eindringenden Industrie, die überall hin ihre Fabriken baut, vorläufig noch gesichert seien“. Zum Ende ihres Beitrages hin stellte die Schriftstellerin die Frage: Wenn ein Jahrzehnt vergangen sein wird – ob dann das Tegel von heute, das ja auch gegen das vor zehn Jahren ein gewaltig verändertes Bild zeigt, noch zu erkennen sein wird?

Heute wird wohl jede Leserin, jeder Leser dieser Zeilen mit einem Abstand von über 100 Jahren seit Erstellung der Aufzeichnungen durch Florentine Gebhardt zu der Feststellung kommen, dass sich sehr viel verändert hat. Es sei nur erinnert, dass die Städt. Gasanstalt, einst größtes Werk in Europa, nicht mehr vorhanden ist (1953). Die Straßenbahn wurde durch die U-Bahn ersetzt (1958). Die Humboldtmühle dient nicht mehr der Getreideverarbeitung (1988). Tegel verfügt über einen Flughafen (1948 bzw. 1974), der aber auch in einer 2014 noch nicht genau absehbarer Zeit der Geschichte angehören wird. Eine Autobahn wurde erbaut (1987), und, und …
Florentine Gebhardt hätte Mühe, sich im Tegel der heutigen Zeit zurecht zu finden.

Gerhard Völzmann
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Quellennachweis:
Geschichte des ehem. Bisthums Lebus. 1829
Acta betr. die Anstellung des Fräuleins Florentine Gebhardt. 1895
Die Provinz Brandenburg in Wort und Bild. 1900, Nachdruck 1998
Tegel-Hermsdorfer Zeitung v. 27. und 28.1.1928

Dank der Stadt Hann. Münden – Stadtarchiv – für freundlich zur Verfügung gestellte Aktenauszüge.

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