Worüber im 19.Jahrhundert in Tegel auch gesprochen wurde

Es ist nicht der verheerende Brand von 1835, es sind nicht andere große Themen, über die hier berichtet werden soll. Vielmehr sind es zumeist unspektakuläre Begebenheiten, die sich im Dorf oder in der Umgebung von Tegel zutrugen. Über sie wurde vermutlich im Alten Dorfkrug oder bei der Feldarbeit gesprochen. Auch bei den gelegentlichen Fahrten nach Berlin wurden Neuigkeiten erfahren und weiter erzählt. Hier einige Beispiele aus dem vorletzten Jahrhundert, was in Tegel geschah und sicher für Gesprächsstoff sorgte.

Das zweite Garde-Regiment zu Fuß rückte im Januar 1857 aus seinen „Kasernements“ zu einer Marschübung bis in die Gegend von Tegel aus und kehrte nachmittags wieder dorthin zurück.

Mit sechs Wochen Gefängnis wurde im August 1857 der Arbeitsbursche Johann Friedrich Zapf wegen Unterschlagung bestraft. Er sollte für einen Betrag von 1 Taler 17 ½ Silbergroschen Mehl aus der Tegeler Mühle holen. Doch mit dem sogenannten Zweischeffelsack ergriff dieser die Flucht, verbrauchte das Geld für sich und brachte den Sack bei Seite. Vor Gericht behauptete Zapf, auf dem Weg nach Tegel in der Pankower Heide geschlafen zu haben, während ihm der Mehlsack und das Geld gestohlen wurden. Das Gericht glaubte ihm nicht.

1859 verstarb bekanntlich Alexander Freiherr von Humboldt. Das von dem Naturforscher und Ehrenbürger Berlins hinterlassene Inventar ging in den Besitz seines Dieners Seyffert über. Hierzu gehörte auch ein kostbarer Zobelpelz, welchen Humboldt vom Kaiser von Russland als Geschenk im Wert von 3000 Rubel erhalten hatte. Seyffert wollte den Pelz für 1000 Taler verkaufen, doch Pelzhändler boten nur bis zu 800 Taler. „Wohlhabenden Verehrern Humboldts bietet sich Gelegenheit zum Erwerb einer interessanten Reliquie, denn Humboldt hatte den Pelz häufig getragen“, hieß es im November 1871.

Auf dem Weg von Schulzendorf über Tegel in Richtung Berlin haben der Ehemann Melzer und seine Frau aus Pangeritz ihr einziges Kind getötet. Die Eheleute behaupteten, das Kind sei verstorben. Sie verscharrten es auf dem Artillerieschießplatz im Sand. Die zunächst steckbrieflich Gesuchten wurden im August 1864 gefasst und in Haft genommen.

Die Spekulation mit Papieren wurde nach und nach auch auf dem Land heimisch. Bis Ende 1870 wurden im Dörfchen Tegel mit seinen kaum 200 Einwohnern für 21000 Taler „Rumänier“ (rumänische Aktien) angemeldet. Zu dieser Zeit wurden die meisten (insbesondere Brauerei-) Aktien in kleinen Städten und in Dörfern abgesetzt. Die Berliner waren in dieser Hinsicht zurückhaltender.

Der Kaufmann und Mühlenbesitzer Kemnitz zu Schloss Tegel fuhr im März 1873 nachts in seiner Equipage in der Müllerstraße in Richtung Tegel, als er bemerkte, dass ein Mann auf den Wagen kletterte. Er forderte ihn mehrfach auf, den Wagen zu verlassen. Als dieser nicht reagierte, gab Kemnitz mit seinem Revolver einen Schuss ab, mit dem er den Oberarm des Unbekannten traf. Der Verletzte war ein Kanonier der Versuchskompanie. So jedenfalls die Schilderung des Kemnitz, während der Soldat angab, dass vom Wagen aus ohne Grund auf ihn geschossen wurde, als er sich Höhe Schulstraße auf dem Rückweg zu seinem Quartier in Tegel befand.

