Willy Stöwer, Marinemaler aus Leidenschaft

StöwerAuf Flohmärkten, in Trödelläden und Antiquitätengeschäften wie in Antiquariaten entdeckt man gelegentlich Händler, die sich auf den Verkauf von mehr oder weniger alten Drucken spezialisiert haben. Hier warten – meist gut sortiert und bereits mit Passepartout versehene – Stahl- und Kupferstiche sowie Holzschnitte, seien es Landkarten, Stadtpläne oder Dorfszenen, Tierbilder, technische Darstellungen oder unzählige andere Motive auf den Erwerb durch Sammler. Wer bei den Marine-Motiven bewusst darauf achtet, aus welcher Künstlerhand sie stammen, der wird gar nicht so selten auf den Namen Willy Stöwer stoßen.

Anlässlich seines 65. Geburtstages als „Senior der deutschen Marinemaler“ bezeichnet, lebte und arbeitete Willy Stöwer viele Jahrzehnte in Tegel.

Er war allerdings kein gebürtiger Tegeler. Vielmehr erblickte er im mecklenburgischen Wolgast am 22.5.1864 das Licht der Welt. Berufliche Gründe waren es, die ihn in den achtziger Jahren nach Tegel zogen. Auf der Germaniawerft, volkstümlich „Eisenhammer“ genannt, arbeitete Stöwer als technischer Zeichner. Im Laufe der Jahre entwickelten sich künstlerische Talente, die ihn veranlassten, Bilder mit maritimen Motiven im nahen Berlin auszustellen. Hohe Seeoffiziere interessierten sich für seine Bilder, ja selbst Kaiser Wilhelm II. wurde auf ihn aufmerksam. Viele Flottenkalender, Zeitungen und Kunstzeitschriften druckten seine Werke ab. Öfter zeichnete er für die „Gartenlaube“. Hier verewigte er u. a. den Landbriefträger Lucke, ein Tegeler Original. Lucke kürzte sich im Winter, wenn der Tegeler See dick mit Eis überzogen war, den Weg nach Tegelort mit einem „Pikenschlitten“ ab. Der auf dem Schlitten sitzende Lucke mit seinem Gepäck – hierzu gehörte auch schon mal ein umgehängtes Kaninchen – war für Stöwer 1889 ein herrliches Motiv.

Holzstich

Tegel und Umgebung nannte Stöwer diesen 1889 entstandenen Holzstich.

Aus demselben Jahr datiert ein Tegel-Bild, das gleich sechs Motive des einstigen Dorfes wiedergibt (siehe Abbildung). Auch Tegeler Ansichtskarten aus der Zeit vor 1900 tragen den Namen von Willy Stöwer. Es wundert nicht, dass der Maler als erster eine Segelyacht auf dem Tegeler See besaß. Von dort aus konnte er die Naturschönheiten am besten beobachten und im Bild festhalten.

Vor 1914 begleitete Willy Stöwer Kaiser Wilhelm II. auf dessen Seereisen zu den Nordländern, nach Korfu und Marokko. Als Zeitdokument wurde sein auf Leinwand gemaltes Bild „Die Yacht ´Meteor´ unterbricht nach eintreffen der Nachricht aus Sarajewo die Regatta in Kiel am 28.6.1914“ angesehen. Zusammen mit Reinhard Scheer, aus der Schlacht am Skagerrak bekannt, gab er ein Buch mit dem Titel „Die deutsche Flotte im Weltkriege“ heraus.

Grabstein

Der Grabstein auf dem Friedhof der Jerusalemgemeinde in Kreuzberg erinnert an den Marinemaler.

Trotz seiner Reisen blieb Stöwer – zwischenzeitlich zum Professor berufen – stets seiner Wahlheimat Tegel treu. Während er zunächst in der Schloßstr. 29, dann im Nebenhaus Nr. 31 Ecke Hauptstr. (Alt-Tegel) und damit im Brennpunkt Tegels wohnte, zog er 1914 in den Schlossbezirk (Gabrielenstr. 8). Das schlicht eingerichtete Haus mit seinem freundlichen Atelier trug dazu bei, dass sich Stöwer hier wohl fühlte. In seinem Empfangszimmer fiel der Blick des Besuchers sofort auf ein Werk, das der Künstler natürlich selbst geschaffen hatte: Eine Bake schaukelte an gebirgiger Mittelmeerküste, während ein Unwetter aufzog und die letzten Sonnenstrahlen vom Wasser verdrängte.

Villa Stöwer

Die Villa Stöwer in der Gabrielenstr. 68. Foto 2006.

Als Stöwer am 22.5.1929 seinen 65. Geburtstag feierte, war er dabei, seine Lebens- und Reiseerinnerungen aufzuschreiben. Er starb bereits am 31.5.1931 im Alter von nur 67 Jahren und fand auf dem Kirchhof III der Jerusalemgemeinde in Kreuzberg seine letzte Ruhestätte. Seine Bilder, die z. B. die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger als Reproduktionen noch heute gern in Ausstellungen zeigt, halten die Erinnerung an ihn wach.

 

Gerhard Völzmann

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