Schauplatz eines groben Exzesses war das Dorf Tegel im Mai 1875. Mit Hilfe des Amtsdieners verhaftete Tegels Gendarm im Mönch´schen Gasthaus zwei Skandalmacher, während die Genossen des Verhafteten auf Schlimmste die Beamten bedrängten und sogar in die Wohnung des Amtsvorstehers eindringen wollten. Als die Arrestanten im Amtsbüro untergebracht waren, erfolgte ein Stein-Bombardement gegen die Fensterläden des Hauses. Erst der Einsatz der Seitengewehre der Beamten schaffte Ruhe. Am Folgetag wurden sieben Rädelsführer verhaftet.

Im Juli 1876 veröffentlichte das Amtsblatt, dass in Tegel bei Berlin eine Apotheke angelegt werden soll. Am 20.10.1876 wurde die Konzession erteilt. Es folgte die Eröffnung der Adler-Apotheke in der Schloßstraße 11.

Im Jahre 1876 wurden im Amtsbezirk Tegel, insbesondere in der Jungfernheide, 19 Selbstmörder und Selbstmörderinnen aufgefunden, von denen 10 der Person nach ermittelt werden konnten. 9 Menschen mussten unbekannt beerdigt werden.

Im Interesse einer besseren Postverbindung der nächsten Ortschaften mit Berlin wurde zum 1.10.1882 ein besonderer Dienst mit einspännigen Kariolposten eingerichtet. Sieben Kariolposten-Reviere wurden geschaffen. Das vierte Revier umfasste die Tour von Charlottenburg über Moabit, Stadtpostamt Nr. 39, Gesundbrunnen, Pankow, Reinickendorf, Dalldorf, Tegel, Tegeler Landstraße, Plötzensee, „Martinsfeld“. Sie endete wieder in Charlottenburg.

Im Januar 1889 kam es zu einem Oleum-Attentat in Tegel. Als der Ingenieur St. seine Wohnung verließ, schüttete ihm eine „Frauensperson“ ein Gefäß mit Oleum über den Kopf. Die breite Krempe seines Hutes schützte den Überfallenen vor schweren Verletzungen, insbesondere der Augen. Nur der untere Teil des Gesichts erhielt Verbrennungen. Die Attentäterin war die verlassene Geliebte des Ingenieurs.

In eine fatale Situation gerieten im Mai 1890 zwei Berliner Damen, die in der Sommerfrische von Tegel in aller Frühe ein Bad im Tegeler See nahmen. An einem stillen Plätzchen im Tegeler Wald legten sie ihre Kleidung ab und gingen ins Wasser. Als sie in den Wald zurückkehrten, waren bis auf die Morgenschuhe alle Kleidungsstücke verschwunden. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als wieder in das Wasser zu gehen und einen vorbeifahrenden Schiffer um Hilfe zu bitten. Dieser holte andere Kleidungsstücke aus den Wohnungen der Damen.

Vor dem Schöffengericht des Landgerichts II mussten sich im Februar 1895 acht 12 – 14-jährige Schuljungen aus Tegel wegen Störung des Gottesdienstes verantworten. Die Kinder hatten in der Kirche gelacht, laut gesprochen, sich gestoßen, einander Prosit zugerufen usw. Der Amtsanwalt wollte die Rüpelei mit Gefängnis geahndet wissen, doch durch Fürsprache von Pastor Suttkus kamen die Jungen mit einem Verweis davon.

Im Dezember 1897 kam es auf dem Neubau der Borsig´schen Fabrik zu einem schrecklichen Unfall. Der Schornsteinbauer Franke, 27 Jahre alt, errichtete einen Schornstein, der zu dieser Zeit alle in Berlin und Umgebung an Höhe übertraf. Der fast fertige Schornstein hatte außen einen Aufstieg für die Arbeiter und innen einen Aufzug für das Material. Franke wollte den Aufstieg vermeiden und benutzte trotz Verbot des Maschinisten den Aufzug. Doch der Polier, der mit der Aufzugbedienung nicht vertraut war, brachte den Aufzug oben nicht zum Halt. Franke sah die Gefahr, vom Räderwerk zermalmt zu werden. Er sprang in die Schachttiefe und verletzte sich tödlich.

Gerhard Völzmann

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